„24 Hours in Cyberspace“

Was ein Fotoprojekt über das Internet im Jahr 1996 erzählt

Im Jahr 1996 war das Internet ein verheißungsvoller Ort. Fotograf:innen hielten für das Projekt „24 Hours in Cyberspace“ fest, wie Menschen auf der ganzen Welt das neue Medium nutzten. Deutlich zeigen sich daran die euphorisch bejubelten Potenziale globaler Computernetzwerke – und auf den zweiten Blick auch deren Schattenseiten.

 

Am 8. Februar 1996 traf der Fotograf Eugene Fisher im entlegenen Dorf Sachs Harbour in der kanadischen Arktis auf den „High-Tech Missionar“ Rick Selleck. Selleck war mit dem Ziel angereist, neueste US-Technik zu den Inuit zu bringen, die in Sachs Harbour lebten. Die Computer und Modems standen besonders bei den Jugendlichen vor Ort hoch im Kurs. Dass traditionelle Hundeschlitten sowie Emails gleichermaßen den arktischen Alltag prägten, hielt Fisher in einer Fotoserie fest. Ein kanadisches Sprichwort attestierte den Inuit einen beschleunigten kulturellen Wandel, den die abgelichteten Szenen vermeintlich illustrierten: „from the Stone Age to the Space Age in one generation“.[1]

Buchseite mit Schrift und drei farbigen Bildern von Inuit

Inuit vernetzen und präsentieren sich in einem „Net of the North“. Bilder: Eugene Fisher,
Text: Eileen Matthews Hansen. Publiziert in: Rick Smolan/Jennifer Erwitt (Hg.), 24 Hours in
Cyberspace. Photographed on one day by 150 of the world’s leading photojournalists [CD-Rom],
Indianapolis, Ind., Que, Macmillan Publishing 1996 ©

Fisher war nur einer von 150 Fotojournalist:innen auf der ganzen Welt, die am 8. Februar 1996 „24 Hours in Cyberspace“ dokumentierten. Der 8. Februar besaß als Datum keine besondere Bedeutung. Vielmehr ging es den Initiator:innen des Projekts darum, einen „ordinary day“ zu zeigen. Zu diesem Zeitpunkt war die erste öffentliche Webseite der Welt noch keine fünf Jahre alt. Dennoch hatte sich das World Wide Web bereits um den ganzen Globus verbreitet, bis in abgeschiedene Regionen wie die Arktis. Anlass genug für den Fotografen Rick Smolan und die Produzentin Jennifer Erwitt, eine fotografische „Zeitkapsel“ zu erstellen, die dokumentieren sollte, „how the online world is changing our lives“, wie es im Klappentext des Bildbandes zu „24 Hours in Cyberspace“ heißt.[2] Aus insgesamt 200.000 Fotografien traf das Team um Smolan und Erwitt eine Auswahl an Bildern, die auf der eigens kreierten Homepage und (nochmals reduziert) als Buch publiziert wurden.

Dem Bildband beigefügt wurde eine CD-ROM, auf der die Homepage gespeichert war. Aus heutiger Sicht eine vorausschauende und lohnende Mühe, denn die Webseite des Projekts ist mittlerweile offline und – abgesehen von der CR-ROM – nur noch über die Wayback Machine des Internet Archives zugänglich (https://web.archive.org/web/19990220104538if_/http://www2.cyber24.com/) – mit den eigenen quellenkritischen Herausforderungen aller „reborn digitals“ (Niels Brügger). Dass ein Buch und eine CD-ROM zu Quellen früher Web History werden, erscheint zunächst paradox. Angesichts der notorisch hohen Flüchtigkeit von Webinhalten[3] sind solche „crossmedialen“ Überlieferungen jedoch äußerst wertvoll für die Web History. Sie liefern im Fall von „24 Hours in Cyberspace“ faszinierende Einsichten, wie man in den 1990er Jahren auf das Internet blickte, und sind eine reichhaltige Quelle, um die zeitgenössisch hohen Erwartungen an den „Cyberspace“ sowie deren tatsächliche Begrenztheit zu historisieren.

Im Bildband wie auf der Webseite wurden die entstandenen Fotografien in sechs thematischen Kapiteln präsentiert: Human Touch. Reaching, Finding, Holding; Earthwatch. A New Life on the Planet; Sex, Lies, and Websites. Stranger to Stranger; Open for Business. No Paper, No Printing, No Postage; To the Rescue. 911 at the Click of a Mouse; Into the Light. What Makes Us Human.

