Frans Masereel: Kriegsflüchtlinge, 1941

Frans Masereel (1889-1972), Kriegsflüchtlinge 1941, Öl auf Malkarton, 74,5 x 100 cm. Foto: Gerd Illing © Die Frans Masereel Stiftung in Saarbrücken und die Stiftung Studienbibliothek zur Geschichte der Arbeiterbewegung in Zürich halten gemeinsam die Rechte am Werk Masereels.

Im Juni 1940 floh der belgische Grafiker und Maler Frans Masereel vor der nach Paris einmarschierenden Wehrmacht nach Südfrankreich. Dort schuf er im Jahr darauf ein Gemälde, das heute den Titel Kriegsflüchtlinge trägt. Im Vordergrund des 74,5 mal 100 cm großen Bilds liegen unter freiem Himmel drei Personen auf dem Erdboden. Ihre Köpfe ruhen auf Gegenständen, die wie Gepäckstücke aussehen, die Augen sind geschlossen. Hinter ihnen sitzt, ebenfalls mit geschlossenen Augen, eine vierte Figur, die den Kopf in die rechte Hand stützt und mit der linken einen Koffer hält; ein weiterer Koffer steht am rechten Bildrand. Die links liegende Figur ist vermutlich eine Frau, die einen Rock und eine Andeutung von Lippenstift trägt. Bei der mittleren Person handelt es sich um ein Kind in kurzen Hosen, dessen Körper deutlich kleiner ist als der der weiblichen Figur. Das Gesicht der Person rechts im Bild wird von einer Hand verdeckt; der Kurzhaarschnitt, die Kleidung und die relativ großen Hände legen die Vermutung nahe, dass es sich um einen Mann handelt. Die sitzende Figur erinnert in ihrer Körperhaltung an eine Pietà, eine trauernde Muttergottes. Es ist nicht ausgeschlossen, dass die drei liegenden Personen tot sind. Ihre Körperhaltung und Gesichtszüge legen aber eher den Gedanken nahe, dass sie vor Erschöpfung eingeschlafen sind.

Den Mittelgrund des Gemäldes füllt eine amorphe Menschenmenge. Körper und Gesichter sind nur angedeutet und gehen in der Masse unter. Zwischen dieser Gruppe und der im Vordergrund stehen zwei Figuren: links eine der Betrachter*in zugewandte, die einen rosafarbenen Sack über der Schulter trägt, und rechts eine Person in braunem Jackett und langer schwarzer Hose, die der Betrachter*in den Rücken zuwendet. Den Hintergrund füllt ein wolkenverhangener Himmel. Auf einer der Wolken ist ein gelber Reflex zu sehen, möglicherweise ein Strahl der untergehenden Sonne. Gegen den Himmel zeichnet sich ein gutes Dutzend menschlicher Körper ab, von denen einige auf einer Art Wagen oder Anhänger sitzen. Einige dieser Figuren tragen Gegenstände, die wie Gewehre aussehen. Einer sitzt auf einem Pferd und scheint die Menschen vom hinteren Bildrand aus zusammenzudrängen.

Das Gemälde ist in dunklen Farben, überwiegend Blau-, Grau-, Braun- und Grüntönen gehalten und erinnert stilistisch entfernt an expressionistische Gemälde aus dem Umfeld der Brücke-Gruppe. Es macht einen düsteren Eindruck, der noch dadurch verstärkt wird, dass keine der abgebildeten Personen Blickkontakt mit der Betrachterin, dem Betrachter aufnimmt. Die einen (im dynamischen Hintergrund) sind Getriebene, die anderen (im statischen Vordergrund) in tiefe Lethargie gefallen.

Der 1889 geborene Belgier Frans Masereel hatte sich vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs vor allem als Grafiker einen Namen gemacht. Wegen seiner zu Büchern verarbeiteten seriellen Holzschnitte gilt er heute als Erfinder der Graphic Novel, die der Künstler selbst als „Roman in Bildern“ bezeichnete.[1] Unter den mehr als 40 aus Holzschnitten gearbeiteten Büchern finden sich Titel wie 25 images de la passion d’un homme (1918), Mon livre d’heures (1919) und Images de la grande ville (1926). Masereel illustrierte Werke von Romain Rolland, Stefan Zweig, Oscar Wilde und vielen anderen Autoren, mit denen er zum Teil auch persönlich befreundet war. Politisch stand er Zeit seines Lebens weit links, weshalb er sich in den sozialistischen Staaten größter Beliebtheit erfreute. 1937 hatte er zusammen mit Louis Aragon und Maurice Thorez für den belgischen Pavillon der Pariser Weltausstellung ein etwa drei mal sieben Meter großes Wandbild mit dem Titel Das Begräbnis des Krieges gemalt, das allerdings deutlich weniger Aufsehen erregte als Pablo Picassos Guernica, das im spanischen Pavillon gezeigt wurde.[2]

