Rezension: Nicola Brandt, The Distance Within

Cover: Nicola Brandt, The Distance Within, hg. v. Alexandra Dodd, Steidl Verlag, Göttingen 2025 ©
Wie eine Fremde habe sie sich in ihrem eigenen Land gefühlt, während sie an ihrem Buchprojekt „The Distance Within“ arbeitete. Dies sagt die in Windhoek geborene Fotografin, Videokünstlerin und promovierte Kunsthistorikerin Nicola Brandt in einem Interview (Sven Christian: Interview with Nicola Brandt, in: Brandt, The Distance Within, S. 375-381, hier 381). Über Jahre hat sie die Landschaften Namibias bereist, fotografiert und recherchiert. Auch habe sie schwierige Diskussionen mit ihrer Familie geführt, bis zu dem Punkt, an dem ihre familiären Bindungen in die Brüche gingen. Brandt konfrontierte ihre Familie, eine weiße Mittelstandsfamilie mit deutschen und südafrikanischen Wurzeln, mit der Frage, warum die von Kolonialismus und Apartheid geprägte Geschichte Namibias nicht früher und eingehender diskutiert wurde.
Das großformatige Buch ist alles andere als ein Bildband im klassischen Sinne mit den üblichen, viel zu bunten Illustrationen von exotisch anmutenden Landschaften und Menschen des Landes. Ganz im Gegensatz dazu will das Werk mit seinem radikal kritischen Ansatz alte Sehgewohnheiten aufbrechen. Das Buch, das in Zusammenarbeit mit anderen Künstler:innen, Wissenschaftler:innen und lokalen Communities entstand, fordert den immer noch weitverbreiteten hegemonialen und eurozentrischen Blick auf Namibia (und letztlich auf „Afrika“) heraus. Brandt zeigt Menschen, Landschaften, Orte wie Swakopmund, Usakos oder Windhoek, Häuser und Innenräume, Ruinen, Zäune, Eisenbahnen, Farmen, verlassene Minen, Kolonialdenkmäler, Gräber oder die Haifischinsel vor Lüderitzbucht, wo sich einst ein von den deutschen Kolonialherren eingerichtetes Konzentrationslager befand. Eingestreut sind historische Fotodokumente, Videostills, Texte und Zitate von Menschen, die marginalisiert sind.
Ein immer wieder im Buch auftauchendes Hauptmotiv sind Ovaherero-Frauen, die mit dem Rücken zum Betrachter in einer (Stadt-)Landschaft stehen. So etwa die Ovaherero Uakondjisa Kakuekuee Mbari, die Brandt in Swakopmund abgelichtet hat. Die Fotografien provozieren Fragen und erzwingen geradezu einen Perspektivwechsel – wohl vor allem für weiße Betrachter:innen. Wichtiger als das, was die Fotografien zeigen, ist das, was sie nicht zeigen. Was sieht Mbari eigentlich, wenn sie in die Weiten der Savanne schaut, an was denkt sie? Der Blick der Ovaherero-Frau richtet sich auf Landschaften, die einem regelrechten „white-washing“ unterzogen wurden. Wie ausgelöscht sind die Verbrechen der Kolonialherrschaft und der Apartheid. In diesem Sinne präsentiert Brandt auch nicht einfach nur leere Landschaften, sondern entleerte Landschaften. Deren unheimliche Stille brüllt die Betrachter:innen geradezu an.

Possession. Uakondjisa Kakuekuee Mbari on Rössing Mountain outside Swakopmund, 2013, in: Nicola Brandt, The Distance Within, hg. v. Alexandra Dodd, Göttingen 2025, S. 16/17 ©
Mit ihrem Fotoband provoziert die Künstlerin eine schmerzhafte Erinnerungsarbeit, um die nicht erzählte(n) Geschichte(n) der Ovaherero, Nama, Damara, San und anderer ins Bewusstsein zu heben. „Sichtbar“ gemacht werden soll das Trauma von Genozid, Enteignung, Vertreibung und rassistischer Diskriminierung; erlittenes Leid, das bis heute nicht wirklich anerkannt wurde. Ob die Wunden und Narben in den vermeintlich heilen (Seelen-)Landschaften wirklich offenbar werden, hängt von der Bereitschaft ab, sich darauf einzulassen. Der Blick eines jeden Menschen auf die Welt ist stets durch die eigenen Erfahrungen gefiltert, und man sieht nur, was man weiß – oder wissen will.
