Zum Tod von Klaus Hesse

 

Klaus Hesse (13. April 1955 – 31. März 2026)

Auf dem Foto ist Klaus Hesse Mitte 30. Es ist Frühjahr 1990, er steht mitten in der Niederkirchnerstraße, die noch ein halbes Jahr vorher hochbewachter Mauerstreifen war. Mit der Fotografin Margret Nissen ist er als Spurensucher unterwegs. Neben Spuren aller Art nimmt die Fotografin auch den Spurensucher in den Blick.

Farbfoto eines Mannes, der in einer aufgerissenen Straße steht, links und rechts Mauern.

Klaus Hesse, Niederkirchnerstraße, Berlin 1990. Fotografin: Margret Nissen / Stiftung Topographie des Terrors ©

Ereignisreiche Jahre liegen 1990 hinter ihm. 1955 in Hemer (Westfalen) geboren, studiert Klaus Hesse Politische Wissenschaft, Geschichte und Germanistik an der Freien Universität Berlin. Er kommt im Jahr 1986 zu der bis dahin aus Frank Dingel (1945 – 2004) und Thomas Friedrich (1948 – 2011) bestehenden Arbeitsgruppe dazu, die unter der Leitung von Prof. Reinhard Rürup (1934 – 2018) die provisorische Gestaltung des Geländes an der früheren Prinz-Albrecht- und Wilhelmstraße und eine Dokumentationsausstellung vorbereitet. Gelände und Ausstellung werden im Juli 1987 unter dem Namen „Topographie des Terrors“ eröffnet. Die Dokumentation wird mehr als 20 Jahre mit nur geringen Veränderungen auf dem Gelände gezeigt, der Katalog erfährt in der deutschen Ausgabe 17 Auflagen. Doch daran ist 1990 nicht zu denken.

Als Klaus Hesse im Frühjahr 1990 in der Niederkirchnerstraße steht, beschäftigt ihn mit einer Arbeitsgruppe ein zweites, großes Projekt: Eine Ausstellung mit dem Titel „Der Krieg gegen die Sowjetunion 1941 – 1945“ wird vorbereitet und im Folgejahr eröffnet. Die Ausstellung wird in einem Pavillon auf dem Gelände und an anderen Orten gezeigt, eine russischsprachige Fassung auch in der Russischen Föderation. Spätestens bei diesem Projekt verstärkt sich sein Interesse an der visuellen Überlieferung der NS-Zeit und des Zweiten Weltkriegs, das ihn durch die folgenden 30 Jahre begleitet.

Doch was wird aus dem Gelände? Eine Frage, die auch Klaus Hesse besonders umtreibt. Eine Fachkommission legt 1990 einen Bericht vor, 1992 wird eine unselbstständige Stiftung gegründet, und 1993 gewinnt der Schweizer Architekt Peter Zumthor den Wettbewerb für einen Neubau. Die Zeichen stehen auf Aufbruch, und Klaus Hesse hat an diesem Prozess großen Anteil.

Drei Ausstellungsprojekte setzt die „Topographie des Terrors“ Mitte der 1990er Jahre um, Klaus Hesse ist besonders eng mit der Ausstellung „Berlin 1945“ verbunden, die 1995 und noch einmal 2005 gezeigt wird. Gemeinsam mit Philipp Springer realisiert er wenige Jahre später ein großes Rechercheprojekt, aus dem Buch und Ausstellung mit dem Titel „Vor aller Augen. Fotodokumente des nationalsozialistischen Terrors in der Provinz“ (2002) hervorgehen.

Im Laufe der Jahre verfliegt die Aufbruchstimmung bezüglich einer Neugestaltung des Geländes und der Errichtung eines Gebäudes. Das Bauprojekt von Peter Zumthor kommt nicht voran und wird schließlich 2004 abgebrochen. Eine schwierige Zeit, auch für Klaus Hesse, die jedoch in einen Neuanfang mündet: Ein weiterer Wettbewerb findet 2005/2006 statt. Ursula Wilms und Heinz W. Hallmann gewinnen ihn und werden mit der Realisierung beauftragt.

