CfP: Foto-Alben und der Erste Weltkrieg in Ost- und Südosteuropa (1912-1923). Medium – Erinnerung – Objekt
Workshop: Justus-Liebig-Universität Gießen: 19. bis 20. November 2026 – Deadline: 5. Oktober 2026
Etliche Fotoalben und -sammlungen aus den beiden Weltkriegen liegen allein in deutschen Archiven – häufig wenig inventarisiert oder unzureichend erschlossen. Die Zahl der Alben, die in privater Hand auf Dachböden, in Kellern, in Kisten vergessen liegen, lässt sich kaum schätzen. Wie viele Alben aus Unkenntnis, Desinteresse, Platzmangel oder aber Scham entsorgt wurden, wissen wir nicht.
Gleichzeitig werden Fotografien in den Geschichtswissenschaften als eigenständige Primärquellen noch immer kaum ernst genommen. Meist dienen sie als Illustration oder als Stütze dessen, was anhand von Textquellen bereits hinreichend belegt zu sein scheint. Dabei haben Forschungen wie die von Anton Holzer zum Ersten Weltkrieg und Petra Bopp zum Zweiten Weltkrieg den Wert von Fotografien sowohl für die Militär- wie auch Kultur- und Kunstgeschichte längst deutlich gemacht. So helfen gerade Fotografien und insbesondere private Alben dabei, den Alltag von Kämpfenden und Zivilist:innen zu rekonstruieren, geben Aufschluss über lokale Front-Verläufe, Verwüstungen, Umweltzerstörungen und Geschlechterbeziehungen. Sie beleuchten z.B. aber auch, wie sich Menschen an Kriege erinnerten, und geben Einblicke, warum Männer und Frauen zu Tätern wurden.
Gleichzeitig markiert der Erste Weltkrieg wiederum einen entscheidenden Umbruch in der Geschichte der Fotografie und der Bildproduktion. So produzierten und nutzten einerseits kriegsführende Staaten erstmals systematisch offizielles Propaganda- und Dokumentationsmaterial für ihre Kriegsziele, während sie gleichzeitig strenge Zensurmechanismen einführten. Andererseits ermöglichten erstmals tragbare, vergleichsweise günstige Kameras neben der offiziellen Kriegsberichterstattung die Erzeugung einer Masse an privaten Bildzeugnissen „von unten“, die sich häufig in privaten Fotoalben oder Sammlungen wieder fanden.
Gerade in Kombination mit Feldpostbriefen, Tagebüchern oder amtlichen Dokumenten lassen solche Fotosammlungen eine differenzierte Rekonstruktion des Kriegsgeschehens zu. Sie schließen Wissenslücken, bestätigen, ergänzen oder widerlegen etablierte (Meister-)Narrative. Sie tragen dazu bei, „vergessene“, marginalisierte und in der Forschung eher vernachlässigte Kriegsschauplätze in Ost- und Südosteuropa sichtbar(er) zu machen. Daher arbeiten wir in diesem Workshop mit einem breiten zeitlichen Verständnis des Ersten Weltkriegs, das sowohl die Balkan-Kriege als auch die unterschiedlichen Folgekriege im östlichen Mittelmeerraum wie auch in Osteuropa einschließt.
Dieser Workshop möchte daher private Kriegsfotoalben und Fotosammlungen des Ersten Weltkriegs in den Fokus stellen und sie als Quellen der Sozial-, Alltags-, und Erinnerungsgeschichte des Ersten Weltkriegs diskutieren. Geografisch liegt der Fokus hierbei auf Ost- und Südosteuropa. Mit einer solchen regionalen Eingrenzung tragen wir dem unausgewogenen Forschungsstand zum Ersten Weltkrieg Rechnung, der in zahlreichen Bereichen noch immer große Forschungslücken aufweist.
Mit diesem Workshop möchten wir daher zum einen eine Bestandsaufnahme zur Erforschung des Ersten Weltkriegs in Ost- und Südosteuropa durch Kriegsfotoalben- bzw. Fotosammlungen bisher wenig oder gar unbeachteter Quellenbestände sichtbar machen und Forschungspotenzial ausloten. Andererseits wollen wir einen Raum zum Austausch über Forschungsansätze, -methoden, -schwierigkeiten und -herausforderungen schaffen und damit zur Vernetzung zwischen Archivar:innen, Sammler:innen und (Visual) Historians im Bereich der Geschichte des Ersten Weltkriegs beitragen.
Folgende Fragestellungen treiben uns um, können aber beliebig erweitert und verändert werden:
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Wie tragen Kriegsfotoalben zur Erforschung des Ersten Weltkriegs in Ost- und Südosteuropa bei?
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Wie und an was erinnern sie, sinnstiften und erzählen den Krieg?
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Welche Bandbreite an regionalen und sozialen Erfahrungen lassen sich über die verschiedenen Fotoalben erkennen?
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Welche Rolle spielt Materialität und Gestaltung?
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Welches Archivgut ist im Bereich der Visual History vorhanden, das bisher noch nicht (vollständig) aufbereitet wurde, keine Beachtung erhalten hat und Informationspotenzial bieten kann?
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Welche Rolle spielen Sammlungskontexte und -geschichten in offiziellen, institutionellen und privaten Sammlungen und Archiven?
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Welche Rollen spielen Alben im intra-generationellen Erinnern?
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Welche Forschungsansätze und -methoden stehen uns zur Verfügung, und wo kommen diese an ihre Grenzen?
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Wie interpretieren wir das Gezeigte im Kontext mit anderen Materialien?
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Wie gehen wir mit Auslassungen und Leerstellen um?
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Wie verändert Digitalität und digitale Methoden den Umgang mit Alben bzw. fotografischen Sammlungen zum Ersten Weltkrieg?
Der Workshop ist als Präsenz-Veranstaltung für den 19.und 20. November 2026 angesetzt und findet an der Justus-Liebig-Universität Giessen in englischer Sprache statt. Angesprochen sind explizit nicht nur Historiker:innen und Archivar:innen im Bereich der Visual History sondern auch Forscher:nnen in benachbarten Disziplinen der Kulturwissenschaften, Ethnologie, Anthropologie, Kunstgeschichte etc.
Abstracts können bis zum 5. Oktober 2026 im Umfang von max. 400 Wörtern einschließlich einer Kurzvita an folgende E-Mail-Adresse geschickt werden: alexander.m.bonk@geschichte.uni-giessen.de.
Die Reise- und Übernachtungskosten werden übernommen. Bitte geben Sie bereits in Ihrer Bewerbung an, ob Sie Reiseunterstützung benötigen.
Die angenommenen Teilnehmer:innen werden bis zum 15. Oktober 2026 über die Auswahl sowie über Informationen zu Reise und Unterkunft informiert.
Ziel ist es, die Beiträge in einem Themenheft zu veröffentlichen.
Veranstalter: Nicole Immig und Alexander Bonk, Südosteuropäische Geschichte, Justus-Liebig-Universität Gießen; Christian Lotz, Herder-Institut für historische Ostmitteleuropaforschung, Marburg; Südosteuropa-Gesellschaft (SOEG); Giessener Zentrum Östliches Europa (GiZo)