An den Überschriften der einzelnen Kapitel lässt sich bereits ablesen, in welches Horn die enthusiastischen Herausgeber:innen bliesen: Das Web wurde als Heilsbringer präsentiert, in der Tradition einer Fortschrittsgeschichte. Sein Potenzial als Kommunikations-, Diskurs- und Wissensraum schien unermesslich: Gleichgesinnte könnten sich finden und näherkommen, Wissenschaftler:innen unser Verständnis der Erde verbessern, webbasierte neue Wirtschaftsmodelle unbürokratisch Wohlstand fördern, medizinische Probleme einfacher gelöst werden, und endlich komme nun ans Licht, was den Menschen ausmache – „Into the Light“ als Credo der Webbegeisterten. Dass diejenigen, die bereits „drin“ waren, missionarischen Eifer an den Tag legten, um alle „Draußengebliebenen“ ebenfalls vom neuen Medium zu überzeugen, war typisch für die global verbreitete Web-Euphorie der 1990er Jahre.

Auch im Vorwort von „24 Hours in Cyberspace“ formulierte der Zukunftsanalyst Paul Saffo: „If we all participate, the result could well be a widening of the human spirit and the creation of a new home for the mind.“ (S. 17)

Als „Cursor Cowboy“ hatte sich der Vietnam-Veteran Dave Hughes in Colorado die Mission zu eigen gemacht, den globalen Zugang zum Internet zu befördern – und er arbeitete daran am liebsten vom Tresen seiner Lieblingsbar aus.

Buchseite mit Schrift und einer Farbfotografie von Männern mit Cowboyhüten an einer Theke

Vietnam-Veteran Dave Hughes als „Rider of the Cyber Sage“. Bild: Paul Chesley, Text: Eileen Matthews Hansen.
Publiziert in: Rick Smolan/Jennifer Erwitt (Hg.), 24 Hours in Cyberspace. Photographed on one day by 150 of the
world’s leading photojournalists [CD-Rom], Indianapolis, Ind., Que Macmillan Publishing 1996 ©

Eine emotionale Illustration für das positive Potenzial, das Privatpersonen wie Dave Hughes so sehr für das Internet begeisterte, lieferte die Geschichte der Familie Lawson (S. 162f.) aus San Jose in Kalifornien: Als der zweijährige Will die Diagnose Leukämie erhielt, brach für seine Familie eine Welt zusammen. Vater Lance startete „Will’s Page“, eine Webseite, die die Behandlung seines Sohnes und die Erfahrungen der Familie mit der Erkrankung thematisierte. Die Seite wurde zur Anlaufstelle für andere betroffene Familien, die Informationen und Austausch suchten, und half dem Vater, sich in der schwierigen Situation nicht alleine zu fühlen. Persönlichkeitsrechtliche Bedenken in Hinblick auf das Teilen persönlicher und medizinischer Informationen über das Kleinkind Will spielten – wie so oft im frühen Web – hier keine Rolle.

Buchseite mit Schrift und drei Farbfotos von einem Mann mit einem kleinen Jungen

Vater, Sohn und die „Story of Will’s Page“. Bilder: Patrick Tehan, Text: Eileen Matthews Hansen.
Publiziert in: Rick Smolan/Jennifer Erwitt (Hg.), 24 Hours in Cyberspace. Photographed on one
day by 150 of the world’s leading photojournalists [CD-Rom], Indianapolis, Ind.,
Que Macmillan Publishing 1996 ©

Noch ein Beispiel für die Möglichkeiten global vernetzter Computerkommunikation lieferte das Schicksal des bosnischen Studenten Bosno Zijad aus Sarajevo: Als Soldat verlor er im Bosnienkrieg 1994 seinen Fuß. Über das ZaMir Transnational Net[4] kam er in Kontakt zum Prothesentechniker Dan McNamara aus Olympia im US-Bundesstaat Washington, der ihm eine maßgenaue Prothese anfertigte. Fotos der beiden schmücken im Buch eine Doppelseite, die die virtuell geschaffene Nähe zwischen ihnen in Szene setzt (S. 34f.) Darauf sieht man Bosno Zijad vor einer Mauer mit Einschusslöchern. Sein Blick geht fast sehnsüchtig in Richtung von Dan McNamara, der in seiner Werkstatt an einer Fußprothese arbeitet.

Doppelseite mit Schrift und zwei Farbfotos: ein Mann, der eine Fußprothese macht, ein anderer vor einer Wand mit Löchern sitzend.

