Walter Ballhause: Mit der Kamera für die Arbeiterklasse unterwegs – aber ohne falsches Pathos
Rezension: Christoph Naumann-Zimmer: „Ich war Arbeiterfotograf, ohne es zu wissen.“

Cover: Christoph Naumann-Zimmer: „Ich war Arbeiterfotograf, ohne es zu
wissen.“ Walter Ballhause und sein Album Soziale Fotos, Brill/Fink Verlag,
Paderborn 2025, X + 484 S., 96,- EUR ©
Die Arbeiterfotografie entstand Ende des 19. Jahrhunderts als eigenständige Dokumentation proletarischen Elends. In den Jahren, die dem massenhaften Sterben im Ersten Weltkrieg folgten, wurde sie zu einem wichtigen Teil linker Massenkultur. Waren die Medien der Arbeiterbewegung zunächst auf „bürgerliche“ Fotoagenturen angewiesen, entstand alsbald die Notwendigkeit, durch eigenes, massenwirksames Fotomaterial die Not der Kriegskrüppel und ihrer Familien in stärkerem Maße in der Arbeiterpresse zu dokumentieren, als dies durch Zulieferer von außen möglich war. So unternahmen die KPD wie auch die SPD große Anstrengungen, um diesem Anliegen gerecht zu werden: Eine Reichs-Agitprop-Konferenz rief 1926 zur Gründung der Vereinigung der Arbeiterfotografen Deutschlands (VdAFD) auf, die im folgenden Jahr ins Leben trat und deren Ergebnisse sich in der reichhaltigen Bilddokumentation der „Arbeiter-Illustrierten-Zeitung“ wie auch in der Auflagensteigerung regionaler KPD-Blätter niederschlugen. Auch die SPD-Zeitungen profitierten davon, verstand sich die VdAFD doch als überparteilich. Ihr gehörten zeitweise mehr Sozialdemokraten als Kommunisten an, doch lähmte die Spaltung der Arbeiterbewegung ihre Tätigkeit ab Beginn der 1930er Jahre.
Daneben aber gab es Arbeiterfotografen, die keiner der beiden großen Arbeiterparteien (mehr) angehörten und keine finanzielle Förderung durch sie erhielten. Hierzu zählte Walter Ballhause, der sich, aus der SPD kommend, der Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands (SAP) angeschlossen hatte. Die 1931 gegründete Partei, die vergeblich vor den katastrophalen Konsequenzen jener Spaltung der Arbeiterbewegung angesichts des heraufziehenden Faschismus warnte, erlangte nie größeren Masseneinfluss. Doch: „Gerade die Rolle als fotografischer Einzelgänger gewährt ihm künstlerische Autonomie, die er braucht, um seine Bilder für ihre Zeit und ihr Genre zu dem zu machen, was sie sind: schlichtweg herausragend.“ (S. 1)
Mit diesem Urteil, am Beginn seiner großangelegten Monografie stehend, macht der in Würzburg lebende Journalist Christoph Naumann-Zimmer auf deren Inhalt neugierig. Das Buch ging aus einer an der Universität Bamberg 2022 verteidigten Dissertation hervor, deren einziger – doch spürbarer – Mangel der hohe Preis von 96,00 EUR ist.
Was macht das Buch, folgt man dem Autor, schlichtweg herausragend? Es ist die Einheit von dokumentarischer Dichte und ästhetischer Gestaltung, was die Bilder von Ballhause, so Naumann-Zimmer, von den Gelegenheitsfotos anderer Arbeiterfotografen unterscheidet. Ballhauses Fotografien können wie eine fortlaufende Dokumentation des fortschreitenden Arbeiterelends gelesen werden. Dies wird besonders deutlich an dem vollständig erhaltenen Fotoalbum „Soziale Fotos“, das aus 82 Bildern besteht. Digital aufbereitet, wurde es vollständig erstmals 2014 im Käthe Kollwitz Museum Köln in der Ausstellung „Das Auge des Arbeiters“ gezeigt, diente aber bereits 1981 in der DDR dem Band „Überflüssige Menschen“ zusammen mit zeitgenössischen Gedichten Johannes R. Bechers als Grundlage.[1] Das Deutsche Historische Museum erwarb 1992 durch Ankauf diese Aufnahmen.
Der Autor stellt diesen geschlossenen Korpus an Fotografien in das Zentrum seiner Analyse, die er nicht auf fototechnische Aspekte beschränkt, sondern aus Ballhauses biografischen Stationen heraus interpretiert.
