Rezension: Britta Lange, Passfotos unter Zwang: Deutsche Fotopolitik im Ersten Weltkrieg

Cover: Britta Lange, Passfotos unter Zwang. Deutsche Fotopolitik im Ersten Weltkrieg, De Gryter, Berlin 2025
In zwei Lehrveranstaltungen hat Britta Lange, Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Kulturwissenschaft der Humboldt-Universität zu Berlin, sich 2020 und 2022/23 mit Pässen und Passfotos befasst, wie sie während des Ersten Weltkriegs in den vom deutschen Heer besetzten Gebieten im polnisch-litauisch-russischen Osten und in Frankreich und Belgien zur amtlichen Erfassung der dortigen Bevölkerung ausgestellt worden sind: ein nur wenig bekanntes historisches Detail, das Lange in kulturwissenschaftlicher Manier anhand einiger weniger überlieferter Primärquellen, Dokumente und künstlerischer Darstellungen für die Publikation intensiv aufgearbeitet hat; historische Akten standen ihr nicht zur Verfügung.
Britta Lange studierte Kunstgeschichte, Theaterwissenschaft und Kulturwissenschaft, promovierte über Menschenfiguren für Museen um 1900 und habilitierte über Tondokumente aus Kriegsgefangenenlagern 1915-1918, beides an der HU zu Berlin; die Wissensgeschichte früher Foto-, Film- und Tondokumente zählt sie zu ihren Forschungsschwerpunkten.[1]
Zu den Materialien, die Lange zur Verfügung standen, gehören einige Originalfotos, zwei originale Pässe, drei Darstellungen der Fotografieraktionen in zeitgenössischen und späteren Bildberichten aus deutscher Sicht und zwei zeitgenössische Karikaturenfolgen, nämlich Lithographien des polnischen Künstlers Józef Rapacki von 1915 bis 1918 und die Eigenpublikation des litauischen Künstlers Juozas Šilietis von 1922. Lange ordnet sie ein in den historischen Zusammenhang der militärischen Besetzung des umgangssprachlich Ober Ost genannten Gebiets (Teile des heutigen Polens, Litauens und Belarus’) und andererseits von Teilen Belgiens und Nordfrankreichs durch die deutsche Wehrmacht im Ersten Weltkrieg. Sie schreibt quasi nebenher ein bisher vernachlässigtes Kapitel amtlicher Fotografie neu, legt aber primär Wert auf die kulturhistorische und kulturwissenschaftliche Analyse und Interpretation der Bilder vom zwangsweisen Fotografiertwerden, für
die sie auch literarische Quellen und kulturtheoretische Literatur nutzt.
Sie gliedert ihre – von ihr selbst so bezeichnete (S. 38) – Skizze in sechs kurze, weiter untergliederte Kapitel, ergänzt sie mit der Wiedergabe der analysierten Bilder und Details, fügt Verzeichnisse zeitgenössischer Literatur (38 Titel) und späterer Forschungsliteratur (89 Titel) hinzu, sogar Personen- und Ortsregister (mit 60 resp. 74 Eintragungen) und einen peniblen Nachweis der 59 Abbildungen.[2] Leider ist die Druckqualität der schwarz-grau-weißen Wiedergaben auf glattem Papier nicht sonderlich gut, bedingt wohl auch durch die z.T. getönten Vorlagen: Für ein Buch zu einem fotografischen Thema reicht sie nicht hin. Lange hat ihr Buch wissenschaftlich-anspruchsvoll in kulturwissenschaftlicher Diktion geschrieben, 343 Anmerkungen dienen für Belege und kurze ergänzende Hinweise.
Lange eröffnet ihre Studie mit der Bildbeschreibung und -analyse von fünf Zeichnungen des Karikaturisten Józef Rapacki (1871-1929), die er 1915 bis 1918 in einer Zeitschrift und 1918 als Mappenwerk veröffentlichte, um gegen die Unterdrückung durch das Deutsche Reich im Sinne eines polnischen Nationalismus zu agitieren: Szenen vom durch die Militärverwaltung erzwungenen öffentlichen Fotografiertwerden in durchnummerierten Personengruppen, von schikanösen Passkontrollen, vom langen Anstehen vor Passbüros, von allegorischer sexueller und gewalttätiger Bedrohung: Codierungen von Demütigungen, Beleidigungen, Beraubungen und heterosexueller Gewalt. Ein Exkurs zur Geschichte des (Reise-)Passes und zum neuartigen Passzwang, eingeführt zur vorgeblich totalen Erfassung der Bevölkerung in den besetzten Gebieten, der auch das stetige Bei-sich-Tragen des Passes außer Haus mit einschloss, sowie zur Verbindung von Pass und Passbild führt zur zeitgenössischen literarischen Definition, dass ein vollwertiger Mensch aus Körper, Seele und Pass, d.h. aus Pass mit Fotografie, bestehe – erst durch das Fotografiertwerden erhalte der Mensch seine Existenzberechtigung (S. 23).
