Bilder vom Krieg im Minutentakt

Nadine Kurschat und Frank Seidlitz von der „Focus“-Bildredaktion im Gespräch

Menschen auf der Flucht aus der Ukraine: zwei Frauen, eingehüllt in eine Decke

Menschen auf der Flucht aus der Ukraine im Februar/März 2022. Fotograf: Fabian Ritter für FOCUS Magazin ©

Christine Bartlitz: Sie gehören beide der Bildredaktion des Nachrichtenmagazins „Focus“ an. Momentan erhalten Sie täglich eine Vielzahl von Fotografien vom Krieg in der Ukraine und seinen grauenvollen Folgen. Woher stammen diese Bilder?

 

Nadine Kurschat: Der Großteil der Bilder kommt über die großen Nachrichtenagenturen, mit denen wir vertrauensvoll zusammenarbeiten. Zusätzlich erhalten wir Angebote von einzelnen Fotograf:innen. Einige von ihnen sind mit Kriegsbeginn in die Ukraine gefahren, um vor Ort zu berichten. Aber auch ortsansässige Fotograf:innen bieten uns ihr Material an. Sie bleiben im Land, um weiterhin berichten und der Welt die Kriegsbilder zeigen zu können. In Einzelfällen produzieren wir auch selbst, um der Reportage auch in der Bildsprache eine eigene „Handschrift“ zu verleihen. Das ist mit eine unserer Stärken, dass wir gute Zugänge haben und Geschichten eigenständig weitererzählen können. Darüber hinaus werden wir auch über andere, auch soziale, Medien auf Fotograf:innen aufmerksam, deren Bilder vielleicht einen anderen Zugang zum Thema bieten. Diese Mischung ist für unsere Berichterstattung äußerst wichtig.

 

Christine Bartlitz: Es gibt ja ein breites Bildrepertoire, um Krieg zu visualisieren: schweres Militärgerät, zerstörte zivile Gebäude, verletzte und tote Menschen, Zivilisten in Schutzräumen, Menschen auf der Flucht … Nach welchen Kriterien werden die Fotografien in der Redaktion ausgewählt? Gibt es eine Art von Schlüssel, wie viel Geflüchtete Sie zeigen, wie viele Panzer, tote Zivilist:innen – wie häufig Putin abgebildet wird? Oder findet die Auswahl im Redaktionsgespräch statt, wo bestimmt auch das „Bauchgefühl“ von Bedeutung ist?

 

Frank Seidlitz: Für uns als Nachrichtenmagazin ist die faktenbasierte Berichterstattung entscheidend. Sie müssen sich vorstellen, dass momentan fast im Minutentakt Bilder aus der Ukraine bei uns in der Redaktion eintreffen. Vor der Präsentation unserer Bildauswahl für das aktuelle Heft des „Focus“ in der Chefredaktion tauschen wir uns im Kollegenkreis aus. Dabei geht es weniger nach festgelegten Kriterien, vielmehr ist die gemeinsame Abwägung entscheidend: Was wollen wir und was können wir zeigen? Und dabei ist das „Bauchgefühl“ nicht zu unterschätzen. Natürlich ist in der Situation, in der wir uns gerade befinden, die stündlich aktuelle Nachricht relevant: das Krankenhaus, das angegriffen und bombardiert wurde. Als wöchentlicher Titel ordnet „Focus“ eher ein und gibt das Gesamtbild mit Fakten, Berichten, mit einzelnen Segmenten wieder. In Ausgabe 12 haben wir zum Beispiel das Flüchtlingsthema unter verschiedenen Optiken dargestellt, sowohl von der polnischen Grenze als auch in der Ukraine bis hin nach Berlin.

Menschen auf der Flucht aus der Ukraine: zwei Frauen und ein Kind, jeweilMenschen auf der Flucht aus der Ukraine: zwei Frauen und ein Kin, eingehüllt in eine Decke

Menschen auf der Flucht aus der Ukraine im Februar/März 2022. Fotograf: Fabian Ritter für FOCUS Magazin ©

Christine Bartlitz: Hätte der „Focus“ das Foto von der toten Mutter und ihren Kindern der amerikanischen Fotografin Lynsey Addario veröffentlicht? Es war ja auf dem Titel der „New York Times“ vom 8. März; die „Süddeutsche Zeitung“ hat aufgrund des Jugendschutzes darauf verzichtet, der „Tagesspiegel“ die Gesichter verpixelt. Wenn wir über Persönlichkeitsrechte und Bildethik sprechen, stellt sich ja immer die Frage, was wir zeigen wollen und was nicht: Hätten die abgebildeten Menschen einer Veröffentlichung zugestimmt, um – wie in diesem Fall – Kriegsverbrechen zu dokumentieren?

