Eine Bootstour in die Vergangenheit

 

Die Kuratorin des Jüdischen Museums Berlin trägt Handschuhe, während sie die 31 Seiten des Fotoalbums umblättert. Sie hat das Album der Familie Lindenberger für unser Projekt im Rahmen des Public History-Studiengangs ausgewählt. Wir, Studierende und Dozentin, stehen im Kreis um sie herum und betrachten die 95 dort eingeklebten Fotografien: Portraitaufnahmen von Männern, Frauen und Kindern, die vor ungefähr hundert Jahren aufgenommen wurden, teilweise mit kurzen Bildunterschriften, die die Personen benennen, festgehaltene Momente von Familienfesten und Ausflügen, Bilder von Ski- und Rodelurlauben sowie von Tagen am Meer, auffällig viele Automobile, dazwischen immer wieder leere Seiten, auf denen Klebespuren darauf hinweisen, dass hier Bilder herausgelöst worden sind. Ganz am Schluss des Albums zwei groß abgezogene Fotografien eines Familienfestes, darunter die Bildunterschrift „Hermann – Bar Mitzwa 1933“.

Sechs Personen stehen um einen Tisch und blicken auf ein Fotoalbum.

Beim Sichten des Fotoalbums der Familie Lindenberger. Jüdisches Museum Berlin, Januar 2024. Foto: Daniel Neumeier ©

Eine Woche später sehen wir uns im Seminarraum der Freien Universität Berlin die Fotografien des Albums noch einmal an. Wir nutzen den Beamer, um die Bilder groß an die Wand werfen zu können. Welche Personen sind zu sehen? Biografische Angaben zur Geschichte der Familie haben wir aus dem Jüdischen Museum erhalten. Sie ermöglichen die Identifikation und familiäre Zuordnung vieler Bilder. Die nicht durchgehend chronologische Narration des Albums lässt uns immer wieder in der digitalen Ansicht vor- und zurückgehen. Langsam werden uns die auf den Fotografien dargestellten Menschen vertraut, und wir erkennen schließlich die engsten Familienmitglieder auf den ersten Blick. Wir wissen nun, wie Joseph und Helene Lindenberger als junges Paar aussahen und wie sie nach ihrer Flucht aus Nazi-Deutschland nach Palästina gealtert sind. Durch die intensive Beschäftigung mit den Bildern der Familie entstehen individuelle Assoziationen, die auch von unserer jeweils eigenen Geschichte und Erinnerung geprägt sind. Bei mir ist es die Fotografie einer Bootstour.

Alte Fotografie eines Segelboots mit vier Personen darauf

Vier Personen auf einem Boot. Fotoalbum der Familie Lindenberger, Jüdisches Museum Berlin, Schenkung von Michael Lindenberger © Seite 13

Der Abzug ist viel zu dunkel und an einigen Stellen überbelichtet. Außerdem finden sich sternförmige Lichtpunkte darauf, die vielleicht auf Fehler bei der Entwicklung zurückzuführen sind. Das Bild weist starke Gebrauchsspuren auf. Zu sehen ist ein hölzernes Segelboot mit Kajüte. Der Mast ist umgelegt, weil das Boot noch am Ufer liegt. Vier Personen befinden sich darauf: zwei Frauen, eine von ihnen (links) ist Helene Lindenberger, und zwei Männer. Aufgrund der schlechten Bildqualität lässt sich nur vermuten, dass einer der beiden Männer Joseph Lindenberger ist. Die Frauen, in Rock und Bluse, sitzen auf dem Dach der Kajüte bzw. auf dem umgelegten Mast, die Männer halten jeweils ein Ruder in der Hand. Sie tragen Hemden mit Hosenträgern bzw. einer Fliege. Am Ufer stehen noch zwei weitere Männer, die aber nur schemenhaft zu erkennen sind. Sie haben beide eine Art Schirmmütze auf, vielleicht eine maritime Kopfbedeckung. Alle Personen blicken in Richtung des Fotografen oder der Fotografin. Es lässt sich vermuten, dass der Schnappschuss zu Beginn eines Bootsausflugs entstanden ist.

 

Blickwechsel

In meinem persönlichen Besitz befinden sich mehrere Fotografien meiner Großeltern. Sie sind noch im 19. Jahrhundert geboren, und zwar in Bremen bzw. auf einem Bauernhof in Niedersachsen. Mein Großvater (Jg. 1888) war ein Jahr jünger als Joseph Lindenberger (Jg. 1887), meine Großmutter (Jg. 1894) genauso alt wie Helene. Sie betrieben einen kleinen Lebensmittelladen und träumten vom sozialen Aufstieg in der Stadt. Daher war es für sie auch wichtig, so wird es in der Familie berichtet, dass sie sich Anfang der 1930er Jahre an dem Kauf eines kleinen Motorboots mit zwei weiteren Familien beteiligten. Es gibt mehrere Fotos von den Ausflügen: das Boot am Steg liegend, die Frauen und Kinder, darunter meine Mutter rechts auf dem Bild, ganz in Weiß gekleidet am Heck sitzend oder die Familie beim Picknick, mein Großvater stehend mit Schiffermütze.

 

Links: Boote an einem Steg im Fluss; rechts: fünf weiß gekleidete Frauen und Kinder im Heck eines Boots

Eine Familie sitzt auf einer Bank bzw. auf dem Rasen an einem Fluss.

