„Das Weite suchen“ – Eine Ausstellung in bildsprachlicher Stringenz

Ausstellungsplakat „Das Weite suchen. Fotografien der späten DDR und frühen 1990er Jahre“, Brandenburg Museum, unter Verwendung einer Fotografie von Merit Schambach „Marie, Ost-Berlin / Prenzlauer Berg, 1988“ ©
„Das Weite suchen“ ist ein genialer Titel, der die Sehnsucht nach Freiheit mit dem Grenzen überwindenden „Abhauen“ verknüpft – eine prägnante Zustandsbeschreibung des für viele Menschen komplizierten Prozesses der erträumten oder tatsächlichen Lebensumstellung vor und nach dem Point of no Return der DDR. Die unter diesen Vorzeichen erarbeitete Ausstellung ist nicht chronologisch aufgebaut, sie stellt vielmehr Fotografinnen und Fotografen, überwiegend mit DDR-Erfahrung, vor, die mit ihren Bildern bestimmte Lebensweisen im Zeitintervall zwischen Staatsbankrott und Übergangsmisere zu thematisieren versuchten.
Das alles spielte sich in der späten DDR und in den frühen 1990er Jahren in einem Territorium ab, dessen Staatslenkern (den alten wie den neuen) die Einheimischen ihre emotionale Gefolgschaft versagten. Viele Existenzen zerrannen. Die sich erst überstürzenden, dann langsam verkrustenden Verhältnisse des Übergangs produzierten Überschwang, techno-gestützte Euphorie, Misstrauen, schließlich scharfen Protest.
Das Beste an dieser Ausstellung ist, dass man an ihr die psychische und soziale Disposition mehrerer Generationen des Bildpersonals und einen allmählichen, facettenreichen Mentalitätswandel ablesen kann. Das Publikum sieht sich konfrontiert mit den fotografischen Erkundungen des Wendejahrzehnts zwischen 1983 und 1995, in das die Namen der Fotograf:innen, ihre Werke sowie prägnant formulierte Kurztexte in ein einfaches Stellwanddesign integriert werden.

Blick in die Ausstellung „Das Weite suchen“, Potsdam 27.11.2025, Foto: Adam Sevens ©
Die von Isabel Enzenbach und Anja Tack vom Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam (ZZF) konzipierte Schau ist deshalb sehenswert, weil sie das Talent der Kuratorinnen belegt, fotografische Positionen und entsprechende Werke punktgenau auszuwählen, Bilder in ihrem Wirkpotenzial zu erkennen und nicht gehirnakrobatische Verrenkungen zu vollführen, um lediglich diskurskonforme Projektionen zu illustrieren.
Gezeigt werden Zyklen, die im Spektrum journalistisch-dokumentarischer Fotografie liegen, keine Kunst mit Fotografie. Eine klare Entscheidung, die der Ausstellung bildsprachliche Stringenz verleiht.
Zu entdecken sind bekannte sowie unbekannte Bilder von namhaften Vertreter:innen der DDR-Fotografie, aber auch von einem Amateurfotografen, die bisher kaum das Licht einer breiteren Öffentlichkeit erblickten. Ruhige Bilder aus Zeiten großer gesellschaftlicher Unruhe. Die Liste der Beteiligten führt elf im Osten Geborene auf. Annette Hauschild ist die Einzige, die aus dem Westen stammt. Man hätte sich auch andere Namen vorstellen können. Aber in Bezug auf Konzept, Raumgröße und Budget ist die Auswahl der Kuratorinnen schlüssig und bietet überdies teilweise Ungesehenes. Unter allem tönt der leise, leicht resignativ anmutende Gesang einer ins Vergessen gleitenden Vorzeit.
Sensationen sind bei einem solchen Thema nicht zu erwarten. In einer nicht eben geringen Anzahl von Ausstellungen und Publikationen der vergangenen 35 Jahre wurden DDR-Absurditäten wie -Spezifika zum Teil oft genug mit kuratorischer Breitseite ausgeleuchtet und abgefeiert. Dass Enzenbach und Tack es vermochten, entschwundenen Wirklichkeiten von einer anderen Seite oder gänzlich neu zu begegnen, nötigt Respekt ab.
Da ist z.B. der früh verstorbene und zu Unrecht vergessene Christian Fenger, der als Werksfotograf im Eberswalder Walzwerk arbeitete und dort die ca. 90 mosambikanischen „Vertragsarbeiter“ betreute, die, wie viele andere Bürger aus Vietnam, Kuba und Angola, aber auch aus Polen und Ungarn, staatsoffiziell als ausländische Arbeitskräfte angeworben worden waren, um den Arbeitskräftemangel in der DDR zu beheben und die lahmende Wirtschaft zu stützen. Fenger begleitete mit seiner Kamera die Mosambikaner bis zu ihrer erzwungenen Ausreise Ende 1989 – ein kühler Erkunder des Gewesenen, unbestechlich im Blick auf die Gesichter der Vergeblichkeit.

