Rezension: „Etwas sensationell Neues“ – Marburg um 1910 in Farbfotografien von Georg Mylius

Begleitband zur gleichnamigen Ausstellung im Hessischen Staatsarchiv Marburg

Cover: „Etwas sensationell Neues“. Marburg um 1910 in Farbfotografien von Georg Mylius. Begleitband zur gleichnamigen Ausstellung im Hessischen Staatsarchiv Marburg, Marburg 2019

„Ich war damals in Marburg nicht ganz unbekannt durch 24 Farbfotografien, die ich als Postkarten veröffentlicht hatte“ (S. 21). Schlicht und bedeutungsvoll zugleich sind die Worte, die der Apotheker und Drogerie-Fabrikant Georg Heinrich Mylius (1884-1979) in einem der letzten Briefe 1978 seinen 1911 entstandenen Aufnahmen widmete. Als erste fotografische Darstellungen Marburgs in Farbe und als solche seinerzeit ein öffentlich stark beachtetes technisches Novum können diese sogenannten Autochrome (S. 18) nach wie vor einiges Interesse für sich beanspruchen.

Bereits 1975 dem Hessischen Staatsarchiv Marburg (HStAM) übergeben und aus konservatorischen Gründen seit 2018 in der Obhut des Bildarchivs Foto Marburg, wurde die kleine Sammlung jetzt zum Gegenstand einer vom Hessischen Staatsarchiv in Zusammenarbeit mit Foto Marburg veranstalteten Kabinettausstellung nebst einer sie begleitenden empfehlenswerten Publikation über die Spezifik und den Kontext der Fotografien von Georg Heinrich Mylius.

Dem 94-Jährigen selbst müssen die Bilder am Ende seines Lebens in mehrfacher Hinsicht als „Rückblick“ und sehr weite Zeitreise erschienen sein. Die nostalgischen Ansichten der Stadt Marburg und ihrer Umgebung dokumentieren nicht nur ein vormodernes, längst verlorenes Stadtbild in einer vergangenen fotografischen Bildsprache. Die Motive standen für den Amateurfotografen auch sehr persönlich für eine seit langem abgeschlossene Vergangenheit. Denn das Konvolut bedeutet sowohl Anfang als auch Ende einer künstlerischen Neigung. Nach seiner Zeit als Student und Doktorand der Pharmazie an der Philipps-Universität Marburg von 1908-1912 hatte Mylius das Interesse für die Kamera wieder verlassen.

Als würde sich mit einem Aufenthalt in der malerischen Universitätsstadt an der Lahn das verbinden, was ein ungleich berühmterer ehemaliger Marburger die „Zeit des Weltbildes“ nannte, so scheint die Lebenswelt an diesem Ort in „pittoresken“ (S. 23) Bildern zu sich selbst zu kommen. Oder hatte sich in den kunstvollen romantischen Kompositionen Mylius‘ Verständnis der Fotografie und des Fotografierens schon erschöpft? Der weitere, auch politisch brisante Lebensweg in immer verantwortungsvolleren Positionen in der Weimarer Republik, im Nationalsozialismus und schließlich in der DDR – im Katalog geht Christoph Friedrich ausführlich darauf ein – würde einem eher dokumentarisch interessierten Amateurfotografen gewiss zahlreiche weitere Gelegenheiten der Selbst- und Weltbeobachtung geboten haben.

Alte Steinmühle der Landgrafen von Hessen, Marburg 1911. Foto: Georg Mylius, Quelle: Bildarchiv Foto Marburg © mit freundlicher Genehmigung

Weil Mylius‘ Bilder im Laufe der Jahrzehnte vereinzelt das stadt- und regionalgeschichtliche Interesse weckten, zielt der Katalogband völlig zu Recht auf klärende fotografiegeschichtliche und kulturgeschichtliche Konkretisierungen. Die redaktionell angestrebte „Verbindung von biographischen, technik- und milieugeschichtlichen Aspekten“ (S. 8) erfüllt sich im Rahmen eines Einzelbeitrags in den Ausführungen von Sonja Feßel. Der auch seinem Umfang nach als Haupttext anzusehende sehr lesenswerte Essay zeichnet panoramaartig und doch mit großer Tiefenschärfe die Rahmenbedingungen des bemerkenswerten kometenhaften Erfolgs des Amateurfotografen. Eher beiläufig und sozusagen in den Arbeitspausen des Doktoranden parallel zur Niederschrift einer Promotion über Zellbiologie entstanden, war es Mylius‘ verklärenden Stadtansichten nicht vorherbestimmt, zum Stadtgespräch zu werden. Feßel verweist auf die 1896 gegründete Photographische Gesellschaft zu Marburg und deren Leitung durch einen Marburger Botanik-Professor als akademischen Hintergrund für Mylius‘ im Studium aufflammendes und danach sogleich wieder verlöschendes Interesse für Fotografie.

