Nah und solidarisch: Jovan Ritopeckis Fotografien migrantischer Lebenswelten in Österreich

Das Bildrepositorium VISMIG gibt Einblick in sein Werk

Jovan Ritopečki (1923-1989) war ein jugoslawischer Fotograf und Bildjournalist, der in den 1970er und 1980er Jahren das Leben jugoslawischer Migrant:innen in Österreich für österreichische und jugoslawische Medien und als „Community“-Dokumentarist begleitete. Sein Archiv blieb jahrzehntelang in Familienbesitz verwahrt und einer breiteren Öffentlichkeit unbekannt. Seine Wieder- bzw. Neuentdeckung ist ein Glücksfall für die Forschung und Öffentlichkeit. Eine neue Bilddatenbank macht diesen bisher kaum bekannten Nachlass nun zugänglich.

Durchblättern des Negativarchivs des Fotografen

Abb. 1: Vida Bakondy, Blick ins Negativarchiv des Fotografen, Wien 2022

Jovan Ritopečki erlernte das professionelle Handwerk des Fotoreporters im sozialistischen Jugoslawien, wo er bis zu seiner Migration nach Wien im Jahr 1966 für staatliche Nachrichtenagenturen tätig war. Seine Geschichte als freischaffender Pressefotograf in Österreich ist untrennbar mit der Geschichte der jugoslawischen Arbeitsmigration nach Österreich verbunden. Kein anderer Fotograf hat über einen vergleichbar langen Zeitraum hinweg so kontinuierlich und umfassend migrantische Lebensverhältnisse dokumentiert: Arbeitsplätze und Wohnbedingungen, Freizeit und Feste, Behördengänge und das Vereinsleben.[1] Innerhalb des österreichischen Fotojournalismus nimmt sein Werk damit eine singuläre Stellung ein.

Zuschauer:innen jubeln bei einem Fußballspiel

Abb. 2: Jovan Ritopečki, Zuschauer:innen beim Finalspiel des Fußballturniers „Tag der Jugend“, Wien, Prater, 1975.
Quelle: Nachlass Ritopečki, Sammlung Wien Museum

Die wissenschaftliche Aufarbeitung von Ritopečkis Nachlass erfolgte im Rahmen des FWF-Forschungsprojekts Visualisierung migrantischer Lebenswelten. Ziel des Projekts war es, die Darstellung jugoslawischer Migration in seinen Fotografien zu untersuchen und die Bildwelten in ihren zeitgenössischen gesellschaftlichen Kontexten und Verwendungsweisen zu analysieren. Dafür wurde der umfangreiche Negativnachlass erstmals systematisch gesichtet, einzelne Bildserien in ihrer Produktions- und Nutzungsgeschichte untersucht und ein repräsentativer Teil des Werks digitalisiert. Zentral für die Erschließung war der Fokus auf ganze Negativserien statt auf isolierte Einzelbilder. Diese Herangehensweise macht den seriellen Charakter der Fotografie sichtbar und erlaubt Einblicke in Jovan Ritopečkis Arbeitsweise.

Abb. 3: Jovan Ritopečki, Persa M. mit ihrer Ausländer-Arbeitskarte, um
1973. Quelle: Nachlass Ritopečki, Sammlung Wien Museum

In Ritopečkis Gesamtwerk zeigt sich eine ästhetische Vorliebe für zentrale Perspektiven und Porträts. Menschen werden in ihrem sozialen Umfeld – bei Alltagshandlungen, im Gespräch, in Gruppen oder posierend – porträtiert. Der fotografische Blick ist nicht distanziert, sondern verweist auf dialogische Aushandlungsprozesse zwischen dem Fotografen und den Abgebildeten. Wer in die Kamera blickt, tut dies gespannt oder erwartungsvoll, im Wissen, ein Bild von sich zu erhalten – als Abzug oder in der Zeitung. Die Fotografien dokumentieren – in den Worten der Fototheoretikerin Abigail Solomon-Godeau – den „fotografischen Akt als Transaktion “[2], als eine Form des fotografischen Gebens und weniger des Nehmens.