Wer sich von der Künstlerin an die Hand nehmen lässt und – durch ihre Brille – in Namibia umschaut, der lässt sich verstören und wird mit quälenden Fragen konfrontiert, Fragen, die alte, nie verheilte Wunden aufreißen. So geht es auch mit den Fotografien von Katuvangua Maendo. Brandt setzt die Ovaherero-Aktivistin frontal vor dem Reiterdenkmal in Windhoek in Szene. Auch sie – quasi ein Gegendenkmal zu dem kolonialen Relikt – erscheint als Rückenfigur. Manch einer mag sich angesichts dieses Motivs an die Gemälde von Caspar David Friedrich erinnert fühlen. Bei ihm sind Rückenfiguren ein zentrales Thema seiner Landschaftsbilder. Die Zwiesprache, die Maendo mit dem deutschen Kolonialdenkmal und der umgebenden Stadtlandschaft hält, ist aber eine gänzlich andere als bei dem großen Maler der Romantik. Jeglicher romantisierende Blick auf das Land soll ge-, ja, sogar zerstört werden und damit jede Vorstellung von weißer Suprematie. Auf einer weiteren Fotografie ist Maendo zu einer Statistin geschrumpft vor dem Reiterdenkmal und dem monströsen Unabhängigkeitsmuseum zu sehen.
Beide, Brandt und Maendo, nehmen damit kritisch zur Erinnerungskultur im postkolonialen Namibia Stellung. Die von einer nordkoreanischen Firma (!) errichtete, 2014 eröffnete Gedenkstätte dient lediglich dazu, den Machtanspruch der regierenden Swapo, der Befreiungsbewegung an der Macht, zu legitimieren. Der elende Agitprop des Unabhängigkeitsmuseums à la Pjöngjang ist nichts anderes als ein Schlag ins Gesicht aller namibischen Architekt:innen, Künstler:innen und Historiker:innen. Ganz zu schweigen von der Öffentlichkeit, die ebenfalls nicht in die Planung und Gestaltung des Museums mit einbezogen wurde.
Bereits in ihrem Buch „Landscapes between Then und Now“ (2020) hat sich Brandt mit dem komplexen Thema Landschaft in der Fotografie, Performance und Videokunst auseinandergesetzt. Die Publikation und der Fotoband können deshalb parallel gelesen werden, um ihr Konzept eines anti-dokumentarischen Blicks zu verstehen. Mit ihren Nicht-Landschaften, wie Brandt sie nennt, will sie eine neue Form des Sehens anstoßen, vielstimmige Perspektiven sichtbar machen und darüber hinaus neue Formen des Erinnerns. Unweigerlich führt dies auch zur Zertrümmerung kolonialer Mythen, zu denen die Kontrolle und der Besitz von Natur gehören. Auch vor Wagnissen scheut Brandt nicht zurück, wenn sie selbst als Rückenfigur, in ein traditionelles Ovaherero-Kleid gehüllt, auftritt. Jeder anderen Weißen in der Postapartheid-Ära wäre dies als kulturelle Aneignung ausgelegt worden.
Zum Abschluss des Bildteils sind Fotografien von der Demontage der Curt von François-Statue im Stadtzentrum von Windhoek im November 2022 abgedruckt. Brandt arbeitete dabei zusammen mit dem queeren Performer Tjijandjeua ‚Gift‘ Uzera und der Künstlerin Muningandu Hoveka. Stark ist die ausklappbare Fotoreihe mit dem tanzenden Uzera, während im Hintergrund die verpackte François-Statue vom Sockel gehoben wird. Hier kommt etwas buchstäblich in Bewegung, verflüssigt sich kulturelles Gedächtnis, brechen Verkrustungen auf.

