Die Überwachenden
Rezension: Philipp Springer, Die Hauptamtlichen. Fotografische Einblicke und biografische Skizzen aus den Akten des Ministeriums für Staatssicherheit

Cover: Philipp Springer, Die Hauptamtlichen. Fotografische
Einblicke und biografische Skizzen aus den Akten des Ministeriums
für Staatssicherheit (Schriften des Bundesarchivs; 83),
Gebr. Mann Verlag, Berlin 2025 ©
Nicht ohne Grund bezeichnete Karin Hartewig das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) einst als „Erichs Fotoladen“.[1] Die zunächst beinahe lapidar wirkende Formulierung erweist sich bei näherer Betrachtung als außerordentlich treffend: Fotografie stellte einen wesentlichen Bestandteil der geheimpolizeilichen Praxis des MfS dar. Als Mittel der Observation, der Informationsspeicherung und nicht zuletzt der Repression entstanden im Laufe der Zeit mehrere Millionen Fotografien.[2] Heute sind diese Teil des Stasi-Unterlagen-Archivs (StUA) und stehen damit Betroffenen, Forschenden sowie den Medien offen. Sie bieten rare Einblicke in die Methoden, Strukturen und den Alltag einer geheimdienstlichen Institution und bergen als Bestand erhebliche Erkenntnispotenziale.
Einer dieser Bildgruppen widmet sich der Historiker Philipp Springer mit dem Band „Die Hauptamtlichen. Fotografische Einblicke und biografische Skizzen aus den Akten des Ministeriums für Staatssicherheit“. In der Publikation untersucht Springer Fotografien, die die hauptamtlichen Mitarbeiter:innen des Ministeriums in ihrer Arbeitswelt zeigen. Es sind vor allem Schnappschüsse von den Protagonist:innen u.a. am Schreibtisch, in der Großküche oder unterwegs im operativen Einsatz.
„Die Hauptamtlichen“ ist das zweite Buch Springers, das den fotografischen Archivbestand des MfS ins Auge fasst. Mit „Der Blick der Staatssicherheit. Fotografien aus dem Archiv des MfS“[3] legte er 2020 bereits eine breite Auswahl von Fotografien und ihren Bildkontexten vor. Mit der Edition zeigte er vor allem die Breite des Spektrums an fotografischen Überlieferungen des MfS und damit einhergehende neue Fragehorizonte auf. In sieben Kapiteln präsentierte er den Leser:innen und Betrachter:innen einen fundierten Überblick, aus welcher (fotografischen) Perspektive die Mitarbeiter:innen des MfS auf die DDR, die Bürger:innen und nicht zuletzt auch auf sich selbst schauten. Durch die Vielfalt des visuellen Materials, das in vielerlei Hinsicht auch Szenen abseits bereits bekannter Observationsbilder präsentiert, sowie einen rahmenden Essay nahm Springer mit dem Band eine längst fällige Aktualisierung der MfS-spezifischen Fotoforschung vor, die seit der einschlägigen Studie Karin Hartewigs aus dem Jahr 2004[4] nur sehr punktuell fortgeführt wurde.[5]
Nach diesem ersten breiten Blick auf das MfS-Bildererbe fokussiert die nachfolgende Publikation „Die Hauptamtlichen“ nun eine dezidierte Gruppe der MfS-Überlieferung: die „Innenansichten“, wie Springer sie 2020 selbst klassifizierte, insbesondere Fotografien, die die Arbeit und das Leben der hauptamtlichen Mitarbeiter:innen des MfS dokumentieren. „Die Auswahl soll dazu einladen, sich mit den überlieferten Fotodokumenten zum Alltag hauptamtlicher Mitarbeiter:innen intensiver zu beschäftigen. Über die Beschäftigung mit den fotografischen Quellen hinaus möchte die vorliegende Edition zugleich aber auch dazu anregen, die MfS-Angehörigen insgesamt intensiver in den Blick zu nehmen.“ (S. 20)
Gerade letzteres war in der Vergangenheit selten der Fall. Dies hängt nicht zuletzt mit der Struktur der archivalischen Überlieferung selbst zusammen. Abseits der größeren Studie zu den hauptamtlichen Mitarbeiter:innen von Jens Gieseke[6] sind biografische Ansätze zu MfS-Angehörigen bisher, bis auf wenige Veröffentlichungen, überschaubar.
