Skiurlaube

Joseph und Helene Lindenberger posieren in Schlittschuhen für die Kamera. Sie blicken geradeaus, Joseph
stützt Helene zärtlich. Fotoalbum der Familie Lindenberger, Jüdisches Museum Berlin, Schenkung von Michael Lindenberger © Seite 9

Durch ihre Aufbewahrung und Erhaltung geben die Fotografien einen Einblick in besondere Momente der Familiengeschichte. Die Schwarz-Weiß-Bilder zeigen die Familie Lindenberger in verschiedenen Lebenslagen, von alltäglichen Szenen bis hin zu ihrer Freizeit. Bemerkenswert im Fotoalbum sind auch die Seiten, die die Bilder der Familie vom Skiurlaub präsentieren. In Deutschland wurde das Skifahren im späten 19. Jahrhundert populär, auch für den Mittelstand. Etwa 35.000-40.000 Deutsche standen auf Skiern. Im Vergleich zu anderen europäischen Ländern war die Zahl sehr hoch, wie eine Münchner Zeitung im Jahr 1912 berichtete.[1] Fotos aus dem Skiurlaub waren daher gleichzeitig auch ein Statussymbol.

Im Unterschied zu Assoziationen, die wir heute mit dem „Dritten Reich“ verbinden, zeigen die Bilder im Album, die in den 1930er Jahren entstanden sind, auch freudige Momente einer als jüdisch verfolgten Familie. Das Leben der Jüdinnen und Juden in Deutschland nach 1933 war durch Antisemitismus, Diskriminierung, Unterdrückung, Verfolgung, Gewalt und schließlich Deportation und Ermordung bestimmt; vielfach dominieren heute Bilder von Entrechtung und Zwang. Insbesondere die Wahrnehmung von Juden als „Opfer“ auf vielen der von den nationalsozialistischen Tätern produzierten Fotos steht scheinbar im Gegensatz zu den im Album präsentierten Bildern.

Die Bilder der Familie Lindenberger zeigen das Alltagsleben in dieser Zeit. Das heißt aber keineswegs, dass Diskriminierung, Entrechtung, Gewalt und Verfolgung nicht stattfanden. Der Urlaub bedeutete für die Familie wahrscheinlich mehr als nur eine Pause. Es war vermutlich eine kurze Zeit der Freiheit. Michael Lindenberger sagte im Interview, dass die Mitglieder der Familie nach Karlsbad und Meran, an die Ostsee, nach Travemünde fuhren. Die Bilder im Schnee wurden in Meran in Italien gemacht. Von dem Stifter Michael Lindenberger und aus weiteren Dokumenten wissen wir, dass ihnen im Jahr 1938 von Meran aus die Flucht nach Palästina gelang. Die Fotografien der Familie Lindenberger erlauben uns somit, ein wenig mehr über das alltägliche und individuelle Leben hinter den geschichtlichen Ereignissen jener Zeit zu erfahren.

 

 

[1] Allen, E. John B., The Culture and Sport of Skiing: From Antiquity to World War II, Amherst, Mass, 2007, S. 129.

 

 

Dieser Artikel ist Teil des Themendossiers: „un.sichtbar. Blicke auf das Fotoalbum einer jüdischen Familie 1904-1969“, herausgegeben von Christine Bartlitz, Christoph Kreutzmüller und Theresia Ziehe

Themendossier: un.sichtbar: Blicke auf das Fotoalbum einer jüdischen Familie 1904-1969

 

 
 

 

Zitation


Junseok Won, Skiurlaube, in: Visual History, 14.02.2024, https://visual-history.de/2024/02/14/unsichtbar-won-skiurlaube/
DOI: https://doi.org/10.14765/zzf.dok-2719
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