Flucht in den Strandurlaub?

Fotoalbum der Familie Lindenberger, Jüdisches Museum Berlin, Schenkung von Michael Lindenberger © Seite 12

Das Fotoalbum der Familie Lindenberger enthält – für ein solches keineswegs unüblich – auch einige Fotografien aus Urlauben am Meer. So sieht man dreimal Joseph Lindenberger am Strand, einmal im Badeanzug lesend auf einer Decke sitzend, ein weiteres Mal im Bademantel in einem Boot sitzend und zu guter Letzt in Hemd und Krawatte sich auf ein Boot stützend. Im Hintergrund der ersten beiden Bilder, die in einem Doppelabzug vorliegen, sieht man ein auf Stelzen gebautes, langes Strandhaus, das vermutlich zu einer Landungsbrücke weiter ins Meer hinein führt. Eine ebensolche kann man im Hintergrund des dritten Bildes sehen, dessen Aufnahmeperspektive auf das Meer gerichtet ist. Auf dem oberen der beiden ersten Bilder sieht man zudem ein gerüstartiges Konstrukt, möglicherweise eine Schanze oder ein Sprungturm, der ans Wasser gestellt werden konnte.

Fotoalbum der Familie Lindenberger, Jüdisches Museum Berlin, Schenkung von Michael Lindenberger © Seite 11

Auf einer anderen Seite des Albums befindet sich eine Fotografie, die ebenfalls das Meer zeigt und auf der man in der linken Bildhälfte eine Landungsbrücke sehen kann, allerdings ohne ein Brückenhaus am Ende und mit anderer Bauweise. Vermutlich handelt es sich also um eine andere Landungsbrücke – oder das Haus wurde später hinzugefügt. Im Vordergrund sieht man einige badende Menschen, ganz vorne ein nacktes Kind mit einem kleinen Eimer. Rechts im Bild ist ein Steg mit einer Person darauf zu erkennen. Zwei weitere Bilder auf derselben Seite lassen sich möglicherweise einem Urlaub am Meer zuordnen. Man sieht spielende Kinder, einige im Matrosenanzug, und eine große Familie, die für ein Foto, möglicherweise auf einer Landungsbrücke, zusammengekommen ist. Auch aufgrund der Anordnung im Konvolut ist zu vermuten, dass diese Bilder im selben Urlaub am Meer entstanden sind.

Fotoalbum der Familie Lindenberger, Jüdisches Museum Berlin, Schenkung von Michael Lindenberger © Seite 22

Fotoalbum der Familie Lindenberger, Jüdisches Museum Berlin, Schenkung von Michael Lindenberger © Seite 22

Nun gibt es also einige Gemeinsamkeiten, aber auch deutliche Unterschiede zwischen den Urlaubsfotos. Nur von den beiden Bildern des Doppelabzugs kann man eindeutig sagen, dass sie aus dem gleichen Urlaub stammen. Sie sind mit der Jahresangabe „1936“ versehen. Da Joseph Lindenberger auf dem dritten Foto die gleiche Frisur und das gleiche Alter zu haben scheint, liegt hier ein zeitlicher Zusammenhang nahe. Es könnte aufgrund der Abwesenheit anderer Familienmitglieder auch sein, dass nur Joseph Lindenberger und eine weitere Person, die die Fotos aufgenommen hat, im Urlaub waren. Die übrigen Bilder zeigen eher einen typischen Familienurlaub, vermutlich an einem anderen Ort und in einem früheren Jahr. Ob die Familie Lindenberger also eine Art Stammort für ihre Strandurlaube hatte, zu dem sie mehrfach zurückkehrten, geht aus den Bildern des Albums nicht hervor.

Für eine über das Biografische hinausreichende Betrachtung eignen sich die drei Bilder von Joseph Lindenberger am Strand. Er ist offensichtlich im Urlaub, er liest ein Buch und sitzt mit überschlagenen Beinen in einem Bademantel, vermutlich nach einem Bad im Meer. Dennoch sieht er auf allen Bildern überhaupt nicht ausgelassen oder gar glücklich aus. Sein Gesichtsausdruck ist ernst und damit seiner Tätigkeit und Umgebung widersprechend – er wirkt, als wollte er gar nicht am Strand urlauben.