Walter Ballhause, am 3. April 1911 in Hameln geboren und in Hannover aufgewachsen, wurde nach einer Ausbildung als Fotolaborant zeitweise arbeitslos. Er nutzte diese Zeit, um mit einer von seiner damaligen Lebenspartnerin entliehenen Leica (eine eigene Kamera war für ihn damals finanziell unerschwinglich) in die Welt der Arbeit einzutauchen und sie bis zu ihrem Grund hinab zu dokumentieren – zunächst für den Privatgebrauch. Das reich illustrierte Buch von Naumann-Zimmer dokumentiert den Alltag von Arbeitslosen, von „ausgesteuerten“ Menschen am Rande der staatlichen Sozialfürsorge, von Obdachlosen, Kriegsversehrten und anderen Randgruppen, von Kindern, die in finsteren Hinterhöfen nach einem Stück Leben suchten, und von Alten, deren schmale Rente zum Existieren kaum reichte. Wie Jacob Riis um 1900 in New York und anderen, die ihm folgten, ging es Ballhause am allerwenigsten um Sensationshascherei; seine Fotos zeigen Menschen, die im Elend ihre Würde zu wahren suchten. Bildkünstlerisch dokumentierte Ballhause diese Zustände oft mit versteckter Kamera.
Wichtige Anregungen hatte er durch Erichs Kaufs 1928 erschienenes Buch „Empörung und Gestaltung. Künstlerprofile von Daumier bis Kollwitz“ erfahren. Der 1944 im Zuchthaus Brandenburg ermordete Knauf hatte darin seinen Zugang zur Arbeiterfotografie unter das Motto gestellt: „Mit Kunst und Literatur soziale Revolution machen? Gewiß! Auch von ästhetischen Erregungen gehen soziale Erregungen aus.“ (S. 378) Knauf wie Ballhause, die einander wohl nie begegneten, suchten „profunde Sozialkritik in der untersten Gesellschaftsschicht zu verbreiten“, unter Menschen, die zum Teil keinen längeren Text lesen konnten und denen die Fotos deshalb notwendige Hilfe boten. (S. 379) Doch während Knauf als literarischer Leiter der Büchergilde Gutenberg, wo auch „Empörung und Gestaltung“ erschien, in breite Kreise hineinwirkte, blieb Ballhause, der nur gelegentlich Bilder unterbrachte, am Rande dieses Geschehens – auch daher der Buchtitel.
Naumann-Zimmer seziert und interpretiert die „Sozialen Fotos“ gründlich. So zeigt eines dieser Fotos einen kriegsversehrten Mann mittleren Alters. „Seine am Boden liegenden hölzernen Krücken, auf die er sich niedergelassen hat, bieten nur unzureichenden Schutz vor der Kälte, auf die durch die Kleidung des Mannes geschlossen werden kann. Auch der Wollhandschuh an der linken Hand ist ein Indiz für die kalte Jahreszeit.“ Das gepflegte Aussehen, das den Mann von anderen Bettlern abhebt, verweise darauf, dass er „der bürgerlichen Gesellschaftsschicht zuzurechnen ist und nicht dem Proletariat. Möglicherweise handelt es sich um einen Bürgerlichen, der infolge seiner Kriegsverletzung ökonomisch in das Lumpenproletariat abgesunken ist.“ (S. 250f.)

Walter Ballhause: „Advent – auf Krücken sitzt’s sich wärmer“, aus der Serie: „Opfer des Ersten Weltkrieges“, Große
Packhofstraße, Hannover, 3. Advent 1930 © mit freundlicher Genehmigung. Quelle: WBA: Walter-Ballhause-Archiv,
Bild-Nr. 02.02 [25.06.2026]

Walter Ballhause: „Seilspringen“, aus der Serie: „Kinder der Großstadt“, Blick durch die
Häuserschlucht von der Elisenstraße nach Limmerstraße, Hannover, zwischen März und
Juni 1933 © mit freundlicher Genehmigung. Quelle: WBA: Walter-Ballhause-Archiv,
Bild-Nr. 07.01 [25.06.2026]

„Die Agitprop-Gruppe (mit W. Ballhause)“, aus der Serie: „Einheitsfrontbestrebung der Sozialistischen Arbeiterpartei (SAP)“,
Gastwirtschaft Karl Meyer („Grütscher“) mit Kinosaal, Haus 25, heute Bährenkampstraße 3, Wennigsen/Deister, 19.06.1932
© mit freundlicher Genehmigung. Quelle: WBA: Walter-Ballhause-Archiv, Bild-Nr. 16.05.02 [25.06.2026]
Als Ballhause es jedoch im September 1944 ablehnte, als „Blockwart“ ein Rädchen des Überwachungssystems zu werden, folgte eine Hausdurchsuchung der Gestapo, wobei die Fotonegative jedoch unentdeckt blieben. Dennoch wurde er verhaftet. Im April 1945 befreiten ihn amerikanische Truppen aus dem Zuchthaus Zwickau. Fortan wirkte er als Bürgermeister seiner Gemeinde Straßberg, wurde Mitglied der SED und begann auch wieder zu fotografieren: Flüchtlingszüge und später Bildserien von Industriearbeitern. Beruflich war er als Betriebsleiter der 1946 gegründeten Gießerei Plamag Plauen tätig. 1971 ging er in den Rentenstand.