Fotografie: Christian Fenger: Rückflug nach Mosambik, Flughafen Berlin-Schönefeld 1990 © Thomas Balzer/DOMiD e.V.

Blick in die Ausstellung „Das Weite suchen“: Fotografien von Christian Fenger ©, Potsdam 20.01.2026, Foto: Jonas Flöck ©
Kühne, knappe Bildstatements liefern darüber hinaus Peter Oehlmann (mit Spiegelungen nichtig gewordener Träume), Ute Mahler (in der Poesie scharfkantiger Kontrapunkte), Annette Hauschild (aus der Subkultur), Anselm Graubner (ebenfalls mit Blick auf „Vertragsarbeiter“), Joachim Richau (mit seinen subtilen Beobachtungen des Landlebens), Merit Schambach (mit szenemäßigen Darstellungen des Prenzlauer-Berg-Milieus), Christiane Eisler (mit Sozio-Porträts von Jugendlichen) und Jürgen Matschie (aus den Verheerungen des Braunkohletagebaus).
Mit Verständnis für die inneren Zusammenhänge der Projekte und Bilderzählungen von Tina Bara (über Umweltverschmutzung durch Industrieproduktion), Ludwig Rauch (über rechtsradikale Jugendliche) und Barbara Wolff (über die durch Stasi-Überwachung vergiftete Idylle eines Dorfes in Brandenburg) haben die Kuratorinnen entsprechende räumliche Durchbrechungen des thematischen Korsetts ermöglicht, weil die dokumentierten Daseinszustände das erforderten. Das tut der Ausstellung gut, weil es sie atmosphärisch erweitert.

Blick in die Ausstellung „Das Weite suchen“: Barbara Wolff, Serien „Sechzehneichen“ und „Ghostwriter“, 1983/1985 und 2011 ©, Potsdam 20.01.2026, Foto: Jonas Flöck ©

Blick in die Ausstellung „Das Weite suchen“: Tina Bara, BUNA, eine Zeit, 1988/2025 © Potsdam 13.01.2026, Foto: Nadine Redlich ©
Insgesamt umfassen die Bilder dieser Ausstellung ein gereiftes Sediment der Erinnerung Ostdeutschlands, klug beleuchtet und arrangiert von einem wissenden Team, das erloschene Wirklichkeiten nicht schweigend ad acta gelegt, sondern zum Zwecke des Erreichens anderer Debatten-Ufer problematisiert hat. Bisher liegt kein Katalog zur Ausstellung vor; das stellt ein bedauerliches Manko dar.
Die Ausstellung „Das Weite suchen. Fotografien der späten DDR und frühen 1990er-Jahre“, kuratiert von Isabel Enzenbach und Anja Tack, läuft noch bis zum 22. März 2026 im Brandenburg Museum, Potsdam, https://gesellschaft-kultur-geschichte.de/brandenburg-museum/
Nutzungsbedingungen für diesen Artikel
Copyright (c) 2025 Clio-online e.V. und Autor, alle Rechte vorbehalten. Dieses Werk entstand im Rahmen des Clio-online-Projekts Visual-History und darf vervielfältigt und veröffentlicht werden, sofern die Einwilligung der Rechteinhaber:innen vorliegt. Bitte kontaktieren Sie: <bartlitz@zzf-potsdam.de>

