Die Sonderkommando-Fotografien aus Auschwitz-Birkenau

Entstehung, Autorenschaft und Überlieferung – eine Rekonstruktion

Auschwitz wird als Symbol für den industrialisierten Massenmord der Nationalsozialisten betrachtet. Die Vorstellung vom deutschen Vernichtungslager Auschwitz wird insbesondere von Bildern geprägt. Nach der Befreiung des Lagers durch die Rote Armee am 27. Januar 1945 blieben die sowjetischen Film- und Fotoaufnahmen als Zeugnisse des Grauens der Todesfabrik Auschwitz im Gedächtnis der Betrachtenden. Die Aufnahmen der Befreiung bestimmten das Bild, das sich Außenstehende von Auschwitz machten. Zwei einzigartige und unglaubliche Aufnahmen eines Häftlings vom Vernichtungsprozess im Jahre 1944 zeigten ein anderes Bild: die „authentische Perspektive des Augenzeugen“. Im Juli 1945 wurden ein Foto von nackten Frauen auf dem Weg in die Gaskammer und ein Foto von einer kleinen Verbrennungsgrube mit davor liegenden Leichen und dort zur Zwangsarbeit eingesetzten Sonderkommando-Häftlingen in der polnischen Zeitschrift „Przekroj“ publiziert.[1] Doch erst einige Jahre später wurden diese Bilder auch im Ausland verbreitet, weitere Aufnahmen der Fotoserie entdeckt und weltweit bekannt.[2]

Zeitungsseite mit zwei Fotografien und dem Bild eines Kassibers: nackte Frauen in einem Waldstück und Verbrennungsgrube mit davor liegenden Leichen und Häftlinge

Abb. 1: Die Erstveröffentlichung der ersten beiden Fotos in:
Przekrój 14/1945, 15.-21.07.1945, S. 7. Quelle: Archiv Andreas Kilian

Die in den Vernichtungsanlagen im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau eingesetzten und streng isolierten Häftlinge bildeten seit Mai 1942 ein sogenanntes Sonderkommando, das im Sommer 1944 bis zu 874 Mann stark war und in mehreren Arbeitsgruppen sowie in Tag- und Nachtschichten auf vier Mordeinrichtungen verteilt wurde: drei Krematorien mit Gaskammern (die großen Birkenauer Krematorien I und II mit jeweils fünf Dreimuffelöfen sowie das kleinere Krematorium IV mit einem Achtmuffelofen) sowie einen provisorischen Vergasungsbunker (Bunker V) mit offenen Verbrennungsgruben. Weitere Verbrennungsgruben befanden sich hinter dem zweiten kleinen Waldkrematorium (Krematorium IV). Das erste gegenüberliegende Waldkrematorium (Krematorium III) war nicht in Betrieb und diente als Unterkunft des im Krematorium IV und Bunker V eingesetzten Sonderkommandos. Die übrigen Häftlinge des Sonderkommandos waren auf den Dachböden der großen Krematorien untergebracht.[3] In den Hochbetriebszeiten der Mordmaschinerie kamen im Sommer 1944 bis zu 16.000 Deportierte täglich in Auschwitz-Birkenau an, die durchschnittliche Einäscherungskapazität lag zu dieser Zeit bei etwa 11.000 bis 12.000 Leichen pro Tag.[4]

Drei Postkarten mit demselben Motiv: Verbrennungsgrube mit davor liegenden Leichen und Häftlinge

Abb. 2: Postkarten des dritten Fotos (einzeln oder aus Sets), die zwischen 1948 und 1955 im Staatlichen Museum Auschwitz
verkauft wurden. Quelle: Originale im Archiv Andreas Kilian

Im Folgenden wird den grundlegenden Fragen zur Entstehungsgeschichte und Urheberschaft der Sonderkommando-Fotografien aus Auschwitz-Birkenau nachgegangen: Wurden die Fotos im Auftrag der Lagerwiderstandsbewegung angefertigt? Wie gelangte die Kamera zum Sonderkommando? Wer war der mutmaßliche Fotograf der Aufnahmen? Wo und wann wurden die Fotos gemacht? Wie viele Aufnahmen entstanden insgesamt und in welcher Reihenfolge? Und in welcher Form wurden die Bilder aus dem Lager geschmuggelt? Abschließend wird thematisiert, wo die Fotonegative entwickelt und wo erste Kontaktabzüge und Vergrößerungen hergestellt worden sein könnten.

 

Untersuchungsgegenstand

Von den 1945 publizierten beiden Sonderkommando-Fotografien wurden anfangs nur nachbearbeitete Vergrößerungen und 1957 zusätzlich ein anderes vergrößertes Foto in Büchern veröffentlicht.[5] Erst nach der Entdeckung eines vierten Fotos aus dieser Serie im Jahre 1960 wurden alle vier Aufnahmen schließlich 1989 in Jean-Claude Pressacs Pionierwerk „Auschwitz: Technique and Operation of the Gas Chambers“ veröffentlicht.[6] Zudem wurde darin erstmalig der Versuch unternommen, die zeitliche Reihenfolge der Aufnahmen nachzuvollziehen und die Standorte des Fotografen zu bestimmen.

Zwei Buchseiten mit zwei Fotografien und Text: Verbrennungsgrube mit davor liegenden Leichen und Häftlinge und laufende nackte Frauen

Abb. 3: Das dritte Motiv (oben) abgedruckt in der tschechischen Edition: Ota Kraus/Erich Kulka, Továrna na smrt: dokument o
Osvětimi, Praha 1957, S. 445, und in der deutschen Erstausgabe: dies., Die Todesfabrik, Berlin-Ost 1957, o.S. Quelle: Archiv Andreas Kilian

Zehn Jahre nach der Eröffnung des Staatlichen Museums Auschwitz im Jahr 1947 wurde mit den in der Zwischenzeit gesammelten Dokumenten ein Archiv eingerichtet, in dem auch die Sonderkommando-Fotografien inventarisiert wurden.[7] Die ersten von der Hauptkommission zur Untersuchung nationalsozialistischer Verbrechen in Polen zur Verfügung gestellten und bereits 1947 im Höß-Prozess als Beweismittel zugelassenen Kopien erhielten im Archiv des Auschwitz-Museums die Negativnummern („Nr. neg.“) 277 bis 279. Die Reihenfolge lag offenbar darin begründet, wie sich die Archivare die Chronologie der abgebildeten Ereignisse vorstellten: Auf dem Krematoriums-Hinterhof wurden Leichen verbrannt (277 und 278), während auf dem Vorderhof bereits die nächsten Mordopfer den Gang in die Gaskammer antraten (279). Die nächsten sieben Bildzugänge wurden im Jahr 1960 fortlaufend mit den Neg.-Nr. 280 bis 283 durchnummeriert, wobei drei Fotos Wiederholungsabzüge waren, die sich geringfügig von den Erstabzügen unterscheiden und drei Nummern (281 bis 283) daher zwei Mal vergeben wurden. In der Bildreihenfolge wurde das ursprünglich an zweite Stelle eingeordnete Bildmotiv (278) an den Anfang gestellt (280), vermutlich, weil Leichenwerfer erst auf dem anderen Grubenfoto (281) zu sehen sind und diese Reihenfolge den Archivaren sinnvoller erschien. Mehr als diese vier unterschiedlichen Fotos und Bildinhalte auf sieben verschiedenen Kontaktabzügen wurden seither nicht entdeckt. Sie sind die einzigen bekannten fotografischen Beweise der nationalsozialistischen Massenvernichtung auf dem Gelände der Mordeinrichtungen im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau.

17 Kontaktabzüge mit Datierung: Verbrennungsgrube mit davor liegenden Leichen und Häftlinge, nackte Frauen in einem Waldstück, Türrahmen und Bäume

Abb. 4: Kopien und Kontaktabzüge in der Nummerierung des Auschwitz-Museums (APMA-B, Mat. RO, Bd. XVI, k. 86-89 sowie XXXVIII, S. 1-7, „Originale, Negative der Fotografien“; Materialien der Widerstandsbewegung); die „Negative“ stammen von den Reproduktionen der Abzüge (Anm. d. Verf.)

Die Rekonstruktion der Fotoreihenfolge wurde durch die Tatsache erschwert, dass keine Fotonegative überliefert sind. Ursprünglich gingen Historiker davon aus, dass im Jahr 1960 einer der Empfänger der Sonderkommando-Fotografien von 1944, der ehemalige Widerstandsaktivist Władysław Pytlik, dem Archiv des Staatlichen Museums Auschwitz-Birkenau nur drei beschnittene und retuschierte Kopien der Fotos in Form von Papierabzügen übergeben habe, um diese von Museumsmitarbeitern abfotografieren zu lassen.[8] Daraus wurde geschlossen, dass die ganzen Bildfelder und der gesamte Bildinhalt der Originalfotos seinerzeit im Auschwitz-Museum nicht bekannt gewesen seien und eine zuverlässige Bestimmung der Aufnahmeorte durch die Vergrößerungen und unvollständigen Fotos nicht möglich gewesen wäre.

