Neue „Comicheld*innen“ für Groß-Berlin

Sieben Geschichtscomics in der Ausstellung „Kiezgeschichten. 100 Jahre Friedrichshain und Kreuzberg“ im Friedrichshain-Kreuzberg Museum, 19. Juni bis 4. Oktober 2020

Etwa ein Dutzend unsichere Blicke trafen sich im Oktober 2019 in einem Seminarraum der Freien Universität Berlin zum Thema „Geschichte im Comic“.[1] Bei der einleitenden Abfrage nach Vorkenntnissen und Erfahrungen bezüglich der eigenen Zeichen-, Mal- oder Illustrationsfähigkeiten meldeten sich zögerlich nur einige wenige. Und auch die Frage nach den bereits bekannten Comics führte zumeist zurück in Kindertage. Trotzdem sollte der Workshop die Studierenden überwiegend aus dem Masterstudiengang Public History im folgenden Wintersemester nicht nur zu Comicautor*innen, sondern auch zu Illustrator*innen machen.

In der genrespezifischen Kombination aus Bild, Text und Symbolen unterhalten Comics als Strips, Hefte und Alben bereits seit Anfang des 20. Jahrhunderts. Dabei galten sie ursprünglich als populäres Medium, das sich vor allem an Kinder und Jugendliche richtete und kaum Bildungsrelevanz hatte. Erst seit den 1970er Jahren spiegelt sich die vorhandene Auseinandersetzung von Comicautor*innen mit historischen Inhalten auch in der allmählichen Entstehung des Genres der Geschichtscomics bzw. der Graphic Novel wider.

Diese bilden als Teil der Erinnerungskultur mittlerweile einen wichtigen Bestandteil des historischen Lernens und damit auch „[…] eine wertvolle wissenschaftliche und pädagogische Ressource zur Dekonstruktion gesellschaftlicher Normen und Werte“, wie die Historikerin Christine Gundermann hervorhebt.[2] Ihre besondere Stärke, die Aufmerksamkeit der Lesenden an sich zu binden, ziehen Comics vor allem aus der Synästethik und Visualität des Mediums sowie gleichzeitig aus der Reduziertheit ihrer Bilder, die zum einen Raum für die eigene Vorstellungskraft lassen und zum anderen aufgrund der Verwendung von teils stereotypen Symbolen eine einfache Orientierung in der Erzählung ermöglichen.[3]

Das Genre der Geschichtscomics bewegt sich dabei stets zwischen den Bereichen Fiktionalität und Authentizität, deren Merkmale die Workshopteilnehmer*innen über die Lektüre und gegenseitige Präsentation von klassischen Geschichtscomics wie Art Spiegelmans „Maus“, aber auch neueren Publikationen wie Simon Spruyts „Junker. Ein preußischer Blues“ oder Autobiografien wie „Persepolis“ von Marjane Satrapi selbst erarbeiteten. Dabei wurde vor allem deutlich, dass es keine klaren Grundsätze für die inhaltliche und grafische Gestaltung von Geschichtscomics gibt, sondern vielseitige und vollkommen unterschiedliche Formen.[4] Diese reichten von akribischen Literaturnachweisen als Beleg für die geschichtswissenschaftliche Grundlagenarbeit über einen „[…] Trend der Schwarz-Weiß-Zeichnung bei quellenbasierten Geschichtscomics“[5] bis zu entsprechend aufgegriffenen, grafischen oder sprachlichen Stilen der dargestellten Zeit.

Die Komplexität der gestalterischen Ausarbeitung eines Geschichtscomics wurde noch einmal im Gespräch mit der zum Workshop eingeladenen Historikerin und Illustratorin Sonja Hugi deutlich, die momentan eine Graphic Novel über die Geschichte der deutsch-chilenischen Sekte „Colonia Dignidad”[6] erarbeitet, aber auch bei den ersten eigenen Zeichenübungen gemeinsam mit der Künstlerin Tabea Baumann.

Ebenso umfassend wie die Gestaltungs- und Entwicklungsmöglichkeiten von Geschichtscomics sind auch deren Druck und Vertrieb sowie schließlich ihr Einsatz in der Geschichtsvermittlung und ihr Wert in der Geschichtswissenschaft. Um auch in diese Bereiche vor der Erarbeitung eigener Comics mit historischen Inhalten in Ansätzen einzusteigen, stellte der Workshop durch Vorträge und Exkursionen den Einsatz von Comics in Gedenkstätten sowie den Stellenwert von Comics in der Geschichtswissenschaft vor und bot die Möglichkeit, den Berliner avant-Verlag für Comics und Graphic Novels kennenzulernen.