Hinter dem recht kategorischen Titel des neuen Bandes „Die Hauptamtlichen“ ließe sich als erste Assoziation eine fotografische Typenstudie im Sander’schen Sinne vermuten.[7] Doch statt einer kuratierten, klassifizierenden Porträtserie der Gruppe der „Tschekisten“ bekommen die Betrachter:innen von Springer ikonographisch eher unspektakuläre Schnappschüsse der internen MfS-Arbeitswelt präsentiert. Obwohl die Kaderakten, die für die Kontextualisierung der ausgewählten Fotografien in großem Umfang genutzt wurden, zu ihren jeweiligen Protagonist:innen standardisierte Porträts bereithalten, entschied sich der Historiker aus gutem Grund für einen anders gelagerten Ansatz. Es sind die alltäglichen und weniger formellen Momente, die in dem Band ihren Platz finden und doch so viel mehr transportieren als klassische Porträts.

Abb. 1: Oberstleutnant Willi Pösel (*13.05.1923) (l.), Oberst Gerhard Harnisch (*04.02.1916) (M.) und Oberstleutnant Günther Becher (*05.02.1921) (r.), Golm 1957, BArch, MfS, HA IX, Fo, Nr. 1413, Bild 27, in: Philipp Springer, Die Hauptamtlichen. Fotografische Einblicke und biografische Skizzen aus den Akten des Ministeriums für Staatssicherheit, Gebr. Mann Verlag, Berlin 2025, S. 30, mit freundlicher Genehmigung Bundesarchiv – Stasi-Unterlagen-Archiv ©
Trotz gebotener Konspiration und des geltenden Fotografierverbots in Bezug auf interne Abläufe des MfS entstand im Laufe der Jahre eine nicht unbeachtliche Menge an Bildern, die die „Tschekisten“ bei ihrer Arbeit oder auch bei gemeinsamen Aktivitäten zeigen.[8] Aus diesen Aufnahmen konkrete Kontexte und Personen zu erschließen, ist jedoch nicht selten mühsam und in einigen Fällen gar unmöglich. Auf den Fotografien abgebildete Kalender, Literatur und Alltagsgegenstände halfen Springer aber, Inhalte und Kontexte für seine Auswahl zu ergründen.
Unter anderen fotografischen Bedingungen würde man bei den etwas laienhaft anmutenden Bildern wohl von „Knipserfotografien“ sprechen. Doch bildet der Geheimdienstkontext – gerade im Vergleich zu Amateurfotografien, Familienerinnerungen und Schnappschüssen, die wir alle haufenweise aus dem Privaten kennen – einen kategorischen Unterschied. Die ausgewählten Fotografien entstanden selten, um herausragende Momente zu fixieren, und ebenso wenig, um – das liegt in der Natur der geheimen Arbeit des MfS – Identitäten zu kommunizieren, wie es sonst für diese Art von Bildern typisch ist.[9] Sie waren, wenn überhaupt, nur einem sehr kleinen Kreis von Menschen zugänglich. Und auch, wenn man ihnen in Einzelfällen durchaus gemeinschaftsstiftende Attribute zuschreiben könnte, ist es dennoch wichtig, diese Differenz zu markieren.
Seiner Bildauswahl nähert sich der Autor in drei Kapiteln und unterteilt sie in solche Fotografien, deren Protagonist:innen sich identifizieren ließen, solche, bei denen dies nicht möglich war, und zu guter Letzt, als kleinste Gruppe, in Bilder, die die Hauptamtlichen nur flüchtig und in Teilen abbilden – etwa angeschnitten, als Schatten oder auch nur durch einzelne Hände oder Füße. Vom Leiter der Juristischen Hochschule des MfS, Gerhard Harnisch (S. 30), und anderen hochrangigen Funktionären über einfache Hauptmänner wie Frank Zenker (S. 85, hier Abb. 2), der in seiner Diensteinheit in Dresden für einfache fotografische Aufträge zuständig war, bis hin zu unbekannten Zivilbeschäftigten (S. 132, hier Abb. 3-5) zeigt der Band auf, wer die Menschen unter dem großen Schirm der Stasi waren.