Ausflüge mit dem Boot, Bremen, erste Hälfte der 1930er Jahre. Fotografien
der Familie Büntemeyer, Quelle: Christine Bartlitz

Fotografien von Bootstouren sind für die 1920er und 1930er Jahre in Deutschland in bürgerlichen Familien sicher nicht ungewöhnlich. Ein Boot zu haben, repräsentierte den gehobenen sozialen Status und versprach auch noch Freizeitvergnügen auf dem Wasser. Und wer sich kein eigenes leisten konnte, teilte es sich mit anderen. Es gibt bestimmt unzählige Fotografien aus dieser Zeit, die ähnliche Motive aus dem Familienleben zeigen. Dennoch hat dieses Bild aus dem Album der Familie Lindenberger persönliche Gefühle in mir hervorgerufen: Nähe, Verbundenheit, Traurigkeit, Scham.

Die Fotografie scheint ausgehend von dem, was auf ihr sichtbar ist, den Bildern meiner Großeltern zu ähneln. Beide Familien mochten wahrscheinlich Boote und Ausflüge am Wochenende. Die Fotografie aus dem Archiv einer mir fremden Familie wird durch das Motiv plötzlich privat, da sie an meine Erinnerung andockt. Das verändert meinen Blick auf das Album der Familie Lindenberger, auf den historischen Quellenbestand. Ihr Foto scheint von einer intakten Welt mit Bootsausflügen zu erzählen, vom individuellen Glück am Sonntag. Es macht mir die Lindenbergers vertraut, fast schon familiär: eine ganz „normale“ deutsche Familie – genau wie meine.

Gleichzeitig verweist das, was die Fotografie nicht zeigt, auf den Unterschied zwischen beiden Familien. Die Lindenbergers sind eine jüdische, deutsche Familie, meine Großeltern waren protestantisch. Sie erlebten keinen virulenten Antisemitismus, sie wurden ab 1933 nicht aus der „Volksgemeinschaft“ ausgeschlossen, nicht entrechtet, verfolgt, deportiert und ermordet. Die Erinnerung an meine eigene Familie, ausgelöst durch die Fotografie, macht für mich sichtbar, was im Album der Familie Lindenberger unsichtbar bleibt: die Verfolgung und Flucht der Lindenbergers ins Exil, unter Verlust ihres gesamtes Besitzes, weil in Deutschland ein Regime herrschte, das von viel zu vielen Deutschen als Täter:innen, Mitläufer:innen und Bystandern aktiv oder passiv unterstützt und geduldet wurde – so auch von meinen Vorfahren, was neben dem Gefühl von Traurigkeit auch ein Gefühl von Scham hervorruft.

So gelingt es einem historischen Foto, mir meiner Gefühle bewusst zu werden, die nur wenig damit zu tun haben, was auf dem Bild tatsächlich zu sehen ist, aber auf den Forschungsprozess einwirken. „The truth about the past always seems to lie somewhere else, just beyond the frame. At most, the photographs can gesture toward that elsewhere, and be powerful conduits between what was then and what is now“, schreiben die Literaturwissenschaftlerin Marianne Hirsch und der Historiker Leo Spitzer.[1] Sie beschäftigen sich mit der Frage, ob Archiv-Fotografien als eine Form von „Postmemory“ von Historiker:innen als Ressource genutzt werden können, um emotionale Wahrheiten der Vergangenheit zu erfassen und diese an zeitlich und lokal entfernte Personen zu vermitteln.[2]

Das Archiv-Foto einer mir fremden Familie, das ich mir im wissenschaftlichen Kontext angeschaut habe, hat mich dazu veranlasst, über meine eigene Familie nachzudenken und über die Unterschiede im Leben beider Familien spätestens mit dem Beginn der NS-Diktatur im Jahr 1933. Das Bild wird damit zu einer Brücke zwischen historischem Moment und eigenem Empfinden – die dadurch entstandene Nähe schafft eine zusätzliche Reflexionsebene.

 

 

[1] Marianne Hirsch/Leo Spitzer, What’s wrong with this Picture? Archival Photographs in Contemporary Narratives, in: Journal of Modern Jewish Studies 5 (2006), S. 229-252, hier S. 241, online unter https://blogs.cuit.columbia.edu/mh2349/files/2019/07/Wrong-with-This-Picture.pdf [20.02.2024]. Ich danke Heike Hartmann und Robert Mueller-Stahl für den Hinweis.

[2] Ebd., S. 229, 236f., 245.

 

 

Dieser Artikel ist Teil des Themendossiers: „un.sichtbar. Blicke auf das Fotoalbum einer jüdischen Familie 1904-1969“, herausgegeben von Christine Bartlitz, Christoph Kreutzmüller und Theresia Ziehe

Themendossier: un.sichtbar: Blicke auf das Fotoalbum einer jüdischen Familie 1904-1969

 

 
 

 

Zitation


Christine Bartlitz, Eine Bootstour in die Vergangenheit, in: Visual History, 11.03.2024, https://visual-history.de/2024/03/11/unsichtbar-bartlitz-bootstour-in-die-vergangenheit/
DOI: https://doi.org/10.14765/zzf.dok-2721
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