Tjijandjeua ‚Gift‘ Uzera / Muningandu Hoveka / Nicola Brandt: Realised. The Day Curt Fell (I), Windhoek, 2022, in: Nicola Brandt, The Distance Within, hg. v. Alexandra Dodd, Göttingen 2025, S. 330 ©
Das alte Monument aus südafrikanischer Apartheid-Zeit behauptete in seiner Inschrift, dass François der Gründer von Windhoek gewesen sei. Ein weiteres unwahres Beispiel dafür, wie Schwarze Geschichte überschrieben und unsichtbar gemacht wurde. Bereits vor den deutschen Kolonisten siedelten Namibier in dem Gebiet, nämlich ǀHara-mûb, genannt Jonker Afrikaner, der Kaptein der Orlam-Afrikaner. „Man of War: Leave My House“, heißt es auf einem Plakat zu dem Projekt (https://www.nicolabrandt.com/man-of-war-leave-my-house-2/). In Berlin scheint übrigens diese Botschaft noch nicht angekommen zu sein. Dort wurde kürzlich auf dem Invalidenfriedhof der von der DDR abgeräumte François-Grabstein erneut aufgestellt. Unverdrossen heißt es in der Inschrift: „Curt von François. Gründer der Stadt Windhoek im Oktober 1890“.

Woestynkombuis (desert kitchen), Maltahöhe, 2012 (With Magrieta Muzorongondo and the late Joryn Niemand), in: Nicola Brandt, The Distance Within, hg. v. Alexandra Dodd, Göttingen 2025, S. 250/251 ©
Mit Texten verschiedener Autor:innen schließt das Buch. Darunter ist ein bewegender Bericht von Katuvangua Maendo, in dem sie von der zwangsweisen Umsiedlung ihrer Ovaherero-Familie während der Apartheid-Zeit, ihrem schweren Lebensweg, geprägt von Armut und der Trauer über verlorenes Land und Rinder erzählt. Fraglich ist, ob sich Brandt einen Gefallen damit getan hat, Wissenschaftler:innen einzuladen, Aufsätze zu ihrem Band beizutragen. Dies birgt die Gefahr, dass sich deren Deutungen über die der Künstlerin legen.
Zudem tauchen dort auch fehlerhafte Informationen auf, wie die von James E. Young, der behauptet, das Windhoeker Reiterdenkmal sei dreimal umgesetzt worden. Tatsächlich wurde es nur zweimal neu aufgestellt. Zwar handelt es sich hierbei nur um ein Detail, doch die sollten stimmen. Zu monieren ist, dass in der Bibliografie des Buches nahezu ausschließlich englischsprachige Literatur zu finden ist. Aber gerade zu der ehemaligen Kolonie „Deutsch-Südwestafrika“ gibt es eine Unzahl von relevanten deutschsprachigen Veröffentlichungen nicht zuletzt zur Erinnerungskultur, die es wert gewesen wären, zitiert zu werden. Dies anzumerken, ist deshalb wichtig, da sich das Buch nicht nur an Kunst- und Kulturhistoriker:innen, sondern auch an Historiker:innen – und an die interessierte Öffentlichkeit sowieso – wendet.
Verfasst hat Nicola Brandt ihr Buch in einem trans-feministischen Geist. Gewidmet hat sie es den „intersektionalen Aktivist:innen der Vergangenheit und Gegenwart, deren Bemühungen die Dekolonialisierung Namibias verkörpern“. Im postkolonialen Namibia – und darüber hinaus – kann Nicola Brandt mit ihrem Fotoband „The Distance Within“ zu den wichtigsten Kunstschaffenden gezählt werden, die Maßstäbe für eine dekoloniale Kunst gesetzt haben.
Siehe auch den Pagecast: The Distance Within by Nicola Brandt (with Jo-Ann Strauss), https://www.youtube.com/watch?v=OqB56DM7xbc [15.04.2026]
Nicola Brandt, The Distance Within, hg. v. Alexandra Dodd, Steidl Verlag, Göttingen 2025, 392 pages, 253 images, 75,- €, ISBN 978-3-96999-308-8
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