Abb. 2: Hauptmann Frank Zenker (*30.12.1950), Dresden, vermutlich um 1986, BArch, MfS, BV Dresden,
Abt. OT, Fo, Nr. 1248, Bild 25, in: Philipp Springer, Die Hauptamtlichen. Fotografische Einblicke und
biografische Skizzen aus den Akten des Ministeriums für Staatssicherheit, Gebr. Mann Verlag,
Berlin 2025, S. 85, mit freundlicher Genehmigung Bundesarchiv – Stasi-Unterlagen-Archiv ©
„Repräsentativität beansprucht die Auswahl der porträtierten Hauptamtlichen keineswegs. Schon allein das durch sehr viele zufällige Umstände bestimmte Kriterium, dass die Personen fotografiert worden sein mussten, steht der Vorstellung entgegen, die Porträtierten repräsentierten eine bestimmte Gruppe von MfS-Mitarbeitern“, so Springer über die Auswahl (S. 21). Vielmehr solle sie mögliche Lebensläufe und die Breite des Aufgabenspektrums im MfS skizzieren. Als zeitlichen Schwerpunkt des Bandes zeichnen sich die 1970er und 1980er Jahre ab. In dieser Zeit erlebte die Fotografie im MfS eine starke Verbreitung und somit ihre Hochphase.
Mit den zugehörigen Texten kommentiert und interpretiert Philipp Springer die Fotografien und versucht, diese in ihre jeweiligen Kontexte einzubetten. Letzteres gehört jedoch zu den Grundschwierigkeiten im Umgang mit dem MfS-Bildererbe. Gerade lose Fotografien aus der Fotosammlung, die nicht fest in Schriftgutakten verklebt sind, machen eine Rekonstruktion ihres Ursprungs oder gar einer dezidiert fotografischen Autor:innenschaft, die innerhalb der Geheimpolizei ohnehin kaum festgehalten wurde, zu einer Herausforderung. Meist liegen zu den Bildern nur spärliche Informationen vor.
Die Schilderungen aus dem Begleitessay veranschaulichen, wie aufwändig es ist, MfS-Geschichte vom Bild aus zu denken. Die strukturellen Gegebenheiten – sowohl historische als auch aktuelle – wirken in beachtlichem Maße auf die bildhistorische Arbeit ein. Springer plädiert dennoch dafür, trotz dieser Mühen die MfS-Fotografien als eigenständigen Erkenntnisgegenstand ernst zu nehmen: „Dennoch erscheint eine vertiefte Beschäftigung mit den Aufnahmen lohnenswert, ermöglichen sie doch einen außergewöhnlichen Einblick in die hermetisch abgeriegelte Welt des MfS – einen Einblick, den schriftliche Berichte oder gar in Akten überlieferte Listen zur Büroeinrichtung nicht ersetzen können.“ (S. 18)
In der Tat zeichnen die ausgewählten Fotografien ein interessantes Bild der MfS-Arbeitswelt. Sie verleihen den sonst so anonymen Gesichtern der Hauptamtlichen Identitäten (zu diesem Punkt werde ich noch einmal zurückkommen), zeigen zahlreiche Details aus den Büros und Arbeitsorten der Stasi und transportieren die dort herrschenden Stimmungen. Das Anliegen des Bandes, die ausgewählten Fotografien als eigenständige Erkenntnisgegenstände ernst zu nehmen, zeigt sich in der Publikation jedoch unterschiedlich überzeugend verfolgt. Wie von Springer angegeben, stützen sich die Begleittexte zu den Bildern in großem Maße auf die Kaderakten der Mitarbeiter:innen – und somit auf Schriftgut. Zu den titelgebenden biografischen Skizzen verdichtet, liefern sie Begleitinformationen zu den Abgebildeten und schärfen den Blick dafür, „wer diese Menschen waren, die Tag für Tag in ganz unterschiedlichen Positionen und mit ganz unterschiedlichen Aufgaben dafür sorgten, dass das „Schild und Schwert der Partei“ seine Aufgaben erfüllen konnte“. (S. 21) Allerdings treten die Bilder dadurch an manchen Stellen hinter die aus den Akten gewonnenen Informationen zurück. Statt die Fotografien stärker als eigenständige Quellen zu erschließen, orientieren sich die Texte häufig stark an verschriftlichten Kontextualisierungen. Gerade dort jedoch, wo Bildinformationen und schriftaktengestützte Einordnung in ein ausgewogenes Verhältnis treten, entstehen die überzeugendsten Bild-Text-Paare.
