Der Fotograf Fred Stein

Ein jüdisch-deutsches Leben 1909-1967

Fred Stein war Zeitgenosse von Henri Cartier-Bresson, David „Chim“ Seymour, Gerda Taro und Robert Capa, hat es aber nie zu vergleichbarem Ruhm gebracht. Warum, ist ein Rätsel, das Daniel Siemens in seiner kürzlich im Aufbau-Verlag erschienenen Biografie mit Tief- und Breitengang erörtert.

Buchcover mit Foto eines Mannes mit Kamera und Schrift

Cover: Daniel Siemens, Der Fotograf Fred Stein. Ein deutsch-
jüdisches Leben 1909-1967, Berlin, C.H. Links Verlag 2026 ©

Fred Steins Fotografien von Albert Einstein, von Bertolt Brecht und allen voran von Hannah Arendt sind zu Bildikonen geworden, die die visuelle Erinnerung an die Porträtierten maßgeblich geprägt haben. Auch Willy Brandt, Marlene Dietrich, Anna Seghers, Alfred Döblin, Eleanor Roosevelt, Marc Chagall, Klaus Mann, Thomas Mann oder Günter Grass ließen sich von Stein porträtieren, um hier nur einige seiner Sujets zu nennen. Einen Fotografen, dessen Werke man kaum umgehen kann, wenn es um die intellektuelle Prominenz des 20. Jahrhunderts geht, müsste man eigentlich beim Namen kennen. Doch erst jetzt erfährt Stein die Anerkennung, die seinem fotografischen Werk gebührt – dank einiger Ausstellungen (Report from Exile im Deutschen Historischen Museum 2020/21, Fred Stein. Modern Times im Kupferstich-Kabinett Dresden 2018, Im Augenblick im Jüdischen Museum Berlin 2013/14) und der neu erschienenen Biografie von Daniel Siemens, Professor für europäische Geschichte an der Newcastle University.

Schwarzweißporträt einer liegenden Frau mit Zigarette

Fred Stein: „Hannah Arendt“, New York 1944. Quelle: Fred Stein Archiv,
Stanfordville/New York © mit freundlicher Genehmigung

Der Dresdner Fred Stein (1909-1967) hatte sein Jura-Studium fast abgeschlossen, als er im Oktober 1933 mit seiner Frau Lilo aus Deutschland fliehen musste – zunächst wegen seines Engagements in der SAPD, der Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands. Diese war in der späten Weimarer Republik als politische Kraft zwischen Sozialdemokraten und Kommunisten gegründet worden: einerseits als Versuch, die SPD von ihrer engen Zusammenarbeit mit dem Zentrum abzubringen, andererseits in Abgrenzung von der stalinistisch orientierten KPD. Fred Stein war überzeugter Sozialist und entschiedener Antikommunist. Als Jude und Linker wurde er vorzeitig aus dem Justizvorbereitungsdienst entlassen, sein zweites Staatsexamen blieb ihm verwehrt.

Lilo Stein (1910-1997, geborene Salzburg) wiederum stammte aus großbürgerlichem Milieu. Erst durch Fred lernte sie Menschen aus anderen sozialen Schichten kennen, erst recht in den Exiljahren. Das Paar heiratete 1933, knapp zwei Monate bevor sie Dresden verlassen mussten. In Paris lebten sie in einer großen Wohngemeinschaft mit anderen Geflüchteten, darunter Gerda Taro und Robert Capa.

Wegen des Berufsverbots für Ausländer in Frankreich versuchten zahlreiche Exilanten wie die Steins, mit professioneller Fotografie Geld zu verdienen. Das war nicht leicht: Starke Konkurrenz drückte die Preise, und Verlage rangen mit Fotografen um Urheberrechte. Während Fred fotografierte und Aufträge akquirierte, übernahm Lilo im gemeinsamen „Studio Stein“ das Retuschieren und Entwickeln der Aufnahmen. Siemens hebt ihren unermüdlichen Einsatz immer wieder hervor – ein bemerkenswerter Akzent in einer Biografie, die zwar nach Fred benannt ist, zwischen den Buchdeckeln (und manchmal zwischen den Zeilen) aber nahezu paritätisch erzählt wird. Auch später in New York war es Lilo, die mit mehreren Jobs den Lebensunterhalt der inzwischen vierköpfigen Familie sicherte, da Freds Fotografien allein dazu nicht ausreichten. Siemens betont zudem das immense Privileg, das die Steins durch Lilos wohlhabende Familie genossen und dem sie eine finanzielle Unterstützung im Exil, sowohl in Paris als auch in den USA, verdankten, von der nur wenige Exilgeschichten erzählen können.