Vor der Ausarbeitung der ersten eigenen Geschichtscomics stehend, wirkten die beinahe unendlichen Möglichkeiten der inhaltlichen und grafischen Gestaltung auf die Workshopteilnehmer*innen anfänglich weniger befreiend als eher beängstigend. Doch glücklicherweise entwickelte sich im Kontext der geplanten Wechselausstellung „Kiezgeschichten. 100 Jahre Friedrichshain und Kreuzberg“ im FHXB Friedrichshain-Kreuzberg Museum frühzeitig ein thematischer Schwerpunkt, der entsprechend Orientierung bot.[7]

Plakat der Ausstellung „Kiezgeschichten. 100 Jahre Friedrichshain und Kreuzberg“ im FHXB Friedrichshain-Kreuzberg Museum 19. Juni bis 4. Oktober 2020

Die Ausstellung steht im Zusammenhang mit dem Jubiläum „100 Jahre Groß-Berlin“, das die deutsche Hauptstadt im Jahr 2020 begeht. Denn 1920 entstand Berlin durch den Zusammenschluss von Alt-Berlin mit den umliegenden Städten, Dörfern und Gutsbezirken in den Grenzen und Bezirken, die uns heute bekannt sind. Damit wuchs die Bevölkerung auf knapp vier Millionen an, und es entstanden zwanzig neue Bezirke, darunter auch Friedrichshain und Kreuzberg, die aus Teilen der historischen Stadtmitte neu geformt wurden. Anlässlich des Jubiläums erzählt das Bezirksmuseum „Kiezgeschichten“ aus den vergangenen 100 Jahren.[8]

Im experimentellen und künstlerisch-kreativen Umgang von den am Workshop teilnehmenden Historiker*innen mit diesem regionalen Thema sind schließlich sieben Comic-Plakate entstanden, die gezielt Einblicke in den Alltag des frühen 20. Jahrhunderts geben und Momente aus dem teils harten Leben in der Weltstadt Berlin visualisieren. Sie sollen im Folgenden kurz vorgestellt werden:

Tabea Georges und Jona Schapira begegnen in „Der Blick des Anderen“ der Geschichte der Sozialen Arbeitsgemeinschaft Berlin-Ost aus zwei Richtungen. Diese christlich-bürgerliche Gemeinschaft erkundete, u.a. als Arbeiter verkleidet, die arme und arbeitende Klasse in den Kneipen des Berliner Ostens. Collageartig blickt der Comic aus den Augen der bürgerlichen Beobachter und der beobachteten Arbeiter auf den Begegnungsort der Kneipe „Zum roten Raben“ und macht damit zwei verschiedene Perspektiven der Wahrnehmung auf.

 

 

Der in Kugelschreiberblau gestaltete Comic „Immertreu“ von Bettina Köhler berichtet in einzelnen Schlaglichtern von der „Schlacht am Schlesischen Bahnhof“ und dem anschließenden Prozess. Die Auseinandersetzung fand zwischen Mitgliedern der Berliner Ringvereine und Hamburger Bauarbeitern 1928 in Berlin-Friedrichshain statt. Als organisierte Zusammenschlüsse ehemaliger Strafgefangener haftet den hierarchisch geführten, kriminellen und streng verschwiegenen Ringvereinen eine verwobene und mysteriöse Geschichte an, die sich in den Zeichnungen Köhlers spürbar wiederfinden lässt.

 

 

Franca Schaad und Emanuel Weitmann illustrieren den Alltag im „Arbeiterinnenwohnheim am Kottbusser Ufer“ und verleihen ihren reduzierten Szenen dabei mit einer geschickten Farbgebung entsprechend Nachdruck. Dadurch gelingt es, tiefgreifende soziale Veränderungen nach dem Ersten Weltkrieg am Beispiel der Rede der sozialdemokratischen Frauenrechtlerin Marie Juchacz und den Kampf um mehr Gleichberechtigung darzustellen.

 

 

Nach dem Motto „Ein Schlüssel mit zwei Bärten – Ein Comic aus zwei Händen“ stellen Julia Baumann und Josephine Kuban in ihrem Comic den „Berliner Schlüssel“ vor. In zwei individuellen Zeichenstilen wird hier das Objekt des einzigartigen Durchsteckschlüssels genutzt, um den Bewohner*innen einer typischen Berliner Mietskaserne und ihren Alltagsroutinen zu begegnen. Damit verweist der Comic unterschwellig auf die Arbeit des französischen Soziologen Bruno Latour, der den Berliner Durchsteckschlüssel als Beleg für seine Theorie der Interaktion von Menschen und technischen Dingen anführt.