In der Gesamtschau der Auswahl lassen sich neben den Lebensläufen und vielfältigen Aufgaben der Hauptamtlichen durchaus weitere größere Themen innerhalb der überwachungsbürokratischen Strukturen ausmachen. Nicht unbedingt als Hauptanliegen des Bandes, aber durchaus als auffälliges Detail, lässt sich beispielsweise beobachten, dass eine Vielzahl der ausgewählten Fotografien vom MfS eingesetzte Medien zeigt. Immer wieder präsentieren sie die Protagonist:innen in bisher wenig gezeigten Umgebungen wie der Kartei- und Archivabteilung, bei der Arbeit mit Akten, Karteien (S. 202), Zettelkästen (S. 188), verschiedensten EDV-Geräten bis hin zu Großrechenanlagen (S. 134) und natürlich auch mit Fotografien selbst (S. 202). Vermittelt werden somit nicht bloß Gesichter, sondern auch die Erkenntnis, dass sowohl Personen als auch bürokratische Medien es waren, die die Arbeit der Geheimpolizei Hand in Hand prägten und strukturierten.

Abb. 3: Unbekannte zivilbeschäftigte Mitarbeiterinnen, Vermutlich Frankfurt/Oder, 1974/1975, BArch, MfS, BV Frankfurt/Oder, Abt. RD, Nr. 513, S. 2, in: Philipp Springer, Die Hauptamtlichen. Fotografische Einblicke und biografische Skizzen aus den Akten des Ministeriums für Staatssicherheit, Gebr. Mann Verlag, Berlin 2025, S. 132, mit freundlicher Genehmigung Bundesarchiv – Stasi-Unterlagen-Archiv ©

Abb. 4: Unbekannte hauptamtliche Mitarbeiterin, Berlin Oktober 1987, BArch, MfS, Abt. XII, Fo, Nr. 91, Bild 2, in: Philipp Springer, Die Hauptamtlichen. Fotografische Einblicke und biografische Skizzen aus den Akten des Ministeriums für Staatssicherheit (Schriften des Bundesarchivs; 83), Gebr. Mann Verlag, Berlin 2025, S. 186, mit freundlicher Genehmigung Bundesarchiv – Stasi-Unterlagen-Archiv ©

Abb. 5: Abb. 5 Unbekannter hauptamtlicher Mitarbeiter, Berlin Oktober 1987, BArch, MfS, Abt. XII, Fo, Nr. 94, Bild 1, in: Philipp Springer, Die Hauptamtlichen. Fotografische Einblicke und biografische Skizzen aus den Akten des Ministeriums für Staatssicherheit (Schriften des Bundesarchivs; 83), Gebr. Mann Verlag, Berlin 2025, S. 186, mit freundlicher Genehmigung Bundesarchiv – Stasi-Unterlagen-Archiv ©
Die Zusammenstellung der Bildauswahl selbst erweist sich somit bereits als erkenntnisgenerierender Prozess mit eigener analytischer Qualität. Der Akt der Auswahl, Anordnung und Kontextualisierung von Fotografien bringt spezifische thematische Verdichtungen hervor. Gerade die von Springer vorgenommene Auswahl zeigt, wie sich durch die Zusammenführung einzelner Aufnahmen eigenständige Lesarten entwickeln lassen. Zugleich verweist dies auf ein weiterreichendes Forschungspotenzial der fotografischen Bestände des MfS insgesamt: Weitere thematische oder methodisch anders akzentuierte Bildauswahlen könnten neue Zusammenhänge freilegen und bislang weniger beachtete Aspekte der Überwachungs- und Institutionsgeschichte sichtbar machen.
Doch relevantes Bildmaterial zu identifizieren, ist ähnlich schwierig wie die Rekonstruktion der konkreten Kontexte. Dies lässt sich für interessierte Forschende im Stasi-Unterlagen-Archiv (StUA) nur durch Überwindung einiger Hürden realisieren. Springer weist auf die methodischen Herausforderungen hin, die die Recherchen für den vorliegenden Band mit sich brachten (S. 13). Das Fehlen einer zentralen Bilddatenbank, die Aufteilung des fotografischen Bestands in die lose Fotosammlung und als Teile von Schriftgutakten sowie die großenteils recht unspezifischen Angaben zur Bildbeschreibung in der StUA internen Datenbank SAE („Sachaktenerschließung“) seien als solche genannt. Auch die Eingliederung des StUA in das Bundesarchiv im Jahr 2021, in dessen Schriftenreihe der vorliegende Band auch erschienen ist, konnte bisher keine Verbesserung bringen.