So fern und doch so nah? Dan McNamara und Bosno Zijad. Bilder: Wesley Bocxe, Steve Ringman, Text: Eileen Matthews Hansen. Publiziert in: Rick Smolan/Jennifer Erwitt (Hg.), 24 Hours in Cyberspace. Photographed on one day by 150 of the world’s leading photojournalists, Indianapolis, Ind., Que Macmillan Publishing 1996, S. 34f. ©

Das Beispiel von Bosno Zijads Prothese deutet einen der blinden Flecken in den Quellen an: Zwar geht es um globale Vernetzung und Austausch, asymmetrische Machtverteilungen und soziale Ungleichheiten werden jedoch in der Sache wie in der bildlichen Darstellung reproduziert. Wo übers Internet Hilfe gesucht wird, ist der „globale Süden“ in Not, und es antwortet der „globale Norden“, konkreter US-Bürger:innen oder -Organisationen. Etwa im Fall der New Yorker HealthNet Foundation, die mittels des Webs medizinische Unterstützung in Zentralafrika koordinierte (S. 144).

Machtasymmetrie zeigt sich auch im Beispiel des weißen Freiwilligen Bill Norton, der ein US-amerikanisches Flugzeug gekauft hatte, um medizinische Unterstützung für entlegene Regionen in Tansania zu organisieren (S. 158/159): „In his remote African village, Bill Norton has no telephone, electricity, or running water. But the internet has helped him build an airplane that saves lives.“ Der Prototyp des „White Savior“, wie ihn postkoloniale Theoretiker:innen ausgemacht haben, könnte kaum eindrücklicher in Szene gesetzt werden als in der Personalie des weißen, fliegenden Expats Bill Norton. Der Blickwinkel, von dem aus das Projekt auf den Globus blickt, sind klar die USA, woher auch die meisten der Fotografien stammen.

Doppelseite mit Schrift und drei Farbfotos von einem Mann, einem Flugzeug und Kindern

Retten und gerettet werden? Kolonial geprägte Stereotype werden weder im Bild noch im Internet aufgelöst. Bilder: Arthur Berry, Text: Eileen Matthews Hansen. Publiziert in: Rick Smolan/Jennifer Erwitt (Hg.), 24 Hours in Cyberspace. Photographed on one day by 150 of the world’s leading photojournalists, Indianapolis, Ind., Que, Macmillan Publishing 1996, S. 158f. ©

Machthierarchien und soziale Ungleichheiten wurden ebenso bei der Vorstellung der globalen Partnervermittlungsagentur Shade aus St. Petersburg reproduziert, und zwar gleich in zweierlei Hinsicht: Geografie und Geschlecht (S. 111f.). Shade vermittelte russische Frauen an „romance seekers around the world“, wie Gründer Kirill Klimov sagte. Wozu das führen konnte, zeigt das Beispiel von Jim Pratt aus Holmen, Wisconsin, USA: „email lover and now husband of Anna Nasova, his Russian bride and mother of their child, Deanna“. Frauen aus Russland wurden regelrecht als Ware auf einem internationalen Datingmarkt präsentiert – in welchem Verhältnis globaler Austausch und globale Ausbeutung standen, darüber kann hier nur spekuliert werden; die Fotografien regen jedenfalls zum Nachdenken an.

Doppelseite mit Schrift und drei Farbfotos von einer Frau und einem Mann

Die russische Agentur Shade, die Frauen in alle Welt vermittelte. Bilder: Bill Swersey, Ron Johnson, Text: Eileen Matthews Hansen. Publiziert in: Rick Smolan/Jennifer Erwitt (Hg.), 24 Hours in Cyberspace. Photographed on one day by 150 of the world’s leading photojournalists, Indianapolis, Ind., Que Macmillan Publishing 1996, S. 110f. ©

Das Internet war und ist ein politischer Raum, der bisweilen nicht zu überbrückende Positionen in einem scheinbaren Diskursraum positioniert. Das zeigt die konfrontative Gegenüberstellung zweier Beispiele, die wohl kaum miteinander in den Dialog fanden: einerseits (S. 200 und 203) der im kanadischen Toronto lebende bekannte deutsche Holocaustleugner Ernst Zündel, der sich selbst als „free-speech martyr“ inszenierte und dabei eine Flagge in der Hand trug, die der Hakenkreuzfahne in Form- und Farbgebung ähnelte. Andererseits (S. 201f.) das Projekt Nizkor (hebräisch für „wir werden uns erinnern“), eine Webseite, deren Macher:innen die Positionen von Holocaustleugner:innen widerlegen wollten. Jamie McCarthy und Hilary Ostrov von Nizkor berichteten von digitaler Gewalt, mit der sie bedroht wurden, und von ihrer Sorge, dass das Web Hassstifter:innen Auftrieb verleihe – und Gegner:innen faktenbasierter historischer Erzählung, möchte man mit Blick auf Ernst Zündel ergänzen.