Während seines Museumsbesuchs hinterließ Pytlik Mitte Oktober 1960 eine kurze Aussage: „1944 erhielten wir aus dem Lager eine Sendung mit einem Filmstreifen. Dieser enthielt Aufnahmen, die an einem der Krematorien in Auschwitz gemacht worden waren. Der Film wurde nach Krakau geschickt und dort wurden zahlreiche Abzüge davon angefertigt. Ich besitze persönlich einige Kontaktabzüge, aus denen hervorgeht, dass die Fotos aus einem Fenster aufgenommen wurden. Ich werde sie dem Museum zur Mikroverfilmung übergeben. Wo sich der besagte Filmstreifen derzeit befindet, weiß ich nicht.“[9]

Tatsächlich übergab Pytlik im Herbst 1960 dem Auschwitz-Museum alle in seinem Besitz befindlichen sieben Originalkontaktabzüge, damit diese abfotografiert und gründlich untersucht werden konnten. Die Originalkontaktabzüge nahm er nach der Reproduktion wieder mit.

Zwei Fotografien auf einem Blatt Papier: Türrahmen und Bäume

Abb. 5: Reproduktionen aus dem Jahr 1960 von den Originalkontakt-
Abzügen 6 und 7 (APMA-B, Mat. RO, Bd. XVI, k. 89). Der Verfasser
dankt dem Archivleiter des Staatlichen Museum Auschwitz-Birkenau
in Oświęcim Dr. Wojciech Płosa für die Scan-Zusendung und Nutzungsgenehmigung.

Erst im Jahr 1985 wurden dem Staatlichen Museum Auschwitz nach Pytliks Tod sieben zwischen Mitte Juli und Anfang September 1944 hergestellte Originalkontaktabzüge (zwei im Fotopapier-Format 6,5 x 9,5 cm und vier auf in der Mitte geteiltem Fotopapier mit dem Endformat 6,5 x 4,8 cm) von vier verschiedenen Aufnahmen des Negativfilms von seiner Witwe übergeben.[10] In den folgenden Jahren analysierte Pressac die Aufnahmen eingehend. Doch schon vor Pressacs Veröffentlichung wäre in anderen Publikationen erkennbar gewesen, dass unbeschnittene Abzüge der Aufnahmen existierten, die einen Türrahmen zeigten und nicht einen Fensterrahmen, wie Pytlik noch glaubte. So wurde das Foto mit der Neg.-Nr. 280 mit Türrahmen bereits spätestens seit 1971 in verschiedenen Publikationen abgedruckt.[11]

Buchseite mit Foto von Verbrennungsgrube mit davor liegenden Leichen und Häftlinge sowie Türrahmen

Abb. 6: Foto mit erkennbarem Türrahmen, Dach und Dachbalken
in der polnischen Erstausgabe des Buchs „Inmitten des grauenvollen
Verbrechens. Handschriften von Mitgliedern des Sonderkommandos“,
1971. Quelle: Archiv Andreas Kilian

Die 1985 übergebenen Kontaktabzüge sind Positiv-Abzüge der Negativbilder, die vom Negativfilm unvergrößert direkt auf Fotopapier erzeugt wurden.[12] Sie belegen das verwendete Aufnahmemittelformat 6 x 6 cm sowie die Verwendung eines B II 8-Rollfilms (120) im Format 6 x 9 cm, mit dem im Format 6 x 6 zwölf Aufnahmen gemacht werden konnten.[13] Darüber hinaus beweisen sie das spezifische Bildfensterformat des verwendeten Kameramodells, das in den einzigen erhaltenen vier Kontaktabzügen von unbeschnittenen Negativbildern 5,5 x 5,6 cm beträgt.[14]

Zwei Fotografien auf einem Blatt Papier: Türrahmen und Bäume

Abb. 7: Im Jahr 1985 übergebene Originalkontaktabzüge 4 und 5
(APMA-B, Mat. RO, Bd. XXXVIII, S. 4-5). Der Verfasser dankt dem
Archivleiter des Staatlichen Museum Auschwitz-Birkenau in Oświęcim
Dr. Wojciech Płosa für die Scan-Zusendung und Nutzungsgenehmigung.

Die Kontaktabzüge wurden mit einem erhalten gebliebenen Kassiber, der auf den 4. September 1944 datiert ist und an „Birkut“ (Pytliks Pseudonym) adressiert war, aus dem Lager geschmuggelt:

„2. Dringend: Schickt so schnell wie möglich 2 eiserne Filmrollen für einen Fotoapparat 6 x 9. Es gibt die Möglichkeit, Aufnahmen zu machen. – Wir senden Euch Bilder aus Birkenau – von einer Vergasungsaktion. Ein Bild zeigt einen der Scheiterhaufen im Freien, auf dem Leichen verbrannt werden, wenn das Krematorium mit dem Verbrennen nicht hinterherkommt. Vor dem Scheiterhaufen liegen Leichen, die auf den Scheiterhaufen geworfen werden sollen. Ein anderes Bild zeigt eine Stelle im Wäldchen, wo sich die Menschen angeblich fürs Baden ausziehen und danach ins Gas gehen. Schickt so schnell wie möglich die Rolle[n]! Die beigefügten Fotos sendet unverzüglich an Tell. Die vergrößerte Aufnahme kann – unserer Meinung nach – weitergeleitet werden.“

Der Verfasser forderte darin zwei Eisenfilmrollen für weitere verdeckte Aktionen an und empfahl, dass ein offenbar beiliegendes vergrößertes Foto weitergeleitet werden könne.[15] Wahrscheinlich wurde dem Wortlaut zufolge neben den verschickten kleinen Kontaktabzügen auch eine einzelne Ausschnittvergrößerung hergestellt und dem Kassiber beigelegt.[16] Die Lagerwiderstandsbewegung informierte über die Möglichkeit, geheime Fotos machen zu können, und den Bedarf an Rollfilmen also erst, nachdem die Foto-Aktion im Sonderkommando bereits abgeschlossen und eine Wiederholung äußerst unwahrscheinlich war, da die Verbrennungsgruben hinter Krematorium IV am 30. August 1944 zugeschüttet wurden und der Betrieb der verbliebenen Verbrennungsgruben von Bunker V Anfang September 1944 eingestellt worden war.[17]

Foto eines Papiers mit handschriftlichem Text

Abb. 8: Fragment des Kassibers vom 4. September 1944, Foto: Ghetto Fighters’
House Museum, Israel/ Photo Archive (Reg.-Nr. 09079p)

Nach dem Bekanntwerden dieser einzigartigen Fotos fragten sich viele Menschen, wie diese Beweisfotos überhaupt entstehen konnten, wie sie gerettet wurden und vor allem wer der mutige Fotograf war. Das geheime Fotografieren von Vergasungen und Leichen-Einäscherungen in den Krematorien war fast unmöglich. Diese Vorgänge spielten sich innerhalb der isolierten Gebäude ab, was den Fotografen vor Belichtungsprobleme stellte und zugleich das Risiko entdeckt zu werden erhöhte. Das Umgebungslicht im Krematorium reichte für genügend belichtete Aufnahmen nicht aus und hätte ohne Verwendung von Stativ und Drahtauslöser eine Bewegungsunschärfe auf den Fotos zur Folge gehabt.

Deshalb konnten brauchbare Aufnahmen nur bei guten Lichtverhältnissen im Freien entstehen und waren nur in der Umgebung der Verbrennungsgruben, also nur an zwei Orten in Birkenau möglich. Bei Bunker V entkleideten sich die Mordopfer im Sommer 1944 in eigens aufgestellten Pferdestallbaracken, vor Krematorium IV hingegen im Freien, auf einem von Bäumen umsäumten Platz. Der Vernichtungsablauf vor und nach der Vergasung konnte deshalb am ehesten bei Krematorium IV nacheinander fotografiert werden, da der Fotograf sich dort neben dem Entkleidungsplatz auf dem Zufahrtsweg mit ausreichendem Sicherheitsabstand unauffällig hinter Bäumen bewegen und von diesen verdeckt werden konnte. Im Krematorium konnte er versteckt schräg aus der Türöffnung einer Gaskammer in Richtung der offenen Verbrennungsgruben fotografieren.

 

Auftragsarbeit oder Eigeninitiative?