Philipp Springer vermag es mit dem Band, eine bisher wenig beleuchtete Bildwelt zu entfalten, und erweitert damit so manche Perspektive auf die Geheimpolizei. Die historische MfS-Forschung hat seit Öffnung der Akten in vielerlei Hinsicht ein breites Verständnis für die Geschichte, Funktionen und Abläufe des Repressionsorgans vermittelt. Diese Ansätze sind und waren enorm wichtig und sollen mit dem folgenden Argument keineswegs angefochten werden. Geformt wurde dadurch allerdings vor allem eine Perspektive, durch die das MfS als vielschichtiger und komplexer Apparat analysiert wurde. Mit durchaus zutreffenden Beschreibungen wie „Überwachungsbürokratie“ oder „Stasi-Apparat“ richtete sich der forschende Blick vor allem auf die Institution als solche und verlor die Menschen darin aus dem Blick. Der Apparat verdrängt die Individuen darin. Das Anliegen Springers Bandes trifft gerade deshalb einen Punkt, den es in der Zukunft noch auszuweiten gilt.
Der beschriebene Fokus der Forschung abseits individueller Identitäten lässt sich nicht nur in der Wissenschaft ausmachen, sondern auch wenn man das Stasi-Unterlagen-Archiv kritisch als Archiv selbst in den Blick nimmt. Auch wenn es zu den hauptamtlichen Mitarbeitern als Einzelpersonen durchaus ein Auskunftsrecht gibt, werden die Täter:innen durch die Struktur des Archivs regelrecht verhüllt und sind als Individuen schwer auszumachen. Das Material – und das liegt durchaus in der Natur der asymmetrischen und beklemmenden Sache selbst – fokussiert zumeist die Überwachten, nicht die Überwachenden. Die australische Kunsthistorikerin Donna West Brett hat im Kontext des StUA bereits konsequent darauf hingewiesen, dass das Archiv als eigenständiger Akteur sowohl als Verschleierungsapparat („veiling apparatus“[10]) als auch fluider Speicher („fluid repository“[11]) wirkt. Namen, Identitäten und Geschichten werden in den schieren Massen der Überlieferung und der Archivstruktur verschluckt.[12]
Gerade die Bilder, die es in der Vergangenheit zumeist zu illustrativen Zwecken der historischen Aufarbeitung aus dem Archiv und in die öffentliche Wahrnehmung geschafft haben, entstammen Prozessen der visuellen Überwachung. Ungleich häufiger richten sie ihren Blick – wenn auch zu Veröffentlichungszwecken anonymisiert – auf die Opfer dieses Wirkens als auf die Täter. Im Umgang mit diesem höchst sensiblen Material ist deshalb Vorsicht geboten, um die Konstruktion der Menschen als „Feinde“ und das einhergehende Othering des MfS nicht fortzutragen. Insbesondere aus diesen Gründen zeigt sich der Fokus des vorliegenden Bandes auf das Innenleben der MfS-Angehörigen als ein wichtiger Gegenpol zu bisherigen Veröffentlichungen. Ohne einzelne Individuen zu dämonisieren, zeigt er den Apparat als menschengemacht und entfaltet so eine Bildwelt, die sowohl überwachungsbürokratische Strukturen als auch individuelle Geschichten darin vereint.
Philipp Springer, Die Hauptamtlichen. Fotografische Einblicke und biografische Skizzen aus den Akten des Ministeriums für Staatssicherheit (Schriften des Bundesarchivs; 83), 224 S. mit 34 Farb- und 59 SW-Abb., Gebr. Mann Verlag, Berlin 2025, 49,-€
[1] Karin Hartewig, Im Sucher der Staatssicherheit. Das heimliche Auge der Macht, in: Gerhard Paul (Hg.), Das Jahrhundert der Bilder. Band II: 1949 bis heute, Bonn 2008, S. 490-497, hier S. 495.