Dieses Jahr brachte auch in anderer Hinsicht einen Lebenseinschnitt: Die Organisatoren der Wanderausstellung „Niedersachsen im Widerstandskampf“ erinnerten sich an Ballhauses Tätigkeit als Fotograf und baten ihn um Fotomaterial. Er ordnete die Negative seiner frühen Jahre und konnte rund zweihundert Fotos druck- und ausstellungsreif anbieten. Es folgten Fotobände und Ausstellungen in beiden deutschen Staaten und ab 1988 Einladungen zu Dia-Ton-Vorträgen bis in die USA, die Ballhause wahrnahm. Einen dieser Vorträge hielt er in der Botschaft der DDR in Washington. Bereits 1982 drehte Karlheinz Mund für die DEFA den Dokumentarfilm „Walter Ballhause – einer von Millionen“.[2]
In beiden deutschen Staaten geehrt, starb Ballhause am 8. Juli 1991 in Plauen. Er ist jedoch keineswegs vergessen, wie weitere Filme und Dokumentationen bezeugen. So ist, um nur ein Beispiel zu nennen, der Katalog „Walter Ballhause: Photographs Between Weimar and Hitler 1930-1933“ von 1988 in der Witkin Gallery in New York dort einzusehen. Ein öffentlich zugängliches Privatarchiv befindet sich im Familienbesitz, und die Fotografien Ballhauses sind im Internet dokumentiert.[3]
Insgesamt kann man sich dem Fazit des Autors anschließen, wenn er einerseits schreibt, dass Ballhause zum „kollektiven Großprojekt der organisierten Arbeiterfotografie-Bewegung“ in Distanz stand, da diese sich nicht dem allgemein sektiererischen Bruderkampf zwischen KPD und SPD entziehen konnte, was der Grund für seine Mitgliedschaft in der SAP war. Andererseits ging es ihm „um eindeutige Parteinahme und keineswegs um eine ausgewogene Berichterstattung oder größtmöglichen Realismus im Abbilden“. Er verstand sich „bewusst als Ankläger und politischer Propagandist für die unterste Gesellschaftsschicht, für die Ausgebeuteten der Arbeiterklasse“. (S. 452)
Dass Walter Ballhause, der zum Nachkriegs-Aufbau der DDR als Wirtschaftsorganisator viel beigetragen hatte, dennoch erst zehn Jahre nach seiner Wiederentdeckung im Westen im Osten Deutschlands rezipiert wurde, mag mit der – im Buch nicht erörterten – erst allmählich gerechteren Bewertung der SAP durch die Parteigeschichtsschreibung der DDR zusammenhängen.
Christoph Naumann-Zimmer: „Ich war Arbeiterfotograf, ohne es zu wissen.“ Walter Ballhause und sein Album Soziale Fotos, Brill/Fink Verlag, Paderborn 2025, X + 484 S., 96,- EUR
[1] Walter Ballhause/Johannes R. Becher, Überflüssige Menschen. Fotografien und Gedichte aus der Zeit der großen Krise, Leipzig: Reclam, 1981. Weitere Fotodokumentationen sind Walter Ballhause, Zwischen Weimar und Hitler. Sozialdokumentarische Fotografie 1930-1933. Mit einer Einleitung von Fritz Rudolf Fries, München 1981. Als TB-Ausgabe mit dem Titel: Licht und Schatten der dreißiger Jahre. Foto-Dokumente aus dem Alltag, München 1985, veröffentlicht.
[2] Walter Ballhause – einer von Millionen, Regie: Karlheinz Mund, DDR 1982, https://www.defa-stiftung.de/filme/filme-suchen/walter-ballhause-einer-von-millionen/ [08.06.2026].
[3] WBA. Walter-Ballhause-Archiv, https://www.walter-ballhause.com/ [08.06.2026].
Nutzungsbedingungen für diesen Artikel
Copyright (c) 2026 Clio-online e.V. und Autor, alle Rechte vorbehalten. Dieses Werk entstand im Rahmen des Clio-online Projekts „Visual-History“ und darf vervielfältigt und veröffentlicht werden, sofern die Einwilligung der Rechte-Inhaber:innen vorliegt.
Bitte kontaktieren Sie: <bartlitz@zzf-potsdam.de>