Grund dafür könnte die aus dem biografischen Kontext geschlossene Gleichzeitigkeit immens gegensätzlicher Lebensrealitäten von Joseph Lindenberger im Jahre 1936 sein. Als Jude im nationalsozialistischen Deutschland unterlag er zu diesem Zeitpunkt einer stetig zunehmenden Verfolgung durch das totalitäre Regime und den Ausgrenzungsbestrebungen weiter Teile der Gesellschaft, die die antisemitischen Überzeugungen dieses Regimes teilten. Aufgrund dieser Situation emigrierten die Lindenbergers etwa zwei Jahre nach der Aufnahme dieser Urlaubsfotos nach Palästina.

Es zeigt sich also erneut das Spannungsverhältnis von Sichtbarem und Unsichtbarem in einer historischen Fotografie. Dennoch ist bei der Deutung Vorsicht geboten! Aufgrund der oben geschilderten Umstände ist man versucht, die Verfolgung durch die Nazis im Gesicht von Joseph Lindenberger zu sehen. Doch auch wenn man auf der ersten, rein visuellen Analyseebene keine Verfolgung in den Bildern eines urlaubenden Mannes sehen kann, so kann man sie tatsächlich auch nicht auf der zweiten, kontextuellen Ebene sehen. Man weiß nicht, warum Joseph Lindenberger nicht auf den Fotos lächelt. Spekulativ sind viele andere, banalere Gründe vorstellbar.

Schlussendlich ist die Gleichzeitigkeit von Verfolgung und Strandurlaub faktisch nicht in Frage zu stellen. Vielleicht liegt darin sogar ein Zusammenhang: Joseph Lindenberger könnte gerade deshalb Urlaub gemacht haben, um der dauernden psychischen Belastung durch die antisemitische Verfolgung zumindest temporär zu entgehen und sich davon zu erholen. Doch selbst wenn der Strandurlaub in keinem Zusammenhang zur Verfolgung stand und vielmehr einer gewohnten Routine entsprach, zeigen diese Fotografien aus dem Lindenberger-Konvolut, dass sich Alltag und Verfolgung nicht ausschlossen; ganz im Gegenteil: Die Verfolgung war der Alltag für Menschen wie Joseph Lindenberger und seine Familie – ob man es sieht oder nicht.

 

 

Dieser Artikel ist Teil des Themendossiers: „un.sichtbar. Blicke auf das Fotoalbum einer jüdischen Familie 1904-1969“, herausgegeben von Christine Bartlitz, Christoph Kreutzmüller und Theresia Ziehe

Themendossier: un.sichtbar: Blicke auf das Fotoalbum einer jüdischen Familie 1904-1969

 

 
 

 

Zitation


Jan-Niklas Welling, Flucht in den Strandurlaub?, in: Visual History, 14.02.2024, https://visual-history.de/2024/02/14/unsichtbar-welling-flucht-in-den-strandurlaub/
DOI: https://doi.org/10.14765/zzf.dok-2718
Link zur PDF-Datei

 

Nutzungsbedingungen für diesen Artikel

Dieser Text wird veröffentlicht unter der Lizenz CC BY-NC-ND 4.0. Eine Nutzung ist für nicht-kommerzielle Zwecke in unveränderter Form unter Angabe des Autors bzw. der Autorin und der Quelle zulässig. Im Artikel enthaltene Abbildungen und andere Materialien werden von dieser Lizenz nicht erfasst. Detaillierte Angaben zu dieser Lizenz finden Sie unter: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/4.0/deed.de

Folgende Beiträge könnten Sie auch interessieren:

Artikel kommentieren

Ihre Email wird nicht veröffentlicht.

AlphaOmega Captcha Historica  –  Whom Do You See?