 

Frank Seidliz: Das ist die schwierige Frage: Was kann man zeigen, was kann man nicht zeigen? Wenn es um Krieg geht, gibt es leider solche Bilder. Wir müssen dann gemeinsam abwägen, ob die Veröffentlichung notwendig ist, so schwer solch ein Motiv auch auszuhalten ist. Aber in dem konkreten Fall ist das Heft viel später erschienen, sodass sich die Frage nicht mehr gestellt hat.

 

Christine Bartlitz: Vor zwei Tagen habe ich die Ankündigung einer Zeitschrift auf Facebook gelesen, dass sie aktuell auf „dehumanisierende“ Kriegsfotos verzichten wollen und stattdessen Bilder einer ukrainischen Fotografin aus der Vorkriegszeit zeigen: Menschen, die feiern, die schwimmen gehen etc. Ich verstehe ja den Impuls der Redakteur:innen dieser Zeitschrift, war aber doch etwas fassungslos. Die Menschen werden aktuell getötet, sie verlassen das Land, sie harren in ihren Wohnungen und in Kellern aus und haben Todesangst. Warum soll ich mir in dieser Situation Fotografien von feiernden Menschen ansehen – vielleicht sind sie jetzt schon tot. Das führt mich zu der Frage: Was bedeutet Kriegsfotografie für Sie?

 

Frank Seidlitz: Kriegsfotografie zeigt die Folgen eines Krieges. Sie hat in meinen Augen nichts mit Voyeurismus zu tun. Wie sieht der Krieg aus? Was geschieht mit den Menschen im Krieg? Um solche Fragen zu beantworten, ist es notwendig, auch die Bilder zu zeigen, die wehtun.

 

Nadine Kurschat: Für uns stellt sich dabei immer auch die Frage: Wie viel können wir unseren Leser:innen visuell zumuten? Manchmal ist eine Zusammenstellung, die neben aktuellen Kriegsfotografien zum Beispiel auch Fotos aus Friedenszeiten zeigt, sinnvoll und gut. Die Menschen, die noch vor wenigen Monaten ausgelassen gefeiert haben, stehen jetzt mit der Plastiktüte in der Hand und dem Kind auf dem Arm an der polnischen Grenze oder schlimmer noch …

 

Christine Bartlitz: Ihre Arbeitsweise hat sich in den letzten vier Wochen erheblich verändert: Wir haben schon über die Vielzahl der täglich eintreffenden Fotografien gesprochen. Zusätzlich gibt es noch die Herausforderung, jedes einzelne Bild zu verifizieren. In vielen Medien werden Fotografien ja aktuell häufig mit dem Hinweis versehen, dass die Quelle nicht sicher sei und das Bild zum jetzigen Zeitpunkt nicht verifiziert werden könne. Die Herkunft einer Fotografie, die Quelle, und der Bildkontext werden immer wichtiger. Als Historikerin begrüße ich diese zunehmende Sorgfalt im Umgang mit Bildern. Aber was heißt das konkret für Ihre Arbeit? Und glauben Sie, dass diese Hinweise die Bildkompetenz verbessern, also den kritischen Umgang der Menschen mit Bildern? Oder führen solche Warnungen im Gegenteil gerade bei Leuten, die den Medien sowieso per se kritisch gegenüberstehen, zu einem Generalverdacht bezogen auf den Wahrheitsgehalt der Berichterstattung?