Die Erfahrungen, die Klaus Hesse in über 20 Jahren bei Recherchen und Ausstellungsprojekten gewonnen hat, fließen nun in die Vorbereitung der Dauerausstellung ein, die seit 2010 im neuen Gebäude des Dokumentationszentrums gezeigt wird. Klaus Hesse hat diese Ausstellung auf der inhaltlichen und vor allem visuellen Ebene maßgeblich geprägt, auch Bilder aus den „Vor-aller-Augen“-Recherchen sind nun Teil der Präsentation.

In den Jahren nach der Eröffnung des neugestalteten Geländes und der Ausstellung sind es zwei Projekte, die Klaus Hesse besonders beschäftigen: Die Ausstellung „1933 Berlin. Der Weg in die Diktatur“, die 2013 und 2018 gezeigt wurde, und die Recherchen zu „Das ‚Dritte Reich‘ nach Hitler. 23 Tage im Mai 1945“, der erste Band der Stiftungsreihe „Notizen: Visuell“. Die „Metamorphosen eines historischen Ortes“ sind auch weiterhin ein Thema für ihn. So heißt der Titel eines großartigen Textes, in dem er 2011, ausgehend von den Fotografien Andreas Gehrkes, einen konzisen Überblick zur Ortsgeschichte gibt.

Neben den Ausstellungen entstehen wissenschaftliche Aufsätze, in denen sich Klaus Hesse verschiedenen Themen der „Visual History“ widmet, unter anderem zu den beiden „Wehrmachtsausstellungen“ und vor allem zur bildlichen Überlieferung der Verfolgung der deutschen Jüdinnen und Juden. „Die Bilder lesen“ heißt einer seiner Aufsätze. Immer wieder geht es ihm um die Bestimmung unwesentlich erscheinender Details, die genaue Bildinterpretationen erst ermöglichen.

Klaus Hesse wird von vielen als Berater geschätzt. Und er berät gern und ausführlich. Praktikanten und Studierende, Journalistinnen und Gelehrte, Filmemacher und natürlich die Kolleginnen und Kollegen. Und er ist in der Lage, das eigene Tun kritisch zu hinterfragen, nach neuen Lösungen zu suchen. Schon als er in den Ruhestand geht, verlangt die Erkrankung viel Kraft und Energie. Doch der Kontakt bleibt vor allem per Mail bestehen, er nimmt Anteil an Rechercheerfolgen, gibt Auskunft zu vergangenen Projekten und wichtige, in die Zukunft weisende Anregungen.

2017 schreibt Klaus Hesse bilanzierend, dass „Vor aller Augen“ und weitere Projekte der Stiftung „dem bekannten Bilderfundus zur Geschichte der NS-Diktatur und des Zweiten Weltkriegs zahlreiche […] Fotos erschlossen“ haben. Nicht nur das bleibt als Vermächtnis. Am 31. März 2026 ist Klaus Hesse gestorben. Sein waches Interesse nicht nur an Themen der Zeitgeschichte, sein analytischer Spürsinn, seine prägenden Impulse als Fotohistoriker, er, Klaus Hesse, wird uns fehlen.

 

Ulrich Tempel im Namen der Stiftung Topographie des Terrors

Farbfoto eines Mannes an einem Tisch sitzend mit Mikrofon

Klaus Hesse, Niederkirchnerstraße, Berlin 1990. Fotograf: Jürgen Kramer / Stiftung Topographie des Terrors ©

Dieser Text erschien im April 2026 zuerst auf der Website der Stiftung Topographie des Terrors: https://www.topographie.de/stiftung/zum-tod-von-klaus-hesse. Wir bedanken uns bei Ulrich Tempel und der Stiftung Topographie des Terrors für die Genehmigung, den Nachruf auf Klaus Hesse auf Visual History zweitveröffentlichen zu können.

 

 

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