Nach der ersten Veröffentlichung der Fotos im Jahr 1945 wurde behauptet, dass sie im Auftrag der polnischen Lagerwiderstandsbewegung angefertigt worden wären und die Kamera in ihrem Auftrag ins Sonderkommando geschmuggelt worden sei.[18] Vermeintliche Mitwisser oder Zeugen verbreiteten die abenteuerlichsten Gerüchte, zum Beispiel, dass eine Kamera in Krakau angefordert worden sei, ein polnischer Zivilarbeiter den Apparat ins Lager eingeschmuggelt hätte oder dass die Kamera in der Habe von Deportierten an der Rampe oder im Effektenlager gefunden worden und über das Birkenauer Männerlager oder das Effektenlager zum Sonderkommando gebracht worden sei.[19]

Allerdings ist keine der überlieferten Versionen plausibel. Sehr wahrscheinlich wurde die Kamera direkt von einem Sonderkommando-Häftling in einem der Entkleidungsräume innerhalb der Krematorien oder auf dem Entkleidungsplatz von Krematorium IV gefunden, da viele Deportierte ihre letzten Wertsachen und sogar kleine Beutel mit ihren Habseligkeiten bis in die Todeszone mitgebracht hatten.[20] Die Frage nach der Herkunft der Kamera und dem Weg zum Krematoriumsgelände ist indessen nachrangig, da die Kamera nur ein Werkzeug war. Ohne geeigneten Fotografen, der über grundlegende Kenntnisse zur Bedienung einer Kamera verfügte, wäre der Fotoapparat nutzlos gewesen. Aufnahmen während einer Mordaktion konnten nicht von einem eingeschleusten Fotografen, sondern nur von anwesenden SS-Angehörigen oder heimlich von einem ortskundigen Sonderkommando-Häftling gemacht werden. Beides war strengstens verboten. Die Hypothese der Auftragsarbeit ist also zu verwerfen, weil die Initiative nur vom Sonderkommando ausgehen konnte.

Die Häftlings-Zeugen aus der Todeszone hatten ein Eigeninteresse daran, Beweise des Massenmords zu hinterlassen, da sie wussten, dass sie als Geheimnisträger von der SS ermordet werden würden. Seit 1943 verfassten einige Sonderkommando-Häftlinge selbstständig geheime Aufzeichnungen, vergruben diese ab 1944 mit weiteren Beweisen wie Fotos, Ausweisen, im Ghetto angefertigtem Schmuck, Geld aus verschiedenen Ländern, Zähnen, Haaren und Asche von Ermordeten auf dem Krematoriumsgelände und planten einen Aufstand, der die Vernichtungsanlagen zerstören und den Massenmord beenden sollte.[21] Diese Aktionen wurden ebenso wenig von außen in die Wege geleitet oder gesteuert wie die Anfertigung von geheimen Fotografien der Vernichtung. Sie konnten im Herzen der Todesfabrik ausschließlich vom Sonderkommando selbst geplant und umgesetzt werden.

Aber die Häftlinge benötigten für ihr Vorgehen Verbündete. Im Sonderkommando war eine Widerstandsgruppe aktiv, die mit anderen geheimen Gruppierungen im Lager kooperierte, um Beweismittel aus dem Vernichtungslager herauszuschmuggeln. Als diese Kooperation scheiterte, vergruben die Sonderkommando-Aktivisten ab August 1944 Beweismittel auf dem isolierten Gelände der Krematorien I und II und hofften, dass diese Zeugnisse des Massenmords nach der Befreiung des Lagers gesucht und gefunden werden würden.[22] Eines ihrer Mitglieder, der Sonderkommando-Chronist Salmen Lewenthal, begründete die Entscheidung mit folgenden Worten: „[…] aber nicht das hat sich erwiesen, dass diese Polen, unsere Verbündeten, uns belogen haben, und alles, was sie uns weggenommen hatten, benutzten sie für ihre eigenen Ziele. Selbst das Material, das wir ausgegeben hatten, wurde deren eigenem Konto zugeschrieben, und unser Name wurde völlig verschwiegen, als hätten wir damit nichts gemein. Ja! Mit unserem Geld, unserem Schmerz und unserer Arbeit, mit unserem Blut schufen sie sich Ruhm und Ehre.“[23]

Da davon ausgegangen werden musste, dass die Sonderkommando-Häftlinge von der SS als Geheimnisträger ermordet und von ihnen keine Augenzeugen der Widerstandstätigkeiten überleben würden, wurde die Geschichte des Widerstands von Häftlingen außerhalb des Sonderkommandos geschrieben – von jenen, die überlebten und sich die Verdienste des Sonderkommandos aus unterschiedlichen Gründen aneignen wollten. Nachdem behauptet worden war, dass die Fotos vom polnischen Lagerwiderstand in Auftrag gegeben worden seien, war es naheliegend, auch ein Mitglied dieser Gruppe als Fotograf zu präsentieren, der die Entstehung der Aufnahmen bezeugen sollte und dem nur schwer zu widersprechen war.

 

Politische oder persönliche Aneignung

In ihrer Erstveröffentlichung wurden die Fotos mit einem Mitglied der Auschwitzer Lagerwiderstandsbewegung namens Dawid in Verbindung gebracht. Nach ersten Behauptungen, dass er die Bilder aus dem Lager geschmuggelt hätte, wurde Dawid in darauffolgenden Veröffentlichungen schließlich zum Urheber der „im August 1944“ entstandenen Fotos gemacht, der unterschiedlichen Versionen zufolge als angeblicher Sonderkommando-Häftling oder als Häftling im Dachdeckerkommando Zugang zum Krematorium gehabt hätte.[24] In Publikationen seines Freundes Jan Sehn wurde sein vollständiger Name mit Dawid Szmulewski angegeben.[25]

Zwei Buchseiten mit Fotografie von nackten Leichen und Häftlinge

Abb. 9a und 9b: Erwähnung „Davids“ in: Biuletyn Głównej Komisji Badania Zbrodni Niemieckich w Polsce, Bd. I, Poznán 1946
(Foto 39), sowie in Israel Gutmans Buch „Anashim Va’efer“ (Men and Ashes: The Auschwitz-Birkenau Book), Merhavia 1957,
Abbildungsteil vor S. 305. Quelle: Archiv Andreas Kilian

Der polnisch-jüdische Widerstandskämpfer war ein Kontakt- und Vertrauensmann von Józef Cyrankiewicz, einer der Leiter der internationalen Lagerwiderstandsorganisation „Kampfgruppe Auschwitz“ und Verbindungsmann für die Zusammenarbeit mit Widerstandsgruppen außerhalb des Lagers. Cyrankiewicz war einer der Verfasser des Kassibers, mit denen die Sonderkommando-Fotos aus dem Lager geschmuggelt worden waren. Er hatte behauptet, die Fotos von Szmulewski erhalten zu haben und dass Szmulewski der Verbindungsmann zum Sonderkommando gewesen sei.[26]

Buchseite mit Foto von Verbrennungsgrube mit davor liegenden Leichen und Häftlinge

Abb. 10: Erwähnung Szmulewskis als Sonderkommando-
Häftling in der deutschen Edition des Buchs „Konzentrationslager
Oswiecim (Auschwitz-Birkenau)“, 1955. Quelle: Archiv Andreas Kilian

Es ist nicht bekannt, ob Szmulewski als partei- und linientreuem Mitglied in der staatlich kontrollierten Kriegsveteranenvereinigung „Verband der Kämpfer für Freiheit und Demokratie“ (ZBoWiD) befohlen wurde, sich als Fotograf auszugeben, oder ob er selbst die Idee dazu gehabt hatte.[27] Tatsache ist aber, dass Szmulewski bis kurz vor seinem Tod im Jahr 1990 behauptete, er selbst habe die Fotos als Häftling des Dachdeckerkommandos durch ein Knopfloch seiner Häftlingsjacke vom Dach des Krematoriums gemacht.[28] Es stellte sich aber heraus, dass er zum Entstehungszeitpunkt der Fotos überhaupt nicht als Dachdecker eingesetzt wurde, sondern Schreiber im Prominentenblock des Birkenauer Männerlagers war, und dass die Fotos nicht vom Dach aus gemacht worden sein konnten.[29]

Der Sonderkommando-Überlebende Filip Müller erkannte dies bereits frühzeitig: „Die Fotografien von Sonderkommando, die Sie da sehen auf dem Platz von Krematorium V, also das war vom Sonderkommando, keinesfalls wie vorher Kulka geschrieben hat, dass das 44 gemacht worden wäre von Dachdeckern. Das erkennen Sie auch, wenn Sie sich die Bilder anschauen. Ich habe das damals Kulka gesagt, als ich das erste Mal in die Hand bekam die Fotografien von den Türen der Bunker, dass das nicht stimmen könne. Abgesehen davon, glauben Sie denn, dass man da Dachdecker einlassen würde, wenn da unten liegen einige tausend Leichen? Die Dachdecker wären nie lebend rausgekommen.“[30]

Als Anfang 1965 in dem Mitteilungsblatt „Après Auschwitz“ der französischen „Vereinigung ehemaliger Auschwitz-Deportierter“ eines der Fotos mit der Bildunterschrift „aufgenommen von einem Widerstandskämpfer, David Szmulewski, unter Einsatz seines Lebens“ veröffentlicht wurde, protestierte dessen ehemaliger Kampfgefährte aus dem Spanischen Bürgerkrieg, Alter Fajnzylberg, der gemeinsam mit Szmulewski 1942 aus Frankreich nach Auschwitz deportiert worden war.[31]

Buchseite mit Foto von Verbrennungsgrube mit davor liegenden Leichen und Häftlinge

Abb. 11: Ausschnitt: Après Auschwitz 115 (1965). Quelle: Teilabbildung: Archiv Andreas Kilian