Ein jähes Ende nahmen die Pariser Jahre des Paars (inzwischen inklusive Tochter Ruth Marion) im Mai 1940: Fred wurde in mehreren französischen Lagern interniert und leistete Zwangsarbeit im Straßen- und Barackenbau. Nach der chaotischen Auflösung der Lager im Juni desselben Jahres folgten Monate des Untertauchens, bis die Familie wieder vereint und die Einreise in die USA gesichert war – ermöglicht unter anderem durch einflussreiche Verwandte Lilos. Im Mai 1941 verließ der Ozeandampfer SS Winnipeg Marseille in Richtung New York. Doch das Schiff wurde unterwegs gekapert, die Passagiere auf Trinidad in einem „britischen Konzentrationslager“ festgehalten und erst acht Tage später auf der SS Evangeline weiter nach New York gebracht, wo sie am 13. Juni eintrafen. Siemens nutzt diesen Moment, um auf weitere Exilant:innen an Bord hinzuweisen, die eigene Aufmerksamkeit verdienen: etwa auf die Fotografin und Übersetzerin Lore Krüger oder die Ehepaare Gerhart und Hilde Eisler, Albert und Herta Norden, Alexander und Hilde Abusch sowie auf den Sozialisten und Gewerkschafter Erhard „Paul“ Konopka.

In den USA war Stein vor allem mit seinem Bildband 5th Avenue (1947) erfolgreich. Er dokumentierte die Vielfalt des New Yorker Stadtlebens entlang einer einzigen Straße, die sich von der Südspitze Manhattans weit nach Norden zieht. Die fünf in Siemens‘ Biografie abgedruckten Aufnahmen geben bereits einen Eindruck der Diversität dieses „melting pot“, die Stein so kunstvoll wie journalistisch-dokumentarisch festhielt.

Schwarzweißfoto einer jungen Frau mit einer Schachtel in der Hand, auf der „Dobbs, Fith Avenue“ steht.

Fred Stein: „Dobbs, 5th Avenue“, New York 1946. Quelle: Fred Stein Archiv,
Stanfordville/New York © mit freundlicher Genehmigung

Schwarzweißfoto eines kleinen Mädchens in einem Spielzeugauto auf einer Straße

Fred Stein: „Girl in Car“, New York 1947. Quelle: Fred Stein Archiv,
Stanfordville/New York © mit freundlicher Genehmigung

Der Erfolg verstetigte sich jedoch nicht, und Stein blieb noch über ein Jahrzehnt primär Auftragsfotograf für Porträtaufnahmen. Seinen größten Erfolg im deutschsprachigen Raum hatte er mit Deutsche Porträts (1961), herausgegeben gemeinsam mit dem Kunstkritiker Will Grohmann. Das Buch versammelte die intellektuelle und politische Prominenz Nachkriegsdeutschlands, brachte den Herausgebern jedoch nicht nur Lob ein. Viele der Porträtierten hatten eine NS-Vergangenheit, und die Anordnung der Abgebildeten (etwa Willy Brandt neben dem ehemaligen NSDAP-Mitglied Herbert von Karajan) sorgte für Irritationen. Der Erfolg des Bandes verhallte rasch, und als Steins Gesundheit zunehmend nachließ und fotografische Streifzüge durch New York körperlich nicht mehr möglich waren, wandte er sich einer weiteren Leidenschaft zu: der Literatur.

Im Kapitel „Literarische Aufklärung“ – einem der erzählerischen Höhepunkte der Biografie – zeichnet Siemens die zermürbenden Versuche Steins nach, bis zu seinem Tod einen deutschen Verleger für eine mindestens 500 Seiten starke Anthologie bekannter und weniger bekannter Autor:innen zu finden. Sein Ziel war es, einen geschichtspolitischen Querschnitt zusammenzustellen, der der bundesrepublikanischen Jugend dabei helfen sollte, die Vergangenheit ihres Landes kritisch zu prüfen. Stein beobachtete aus dem US-Exil den verwerflichen Umgang mit der Jugend in Deutschland, die, ähnlich wie kurz darauf die 68er, statt für ihre Neugierde und ihr Geschichtsbewusstsein gelobt zu werden, „dafür kritisiert wird, sie solle sich vor Selbstgerechtigkeit und diktatorischen Urteilen hüten, wenn sie sich mit der Haltung der Alerteren [sic]während der jüngsten Vergangenheit befasst“. Zur Publikation kam es nie: Das Manuskript liegt, wie Siemens schreibt, „im Archiv des Jüdischen Museums Berlin im Dornröschenschlaf“.

Auch Lilo blieben Enttäuschungen nicht erspart: Sie erwarb in mittlerem Alter noch ihren Masterabschluss und lehrte an einer kleinen New Yorker Hochschule Deutsch, entschied sich aber wegen mangelnder Aussicht auf eine Festanstellung für die Frührente. Daniel Siemens beschreibt mit großer Empathie, und zugleich nah an den Quellen und dem geschichtlichen Kontext, wie das Ehepaar Stein zu seinen Lebzeiten mit Misserfolgen und Enttäuschungen zu kämpfen hatte. Ein bestechend gutes Netzwerk aus zahlreichen Kulturschaffenden und intellektuellen Größen schützte auch nicht vor dem Vergessenwerden nach Fred Steins frühem Tod 1967.