Foto des Wandbilds Das Begräbnis des Krieges, das Frans Masereel 1937 zusammen mit Louis Aragon und Maurice Thorez für den belgischen Pavillon der Pariser Weltausstellung gemalt hat. Fotograf: unbekannt, in: Pierre Vorms, Gespräche mit Frans Masereel, Dresden 1967, S. 122 (Original-Bildunterschrift: „Frans Masereel bei der Ausführung eines großen Bildes ‚Das Begräbnis des Krieges’ für den Pavillon der Weltfriedensvereinigung (R.U.P.) auf der ‚Expo’ in Paris 1937“)

Das Gemälde Kriegsflüchtlinge zeigt die Flucht von Juden, Kommunisten und „feindlichen Ausländern“ vor der in Frankreich einrückenden Wehrmacht im Sommer 1940. Masereel malte es 1941, nachdem er mit seiner Frau Pauline zu Fuß von Paris nach Südfrankreich geflohen war. Auf dem mehr als 300 Kilometer langen Marsch erlebte er Szenen, die sich in verdichteter Form in seinen Werken wiederfinden. In einem Interview berichtete er später, er habe sich „inmitten des unwahrscheinlichsten Gewirrs von Lastwagen, Geschützen, Soldaten, Flüchtlingen, Fliehenden und Wagen“ bewegt und so den Zusammenbruch „in seiner ganzen Schrecklichkeit“ erlebt. Dabei fertigte er „auf kümmerlichem Schulpapier zahlreiche aus dem Leben gegriffene Skizzen“ an, die später unter dem Titel Juin 1940 veröffentlicht wurden.[3]

„Wir wurden sehr oft bombardiert“, erzählte Masereel, „und mußten in Gräben versteckt bleiben oder unter noch nicht eingeholten Heufeimen. Ich besinne mich auch auf ein von seinen Besitzern verlassenes Gehöft, in dem wir für eine Nacht hatten Schutz finden können und vom Morgen an einem heftigen Bombardement ausgesetzt waren. An einem anderen Tage haben wir nicht weit von Orleans einen auf freier Strecke haltenden Zug bemerkt, der eine Menge Eisenbahner bis dahin gebracht hatte. Wir wollten in diesen Zug steigen und haben uns, da nirgends Platz zu finden war, im Tender inmitten der Kohle niedergelassen. Kaum war der Zug angefahren, als auch schon italienische Tiefflieger erschienen und uns bombardierten. Sie flogen so tief, daß ich die Gesichter der Piloten so deutlich sah, daß ich sie bis heute noch nicht vergessen habe. Jedermann warf sich in das im Monat Juni noch niedrige Korn. Es gab mehrere Tote und verwundete Kinder, und ich habe geholfen, sie zusammenzusuchen und zu pflegen. Es war grausam. Dann handelte es sich darum, in aller Eile die Brücke von Orleans zu erreichen und die Loire zu überschreiten, denn man ging daran, sie zu sprengen. Es herrschte eine apokalyptische Weltuntergangsstimmung.“[4]

Masereel und seine Frau ließen sich schließlich in Avignon nieder, wo die Versorgungslage deutlich besser war als im besetzten Norden Frankreichs. Im ehemaligen Papstpalast konnte Masereel sich ein Atelier einrichten. In Avignon, berichtete er später, „hatte ich das Glück, einige Tuben Farbe vorzufinden wie auch Papier und hier und da, wohlverstanden, nicht etwa Leinwand zum Malen, aber doch immerhin Kartons. Während dieser ganzen Zeit habe ich hauptsächlich auf Karton – manchmal auf alte Hemden – Kriegserinnerungen gemalt, die ich aber später nicht ausgestellt und von denen ich die meisten aufgehoben habe.“[5]

Zu den 1940 und 1941 in Avignon entstandenen Werken dürften zudem die in Öl auf Pappe gemalten Bilder aus der Serie Souvenirs de juin 1940[6] sowie zahlreiche in Gouache oder Wasserfarbe gemalte Einzelwerke gehören, die Titel wie Auf der Flucht, Tod auf der Flucht, oder Flüchtlingsfamilie im Schützengraben tragen.[7] Im umfangreichen Gesamtwerk von Masereel und in der Rezeption sind diese Bilder fast vollständig untergegangen. Vordergründig mag das darauf zurückzuführen sein, dass sein grafisches Werk deutlich mehr Aufmerksamkeit generierte als das malerische (und vielleicht auch origineller ist). Ganz offensichtlich gelang es ihm, den Zeitgeist der modernen Großstadt einzufangen und in die Form eines visuellen Narrativs zu bringen.

Die Begleitpublikation zu einer 1989 in Ost-Berlin gezeigten Ausstellung blendete zudem die Werke der Zeit von 1933 bis 1945 vollständig aus. Da Masereel – der der Sowjetunion in den Jahren 1935 und 1936 zwei längere Besuche abgestattet und darüber sehr positiv berichtet hatte – in der DDR grundsätzlich wohlgelitten war, kann es sich nicht um ideologische Vorbehalte handeln; allenfalls wollte man nicht an die große Glocke hängen, dass er nicht in die Sowjetunion geflüchtet war. Dass gerade die gemalten Werke kaum bekannt sind, könnte aber auch einen ganz profanen Grund haben: Sie befanden sich in Privatbesitz oder in den Magazinen kleinerer Museen, zu deren Sammlungsprofilen sie nur bedingt passen.