 

Frank Seidlitz: Momentan erleben wir als Team eine große Herausforderung. Wir sind uns der Verantwortung gegenüber unseren Leser:innen sehr bewusst. Insofern gehen wir besonders sorgfältig mit dem Bildmaterial um und beziehen dieses aus möglichst verlässlichen Quellen wie den Nachrichtenagenturen. Dennoch müssen wir jedes einzelne Bild nochmal sehr sorgfältig auf seine Glaubwürdigkeit prüfen, denn Fehler können passieren. Ich bin froh, dass alle unsere Kolleg:innen Spezialisten im Umgang mit Fotografien sind, historische und aktuelle Kriegsbilder kennen und Erfahrung in der Analyse von Kriegsfotografie haben. Sobald eine Irritation von einem Kollegen/ einer Kollegin aufkommt, sehen wir uns das Bild gemeinsam aufmerksam an und überprüfen es anhand einzelner Faktoren: Nummernschilder bei fotografierten Autos, Straßenschilder, Wetterberichte aus der Region. Auch die Metadaten einer Fotografie geben Informationen zum Aufnahmedatum, zur Uhrzeit, zum Ort.

Das ist besonders im Hinblick auf Fake-Vorwürfe entscheidend. Erst neulich gab es hier eine Leserstimme zu einem Bild einer Friedensdemonstration vor dem Berliner Rathaus. Wir haben die Anfrage ernst genommen und recherchiert. Es ging um die Bäume vor dem Rathaus, die angeblich anders aussähen, sowie die Anzahl der Demonstrant:innen. Vergleiche mit verschiedenen Bildern der Serie der Agentur zeigten aber, dass das Bild kein Fake war. Durch solche Stimmen wird uns immer wieder bewusst, welche verantwortungsvolle Rolle wir Medien in der Gesellschaft haben.

 

Nadine Kurschat: Es ist ja auch gut, dass die Leute kritisch sind und Bilder letztlich genauso hinterfragen wie wir. Für uns heißt es dann, alle Recherche-Möglichkeiten auszuschöpfen. Mittels einer reverse-Bildersuche im Internet über Google oder TinEye können wir beispielsweise herausfinden, in welchem Zusammenhang die Fotografie vielleicht schon einmal gezeigt worden ist. Das war zu Beginn des Ukraine-Krieges hilfreich bei der Analyse eines Fotos einer Explosion. Es hat sich herausgestellt, dass das Bild schon seit 2014 im Internet kursiert und eine Tankstellenexplosion in Nowosibirsk zeigt.

 

Christine Bartlitz: Viele streamen den Krieg in der Ukraine sozusagen fast live auf Social Media. Sind die privaten Handybilder und -videos eine Konkurrenz für den klassischen Printjournalismus? Im Gegensatz zu den eher abstrakt anmutenden Kriegsbildern zu Beginn dieses Jahrtausends im Irak zeigt der Krieg in der Ukraine im Jahr 2022 die fürchterliche Brutalität für alle visuell nachvollziehbar. Gibt es da einen Zusammenhang zu Social Media und der Bedeutung von Bildern auf den Plattformen wie Instagram?

 

Frank Seidlitz: Von Konkurrenz würde ich nicht sprechen, aber die Flut an Informationen erschwert die Arbeit extrem für die einzelnen Kolleg:innen: die Recherche und das Sichten der Bilder von den Agenturen wie die privaten Fotos und Handyvideos, die kursieren. Denn es ist gut möglich, dass wirklich nur eine Person zu dem Zeitpunkt mit dem Handy vor Ort war – und die Aufnahme dann über Social Media um die Welt geht. Das bringt viele Vorteile, aber birgt auch Risiken. Denn es ist natürlich viel schwerer, privat aufgenommene Bilder und Filme zu verifizieren.

 

Nadine Kurschat: Es ist auch eine Generationenfrage, welche Medien die Konsument:innen nutzen. Manche informieren sich nur noch über Social Media. Da besteht schon die Gefahr, dass die Perspektive eingeschränkt ist, besonders in bestimmten Gruppen.

