CONT·ACT! Fotografie und Handlungsmacht | Photography and Agency

Symposium vom 16.-17. Oktober 2020 am Museum Folkwang in Essen im Rahmen des Stipendienprogramms „Museumskuratoren für Fotografie“ der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung – Exposé für Vorträge bis 15. Mai 2020

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Das Symposium Cont·Act! wird im Rahmen des Stipendienprogramms „Museumskuratoren für Fotografie“ der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung ausgerichtet. Es findet vom 16.-17. Oktober 2020 am Museum Folkwang in Essen statt und wird von Daria Bona, Sophie-Charlotte Opitz und Katharina Täschner, den drei Stipendiatinnen des aktuellen Turnus 2019-2021, organisiert und durchgeführt. Sollte die Entwicklung der Pandemie ein Treffen vor Ort nicht zulassen, wird ein Onlineformat angestrebt.

Fotografien resultieren aus Entscheidungen, sie sind durch Aktionen und Reaktionen bedingt und stellen dabei die Schnittstelle einer Vielzahl von Kontakten dar: Technisch prägen Momente des Kontakts die Produkte diverser analoger Verfahren, während der Kontakt als Topos lange Zeit bemüht wurde, um das vermeintliche Authentizitätsversprechen der Fotografie theoretisch zu fassen.

Im Prozess der Aufnahme wiederum treten Fotograf*innen in einen situativen Bezug zu ihren Motiven, der gleichermaßen von beobachtender Distanz wie auch von bewusster Kontaktaufnahme zeugen kann. Doch ist es bereits den Bedingungen dieses Aufeinandertreffens geschuldet, ob im Entstehen von Fotografien Handlungspotenziale eröffnet oder entzogen werden und Bilder somit eine ermächtigende oder eine entmächtigende Wirkung entfalten?

Hierbei nehmen auch vermittelnde Instanzen wie Institutionen, die Presse und die sozialen Medien eine relevante Rolle ein, indem sie auf die Verbreitung bzw. Verhinderung bestimmter Bilder Einfluss nehmen – nicht ohne jedoch oftmals selbst durch politische und soziokulturelle Organe in ihrem Handeln beeinflusst zu sein.

In einer Zeit der globalen Ausnahmesituation erlangt ein derartiges Nachdenken über die Implikationen des „Photographic Encounter“ im Sinne Ariella Azoulays eine unerwartete Wendung. Covid-19 erweist sich als eine Krankheit, die unsere gesellschaftlichen Umgangsformen auf vielfältige Weise herausfordert: Das kollektive Miteinander an realen Orten kippt zunehmend in ein konnektives Miteinander im virtuellen Raum. Die Isolation von der Außenwelt, die einen massiven Anstieg an Content-Generierung mit sich führt, verändert die visuelle Kultur, und bestehende Machtkonstellationen können sowohl bestätigt als auch angefochten werden.

Die Fragen, die sich hierbei aufdrängen, sind sicherlich: Wie können Bilder von etwas erzeugt werden, mit dem man nicht in Kontakt kommen sollte? Aber auch: Welche Bilder entstehen und zirkulieren in diesen Zeiten, um Menschen miteinander in Kontakt treten zu lassen? Welche Wege werden begangen, um das Bild in der Krise neu zu denken?

Gleichzeitig generieren die ökonomischen Auswirkungen der Krankheit bereits jetzt Unsichtbarkeiten: Die mediale Berichterstattung lässt andere Krisen – humanitäre Krisen der Geflüchteten, Klimawandel, Hungersnöte, Kriege – die weiterhin bestehen, weitestgehend außer Acht. Fotografien treten somit abermals als „Agenten im Handlungsraum“ (Lethen 2014) hervor. Doch müssen auch im Angesicht einer globalen Pandemie tradierte Sehgewohnheiten und Bildpraktiken in den Fokus genommen und auf neue Dynamiken hin befragt werden.

Das Symposium Cont·Act! widmet sich ebendiesen Dynamiken, die Kontakte im Umgang mit und durch Bilder produzieren. Es soll danach gefragt werden, inwiefern das Fotografische anhand der Idee des Kontakts als vielschichtiges Handlungsgefüge erfahrbar wird und Räume des Aushandelns von Handlungsmacht sichtbar werden.

Ausgehend von der aktuellen Situation wird die Tagung im Oktober die Möglichkeit einer ersten Bestandsaufnahme der letzten sechs Monate bieten, doch soll der Blick auch für anderweitige Fallbeispiele geöffnet bleiben: Welche ideologischen Strukturen manifestieren sich bereits im Entstehen einer Fotografie? Welche Formen fotografischer Selbstermächtigung existieren – oder aber auch: konstituieren sich nun neu – und wie können sie auf eine visuelle Kultur im Umbruch Einfluss nehmen? Welche Funktionen und Aufgaben werden (fotografischen) Bildern in diesem Zusammenhang für das gesellschaftliche Miteinander zugeschrieben?

Neben eingeladenen Gästen aus Kunst und Wissenschaft möchten die Organisatorinnen des Symposiums Cont·Act! explizit junge Wissenschaftler*innen, Fotograf*innen, Künstler*innen, Kurator*innen einladen, ihre Forschung und Projekte vorzustellen. Die Beiträge können sich mitunter auch den folgenden Fragestellungen widmen:

Welche Rolle(n) nimmt die Fotografie innerhalb zeitgenössischer und historischer, politischer und sozialer Protestbewegungen und Ausnahmesituationen ein?
Wo eröffnen sich durch Lücken und Verschiebungen im System visuelle Handlungsräume und wie werden diese genutzt?
Wie entstehen, formalisieren, bewegen und verteilen sich Gegenbilder? Wie werden sie sichtbar und nutzbar? Welche Schnittstellen besetzen und eröffnen sie?