[2] Die Fotosammlung des StUA umfasst offiziell rund 1,95 Millionen Fotografien. Darüber hinaus befinden sich zahlreiche weitere Bilddokumente in verklebter Form innerhalb von Schriftgutakten sowie als Rollfilme und Mikrofiche im Archivbestand. Die offiziell angegebene Zahl ist daher nicht als abschließend zu verstehen. BStU (Hg.), 15. Tätigkeitsbericht des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik für die Jahre 2019 und 2020, Berlin 2021, S. 23.
[3] Philipp Springer, Der Blick der Staatssicherheit. Fotografien aus dem Archiv des MfS, Dresden 2020.
[4] Karin Hartewig, Das Auge der Partei: Fotografie und Staatssicherheit, Berlin 2004.
[5] Neben den umfangreicheren Veröffentlichungen von Hartewig und Springer entstanden weitere einzelne Texte im deutschsprachigen Raum, die sich zumindest in Teilen oder mit spezifischen thematischen Eingrenzungen den Fotografien des MfS zuwandten. Siehe dazu u.a.: Axel Dossmann, Transit. Die Autobahn im Blick der Staatssicherheit, in: Karin Hartewig/Alf Lüdtke (Hg.), Die DDR im Bild. Zum Gebrauch der Fotografie im anderen deutschen Staat, Göttingen 2004, S. 107-124; Volker Kuball/Silvia Oberhack/Katrin Rübenstrunk, Die fotografische Überlieferung der Staatssicherheit. Eine Zwischenbilanz anläßlich des 50. Jahrestags des Mauerbaus, in: Rundbrief Fotografie 18 (2011), H. 3, S. 24-30; Annette Vowinckel, Agenten der Bilder. Fotografisches Handeln im 20. Jahrhundert, Göttingen 2016. Auf internationaler Ebene veröffentlichte Donna West Brett mehrere Aufsätze und nahm die Fotografien des MfS zum Anlass, um über fotografische Evidenz sowie die Archivpraxis und das spezifische Erbe der Stasi zu reflektieren: Donna West Brett, Unsettling the Archive. The Stasi, Photography, and Escape from the GDR, in: dies./Natalya Lusty (Hg.), Photography and Ontology. Unsettling Images, New York 2019, S. 24-40; dies., Material Violence: Destruction, Mishaps and Redaction of Stasi Photographs, in: Katherine Biber/Trish Luker/Priya Vaughan (Hg.), Law’s Documents. Authority, Materiality, Aesthetics, New York 2022, S. 223-245; dies., Stasi Surveillance Photographs and Extra-Archival Legacy, in: Photography and Culture 12 (2019), H. 2, S. 227-248.
[6] Jens Gieseke, Die hauptamtlichen Mitarbeiter der Staatssicherheit. Personalstruktur und Lebenswelt 1950-1989/90, Berlin 2000.
[7] Auf die Assoziation einer fotografischen Typenstudie im Sander’schen Sinne wies Steffen Siegel in einem Gespräch einige Monate vor Erscheinen des Bandes hin.
[8] Philipp Springer, Der Blick der Staatssicherheit, S. 14/S. 33.
[9] Vgl. Winfried Gerling, Knipsen, in: Heiko Christians/Matthias Bickenbach/Nikolaus Wegmann (Hg.), Historisches Wörterbuch des Mediengebrauchs, Köln u.a. 2015, S. 342-351, hier S. 346. Zur Bildgeschichte des Knipsens siehe auch Timm Starl, Knipser. Die Bildgeschichte der privaten Fotografie in Deutschland und Österreich von 1880 bis 1980, München 1995.
[10] West Brett, Stasi Surveillance Photographs and Extra-Archival Legacy, S. 242.
[11] West Brett, Unsettling the Archive. The Stasi, Photography, and Escape from the GDR, S. 25.
[12] Zur Archivkritik siehe auch Allan Sekula, Der Körper und das Archiv, in: Herta Wolf (Hg.), Diskurse der Fotografie. Fotokritik am Ende des fotografischen Zeitalters. Band 2, Frankfurt a.M. 2003, S. 269-334.
Zitation
Clara Trivellato, Die Überwachenden. Rezension: Philipp Springer, Die Hauptamtlichen. Fotografische Einblicke und biografische Skizzen aus den Akten des Ministeriums für Staatssicherheit, in: Visual History, 21.06.2026, https://visual-history.de/2026/06/21/trivellato-die-ueberwachenden-rezension-springer-hauptamtlichen/
DOI: https://doi.org/10.14765/zzf.dok-3059
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