Doppelseite mit Schrift und zwei Farbfotos: ein Mann mit einer Fahne, eine Person mit einem Notebook vor dem Kopf, auf dem honesty steht

Nazis, Desinformation und digitale Gewalt: auch das ist der Cyberspace. Bilder: Arabella Anna Schwarzkopf, Ward Perrin, Joe Traver, Text: Eileen Matthews Hansen. Publiziert in: Rick Smolan/Jennifer Erwitt (Hg.), 24 Hours in Cyberspace. Photographed on one day by 150 of the world’s leading photojournalists, Indianapolis, Ind., Que Macmillan Publishing 1996, S. 200ff. ©

Solche Probleme, wie sie hier nur angerissen werden, stellen im Buch und auf der CD-Rom eine Ausnahme dar: Schattenseiten digitaler Kommunikation und ihre politische Aufladung spielen ansonsten keine Rolle. Sie machen jedoch deutlich, wie das Web der 1990er Jahre bereits Phänomene hervorgebracht hat, die wir heute in Zusammenhang mit sozialen Medien noch immer diskutieren.

Jenseits dieser stürmischen Fahrwasser erscheint das junge World Wide Web vornehmlich als Ort der schillernden Möglichkeiten. Etwa für die Wirtschaft, wie es das Business-Kapitel illustriert, in dem die beiden Web-Entrepreneure Ron Buckmire und Tom Rielly im Bademantel beim „Power-Lounging“ auf der Terrasse abgelichtet wurden. Das Mobiltelefon mit ausgefahrener Antenne als Symbol der dauernden Erreichbarkeit war immer zur Hand, denn das Business wartete nicht (S. 122).

Buchseite mit Schrift und einem Farbfoto von zwei Männern im Bademantel auf einer Terrasse

Adressierten eine queere Zielgruppe vom Hotelpool aus: die Medienunternehmer Tom Rielly und Ron Buckmire.
Bild: Dana Fineman, Text: Eileen Matthews Hansen. Publiziert in: Rick Smolan/Jennifer Erwitt (Hg.), 24 Hours in
Cyberspace. Photographed on one day by 150 of the world’s leading photojournalists [CD-Rom], Indianapolis, Ind.,
Que Macmillan Publishing 1996 ©

Neue Möglichkeiten und größere Reichweite schaffte das Web nicht nur für Geschäftsleute, sondern auch für das Spiel mit Identität und Privatheit. Das explorierten Web-Tagebücher wie das der Kanadierin Carolyn Burke. Ihr „Carolyn’s Diary“, in dem sie sehr persönliche Einblicke in ihr Leben teilte (S. 94f.), erhielt seit 1995 mehrere Auszeichnungen. Nur wenige Buchseiten später (S. 97) wird NetMate vorgestellt, ein „cybersex service“, bei dem die Kund:innen aus aller Welt durch getippte Kommandos ihre eigenen Fantasien live in einem New Yorker Studio in Szene setzen lassen konnten – gegen Bezahlung, versteht sich.

Buchseite mit Schrift und einem Farbfoto von einer Frau im schwarzen Kleid in einer leeren Badewanne

Neue Formate, neue Dynamiken des Ruhms: Carolyn Burke wurde durch ihr Webtagebuch bekannt und mit dem Bild zum Postergirl von „24 Hours in Cyberspace“. Bild: Joe Traver, Text: Eileen Matthews Hansen. Publiziert in: Rick Smolan/Jennifer Erwitt (Hg.), 24 Hours in Cyberspace. Photographed on one day by 150 of the world’s leading photojournalists [CD-Rom], Indianapolis, Ind., Que Macmillan Publishing 1996 ©

Diese Fälle zeigen, wie sich online die Grenzen zwischen Privatheit und Öffentlichkeit verschoben. In NetMate lässt sich der Hinweis auf Pornografie und deren treibende Rolle für die Entwicklung des Internets erkennen.[5] Auf problematische Aspekte der sich verändernden Grenzen von Privatheit wollte der Aktivist Steve Mann aus Cambridge, Massachusetts, aufmerksam machen. Ausgestattet mit einer selbst gebauten Brille, die mit einer Bauchtasche verkabelt war und in Echtzeit ein Video auf seine Webseite streamte, demonstrierte der MIT-Student gegen Überwachung (S. 96). Gute Laune statt Bedenken herrschte indes im selbsternannten Geekhouse: „Computer Nerds“ badeten in einem Pool im kalifornischen Santa Cruz, selbstverständlich mit Laptop (S. 98).