 

 

In Plänen und Entwürfen erzählt Nora Kaschuba von den „Visionen für ein neues Berlin“ und damit den Ideen, Groß-Berlin durch eine moderne Verkehrsplanung zur Weltstadt zu machen. Mit einem besonderen Blick für das architektonische Detail zeigt Kaschuba besonders die Gegend um den U-Bahnhof Hermannplatz und das in den späten 1920er Jahren dort entstehende Warenhaus Karstadt und lädt dazu ein, 100 Jahre später die Entwicklung der Berliner Visionen noch einmal abzugleichen.

 

 

Claudia Lojack fängt in ihrem krimiartigen Comic die Stimmung am „Andreasplatz“ im Jahr 1921 ein. In klaren Linien wird aus der Perspektive eines Nachbarn die Geschichte des Massenmörders Carl Großmann erzählt, der 1921 in seiner Wohnung nahe des Schlesischen Bahnhofs in Berlin-Friedrichshain festgenommen wurde.

 

 

In „Zeitungsnachrichten“ beschreibt Charles Perris in einem expressionistischen Zeichenstil und im Layout einer Zeitungsseite menschliche Schicksale und Tragödien. Basierend auf zeitgenössischen Zeitungsberichten gelingt es Perris so, die Metropole Berlin als Stadt der Extreme einerseits und das Vorgehen der Zeitungsreporter in der Berliner Tagespresse andererseits ausdrucksstark darzulegen.

 

 

Auch wenn es an diesem ersten Seminartag im Oktober 2019 noch niemand der Studierenden für möglich gehalten hätte, sind die sieben beschriebenen Comic-Plakate im Juni 2020 gedruckt worden. In den letzten vorbereitenden Momenten der Sonderausstellung „Kiezgeschichten. 100 Jahre Friedrichshain und Kreuzberg“ fanden sie schließlich ihren Weg aus den großen Lieferboxen in den Vorbereich des Ausstellungsraums. Dort sind die „Kiezgeschichten im Comic“ noch bis Anfang Oktober 2020 zu sehen und leiten damit die ästhetisch ansprechende Wechselausstellung mit ihren Erzählungen aus 100 Jahren Kreuzberger und Friedrichshainer Kiezgeschichte ein.

 

 

 

[1] Der Workshop fand im Wintersemester 2019/2020 an der Freien Universität im Masterstudiengang Public History statt und wurde von Christine Bartlitz vom Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam (ZZF) geleitet.

[2] Christine Gundermann, Comics als historische Quelle, in: Visual History, 26.01.2015, https://www.visual-history.de/2015/01/26/comics-als-historische-quelle/ [07.09.2020].

[3] Vgl. ebd.

[4] Siehe dazu: Christine Gundermann, Inszenierte Vergangenheit oder wie Geschichte im Comic gemacht wird, in: Hans-Joachim Backe u.a. (Hg.), Ästhetik des Gemachten. Interdisziplinäre Beiträge zur Animations- und Comicforschung, Berlin 2018, S. 257-284.

[5] Christine Gundermann, Comics als historische Quelle, in: Visual History, 26.01.2015, https://www.visual-history.de/2015/01/26/comics-als-historische-quelle/ [07.09.2020].

[6] Vgl. die Projektwebsite: https://sonja-hugi.com/graphic-novel [07.09.2020].

[7] Wir danken dem Kurator der Ausstellung, Hanno Hochmuth vom ZZF, und Natalie Bayer, der Leiterin des FHXB Friedrichshain-Kreuzberg Museums, sowie dem gesamten Team für die Unterstützung.

[8] Vgl. FHXB Museum, Pressemeldung: Neue Wechselausstellung im FHXB Friedrichshain-Kreuzberg Museum, Kiezgeschichten. 100 Jahre Friedrichshain und Kreuzberg, Mai 2020, https://www.fhxb-museum.de/index.php?id=28 [07.09.2020].

 

Zitation


Josephine Kuban, Neue „Comicheld*innen“ für Groß-Berlin. Sieben Geschichtscomics in der Ausstellung „Kiezgeschichten. 100 Jahre Friedrichshain und Kreuzberg“ im Friedrichshain-Kreuzberg Museum, 19. Juni bis 4. Oktober 2020, in: Visual History, 07.09.2020, https://visual-history.de/2020/09/07/neue-comicheldinnen-fuer-gross-berlin/
DOI: https://doi.org/10.14765/zzf.dok-1883
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