Fajnzylberg war einer der wenigen Sonderkommando-Überlebenden und behauptete nun, dass er selbst die Fotos gemacht und Szmulewski niemals ein Krematorium betreten hätte.[32] In Fajnzylbergs überlieferten Aussagen aus dem Jahr 1945 wird dies allerdings an keiner Stelle erwähnt.[33] In seiner Zeugeneinvernahme vom 16. April 1945 vor der Krakauer Bezirkskommission zur Untersuchung deutscher Verbrechen in Auschwitz sagte er lediglich, eine Kamera sowie Notizen in der Nähe eines Krematoriums vergraben zu haben, was zumindest seine frühe Kenntnis von der Existenz einer Kamera auf dem Krematoriumsgelände belegt.[34]

Der ehemalige Stubendienst in der Häftlingsunterkunft von Krematorium III, Shlomo Dragon, behauptete hingegen in einem Interview Anfang der 1990er Jahre, dass er es gewesen sei, der die Kamera versteckt und der sowjetischen Untersuchungskommission im März 1945 übergeben hätte.[35] Allerdings wird diese Angabe in zwei Vernehmungsprotokollen Dragons von 1945 und in anderen Interviews nicht bestätigt.[36] In einem frühen Interview vom März 1982 behauptete Dragon hingegen, dass er Granaten versteckt und der sowjetischen Untersuchungskommission gezeigt hätte, die von ihr später ausgegraben worden wären.[37] In sowjetischen Untersuchungs- und Fundprotokollen ist jedoch weder der Fund einer Kamera noch von Granaten dokumentiert.[38]

 

Darstellungsänderungen

Nachdem Szmulewski seine Darstellung trotz erheblicher Zweifel von unterschiedlichen Seiten nicht geändert hatte und eine Stellungnahme zu den Einwänden ablehnte,[39] schlugen französische Vertreter des Internationalen Auschwitz-Komitees im Jahr 1966 vor, dass zur Erledigung der zweifelhaften Angelegenheit eine diplomatische Gegendarstellung durch die Sprachregelung „kollektive Autorenschaft“ erreicht werden könne.[40] Die Idee dazu lieferte Fajnzylbergs ehemaliger Kamerad aus dem Sonderkommando, Filip Müller, der ihn im August 1965 in Paris getroffen hatte. In einem Brief an die Generalsekretärin der französischen Überlebenden-Vereinigung „L’Amicale des déportés d’Auschwitz“, Louise Alcan, schrieb er: „Von der Tapferkeit dieses Menschen zeugt auch die Tatsache, dass er praktisch der Autor der Fotobilder der Verbrennungsgruben von Birkenau im Krematorium Nr. 4 ist, die er im Teren [sic] des Hofes fotografierte unter Hilfe einiger weiterer Häftlinge, unter welchen auch ich mich befand. Den Photoaparat besorgte ein ehemaliger Häftling von Polen Kamerad Smulevski. Der Autor der Photografie war aber tatsächlich Kamerad Feinsilber, nicht Smulevski. Ich mache euch mit dieser Tatsache nur deshalb bekannt um der historischen Wahrheit eine objektive Anschauung zu verleihen, und würde es nicht für richtig halten auf Grund dessen eine internationale Polemisierung zu eröffnen, die nur den heutigen Neonazisten dienen könnte.“[41]

Zur offiziellen Gegendarstellung kam es nicht, weil ein Skandal vermieden werden sollte. Allerdings veränderte Fajnzylberg seine Darstellung dahingehend, dass er nun angab, die Fotos in Zusammenarbeit mit den Sonderkommando-Überlebenden Shlomo und Abraham Dragon gemacht zu haben: „Die Behauptung, Dawidek habe diese Fotos selbst gemacht, ist falsch. Richtig ist hingegen, dass er mir die Kamera gegeben hat und ich sie zusammen mit den beiden Dragon-Brüdern gemacht habe, sie an Dawidek gegeben habe und er hat sie an Cyrankiewicz weitergegeben, der sie in die Freiheit brachte. Das sind die Fotos, die sich derzeit im Museum in Oświęcim befinden. Ich persönlich könnte viel über Oświęcim erzählen, denn wer könnte es besser wissen als ich, der ich als Erster dort war, aber nach der Befreiung aus dem Lager haben mir viele meiner eigenen Kameraden viel Böses angetan. Um sich selbst zu großen Helden zu machen, wegen ihrer Feigheit im Lager. Ich, der ich fotografiert habe, habe zusammen mit Warszawski und Handelsman den Aufstand organisiert. Sie sind gestorben, und ich bin geblieben. […] Die Fotos habe ich zusammen mit anderen Kameraden gemacht und Dawid behauptet jetzt er habe sie gemacht. Er weiß nicht einmal, wo und was auf diesen Fotos zu sehen ist. Er hat mir die Kamera gegeben – das ist wahr, aber er war nie im Krematorium.“[42] Fajnzylberg blieb weiterhin dabei, selbst fotografiert zu haben. Eine Beteiligung an den Fotoaufnahmen wurde von den Gebrüdern Dragon jedoch nie bestätigt.[43]

Fajnzylberg behauptete weiter, Szmulewski hätte ihm lediglich die Kamera übergeben und nach den Aufnahmen den Film im Birkenauer Männerlager in Empfang genommen. Zudem bezeichnete er sich in seinen Erinnerungen nicht nur als Fotografen, sondern auch als einen der Organisatoren des Sonderkommando-Aufstands, was in beiden Fällen von keiner anderen Quelle bestätigt werden kann, abgesehen von einem Gefälligkeitsschreiben Filip Müllers aus dem Jahre 1965.[44] Mit dieser Version ergänzte Fajnzylberg in der zweiten Hälfte der 1960er Jahre seine auf Polnisch niedergeschriebene und vermutlich 1946 begonnene, aber erst 2025 veröffentlichte Erinnerungsschrift „Ce que j’ai vu à Auschwitz“ durch nachträgliche Eintragungen.[45] Nicht bekannt war seinerzeit eine andere Zuschreibung durch den Sonderkommando-Überlebenden Lemke Pliszko und dessen Kameraden Dov (Abraham-Berl) Sokol. In deren Aussage vom 31. Mai 1946 vor der Historischen Kommission beim Jüdischen Wojewodschaftskomitee in Białystok behaupteten sie, der Sonderkommando-Häftling Lejb-Hersh Panicz hätte Leichen-Aufnahmen in der Gaskammer von Krematorium I gemacht.[46]

Ende der 1970er Jahre änderte sich Fajnzylbergs Darstellung erneut. 1977 führte die Auschwitz-Überlebende und Historikerin Tzipora Hager Halivni Interviews in mehreren Ländern mit den meisten Personen, von denen bis zu diesem Zeitpunkt behauptet worden war, dass sie in die Foto-Aktion involviert gewesen wären. In Paris interviewte sie Szmulewski und Fajnzylberg. Im Gespräch mit Halivni berichtete Fajnzylberg zum ersten Mal in dokumentierter Form, dass ein griechischer Jude namens „Alex“ die Aufnahmen gemacht habe.[47] Einige Monate später, in einem Antwortbrief an das Staatliche Museum Auschwitz vom 12. Mai 1978, bezeichnete er sich als „Mitautor“ der Fotos und wiederholte, dass ein „Alex aus Griechenland“, der während eines Fluchtversuchs an der Weichsel umgekommen sei, Urheber der Bilder sei:

„Ich bin Mitautor von zwei Fotographien (so viel Platz gab es auf dem Film im Apparat, den mir Dawid Szmulewski persönlich brachte). Diese Fotos wurden von einer Gruppe von vier bis fünf Personen aufgenommen, die sich im Krematorium V zusammenschlossen (Alex aus Griechenland, Schlojme Dragon und sein Bruder Josel). Nach der Rückkehr ins Lager übergab ich den Film D. Szmulewski. Das Foto selbst fertigte Alex aus Griechenland (seinen Namen weiß ich nicht mehr) an.“[48] Alex hätte laut Fajnzylbergs neuen Angaben auch die Kamera und einige Dokumente vergraben.[49]

Seine Erinnerungsschrift ergänzte Fajnzylberg etwa Anfang der 1970er Jahre mit Informationen über den Fluchtversuch eines griechischen Partisanen namens „Aleko Errera“, der zweifellos mit Alex identisch war.[50] Darin wird zwar Erreras Flucht, nicht aber seine Autorenschaft der Fotos erwähnt. Erreras Urheberschaft wurde ebenfalls nicht in der 1986 ausgestrahlten polnischen Filmreportage „Pamięć …“ erwähnt, in der Fajnzylberg zwei Jahre vor seinem Tod auf dem Gelände von Krematorium IV gefilmt wurde und berichtete, dass er die Kamera Dragon gegeben habe und sie die Fotos gemeinsam gemacht hätten. In seinem zur gleichen Zeit im Auschwitz-Museum 1985 abgelegten Zeitzeugenbericht behauptete Fajnzylberg, die Kamera persönlich ins Krematorium IV geschmuggelt zu haben.[51] Er wiederholte darin auch die These von der kollektiven Autorenschaft, erwähnte Shlomo Dragon und den Griechen Alex, wobei Alex seinen Angaben zufolge den Auslöser gedrückt hätte.