 

Frank Seidlitz: Das ist ein großes Thema. Ein Kollege von uns ist viele Stunden in TikTok eingetaucht, um die Berichterstattung über den Ukraine-Krieg zu verfolgen …

Menschen auf der Flucht aus der Ukraine: Menschen auf einem Feld mit ihrer Habe

Menschen auf der Flucht aus der Ukraine im Februar/März 2022. Fotograf: Fabian Ritter für FOCUS Magazin ©

Christine Bartlitz: Ich nehme seit Beginn des Krieges eine starke Mobilisierung über die Bilder in Social Media wahr. Die Spendenbereitschaft ist dadurch bestimmt gestiegen. Das TikTok-Beispiel bringt mich zu meiner letzten Frage. Viele haben ja eine professionelle Distanz, das gilt für Bildjournalist:innen ebenso wie für Historiker:innen, die sich zum Beispiel mit Bildern des Holocaust beschäftigen. Selbst wenn ich ein Foto für die Veröffentlichung auf dem Portal Visual History bearbeite, sehe ich irgendwann nicht mehr den Inhalt, sondern nur noch die Größe, die Helligkeit oder den Tonwert. Dennoch sind Sie wie alle Journalist:innen in den letzten vier Wochen sicherlich ganz besonders angespannt. Es macht etwas mit einem, wenn man tagaus, tagein Kriegsbilder auswählt und bearbeitet. Gibt es persönliche Strategien, um damit emotional umzugehen, oder auch von Seiten des Burda Verlags?

 

Nadine Kurschat: Wir achten aktuell noch mehr aufeinander und unterstützen uns im Team, indem wir uns bei den Themen abwechseln. So geht man eine Woche aus der Kriegsberichterstattung raus und macht stattdessen die Rubrik „Leben und Kultur“. Ich persönlich nutze unter anderem Yoga und Meditation, um den Kopf freizubekommen.

 

Frank Seidlitz: Bei Burda haben wir das große Glück, dass wir eine Kooperation mit dem Fürstenberg Institut haben und jederzeit deren Beratungsservice kostenfrei in Anspruch nehmen können. Das ist in solchen Krisenzeiten wie jetzt natürlich sehr hilfreich, mit Expert:innen über seelische Belastungen zu sprechen. Auch in unserem Team reden wir offen über das Thema, denn am Ende des Tages geht jeder anders damit um.

 

Christine Bartlitz: Ich danke Ihnen sehr für das Gespräch.

 

 

Nadine Kurschat kommt aus dem wissenschaftlichen Bereich und vermittelt an der Schnittstelle als Historikerin und freie Kuratorin Geschichte sowie aktuelles Zeitgeschehen anhand der Fotografie. Seit 2010 arbeitet sie als Bildredakteurin. Eine nie endende Neugier und ihr visuelles Gespür treiben sie an, alternative Erzählformen zu finden und die Entwicklung der Fotografie im Journalismus mit zu gestalten. Beim „Focus“ ist sie seit 2016 ressortübergreifend fester Teil der Fotoredaktion.

 

Frank Seidlitz ist ein Enthusiast der Fotografie und der internationalen Magazinkultur. Seit März 2022 ist er Visual Director des Nachrichtenmagazins „Focus“ und leitet die Bildredaktion. Seidlitz war bereits Photography Director u.a. für das Männermagazin „GQ“ und bei der deutschen Ausgabe von Andy Warhol’s „Interview“-Magazin sowie stellvertretender Photography Director bei „Vanity Fair“.

 

Fabian Ritter ist freier Fotograf und Mitglied des DOCKS Collective. Geprägt von Einblicken in unterschiedliche Kulturen und Lebensweisen interessiert er sich für soziale Phänomene und gesellschaftliche Spannungen. Seine Fotografien über ukrainische Geflüchtete sind abgedruckt im „FOCUS Magazin“ 10/2022: „Das Leben in einem Koffer. Über eine Million ukrainische Flüchtlinge sind auf dem Weg in die EU. Wir haben sie an der Grenze getroffen“. Wir danken Fabian Ritter für die Genehmigung, einige Bilder aus der Serie auf Visual History zeigen zu können.

 

(Transkription des Interviews: Iulia Sucutardean)

 

 

Dieser Artikel ist Teil des Themendossiers: Bilder des Krieges in der Ukraine,
hg. v. d. Visual History-Redaktion

Themendossier: Bilder des Krieges in der Ukraine

 
 

 

Zitation


Christine Bartlitz, Bilder vom Krieg im Minutentakt. Nadine Kurschat und Frank Seidlitz von der „Focus“-Bildredaktion im Gespräch, in: Visual History, 04.04.2022, https://visual-history.de/2022/04/04/bartlitz-kurschat-seidlitz-focus-bilder-vom-krieg-im-minutentakt/
DOI: https://doi.org/10.14765/zzf.dok-2372
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