Siemens’ Überlegungen zu den maßgeblichen Faktoren des Misserfolgs – zum einen das Exil, zum anderen die mangelnde institutionelle Verankerung der Fotografie – sind überzeugend. Eine auffällige Leerstelle bleibt hingegen Magnum: Dass die von Steins Ex-Mitbewohner Robert Capa mitgegründete Fotografen-Vereinigung mit keinem Wort erwähnt wird, fällt umso mehr auf, je öfter das Thema kollektiver Strukturen – etwa am Beispiel der linkspolitischen Photo League – doch aufgegriffen wird.

Das Kollektiv namens Magnum, das 1947 von Capa mit „Chim“, Cartier-Bresson und weiteren Kolleg:innen in Paris gegründet wurde, ist mittlerweile die langlebigste Fotograf:innen-Vereinigung weltweit, mit rigorosen Richtlinien für die Aufnahme neuer Mitglieder. Zu den bekanntesten zähl(t)en etwa Ansel Adams, Sebastião Salgado oder Eve Arnold. Ursprünglich funktionierte der Beitritt durch Einladung von Capa höchstselbst, später erst etablierte man spezielle Satzungen für diesen Prozess, bei dem sämtliche aktive Mitglieder (die zugleich alle Anteile des Kollektivs besitzen) mitbestimmen. Fred Stein scheint nie eingeladen worden zu sein, auch erwähnt Siemens keine Korrespondenzen in seinem Nachlass, die auf ein Interesse Steins an einem möglichen Beitritt schließen lassen. Da Stein immer wieder Schwierigkeiten damit hatte, sein Urheberrecht durchzusetzen, mag man dieses Desinteresse im Rückblick für verwunderlich halten. Denn Magnum-Mitglieder konnten stets das Copyright an ihren Werken sichern und innerhalb der kollektiven Struktur auch auf rechtliche Unterstützung und Beratung zurückgreifen.

Siemens stieß selbst nur durch Zufall auf Fred Stein. Bei Recherchen zu seinem vorigen Buch über den Weltbühne-Herausgeber Hermann Budzislawski suchte er ein Porträtfoto, das Stein aufgenommen hatte. Daraus entwickelte sich eine Korrespondenz mit Freds Sohn Peter Stein in New York, der dem Autor Zugang zu sämtlichen Dokumenten, Briefwechseln, Fotoabzügen und Manuskripten seines Vaters gewährte. Erst beim Anblick dieses Nachlasses – einem aus allen Nähten platzenden Konvolut aus Briefwechseln mit bedeutenden Persönlichkeiten der Nachkriegszeit (oft Sujets Steins) sowie Fotonegativen noch vergleichsweise unbekannter Werke und besagtem Buchmanuskript – entschied sich Siemens endgültig zum Schreiben der Biografie.

Siemens ist von Haus aus kein Kunsthistoriker und kein Experte für Fotografiegeschichte. Die kunsthistorischen Einordnungen sind dennoch sehr gelungen. Siemens stützt sich dafür auf Selbstzeugnisse des Fotografen, vornehmlich diverse Vorträge zur Fotografie, die Stein in der New York Public Library hielt. Stein betonte darin die Notwendigkeit der intellektuellen Auseinandersetzung mit dem Sujet, die den professionellen Künstler vom Hobbyfotografen unterscheide. Experimentelle Nutzungsmöglichkeiten der Kamera (etwa Fotogramme, auch „kameralose Fotografie“ genannt), an die sich einige seiner Zeitgenoss:innen heranwagten, ließen ihn aber kalt. Stein habe den „humanistisch-dialogischen Stil“ für sich perfektioniert und innerhalb der Foto-Welt eine „eher konventionelle Grundposition“ eingenommen, so das Resümee des Historikers.

Der Fotograf Fred Stein ist ein populärwissenschaftliches und zugleich tiefgründiges Buch, kurzweilig und reich an Exkursen, die sich an geschichtsinteressierte Leser:innen richten, ohne den Faden zu verlieren. Um das vielschichtige Leben der Steins zu erfassen, sind diese thematischen Ausflüge letztlich unverzichtbar: Sie machen zum einen die intellektuellen und politischen Nuancen und Brüche nachvollziehbar, und helfen zum anderen dabei, die Kontexte zu erschließen, innerhalb derer sich die Steins in Dresden, Paris und New York bewegten. Der Fotograf, Sozialist und Humanist Fred Stein verdient mehr Aufmerksamkeit in der Fotografiegeschichte – und Daniel Siemens’ Biografie leistet dazu einen wichtigen Beitrag, der hoffentlich von vielen Fotografie- und Geschichtsbegeisterten wahrgenommen und gewürdigt wird.

 

 Daniel Siemens, Der Fotograf Fred Stein. Ein deutsch-jüdisches Leben 1909-1967, Berlin, C.H. Links Verlag 2026, 336 S., 28,- €

 

 

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