Die rege Marburger Fotografie-Szene erklärt auch, warum Mylius als Anfänger sogleich mit dem seinerzeit als „revolutionär“ geltenden Verfahren der „Reproduktion nach farbigen Lumière’schen Autochromen“ (S. 19) in Berührung kam und warum sich diese Würfe „zeitweise großer Aufmerksamkeit“ (S. 21) erfreuten. Der Erfolg der Fotos ist außerdem ein Indiz für die Wirksamkeit der seit Ende des 19. Jahrhunderts einsetzenden Förderung der Amateurfotografie durch den Direktor der Hamburger Kunsthalle Alfred Lichtwark oder den Karlsruher Professor an der TU Darmstadt und Fotografen Fritz Schmidt. Dessen 1913 erschienenes Sammelwerk über „Farben-Photographie“ enthielt unter 100 ausgewählten Bildern von Berufs- und Amateurfotografen auch eine Aufnahme von Georg Mylius.

Deutsches Haus & Komturei – Durchgang zwischen Deutschordensgebäuden und Elisabethkirche

Deutsches Haus & Komturei – Durchgang zwischen Deutschordensgebäuden und Elisabethkirche, Marburg 1911. Foto: Georg Mylius, Quelle: Bildarchiv Foto Marburg © mit freundlicher Genehmigung

Feßels Aufsatz, der auch ausführlich den Erhaltungszustand der Mylius’schen Autochrome sowie deren Digitalisierung und Online-Veröffentlichung im Bildindex der Kunst und Architektur (www.bildindex.de) thematisiert, begleiten ergänzende und erweiternde kleinere Beiträge zur Technik- und Milieugeschichte. Reinhard Frost erinnert an die etwa zeitgleich zu Georg Mylius‘ Autochromen entstandenen, davon sich aber gestalterisch und technisch vollkommen unterscheidenden Postkarten-Fotografien von Jakob Schulz (1868-1939).

Mit Wilhelm Risse (gest. 1904) rettete Jutta Schuchard einen weiteren Vertreter der „Marburger Frühfotografie“ (S. 119) vor dem Vergessen. Zu der Fotokunst des 19. Jahrhunderts stehen die Bilder von Georg Mylius ästhetisch im Gegensatz, erheischen jedoch gerade deshalb, die spannungsvolle Fortsetzung der Traditionslinie einer noch ungeschriebenen „Geschichte der Fotografie in Marburg“ (S. 119) zu sein.

Dass Mylius‘ Bilder von Anfang an für diesen lokalen Rahmen der Marburger Fotografen-Szene gedacht gewesen sein mögen, deuten auch die technikgeschichtlichen Bemerkungen von Franziska Scheuer an. Zunächst führte nicht der Gedanke an die Reproduzierbarkeit durch Postkarten, sondern die Aussicht auf einen geselligen Akt des gemeinschaftlichen Betrachtens von Dia-Positiven Mylius‘ Hand zum Kameraauslöser. Die Autochrome waren „eigentlich für die Projektion“ (S. 68f.) bestimmt, und noch 1975, wohl im Zusammenhang mit der Übergabe der Aufnahmen an das Hessische Staatsarchiv, erinnerte Georg Mylius brieflich daran: „Am schönsten kommen die Bilder natürlich in der Projektion zur Geltung“ (S. 70).

Offenbar befolgte die Autorin als Mitarbeiterin von Foto Marburg diesen Hinweis experimentell mit Hilfe eines noch heute in der Fotografischen Sammlung des Archivs befindlichen historischen „Bilderwerfers.“ Auf diese Weise wiederbelebt, machen die Autochrome in ihrer „spektakulären“ (S. 70) Wirkung bei Vergrößerungen auf Leinwand auch die überschwänglichen, zunächst befremdlichen Aussagen von Zeitzeugen über die Ähnlichkeit der vermeintlich traditionalistischen Motive Mylius‘ mit der Malerei der Moderne verständlicher: Durch „winzige kleine Farbpunkte nach dem Prinzip der additiven Mischung“ (S. 69) sich im Auge des Betrachters zu farbigen Bildern zusammensetzend, erinnerten die Autochrome damalige Bewunderer an moderne „pointilistische Gemälde, bei denen Farbpunkt neben Farbpunkt steht“ (S. 70), wenn Mylius‘ Farbfotografien via Lichtprojektion zu „Wandbildern“ vergrößert wurden.

