Gerty Simon. Berlin/London. Eine Fotografin im Exil

Ausstellung zur deutsch-jüdischen Fotografin Gerty Simon vom 4. Juli bis 4. Oktober 2021 in der Liebermann-Villa am Wannsee

In Zusammenarbeit mit der Londoner Wiener Holocaust Library widmet die Liebermann-Villa am Wannsee der deutsch-jüdischen Fotografin Gerty Simon (1887–1970) die erste Überblicksausstellung im deutschsprachigen Raum. Die von der Berliner Senatsverwaltung für Kultur und Europa geförderte Werkschau präsentiert eindrucksvolle Aufnahmen wichtiger Berlinerinnen und Berliner sowie internationaler Persönlichkeiten der 1920er und 1930er Jahre. Ausgangspunkt ist ihr 1929 angefertigtes Fotoporträt von Max Liebermann. Originale Fotoabzüge, historische Presserezensionen und persönliches Archivmaterial zeichnen Simons Weg vom Karriereanfang und Erfolg in der Weimarer Republik, der vorbereiteten Flucht ins britische Exil, dem strategischen Neuanfang bis hin zur Aufbewahrung ihres Nachlasses in London nach.

Gerty Simon, Selbstporträt, um 1934, Quelle: The Bernard Simon Collection, Wiener Holocaust Library Collections

Karriereaufbau und Erfolge in Berlin

Die Ausstellung beginnt mit einem Blick auf Gerty Simons Anfänge und beruflichen Erfolge in Berlin. Die als Gertrud Cohn in Bremen geborene Gerty Simon widmete sich in Berlin der Fotografie und eröffnete in der Charlottenburger Clausewitzstraße ihr erstes eigenes „Photographisches Studio“. Obwohl Simon keine klassische Ausbildung als Fotografin absolvierte, baute sie sich schnell im Umfeld zahlreicher Fotografinnen ihr Netzwerk auf.

Gerty Simon pflegte Kontakte zu Politikern, Wissenschaftlern sowie der Kunstszene und begann 1925 wichtige Persönlich­keiten der Weimarer Republik zu fotografieren. Unter den Porträtierten sind Albert Einstein, Max Planck, Renée Sintenis, Max Slevogt, Käthe Kollwitz, Kurt Weill, Lotte Lenya und Max Liebermann. Die Schwarzweißaufnahmen fanden großen Anklang in der Tagespresse; es folgten zahlreiche Fotoaufträge für die wichtigsten Illustrierten der Zeit und deutschlandweite Ausstellungen wie Geistiges Berlin, Geistiges Paris 1929 im Kunstsalon Marta Görtels oder die 1929 vom Museum Folkwang initiierte Schau Fotografie der Gegenwart.

 

Londoner Exil

Neben Simons Erfolgen der 1920er Jahre blickt die Ausstellung auf ihre Flucht ins britische Exil. Aufgrund ihrer jüdischen Herkunft war die Fotografin von dem wachsenden Nationalsozialismus in Deutschland stark bedroht. Um dem Naziregime zu entfliehen, ging sie 1933 mit ihrem Sohn ins britische Exil. Die in der Liebermann-Villa ausgestellten Archivalien zeigen, wie präzise Simon ihren beruflichen Neuanfang vorbereitete. Sie sammelte sämtliche Presseerwähnungen, übersetzte einige ins Englische, ordnete ihnen systematisch Titel sowie Datum zu und ließ sich Empfehlungen ausstellen.

In der Church Street eröffnete Gerty Simon 1933 wieder ein Fotoatelier. Sie traf im Verlauf der 1930er Jahre mehrere Berliner Bekannte im Londoner Exil, darunter Lotte Lenya und Alfred Flechtheim. Auch in London konnte sich Simon ein breites Netzwerk aufbauen, ihr Atelier wurde zu einem Treffpunkt der Kunstszene. Es folgten Ausstellungen, darunter London Personalities 1934 in der Storran Gallery und Camera Portraits 1935 im Camera Club mit 60 Porträts namhafter Emigrantinnen und Emigranten neben britischen Persönlichkeiten.