Farbfoto von drei Tafeln im Gelände mit drei Fotografien: Frauen im Wald und Leichen an der Verbrennungsgrube

Abb. 12: Im Jahr 1995 am falschen Standort errichtete Informations- und Bildtafeln bei Krematorium V. Der Aufstellungsort wurde
nach der 1985 erfolgten und unkritisch übernommenen Verortung der Fotos durch Alter Fajnzylberg gewählt. Gedenkstätte
Auschwitz-Birkenau, Brzezinka; Foto: Andreas Kilian, 2024 ©

Was Fajnzylberg nach Jahrzehnten dazu veranlasste, die Identität des Fotografen zu enthüllen, ist nicht bekannt. Seine Befragung durch Hager Halivni führte jedenfalls dazu, dass er sich selbst nicht mehr als eigentlichen Fotografen bezeichnen wollte.[52] Die Namensnennung von „Alex“ ändert jedoch nichts an seiner widersprüchlichen Darstellung der Entstehung der Aufnahmen. Auch Fajnzylbergs Verortung der Grubenaufnahmen, die durch den „Westeingang“ gemacht worden sein sollen, und seine Angabe des Fotografenstandorts der Entkleidungsaufnahme im Haupteingang des Krematoriums sind unzutreffend.[53] Eine kritische Analyse aller verfügbaren Quellen legt die Vermutung nahe, dass weder Szmulewski noch Fajnzylberg an der Entstehung der Fotos beteiligt waren, sondern erst danach in den Schmuggel des Films involviert wurden.[54] Wenn Fajnzylberg den unbelichteten Film von „Alex“ erhalten hätte, dessen dem Spanischen ähnliche Ladino-Sprache er als ehemaliger Spanien-Kämpfer verstand, könnte er daraus die Schlussfolgerung gezogen haben, dass „Alex“ der Fotograf gewesen sein könnte.

Hager Halivni veröffentlichte Fajnzylbergs Erwähnung des griechischen Juden Alex erstmals im Jahr 1979 in ihrem Artikel „The Birkenau Revolt“. Der Sonderkommando-Forscher und Auschwitz-Überlebende Erich Kulka nutzte diese Information 1987 in einem Interview mit dem griechischen Überlebenden des Kanada-Kommandos (im Effektenlager) und Augenzeugen des Sonderkommando-Aufstands Itzchak Cohen. Im Gesprächsprotokoll hielt Kulka schließlich fest, dass Cohen angegeben hätte, dieser Alex sei identisch mit einem Errera, der als Partisan den Decknamen „Alekos Aleksandris“ geführt habe und einen Fluchtversuch an der Weichsel unternommen hätte.[55] Kulka notierte auch, dass der Sonderkommando-Überlebende Jehoshua Rosenblum ihm gegenüber erwähnt habe, dass die Fotos von einem griechischen Juden namens Alex gemacht worden sein sollen.

In allen bekannten Aussagen Rosenblums finden sich diese Angaben jedoch nicht.[56] Kurz vor seinem Tod behauptete Kulka im Jahre 1995 in einem Interview, Rosenblum wäre an der Aktion beteiligt gewesen und fasste seine Recherchen in der Angelegenheit wie folgt zusammen:

„Ich habe in Yad Vashem gearbeitet damals und da war eine Fotografie-Abteilung und das war ein, den Namen weiß ich schon nicht, und er sagt, das sind interessante Fotografien, die Du da hast. Ich brauche eine Vergrößerung. Sagt er, wie konnte man das im Lager fotografieren? Hab ich ihm gesagt die Story von Szmulewski, dass er vom Dach fotografiert hat und so. Was, vom Dach? Das ist doch ein Unsinn. Das ist doch en face. Das ist nicht vom Dach, das ist unmöglich. […] Dann hat sich herausgestellt, dass die Fotografien waren fotografiert von Sonderkommando und auch der Rahmen der Tür ist da zu sehen und das war ein Grieche, griechischer Offizier, der das fotografiert hat. In einer Aussage ist das auch irgendwie näher festgestellt, es war genau der Offizier, der einmal mit der Asche herausgefahren ist. […] Auch der Rosenblum hat mir das erklärt, wie das war: man hat an einer Wand gestanden und er ist mit der Kamera bis an die Tür und die Leute, die Sonderkommando-Leute, die waren dabei und er hat abgeknipst und hat diese drei Fotografien gemacht. Die hat dann angeblich Szmulewski durch Cyrankiewicz und die Organisation hat er sie nach Krakau gebracht oder geschickt und nach dem Krieg bekommen. […] Ich hab das dem Cyrankiewicz gesagt und seit der Zeit ist dann angegeben worden in neueren [Publikationen, d. Verf.], dass das von einer Widerstandsorganisation fotografiert wurde, aber der Name Szmulewski wurde nicht mehr erwähnt.“[57]

Da Erreras mutiger Fluchtversuch von vielen Häftlingen als Heldentat betrachtet wurde und nicht nur im Sonderkommando für großes Aufsehen gesorgt hatte, könnte seine Nennung als waghalsiger Urheber der Fotografien auch nur vorgeschoben oder eine voreilige Schlussfolgerung gewesen sein. Wenn ein Grieche aus dem Sonderkommando, der Alex oder Aleko(s) hieß, von Überlebenden als Urheber der Sonderkommando-Fotos bezeichnet wurde, dann war zweifellos damit Alberto Errera gemeint. Erreras und damit auch Alex’ Urheberschaft liegt im Bereich des Wahrscheinlichen, sie konnte jedoch bislang nicht zweifelsfrei bewiesen werden.[58] Die Identifizierung von „Alex“ als Alberto Errera wurde schließlich im Jahre 2002 in der Sonderkommando-Monografie „Zeugen aus der Todeszone“ erstmals veröffentlicht.[59]

 

Der mutmaßliche Fotograf

Alex (Deminutiv: Alekos) war der Rufname von Alberto Errera, der am 15. Januar 1913 in Thessaloniki geboren wurde, aus einfachen Verhältnissen stammte und einen Lebensmittelladen in Larisa führte. Unter deutscher Besatzung lebte er mit seiner Ehefrau und Schwägerin seit September 1943 im benachbarten Farsala unter dem Decknamen Alekos Alekxandridis als Transportunternehmer von Waren.[60] Er wurde fälschlicherweise beschuldigt, Lieferant der Partisanen gewesen zu sein, und deshalb in Athen von der Gestapo verhaftet. Familienangehörigen zufolge soll Errera jedoch nie in Griechenland im Widerstand aktiv gewesen sein. Er kämpfte lediglich 1941 als einfacher Soldat im Griechisch-Italienischen Krieg an der albanischen Front.[61] Irrtümlicherweise wurde das Gerücht verbreitet, Errera sei Angehöriger der Oberschicht sowie Offizier in der griechischen Armee oder Marine gewesen und hätte mehrere Sprachen gesprochen, was jedoch von seinen Familienangehörigen bestritten wird.[62] Errera sprach Griechisch und Judäo-Spanisch, die Sprache der sephardischen Juden.

Alex Errera wurde Anfang 1944 als mutmaßlicher Unterstützer der Partisanen in das Athener Konzentrations- und Durchgangslager Chaidari überstellt, wo er unter Folter seinen echten Namen und seine jüdische Identität verriet.[63] Von Chaidari aus wurde Errera schließlich nach Auschwitz-Birkenau deportiert, wo er am 11. April 1944 eintraf, die Häftlingsnummer 182.552 eintätowiert bekam und nach der Quarantänezeit am 12. Mai 1944 dem Sonderkommando bei Bunker V und später mit 26 anderen Griechen dem Krematorium II zugeteilt wurde.[64] Dort wurde er von Anführern der Widerstandsgruppe im Sonderkommando zur Verbindungsperson für die griechischen Widerstandsaktivisten vor allem in Krematorium IV und im Kanada-Kommando ernannt und von eingeweihten Kapos verschiedenen Tätigkeiten zur Kontaktaufnahme zugeteilt.[65]

Zu diesem Zweck wurde er wahrscheinlich in mobilen Arbeitsgruppen wie den Essensholern oder Lieferanten von angeforderten Materialien aus dem Magazin von Krematorium I eingesetzt, die von nur einem SS-Posten begleitet werden mussten, die zudem bestechlich waren.[66] Auch der Asche-Transport zur Weichsel wurde für konspirative Aktivitäten genutzt, da die Asche-LKWs die Krematorien I, II, IV und Ausweich-Bunker V anfuhren. Allerdings war die SS-Begleitung bei Fahrten außerhalb des Lagers zahlreicher. Da Errera Erfahrung im Fotografieren gehabt haben soll, könnte er kurz nach dem Fund der Kamera vermutlich Anfang Juli 1944 mit der Aufgabe betraut worden sein, geheime Beweisfotos einer Vernichtungsaktion zu machen.