Dass die Themen Flucht und Vertreibung seit dem Sommer 2015 wieder ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt sind, könnte das Interesse auf Masereels Fluchtbilder lenken. Zwar handelt es sich um Bilder, die eine konkrete historische Situation illustrieren. Gleichzeitig aber verweisen sie gerade durch den weitgehenden Verzicht auf konkrete Zeichen wie Uniformen, Fahnen oder Abzeichen auf das Universale der Situation. Was bleibt, ist die Bewegung in der Masse, die Erschöpfung, das Ausgeliefertsein an Soldaten, Polizisten oder Grenzschützer, das Gefühl der Schutzlosigkeit und existenziellen Verlassenheit. Die Blicke der Kriegsflüchtlinge sind nach innen gekehrt und entziehen sich der Gegenwart ebenso wie der Zukunft – auch wenn der Optimist Masereel einen Sonnenstrahl als Symbol der Hoffnung noch hat stehenlassen. Hätte sich das Bild nicht in Privatbesitz, sondern in einem der großen Museen für moderne Kunst befunden, hätte es längst zur Ikone für die Fluchtbewegungen des 20. Jahrhunderts werden können.

 

 

[1] Pierre Vorms, Gespräche mit Frans Masereel, Dresden 1967, S. 88. Zur Biografie vgl. die Website der in Saarbrücken ansässigen Frans Masereel Stiftung, http://masereel.org/biographie/, und Joris van Parys, Masereel. Eine Biografie, Zürich 1999 (zuerst auf Niederländisch, Antwerpen/Baarn 1995).

[2] Vgl. van Parys, Masereel, S. 313. Van Parys gibt die Größe des Bildes mit fünf mal sieben Metern an. Eine bei der Arbeit am Bild aufgenommene Fotografie zeigt jedoch, dass das Bild bei sieben Metern Breite eher drei als fünf Meter hoch war (Vorms, Gespräche, Abbildung auf S. 122). Die Bildunterschrift lautet: „Frans Masereel bei der Ausführung eines großen Bildes ‚Das Begräbnis des Krieges’ für den Pavillon der Weltfriedensvereinigung (R.U.P.) auf der ‚Expo’ in Paris 1937“. Siehe auch Michael Nungesser, Anklage und Ächtung des Krieges – Masereels Kriegsdarstellungen, in: Karl-Ludwig Hofmann/Peter Riede (Hg.), Frans Masereel (1889-1972). Zur Verwirklichung des Traums von einer freien Gesellschaft, Saarbrücken 1989, S. 86-103, und dies., Die Beerdigung des Krieges. Wandbild für die Weltfriedensbewegung auf der Weltausstellung in Paris 1937, in: dies., Frans Masereel: Wir haben nicht das Recht zu schweigen – Les poètes contre la guerre, Saarbrücken 2015, S. 58-61.

[3] Vorms, Gespräche, S. 170.

[4] Vorms, Gespräche, S. 170f.

[5] Vorms, Gespräche, S. 174.

[6] Die Serie Souvenirs de juin 1940 wurde 2002 in der Villa Grisebach versteigert, ihren heutigen Verbleib konnte ich nicht ermitteln. Vgl. Villa Grisebach versteigert Kunst aus zwei Jahrhunderten, http://www.kunstmarkt.com/pagesmag/kunst/_id42172-/marktberichte_detail.html?_q=%20, und http://www.artnet.com/artists/frans-masereel/souvenirs-de-juin-1940-Go9zVAizuzsqju_hQrzNmA2 [20.04.2020].

[7] Die Abbildungen finden sich mit rudimentären Angaben auf der Website des Auktionshauses artnet.com: http://www.artnet.com/artists/frans-masereel/: Auf der Flucht (Wasserfarbe, 1940); Tod auf der Flucht (Gouache, 1941); Flucht aus dem Waggon (Wasserfarbe, 1940); Flüchtlingsfamilie bei der Rast (Gouache, 1941); Flüchtlingsfamilie in Deckung liegend (Gouache, 1941) oder Flüchtlingsfamilie im Schützengraben (Gouache, 1941, http://www.artnet.com/artists/frans-masereel/fl%C3%BCchtlinge-im-sch%C3%BCtzengraben-pF54wIwMngKvqM0vu3IIBw2 [20.04.2020].

 

 

Zitation


Annette Vowinckel, Frans Masereel. Kriegsflüchtlinge, 1941, in: Visual History, 11.05.2020, https://visual-history.de/2020/05/11/frans-masereel-kriegsfluechtlinge-1941/
DOI: https://doi.org/10.14765/zzf.dok-1753
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