 

Bis ins Archiv
Abschließend beleuchtet die Ausstellung das Nachkriegsleben der Familie Simon anhand mehrerer Objekte aus dem in der Wiener Holocaust Library aufbewahrten Nachlass. Ob Gerty Simon nach 1936 weiterhin als Fotografin tätig war, ist nicht bekannt. Als Folge der Novemberpogrome 1938 emigrierte auch ihr Ehemann nach London. Zwei Jahre später wurden sowohl ihr Mann als auch ihr Sohn – wie fast alle deutschen Emigrant*innen in Großbritannien – als „feindliche Ausländer“ inhaftiert. Die Familie überstand die Schicksalsjahre und erhielt im Jahr 1947 die britische Staatsbürgerschaft. Bis zu ihrem Lebensende 1970 blieb Gerty Simon mit ihrer Familie in Großbritannien.

Nach dem Tod ihres Sohnes 2015 wurde der Familiennachlass an die Wiener Holocaust Library übergeben. Gegründet 1933 gilt die Bibliothek heute als die weltweit älteste Institution zur Dokumentation der NS-Herrschaft und ihrer Verbrechen. Ihre Sammlung besteht aus über einer Million Dokumente – Zeitungsausschnitte, Bücher, Fotografien und Augenzeugenberichte – von unzähligen Zeitzeuginnen und Zeitzeugen. 2019 stellte die Institution Gerty Simons Fotografien unter dem Titel Berlin/London. The Lost Photographs of Gerty Simon erstmals aus.

 

Die Ausstellung wird gefördert vom Programm „Förderung zeitgeschichtlicher und erinnerungskultureller Projekte“ der Berliner Senatsverwaltung für Kultur und Europa und ist Teil des Festjahres „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“.

Drei wissenschaftliche Terrassengespräche vertiefen die zentralen Fragestellungen der Werkschau. Die Diskussionen werden moderiert von Dr. Lucy Wasensteiner. Am 12. Juli sprechen Katia Reich (Berlinische Galerie) und Dr. Katrin Bomhoff (ullstein bild) über Fotografinnen im Berlin der 1920er Jahre. Am 2. August sprechen Ulrike Kuschel (Deutsches Historisches Museum) und Julia Lutz (Berlinische Galerie) über Fotografinnen im Exil. Am 30. August sprechen Janine Mackenroth (Künstlerin und Autorin) und Tanja Wagner (Galerie Tanja Wagner) über vergessene Künstlerinnen. Zur Ticketbuchung: www.liebermann-villa.de/veranstaltungen

Zur Ausstellung werden drei kostenfreie Fotoworkshops in Zusammenarbeit mit der Fotografin und Kunstvermittlerin Hanna Mattes für Kinder und Jugendliche angeboten. Die zweistündigen Workshops greifen Gerty Simons Porträts auf und lassen die Teilnehmenden eigene Bilder abseits vom typischen Selfie schaffen. 8. Juli, 22. Juli und 29. Juli, 11 bis 13 Uhr. Anmeldungen unter besucherdienst@liebermann-villa.de.

Ab Juli 2021 präsentiert die Liebermann-Villa eine neue Webseite, auf der sukzessive digitale Angebote zur Ausstellung bereitgestellt werden, darunter eine Online-Präsentation zum Leben und Werk Gerty Simons, ein Audioguide und eine internationale Blogreihe zu Künstlerinnen im Exil. Unter #FindingGerty veröffentlicht die Wiener Holocaust Library zudem zahlreiche Porträts auf Flickr, die nicht identifiziert werden konnten, und ruft zur Beteiligung auf.

 

Alle Infos unter: www.liebermann-villa.de/gertysimon

Presseinformation der Liebermann-Villa am Wannsee

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