Im zweiten Kapitel holt Lange die theoretische Rahmung ihres Buches nach: Sie rekapituliert die Literatur zur Geschichte der Passfotografie in Deutschland inkl. der von Fingerabdrücken zur Identifikation und Legitimation und weiter die zeitgenössische publizistische Feier von Effektivität und Ordnung in der Erfassung und Fotografie ganzer Bevölkerungen, aber auch spätere Kritik – Feier wie Kritik fordern zur Reflexion des jeweiligen ideologischen Kontextes der Veröffentlichungen auf. Es folgen Erläuterung der nur spärlichen Überlieferung und Quellenlage, schließlich die bildtheoretische Scheidung zwischen Fotos und Bildern vom Fotografieren: Lange geht es um den sprachlichen und visuellen Metadiskurs der Bilder. Aus politisch-propagandistischen Zwecken weisen sie den Machthabern eine effektive ökonomische Praxis nach, belegen aber gleichzeitig den Widerstand der Betroffenen und führen den historischen Zwang vor. Die spärliche Literaturlage weise darauf hin, dass die Aktion im Nachhinein nur als ein historisches Zwischenspiel außerhalb Deutschlands galt: Sie war nur ein Vorspiel späterer Gebrauchsfotografie und bezog sich nur auf Nicht-Deutsche (vergleichbar Kriegsgefangenen und kolonialisierten Gruppen). Schließlich entsprach die Ästhetik von Gruppenfotos nicht der von Einzelporträts. In die Gruppenfotos sind zudem Diskurse des Identifizierens und des Disziplinierens involviert, sie erzählen von maximaler Kontrolle und Nutzbarmachung der Bevölkerung als militärische und ökonomische Ressource, beim genaueren Hinsehen aber auch von Widerstand und Widerworten. Lange will ein undiszipliniertes Buch schreiben (S. 40): Von Bruchstücken ausgehend, analysiert sie das Umgehen, Herausfordern und Subvertieren der Disziplinierung durch widerständige Praktiken. Diesen Relikten und Verweisen sei ein reflexiver, fragmentarischer Zugang angemessen, der sich zur Bedeutsamkeit des Details bekenne (S. 44).
Im dritten Kapitel stellt Lange fünf holzschnittartige Stiche aus einem Album des litauischen Künstlers und Autors Jozuas Šilietis (Pseudonym für Jaroslavas Rimkus, 1888-1976) vor, die er mit zweisprachigen, litauischen und englischen Erläuterungen 1922 im Zuge der Staatswerdung Litauens fertigte und publizierte: eine Szene des gruppenweisen Fotografiertwerdens in einem Viehstall zusammengepferchter Menschen unter militärischem Zwang, zwei Allegorien zur russischen wie deutschen Unterdrückung und zur deutschen Ausbeutung, dazu die Zeichnung eines eigenen Passes mit Porträtfoto und Fingerabdruck und die Szene einer Passkontrolle unter Strafandrohung auf der Straße. Um die Absichten und konkrete Durchführung der Passaktion darzustellen, nutzt Lange außerdem eine Selbstdarstellung der Militärverwaltung Ober Ost, ein Plakat zur örtlichen Einbestellung und eine Bildpostkarte mit handschriftlichen Erläuterungen zu den Einzelschritten der Passausstellung. Besonders die Bildpostkarte informiert über das genaue Procedere, die Herstellung von Pass, Passfoto und Beleg im Zentralarchiv, bezeugt und beglaubigt durch eine örtliche Autoritätsperson. Der Passzwang diente wie die gleichzeitige Volkszählung zur Erfassung von Arbeitskräften – generell zur Konstruktion einer immobilen, erniedrigten und versklavten Zwangsgemeinschaft.