Erweitert mit Bezug auf Covid-19:

Welche Möglichkeiten, Strategien oder Kursänderungen ergeben sich aufgrund der physischen, wirtschaftlichen, kulturellen und sozialen Umbrüche sowie Verluste und wie (re)agieren verschiedene Akteur*innen aus dem fotografischen Feld?
Inwieweit ist fotografisches Handeln und das Handeln mit Fotografie in der aktuellen Situation für Freiberufler*innen und weitere Akteur*innen überhaupt möglich und welche solidarischen Strategien werden entwickelt?
Wie verändert sich institutionelles Handeln – insbesondere in Hinblick auf Ausstellungspraktiken, Präsentationsmodi und Sammlungspolitiken? An welchen (alternativen) Zirkulationsprozessen nehmen Institutionen teil?

 

Bitte senden Sie bis zum 15. Mai 2020 schriftliche Vorschläge für einen ca. 20-minütigen Beitrag als Exposé mit max. 300 Wörtern zusammen mit einer Kurzbiografie als PDF-Datei an:

cont-act-symposium2020@web.de

Tagungssprachen sind Deutsch und Englisch. Reisekosten können partiell übernommen werden, wenn sie von der institutionellen Seite des Beitragenden nicht getragen werden. Hotelkosten werden übernommen.

Weitere Auskünfte: Daria Bona, Sophie-Charlotte Opitz & Katharina Täschner

Coronavirus (COVID-19) Sheffield, UK, 9. April 2020. Foto: Tim Dennell, Quelle: Flickr, Lizenz: CC BY-NC 2.0

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As part of the Alfried Krupp von Bohlen und Halbach Foundation’s scholarship program “Museum Curators for Photography”, the symposium Cont·Act! will be held at the Museum Folkwang, Essen. It will take place from 16-17 October 2020. The symposium is organized by the current scholarship holders Daria Bona, Sophie-Charlotte Opitz and Katharina Täschner. If the further development of the pandemic does not allow the event to be held on site, we will aim to hold it in an online format instead.

Photographs are the result of decision processes. They are conditioned by actions and reactions and are therefore at the intersection of a multitude of contacts: Technically, moments of contact shape the products of various analogue processes, while the idea of contact has long been used to theoretically grasp photography’s supposed promise of authenticity.

In the process of taking a photograph, on the other hand, photographers enter a situational relationship with their motifs. This relationship can be evidence of observed distance as well as intentional approach. However, it is already determined by the conditions of this encounter whether taking a photograph increases or decreases agency; thus whether images have an empowering or a disempowering effect. In this context, mediating bodies such as institutions, the press and social media also play an important role by influencing the dissemination or suppression of certain images. And in turn they are often themselves affected by political and socio-cultural bodies.

In times of a global crisis, this reflection on the implications of Ariella Azoulay’s concept of the “Photographic Encounter” takes an unexpected turn. Covid-19 proves to be a disease that challenges our social behavior in many ways: Collectivity in physical places increasingly turns into connectivity in virtual space. Isolation from the outside world, which comes along with a massive increase in content generation, is changing the visual culture and existing power constellations can be confirmed or challenged.

This certainly raises the question: how can images be created of something that one should not come into contact with? Also: what kinds of images are currently being circulated to bring people into contact with one another? Which paths are taken to rethink the image in crisis? At the same time, the economic effects of the disease are overshadowing other areas of concern that continue to exist: media reporting largely ignores the humanitarian situation of refugees, climate change, famines, and wars.

Once again, photographs thus emerge as “agents of interaction” (Lethen 2014). But even in the face of a global pandemic, traditional viewing habits and photographic practices must be further investigated and examined for new dynamics. The symposium Cont·Act! is dedicated to these very dynamics that arise from people communicating and acting through images. We are asking to what extend photography can be understood as a multi-layered action structure based on the idea of contact, and to what extend this approach highlights spaces of negotiating agency.

Looking back on the current situation, the conference in October will certainly offer the opportunity to evaluate the last six months. It will also address other case studies: Which kinds of ideological structures are already manifest in the emergence of a photograph? Which forms of photographic self-empowerment already exist – or (re)formulate themselves now – and how can they shape a visual culture in a state of upheaval? Which functions and tasks are attributed to (photographic) images in order to support social interaction?

In addition to invited guests from the arts and the humanities, the organizers of the symposium Cont·Act! would like to invite scholars, photographers, artists and curators to present their ideas and projects. This call for papers also specifically addresses early career researchers and artists. Contributions may deal with the following questions:

What role does photography play within contemporary and historical, political and social protest movements as well as in exceptional situations?
Where do gaps and shifts within the established system open up spaces of visual agency and how are these spaces being used?
How do counter-images emerge, formalize, and move? How do they become visible and usable?

In reference to Covid-19:

Which possibilities, strategies or changes result from the physical, economic, cultural and social impairments and how do different protagonists in the photographic field (re)act?
To what extent is it even possible for freelancers and other people to work and deal with photography in the current situation? Which solidarity strategies are being developed?
How are institutions acting differently – especially regarding exhibition practices, modes of presentation and collection policies? In which (alternative) circulation processes do they participate?

 

Please send a written proposal of max. 300 words for an approximately 20-minute contribution in German or English together with a short biography to:

cont-act-symposium2020@web.de

Submission date is 15 May 2020.

The conference languages are German and English. Travel expenses can be partially covered if they are not covered by the institution of the contributor. Hotel expenses are covered by the organizers.

For further information please contact Daria Bona, Sophie-Charlotte Opitz & Katharina Täschner

Kontakt

Daria Bona

Museum Folkwang, Museumsplatz 1, 45128 Essen

cont-act-symposium2020@web.de

 

Die Ankündigung auf H-Soz-Kult

 

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