Foto eines jungen Mannes im Anzug mit weißem Hemd

Abb. 13: „Alex“ Errera in den 1930er Jahren
Foto: Matthildi Eskinatzi ©

Da eingeweihte Widerstandsaktivisten im Sonderkommando einen Aufstand mit Massenflucht planten und dieser am 28. Juli 1944 in die Tat umgesetzt werden sollte, können die Fotos nur vor diesem Termin gemacht worden sein.[67] Tragischerweise musste der Termin für den Aufstand kurzfristig wegen eines Transportneuzugangs in der Zentralsauna zwischen den Krematoriumsbauabschnitten abgesagt werden.[68] Einer der Anführer der Widerstandsgruppe, Kapo Chaim Kaminski, der auf eine rasche Neuterminierung drängte, wurde kurz darauf durch falsche Vorwürfe des polnischen Kapos Mieczyslaw Morawa im Auftrag der polnischen Widerstandsbewegung ausgeschaltet und in der Nacht vom 2. auf den 3. August 1944 aufgrund erfundener Attentatspläne auf einen Kommandoführer von der SS erschossen.[69] Errera flüchtete nur wenige Tage später am 9. August 1944, da er befürchten musste, dass die Aufstands-Pläne sowie möglicherweise auch die Foto-Aktion verraten und die ursprünglichen Ziele nicht mehr erreicht werden könnten.[70] Während seines Fluchtversuchs bei der Asche-Entsorgung an der Weichsel wurde er durch Schüsse tödlich verwundet. Einige Tage später wurde seine Leiche zur Abschreckung auf dem Hof von Krematorium II aufgebahrt, wo die Häftlinge seines Stammkommandos an dem Toten vorbeigehen mussten.[71]

 

Datierung

Nachdem Mitte Juni 1944 die Deportationen aus Ungarn für mehrere Tage ausgesetzt worden waren, trafen zwischen dem 29. Juni und 11. Juli wieder verstärkt Transporte ein.[72] Sehr wahrscheinlich wurde in diesem Zeitraum die Kamera in einer der Entkleidungsstätten neben den Gaskammern gefunden. Das Kameramodell musste für Schnappschüsse geeignet, möglichst klein, einfach zu bedienen und wie eine Rollfilm-Springkamera im Format 6 x 6, also eine Mittelformat-Klappkamera mit Faltbalgen, gut zu verstecken gewesen sein. Errera hätte für kurze Zeit zu Krematorium IV überstellt worden sein können, um dort das Gelände zu erkunden und nach geeigneten Aufnahme-Standorten für die Beweisfotos zu suchen. Die Aufnahmen wurden an einem einzigen Tag im Alleingang gemacht, vermutlich zwischen dem 9. und 11. Juli 1944, als jüdische Deportierte aus Ungarn ermordet wurden.[73] Die Fotos sollten offenbar das Ende der sogenannten Ungarn-Aktion dokumentieren. Eine alliierte Luftaufnahme vom 26. Juni 1944 zeugt von Vorbereitungen zum Bau eines Sichtschutzes um Krematorium IV, eine deutsche Luftaufnahme vom 8. Juli 1944 zeigt den unfertigen Ausbauzustand der provisorischen Tarnzäune um die Waldkrematorien.[74] Auf dem Entkleidungsfoto sieht man im Hintergrund Teile des Tarnzauns und in der Mitte eine freie Stelle, da der Zaun noch nicht ganz fertig war. Die offene Stelle war vermutlich ein provisorischer Zugang, der schon auf früheren Luftaufnahmen zu erkennen ist, aber auf späteren Aufnahmen nachweislich nicht mehr existiert.[75]

Farbfoto eines kleinen Wäldchens

Abb. 14. Schauplatz der offenen Entkleidungsstätte und Blickrichtung des Fotografen, Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau,
Brzezinka 2016. Foto: Andreas Kilian ©

Reihenfolge und Verortung der Fotoaufnahmen

Aus Sicherheitsgründen konnte der Fotograf nur eine Aufnahme vom Entkleidungsplatz im Freien machen, und zwar in einem unbeobachteten Moment, in dem auf dem Platz SS-Posten mit dem Rücken zu ihm standen oder überhaupt nicht anwesend waren. Die Wahrscheinlichkeit, im Freien von der SS entdeckt oder von anwesenden Sonderkommando-Mithäftlingen beobachtet und verraten zu werden, war zu groß, um weitere Fotos zu machen. Aus dem dunklen Innenraum der Gaskammer konnte er hingegen unbemerkt mehrere Fotos von einer Verbrennungsgrube schießen. Zwei unterschiedliche Aufnahmen aus diesem geschützten Standort sind überliefert worden.[76]

Auf den Kontaktabzügen erkennbare Überbelichtungsschäden durch Lichteinfall am unteren Negativrand und die Tatsache, dass beide Kontaktabzüge der Grubenfotos vom Fotolaboranten auf der rechten Seite abgeschnitten wurden, bieten einen Interpretationsspielraum: Es lässt sich vermuten, dass mindestens zwei weitere Sonderkommando-Fotos im Juli 1944 geschossen wurden, die bislang nicht überliefert sind. Wie viele Bilder der Fotograf insgesamt gemacht hat, können wir aufgrund der lückenhaften Überlieferung und des Verlusts der Negative jedoch nicht bestimmen. Die Überbelichtungsschäden ermöglichen in Verbindung mit der Bestimmung des Sonnenstands während der Entstehung der Fotos darüber hinaus eine Rekonstruktion der Reihenfolge der Aufnahmen.[77] Eine genaue Verortung der Aufnahmen ist durch das auf den Bildern Erkennbare möglich.[78]

Vier Kontaktabzüge sowie zwei weiße Bilder und Schrift

Abb. 15: Rekonstruktion der Fotoreihenfolge von Andreas Kilian 2025 ©, Fotos: gemeinfrei

Die Simulation des genauen Sonnenstands am Tatort zwischen dem 9. und 11. Juli 1944 erlaubt die Feststellung, dass das erste Foto auf dem Entkleidungsplatz des Vorderhofs gemacht worden ist (Neg.-Nr. 282) und gegen 12:45 Uhr geschossen wurde.[79] Der Fotograf hielt die Kamera absichtlich schief, weil er so eine größere Bildbreite erhielt. Die mutmaßliche Körpergröße der Menschen und Höhe der Tische, Bänke und des Tarnzauns auf dem Foto in Verbindung mit der Entfernung des Kameraobjektivs zu den Personen und Objekten legt die Schlussfolgerung nahe, dass sich die Kamera auf Brusthöhe des Fotografen befand. Das zweite Foto entstand etwa drei Stunden später gegen 15:30 Uhr und zeigt fast die ganze 12 m lange und 5 m breite Verbrennungsgrube auf dem Hinterhof. Eine simulierte Abstandsmessung zwischen der Kamera und zwei auf unterschiedlichen Fotos gut erkennbaren Personen – eine Frau rechts vorne im Entkleidungsbild sowie ein Häftling, der in einem der beiden Grubenfotos in einer Gruppe ganz links steht – kommt zu dem Ergebnis, dass sich die Kamera 24 Meter entfernt befand.[80]

Zudem belegen zwei Kontaktabzüge der zweiten Aufnahme (Neg.-Nr. 281) die tatsächliche Reihenfolge durch den deutlich sichtbaren Bildrand des linken Nachbarfotos (Neg.-Nr. 282). Daraus ergeben sich ein Filmtransport von rechts nach links und die Tatsache, dass ein Kameramodell mit dieser Filmlaufrichtung verwendet worden sein muss.[81] Der Belichtungsschaden könnte daher beim Einstecken und Festziehen des Filmschutzpapiers in die Leerspule entstanden sein.

Die dritte Aufnahme ist hingegen nicht sicher zu bestimmen. Es könnte sich um das zweite bekannte Grubenfoto (Neg.-Nr. 280) handeln oder um eine dazwischenliegende Aufnahme, die verloren ging, wegen Unschärfe weggeworfen wurde oder sich unentdeckt in unbekanntem Besitz befindet. Der auf Plänen der SS-Zentralbauleitung als „Zaun 35“ nummerierte Zaunabschnitt hinter Krematorium IV hatte 330 cm hohe Betonpfeiler, die im Abstand von 350 cm standen.[82] Die auf dem ersten Grubenfoto sichtbaren zwei (Nr. 15-16) und auf dem zweiten Foto vier Betonpfeiler (Nr. 13-16) ermöglichen die genaue Bestimmung des Sichtfelds.