Abb. 4: Jovan Ritopečki, Paar am Gang, Wien 2, Rueppgasse, um 1974.
Quelle: Nachlass Ritopečki, Sammlung Wien Museum

Diese dialogische Bildpraxis ist eng mit Ritopečkis sozialer Positionierung verbunden. Als professioneller Fotograf mit eigener Migrationserfahrung und Mitglied der jugoslawischen Community in Wien teilte er Sprache, kulturelles Wissen und soziale Erfahrungen mit den Porträtierten. Diese Nähe ermöglichte ihm Zugang zu unterschiedlichen Lebensbereichen und beeinflusste die Art der fotografischen Begegnung – mit sichtbaren visuellen und ästhetischen Konsequenzen. Zugleich arbeitete Ritopečki für Printmedien wie „Naš List“, „Danas“ oder „Yu Novosti“, die sich an jugoslawische Migrant:innen in Österreich richteten. Seine Fotos wurden häufig mit biografischen Informationen zu den Abgebildeten veröffentlicht. Sie boten Zeitungsleser:innen die Möglichkeit der Identifikation mit den Abgebildeten, indem sie sich selbst wiedererkannten – sei es buchstäblich, weil sie tatsächlich abgebildet waren, oder symbolisch, durch die Geschichten und Bilder von Menschen, deren Erfahrungen den eigenen ähnelten.

Abb. 5: Jovan Ritopečki, Arbeiterin in der Vöslau Kammgarn-Fabrik, Bad Vöslau, 1970. Quelle: Nachlass Ritopečki,
Sammlung Wien Museum

Das gemeinsam mit dem Institut für Digitale Geisteswissenschaften der Universität Graz realisierte Bildrepositorium VISMIG macht nicht nur die Fotografien selbst zugänglich, sondern auch ihre Gebrauchsgeschichte. Es erlaubt, das soziale Leben der Bilder vom Moment ihrer Entstehung über ihre mediale Zirkulation bis hin zur Archivierung nachzuvollziehen. Insgesamt wurden im Zuge des Projekts rund 4 500 Negative in 155 Serien gesichtet und digitalisiert, davon wiederum 103 Serien ausgewählt und in das digitale Bildrepositorium integriert. Die Fotoserien sind mit Angaben zu Entstehungszeit, Ort, thematischen Schlagworten, Kurzbeschreibungen sowie bekannten Veröffentlichungen erschlossen. Ergänzt wird das Repositorium durch Vergleichsmaterialien wie Zeitungen und Zeitschriften, journalistische Reportagen und Positivabzüge, die Ritopečkis persönliche Nutzung des Bildmaterials – etwa für Ausstellungen – dokumentieren.

Für die Migrationsforschung stellt Ritopečkis Nachlass nicht nur eine selten gezeigte Perspektive im Fotojournalismus, sondern auch eine zentrale visuelle Quelle dar, da er erstmals eine dichte und systematisch erschlossene Bildgrundlage zur jugoslawischen Arbeitsmigration nach Österreich bietet. Zugleich eröffnet die langfristige Zugänglichkeit des Repositoriums Vergleichsmöglichkeiten mit anderen visuellen Archiven der Migration in Europa und lädt dazu ein, die Wechselbeziehungen zwischen gesellschaftlichen Debatten, journalistischer Berichterstattung und migrantischem Alltag neu zu betrachten. Im Jahr 2025 wurde ein Großteil des fotografischen Nachlasses Ritopečki von den Erbinnen an das Wien Museum übergeben. Eine Ausstellung seines Werkes ist in Planung.

Mein Forschungsprojekt widmete sich erstmals der wissenschaftlichen Aufarbeitung des Fotonachlasses und untersuchte, wie die jugoslawische Migration in Ritopečkis Fotografien dargestellt wurde und wie diese Darstellungen durch zeitgenössische gesellschaftliche Kontexte und Verwendungsweisen geprägt wurden. Das Projekt wurde vom österreichischen Wissenschaftsfonds FWF unterstützt (Projektnummer T 1083) und am Institut für die Erforschung der Habsburgermonarchie und des Balkanraums an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in den Jahren 2020-2025 durchgeführt.

 

Link zum Projekt: https://www.oeaw.ac.at/ihb/forschungsbereiche/balkanforschung/forschung/mobilitaet-und-visualisierung/visualisierung-migrantischer-lebenswelten/

Link zum Bildrepositorium: https://gams.uni-graz.at/vismig

Weitere Informationen und Kontakt: vida.bakondy@oeaw.ac.at

 

[1] Vgl. Vida Bakondy, On the Margins. Jovan Ritopečki’s Photographs of Migrant Housing in 1970s Vienna, in: Zeitschrift für Migrationsforschung 4 (2024), S. 1-37, hier S. 59-61. Online: https://doi.org/10.48439/zmf.244 [03.03.2026].

[2]Abigail Solomon-Godeau, Wer spricht so? Einige Fragen zur Dokumentarfotografie, in: Herta Wolf (Hg.), Diskurse der Fotografie. Fotokritik am Ende des fotografischen Zeitalters, Frankfurt a.M. 2003, S. 53–74, hier S. 63.

 

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