Auf solch überraschende Zusammenhänge verweist der Katalogband nicht extra, und sie werden oft, allzu oft in Nebensätzen versteckt. So negiert Sonja Feßel den interessanten Gedanken an die malerischen Farbfotografien von Georg Mylius als eine Art familiären „Paragone“-Wettstreit zwischen Fotografie und Malerei im Sinne einer Rivalität mit der „malerischen Tätigkeit des Vaters“ knapp als „spekulativ“ (S. 32). Der „Piktorialismus“ (S. 32) der um 1900 wirkungsmächtigen sogenannten Kunstfotografie hatte mit der Kamera zu malen versucht.

Mylius‘ Besuch kunsthistorischer Vorlesungen bei Ludwig von Sybel (1846-1929) oder Franz Bock (1876-1944) und die daher mögliche Bekanntschaft mit dem Werk zeitgenössischer Künstler wie des Pointilisten Paul Baum (1859-1932) oder Carl Bantzers (1857-1941), der Fotografien von Mylius besaß (S. 38), wären ebenfalls für bildgeschichtliche Fokussierungen interessant gewesen. Jedenfalls hätten entsprechende Visualisierungen den Band zusätzlich aufgewertet, was von den nicht weniger als sechs viertelseitig großen Reproduktionen der Promotions- und Arbeitszeugnisse aus Mylius‘ Pharmazeuten- und Apothekerlaufbahn nicht behauptet werden kann.

Verglichen mit der aktuellen bild- und wissenschaftsgeschichtlichen Erforschung von Postkarten bleibt der Katalog vollends hinter seinen Möglichkeiten zurück. So benennt Jutta Schuchard nur schlagwortartig die „Ästhetisierung“ (S. 38) der Mylius’schen Bilder. Dieser Punkt ist im Zusammenhang mit der Wirkung ähnlicher „Ansichtskarten“ auf die Literatur der Jahrhundertwende, etwa Georges Rodenbachs „Das tote Brügge“ (1892), andernorts weitergehender problematisiert worden.

Rodenbachs Dekadenz-Klassiker enthielt als „ästhetische Spiegelung“ sogar 35 Reproduktionen solcher Stadtansichten, die durch das charakteristische Fehlen von Menschen und die Suggestion der wie ausgestorben wirkenden Plätze und Straßen von Brügge auf diesen Fotografien die morbide symbolistische Dichtung Rodenbachs inspirierten. Von wenigen Staffagefiguren abgesehen, zielt auch Mylius‘ Fotokunst darauf ab, alles bloß Anekdotische zu vermeiden und stattdessen die Gebäude und Straßen selbst als stumme steinerne, historische Zeugen fotografisch zum Sprechen zu bringen.

Nicht nur aus dieser ikonologischen, auch aus kunstsoziologischer Perspektive lässt der Band Fragen offen. Wegen ihrer Popularität als Postkartenmotive sind die Mylius’schen Aufnahmen auf das zu befragen, was sie in ihrer unübersehbaren Ästhetisierung überdecken. Die zeitlos anmutenden, jeden Konflikt verschleiernden stimmungsvollen Bilder waren bereits kurz nach deren Editierung als Postkarten im Verlag der alteingesessenen Marburger Buchhandlung N.G. Elwert 1913 Monumente einer „Welt von gestern“. Rudolph Braun-Elwert informiert in seinem Katalogbeitrag darüber, dass diese Postkarten „bis weit in die 1920er Jahre“ (S. 35) hinein nachgefragt waren.

In welchem Umfang die Karten im Ersten Weltkrieg als Post aus der Heimat ins Feld gingen und ob in der Um- und Aufbruchszeit der Weimarer Republik ab 1919 mit den suggestiven Farbaufnahmen von Georg Mylius ein konservatives „Image“ Marburgs aufrecht erhalten wurde, war für den Moment und beim jetzigen Stand der Forschung nicht zu klären. Der substanzielle Band mit seinen prachtvollen Reproduktionen und detaillierten Texten legt jedenfalls den sehr soliden Grundstein für weitergehende bild- und ideengeschichtliche Recherchen.

 

„Etwas sensationell Neues“. Marburg um 1910 in Farbfotografien von Georg Mylius. Begleitband zur gleichnamigen Ausstellung im Hessischen Staatsarchiv Marburg (= Schriften des Hessischen Staatsarchivs Marburg, Bd. 37), Red.: Karl Murk. 128 Seiten, zahl. farb. Abb., Marburg 2019, ISBN 978-3-88964-222-6, 10,-€

 

 

Zitation


Jörg Probst, Rezension: „Etwas sensationell Neues“ – Marburg um 1910 in Farbfotografien von Georg Mylius. Begleitband zur gleichnamigen Ausstellung im Hessischen Staatsarchiv Marburg, in: Visual History, 10.09.2019, https://www.visual-history.de/2019/09/10/rezension-etwas-sensationell-neues-marburg-um-1910-in-farbfotografien-von-georg-mylius/
DOI: https://doi.org/10.14765/zzf.dok-1703
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