Die beiden abgeschnittenen Kontaktabzüge verhindern eine lückenlose Rekonstruktion nach der zweiten Aufnahme und können keine nahtlose Verbindung der beiden bekannten Grubenfotos belegen. Ein Kontaktabzug (Neg.-Nr. 280) lässt am linken Rand erkennen, dass das linke Anschlussfoto auf dem Negativstreifen abgedeckt wurde, wodurch der abgebildete Lichtschaden am unteren Rand unterbrochen wird. Da der rechte Bildteil der zweiten Aufnahme (Neg.-Nr. 281) schwarz ist, wäre ein Abdecken dieses Fototeils überflüssig gewesen. Im Simulationsexperiment mit 120er-Rollfilm auf Holzspulen zeigt sich zudem, dass der nur teilweise sichtbare Belichtungsschaden des zweiten Grubenfotos (Neg.-Nr. 280) nicht nach dem ersten Grubenfoto (Neg.-Nr. 281) folgen kann, was die Hypothese eines fehlenden Fotos erhärtet.[83]

Farbfoto: Gebäude-Überrest aus Ziegelsteinen

Abb. 16: Einer der Standorte des Sonderkommando-Fotografen in Krematorium IV, 2004. Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau,
Brzezinka, 2004. Foto: Andreas Kilian ©

Das letzte veröffentlichte Sonderkommando-Foto (Neg.-Nr. 283), eine wahrscheinlich nach dem Ende der Fotoaktion kurz vor der Filmentnahme und vor dem verdeckten Filmweiterspulen vor einem Reisigzaun ausgelöste Aufnahme, liegt als unbeschnittener Kontaktabzug mit Belichtungsschäden am unteren Rand vor. Da die Kamera hochkant gehalten worden war, ist das Bild nach rechts gekippt (Baumwipfel ursprünglich oben). Der in kurzem Abstand vor dem Objektiv zu erkennende Reisigzaun und die Baumwipfel im Hintergrund grenzen eine Verortung auf der Westseite des Krematoriumshinterhofs ein. Auch in diesem Fall kann nicht ausgeschlossen werden, dass eine Aufnahme zwischen dem zweiten Grubenfoto (Neg.-Nr. 280) und dem Reisigzaunfoto (Neg.-Nr. 283) fehlt, da der rechte Teil des Grubenfotos abgetrennt wurde und eine Verbindung zwischen beiden Aufnahmen nicht nachweisbar ist. Das Reisigzaunfoto kann auch nicht vor dem Entkleidungsfoto (Neg.-Nr. 282) entstanden sein, weil die Belichtungsschäden nicht zusammenpassen. Es lässt sich daher vermuten, dass mindestens zwei weitere Sonderkommando-Fotos im Juli 1944 geschossen wurden, die bislang nicht überliefert sind, der Fotograf also mindestens sechs von zwölf möglichen Aufnahmen des 120er-Rollfilms machte.

 

Rettung der Fotoaufnahmen

Am 4. September 1944 wurden die Kontaktabzüge und ein vergrößertes Foto vom polnischen Widerstand aus dem Lager heraus zu dem lokalen Untergrundaktivisten und Leiter der örtlichen Polnischen Sozialistischen Partei (PPS) Władysław Pytlik nach Brzeszcze und von dort nach Krakau geschmuggelt.[84] Eine Weiterleitung der Fotos an die Alliierten oder die Verwendung der Bilder gegen die deutschen Massenmörder während der Besatzungszeit ist nicht nachweisbar. Die fotografischen Sonderkommando-Zeugnisse wurden wie viele andere Beweise und Schriften aus dem Zentrum der Todesfabrik aus taktischen Gründen von der polnischen Widerstandsbewegung zurückgehalten, andere wurden zum Teil aus politischen oder Sicherheitsgründen zerstört.[85] Pytlik verwahrte sieben Originalkontaktabzüge bis zu seinem Tod im Jahre 1984.[86]

Der unbelichtete Film wurde nicht verschickt, da eine Beschädigung des empfindlichen Materials die Zerstörung der Aufnahmen zur Folge gehabt hätte. Daher mussten die Fotos innerhalb des Lagers professionell entwickelt werden, in einem Filmlabor, das Häftlinge beschäftigte, die in der Lagerwiderstandsbewegung tätig waren, beispielsweise im Erkennungsdienst oder bei der SS-Zentralbauleitung. Ohne die Kooperation zwischen der Widerstandsgruppe im Sonderkommando und der „Kampfgruppe Auschwitz“ mit ihren Verbindungen zur polnischen Untergrundbewegung außerhalb des Lagers hätten die Fotos keinesfalls an die Öffentlichkeit gelangen können. Die Sonderkommando-Fotos sind daher Beleg einer erfolgreichen Zusammenarbeit verschiedener Widerstandsgruppen und einer gelungenen Rettungsaktion von einzigartigen Beweisen des Massenmords.

Grafische Zeichnung mit vier Kontaktabzügen und Schrift

Abb. 17: Rekonstruktion: Schema von Krematorium IV (V): Verortung der Sonderkommando-Fotos, Juli 1944. Grafik: Andreas Kilian ©

 

[1] O. A., „Aktion Höss“, in: Przekrój 14/1945, 15.-21.07.1945, S. 7.

[2] Zur Verbreitungsgeschichte siehe Andreas Kilian, Zur Autorenschaft der Sonderkommando-Fotografien, in: Mitteilungsblatt Lagergemeinschaft Auschwitz – Freundeskreis der Auschwitzer e.V. 36 (2016), H. 1, S. 7-17, online https://digisam.ub.uni-giessen.de/ubg-ihd-hl/periodical/titleinfo/6002184 [06.06.2026].

[3] Eine detaillierte Darstellung der Sonderkommando-Geschichte bietet die erste Monografie zum Thema von Eric Friedler/Barbara Siebert/Andreas Kilian, Zeugen aus der Todeszone. Das jüdische Sonderkommando in Auschwitz, Lüneburg 2002 (3. Aufl., München 2008). Die erste herausgegebene Sammlung von Interviews mit Sonderkommando-Überlebenden ermöglicht einen erschütternden Einblick in den Häftlingsalltag: Gideon Greif, „Wir weinten tränenlos …“ Augenzeugenberichte des jüdischen „Sonderkommandos“ in Auschwitz, Köln u.a. 1995 (14. Aufl., Frankfurt a.M. 2024, Taschenbuch-Edition bearbeitet von Andreas Kilian 1997). Zahlreiche Abbildungen von schriftlichen und fotografischen Quellen zum Thema finden sich in der Publikation von Igor Bartosik, Zeugen aus dem Abgrund der Hölle. Das Sonderkommando im KL Auschwitz, Oswiecim 2022, darunter auch Scans von Arbeitseinsatzlisten mit Angaben zur Kommandostärke (hier: 874 Mann), S. 202.

[4] Miklos Nyiszli, Im Jenseits der Menschlichkeit. Ein Gerichtsmediziner in Auschwitz, hg. von Andreas Kilian und Friedrich Herber, Berlin 2024, S. 307.

[5] Das dritte und bis dahin unbekannte Foto war eine zweite Aufnahme von der Grubenverbrennung. Es lag dem Staatlichen Museum Auschwitz seit 1947 vor, wurde seit 1948 im Museum als Postkarte sowie im Bildband „Oświęcim Brzezinka K.L. Auschwitz-Birkenau“, Krakau 1948, mit einer Auflage von 2500 Exemplaren verkauft und wahrscheinlich erstmals in einem Fachbuch veröffentlicht in: Ota Kraus/Erich Kulka, Továrna na smrt: dokument o Osvětimi, Praha 1957, Foto 44 im Abbildungsteil nach S. 264 (in der tschechischen Edition von 1956 wurde im Abbildungsteil mit Foto 61 vor S. 177 nur eines der ersten beiden Sonderkommando-Fotos abgedruckt), sowie dies., Die Todesfabrik, Berlin-Ost 1957, nicht nummerierte Fotoseite neben S. 65. Darin heißt es im Abbildungsteil: „Der politische Häftling Dawid Szmulewski, ein Pole, fotografierte insgeheim die Arbeit des Sonderkommandos im Krematorium IV […]. Die Kamera, die in unserer Schlosserwerkstatt verborgen gehalten wurde, hatte die Widerstandsgruppe beschafft.“ In einem Interview mit Andreas Kilian in Jerusalem berichtete Erich Kulka am 16.05.1995 hingegen, dass diese Kamera nicht verwendet worden und an Zivilarbeiter im Wasserwerk gegen Zigaretten getauscht worden wäre: „Wenn wir den Apparat entdeckt haben, haben wir gerufen den Szmulewski und sagten: da hast Du den Apparat. Da hat er gesagt, ja, das kann er nicht gebrauchen. Das ist eine Spiegelreflexkamera und ich brauche eine Leica.“ Nachdem die Fotos bekannter geworden waren, behaupteten neben Kraus und Kulka auch einige andere Auschwitz-Überlebende direkt oder indirekt in die Fotoaktion involviert gewesen zu sein u.a. Alfred Woycicki, Tomasz Sobanski, Stanislaw Gwidzka und Eliezer Gruenbaum. Siehe Aussage Alfred Woycicki vom 3.10.1946, in: Chronicles of Terror, Vol. 5: Auschwitz-Birkenau. Life in the Factory of Death, Warschau 2019, S. 317, sowie Vernehmung des Zeugen Alfred Woycicki vom 29.05.1964, in: 1. Frankfurter Auschwitz-Prozess „Strafsache gegen Mulka u.a.“, 4 Ks 2/63, Landgericht Frankfurt am Main, 50. Verhandlungstag, S. 19 und 27, online https://www.auschwitz-prozess.de/resources/transcripts/pdf/Woycicki-Alfred.pdf [06.06.2026]. Gwidzkas Bericht aus dem Jahre 1988 wurde abgedruckt in: Andreas Kilian, Zeuge des Widerstands in Auschwitz-Birkenau, in: Mitteilungsblatt Lagergemeinschaft Auschwitz – Freundeskreis der Auschwitzer 35 (2015), S. 32-34, online https://digisam.ub.uni-giessen.de/ubg-ihd-hl/periodical/titleinfo/6002182 [06.06.2026]; Tomasz Sobanski, Fluchtwege aus Auschwitz, Warschau 1980, S. 79f.; Tuvia Friling, A Jewish Kapo in Auschwitz: History, Memory, and the Politics of Survival, Waltham 2014, S. 45. Die wahrscheinlich relevante Rolle von Eliezer Gruenbergs und David Szmulewskis Kampfgefährten Emanuel Mink in der Sache wurde bislang nicht untersucht.