Im vierten Kapitel wechselt Lange zu fünf, für die Veröffentlichung in der Presse angefertigte Fotografien, die amtliche Fotografieraktionen in zwei Dörfern Nordfrankreichs zeigen: Szenen aus verschiedenen Perspektiven mit den zu dokumentierenden Personen auf mobilen Staffagen mit vorbereitetem Zählschema, dem zugehörigen amtlichen Personal, inkl. einer mobilen Dunkelkammer[3] zum Entwickeln der Fotos und zahlreichen neugierigen Kindern sowie einem nachgestellten Ergebnisbild mit zehn Personen. Außerdem wertet sie einen zugehörigen journalistischen Text aus, der die militärische Passaktion als deutsches Schelmenstück auf dem Lande verharmlost und die Abfotografierten, insbesondere die Frauen, als rückständig diskreditiert. Exkurse zur Geschichte des bildlichen Porträts leiten über zu Fragen von Erkennbarkeit und Identität, zu Verbrecherkarteien, vermeintlichen Identifikationen von Rassenmerkmalen in der ethnographischen Fotografie und zum touristischen Blick in populären Bildmedien: Der Pass wurde potenziell zu einem Dokument des Verdachts (S. 111).[4] Ausführungen zu Fälschungsmöglichkeiten, zur fotografischen Selbstunähnlichkeit, zu Selbstdarstellungen und Spaßbildern bis hin zur entgrenzten Porträtkultur der Gegenwart verbindet Lange mit der Erinnerung daran, dass die Passbilder unter Überschreitungen körperlicher, ethischer, religiöser, sozialer und ethnischer Grenzen durch die deutsche Militärverwaltung entstanden sind.
Im fünften Kapitel wendet Lange sich den fotografischen Praktiken zu: dem Durchgangsstadium der Gruppenfotografien, deren sich leicht rundende Anordnung der zu fotografierenden Personen sie an ein potenzielles Rundpanorama aller zu erfassenden und zu kontrollierenden Personen erinnert,[5] dem Verfahren des Nummerierens und Zerschneidens, für das verschiedene Varianten entwickelt wurden, der Sicherung von Doppelstücken im Archiv und dem Einkleben der Ausschnitte mit den zugehörigen Nummern in die Pässe, ihr Absichern durch Stempelungen, Unterschrift einer Amtsperson und Fingerabdruck sowie schließlich dem strafbewehrten Zwang, den Pass außerhalb des Hauses stets am Körper bei sich zu tragen. Die vollständige Wiedergabe eines realen Passes aus Ober Ost schließt das Kapitel ab – vielleicht soll uns die kontrastarme, graulastige Fotografie an die Schutzwürdigkeit der historischen Inhaberin gemahnen.
Im sechsten Kapitel lässt Lange ihre kulturhistorische und kulturwissenschaftliche Analyse ausklingen, indem sie einige Fotografien auf eigene Weise zerschneidet. Entgegen dem vorgegebenen Setting der Disziplinierung zeigt sie uns vieldeutige, polysemische Details vom Dorf, von Paaren, von Unterhaltungen, Berührungen, Händen, Kleidung und Blicken. Langes Forschungsskizze erweist sich als dicht und intensiv recherchiertes, detail- und perspektivenreiches, „gezoomtes“ Bild einer Aktion der Unterdrückung und Ausbeutung der Bevölkerung in im Ersten Weltkrieg eroberten Gebieten unter Einsatz amtlicher und fotografischer Mittel. Fachkundig ergänzt Lange ein bisher vernachlässigtes Kapitel der Fotografiegeschichte und stellt es in den zugehörigen kulturhistorischen Zusammenhang. Kulturwissenschaftlich geschult, genügen Lange auch wenige Quellen und Belege – unterfüttert durch kulturtheoretische Rahmungen und literarische Beobachtungen – für weitreichende Schlussfolgerungen und Interpretationen: Anregend und decouvrierend zugleich.
Britta Lange, Passfotos unter Zwang. Deutsche Fotopolitik im Ersten Weltkrieg, De Gryter, Berlin 2025, 166 Seiten, 59 Abbildungen, 59,95 €
Diese Rezension ist eine Zweitveröffentlichung und zuerst auf dem Portal Informationsmittel (IFB): Digitales Rezensionsorgan für Bibliothek und Wissenschaft erschienen. Wir danken Wilbert Ubbens und Dr. Klaus Schreiber für die freundliche Genehmigung, den Text auf Visual History leicht verändert zu veröffentlichen.
https://informationsmittel-fuer-bibliotheken.de/showfile.php?id=13426
[1] Vgl. ihre dienstliche Website mit Vita und vollständiger Literaturliste: https://www.culture.hu-berlin.de/de/institut/kollegium/1685612 [01.06.2026].
[2] Inhaltsverzeichnis: https://www.gbv.de/dms/weimar/toc/192419421X_toc.pdf [01.06.2026].
[3] Fahrbare Dunkelkammern gehörten nicht „in“ den 1850er Jahren, wie Lange schreibt, sondern „seit“ den 1850er Jahren zur Ausrüstung reisender Fotografen (S. 82).
[4] Im Fließtext formuliert Lange „Moment des Verdachts“, in der zugehörigen Anm. 267 heißt es „Dokument des Verdachts“ (S. 111).
[5] Dem Rezensenten erscheint diese Interpretation ein wenig zu weitgehend zu sein, da Fotografien aus anderer Perspektive deutlich eine lineare Ausrichtung der Fototribünen erkennen lassen (S. 120).