Als Teil der Fotobuchreihe „Day in the Life“[6] stellt das Projekt auch die Frage nach dem Ort des „Cyberspace“. Im Vorwort des Buches wurde das Internet vom Zukunftsanalysten Paul Saffo als „a shape-shifting, borderless medium firmly in the hands of ordinary citizens bent on turning it to extraordinary ends“ (S. 17) beschrieben. Was die Fotografien zeigen, ist jedoch gar nicht so außergewöhnlich, sondern vielmehr vertraut. In dem Projekt wurden in erster Linie Menschen porträtiert, die mit anderen Menschen in Kontakt traten und mit Problemen zu tun hatten, die auch außerhalb des „Cyberspace“ und schon vor seiner Existenz bestanden und – wie wir heute wissen – seither weiterhin bestehen. Auch über 30 Jahre nach der Entstehung des Webs gibt es Krieg, Krankheiten, Menschen suchen Nähe, treiben Handel mit Waren und Dienstleistungen, Wissenschaftler:innen versuchen die Rätsel des Daseins zu lösen. Das rückt den Computer und dessen Nutzung als Kommunikationsmedium an einen bemerkenswert banalen Ort: nämlich immer genau dorthin, wo seine Nutzer:innen sind. Das Web erscheint in erster Linie als Hilfsmittel und Kulturtechnik, um mit ganz irdischen und alltäglichen Problemen umzugehen.

Dennoch, und auch das offenbart „24 Hours in Cyberspace“, hatte das Internet neuartige kulturelle Qualitäten. Global vernetzte Kommunikation, große Reichweite und Popularität für Menschen wie Carolyn Burke gehörten dazu – aber auch bis dato ungekannte Möglichkeiten der Überwachung und fehlende Begrenzungen für Hassrede oder Geschichtsrevisionismus. Angesichts dessen kann es auch als Drohung verstanden werden, wenn im Klappentext utopietrunken orakelt wird: „We have yet to reach the borders of this brand-new place, and we may well discover that it has none.“

 

 

[1] „Net of the North“. Publiziert in: Rick Smolan/Jennifer Erwitt (Hg.), 24 Hours in Cyberspace. Photographed on one day by 150 of the world’s leading photojournalists [CD-Rom], Indianapolis, Ind., Que Macmillan Publishing 1996.

[2] Rick Smolan/Jennifer Erwitt (Hrsg.), 24 Hours in Cyberspace. Photographed on one day by 150 of the world’s leading photojournalists, Indianapolis, Ind., Que Macmillan Publishing 1996.

[3] So kam eine Studie von Cho/Garcia-Molina aus dem Jahr 1999 zum Schluss, dass sich in nur 50 Tagen 50% des Webs veränderte oder ersetzt wurde. 2014 fanden Agata et al. heraus, dass die Lebensdauer von 10 Millionen untersuchten Webseiten im Schnitt nur knapp über drei Jahre betrug. Trotz der verschiedenen Sammlungen archivierter Webquellen ist viel Material gerade aus der Frühphase des Webs unwiederbringlich verloren. Vgl. Junghoo Cho/Hector Garcia-Molina, The Evolution of the Web and Implications for an Incremental Crawler. Proceedings of the 26th International Conference on Very Large Databases 1999, Cairo, Egypt, https://www.vldb.org/conf/2000/P200.pdf [05.02.2026]; Teru Agata et al., Life Span of Web Pages: A Survey of 10 million Pages Collected in 2001. Proceedings of the 14th ACM/IEEE-CS Joint Conference on Digital Libraries, Piscataway, NJ: IEEE Press 2014, S. 463-464, hier S. 464. Beide zitiert nach: Niels Brügger, The Archived Web. Doing History in the Digital Age, Cambridge 2018, S. 75f.

[4] Der „Cyberspace“ erstreckte sich neben dem WWW auch über andere Computernetze, zu denen ZaMir gehörte. Mehr über das Netzwerk im Buch auf S. 32 und hier: https://museum.foebud.org/org/zamir/ [05.02.2026].

[5] Susanna Paasonen, „Online Pornography“, in: Niels Brügger/Ian Milligan (Hrsg.), The Sage Handbook of Web History, London 2019, S. 551-563.

[6] In der Reihe wurde jeweils ein Tag an einem Ort der Welt fotografisch dokumentiert. Bücher der Serie widmen sich zum Beispiel Hawaii (1984), Japan (1985), der Sowjetunion (1987), Spanien (1988), Afrika (1993) oder Israel (1994).

 

 

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