[6] Jean-Claude Pressac, Auschwitz: Technique and Operation of the Gas Chambers, New York 1989, S. 422-424. Dan Stone zufolge sei das Foto mit der Neg.-Nr. 283 zudem in der Ausstellung „Representations of Auschwitz. 50 Jahre Fotografie, Malerei, Grafik“ gezeigt worden: Dan Stone, The Sonderkommando Photographs, in: Jewish Social Studies. New Series 7 (2001), H. 3, S. 131-148, hier S. 145, FN 22. Die Wanderausstellung war vom 11.07. bis 20.08.1995 in Krakau, anschließend bis zum 30.11.1995 in Weimar und danach in Oldenburg zu sehen. Im Begleitband zur Ausstellung wurde dieses Foto nicht abgedruckt, sondern nur das Foto mit der Neg.-Nr. 280. Vgl. Yasmin Doosry (Hg.), Representations of Auschwitz: 50 Years of Photographs, Paintings, and Graphics, Oswiecim 1995, Abbildungsteil, vorletzte bedruckte Seite vor S. 87.

[7] Thomas Grotum, Das digitale Archiv. Aufbau und Auswertung einer Datenbank zur Geschichte des Konzentrationslagers Auschwitz, Frankfurt a.M./New York 2004, S. 86f.

[8] Janina Struk, Photographing the Holocaust. Interpretations of the Evidence, London/New York 2004, S. 117f.; Miriam Yegane Arani, Holocaust. Die Fotografien des „Sonderkommando Auschwitz“, in: Gerhard Paul (Hg.), Das Jahrhundert der Bilder. 1900 bis 1949, Göttingen 2009, S. 658-665, hier S. 662. Tatsächlich lagen die drei Kopien dem Archiv des Auschwitz-Museums bereits 1957 vor und wurden seitdem auch in Publikationen abgedruckt.

[9] Bericht von Wladyslaw Pytlik vom 17.10.1960, APMA-B, Bestand Erklärungen, Bd. 14, Bl. 6. Übersetzung aus dem Polnischen von A. Kilian. Pytlik machte keine Angaben darüber, ob der Filmstreifen belichtet oder unbelichtet war. Obwohl Pytlik der Adressat des Kassibers war, ist fraglich, ob er die Sendung mit den Fotos persönlich erhielt und den Inhalt selbst sah, da er zum Zeitpunkt des Posteingangs sehr wahrscheinlich bereits in Krakau untergetaucht war. Pytliks ungenaue Angaben lassen Kenntnisse vom Hörensagen vermuten. Detaillierte biografische Angaben zu Pytlik finden sich in: Henryk Świebocki, Menschen guten Willens. Gedenkbuch für die Bewohner des Auschwitzer Landes, die den Häftlingen des KL Auschwitz zu Hilfe kamen, Oswiecim 2011, S. 233f.

[10] Arani, Fotografien Sonderkommando, S. 663. Im Auschwitz-Museum ging man noch bis mindestens Ende der 1990er Jahre davon aus, dass die Kontaktabzüge von sieben verschiedenen Negativen stammen würden: „Insgesamt wurden sieben Negative belichtet: drei Aufnahmen (von denen zwei fast identisch sind) zeigen die Verbrennung von Leichen unter freiem Himmel, zwei Aufnahmen, die sich fast nicht voneinander unterscheiden, zeigen unbekleidete Frauen, die in einem Wald zur Gaskammer geführt werden, und auf zwei misslungenen Aufnahmen sind die Zweige von Bäumen zu sehen.“ Wacław Długoborski/Franciszek Piper (Hg.), Auschwitz 1940-1945. Studien zur Geschichte des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz, Bd. IV (Widerstand), Oświęcim 1999, S. 353, FN 68. Die Annahme von sieben Fotografien war seinerzeit verbreitet, vgl. Yitzhak Arad (Hg.), The Pictorial History of the Holocaust, Jerusalem 1990, S. 290.

[11] Wśród koszmarnej zbrodni: Notatki więźniów Sonderkommando, in: Zeszyty Oświęcimskie. Numer specialny (II), hg. von J. Bezwińska/D. Czech, Oświęcim 1971, S. 55; Inmitten des grauenvollen Verbrechens. Handschriften von Mitgliedern des Sonderkommandos. Hefte von Auschwitz, Sonderheft (I), Oświęcim 1972, S. 60; Amidst a Nightmare of Crime. Manuscripts of Members of Sonderkommando, Oświęcim 1973, S. 57; Wśród koszmarnej zbrodni: Notatki więźniów Sonderkommando. II wydanie rozszerzone, Oświęcim 1975, S. 211; Album d’Auschwitz – D’après un album découvert par Lili Meier, survivante du camp de concentration, Paris 1983, S. 221 (Beitrag von Pressac).

[12] Dan Stone geht irrtümlich davon aus, dass „die Originalfilme und Abzüge“ verloren gegangen seien: „ […] und alle Reproduktionen werden heute auf der Grundlage von Abzügen aus den 1950er Jahren angefertigt, die sich im Auschwitz-Museum befinden.“ Stone, Sonderkommando Photographs, S. 143, FN 3. Diese Aussage wurde u.a. übernommen von: Detlef Hoffmann, Auschwitz im visuellen Gedächtnis. Das Chaos des Verbrechens und die symbolische Ordnung der Bilder, in: Fritz Bauer Institut (Hg.), Auschwitz. Geschichte, Rezeption, Wirkung, Frankfurt a.M. 1996, S. 223-257, hier S. 233.

[13] Volkmar Kleinfeldt, 6 x 6 – ein Format macht Karriere, in: Photo Deal (2017), IV, 99, S. 58-65; Bernd K. Otto, Die Entwicklung der Ikonta/Super Ikonta (1), in: Photo Deal (2004), III, 46, S. 28-33; ders., Carl Zeiss Kamera-Register 1902-2012, Neuss 2012. Als Suchhilfe für alle grundsätzlich in Frage kommenden Kameramodelle nach Filmtyp, Format und Baujahr dienten: Rudolf Hillebrand/Günther Kadlubek, Kadlubeks Kamera Katalog, 5. Aufl., Neuss 2004; Willi Kerkmann, Deutsche Kameras 1900-1945, Velbert 1990. Ausführlichere Informationen bieten zeitgenössische Kataloge wie Photo-Brenner/Schmitt und Schmitt, 200 Kameras, Köln 1935, S. 50, sowie zum technischen Verständnis zeitgenössische Bedienungsanleitungen der Kameras.

[14] Die Zeiss Ikon Kameras Nettar, Super Ikonta und Ikoflex hatten z.B. ein Bildfenster von 5,5 x 5,5 cm. Insofern kann nur eine andere Kamera verwendet worden sein, die über das Bildfensterformat 5,5 x 5,6 cm verfügte. Bisherige Spekulationen über das verwendete Kameramodell führten ohne Überprüfung der wesentlichen technischen Voraussetzungen zum Teil schon im Ansatz ins Leere, zum Beispiel die pauschale Vermutung, dass eine Agfa-Box oder Agfa Billy-Record benutzt worden sein könnte, wobei eine Box-Kamera formatbedingt grundsätzlich auszuschließen ist. Vgl. Ramona Bechauf, Taking the Sonderkommando Photographs. A Praxeological Approach, in: Daniela Döring/Margarete Vöhringer (Hg.), Friktionen/Kuratieren. Für eine politische Wissensgeschichte des Ausstellens, Bielefeld 2025, S. 365f., online https://www.transcript-verlag.de/chunks/media/ePDFs_chunks/bis%206999/9783839468838/9783839468838-023/9783839468838-023.pdf, sowie der Vortrag von Christoph Kreutzmüller am 19.05.2025 im Memorial de la Shoah in Paris: Invisible Icons. The Pictures of the Sonderkommando. Colloque international, À l’épicentre de la destruction des Juifs d’Europe: Sonderkommando, Arbeitsjuden, Brigades de la mort, ab TC 58:30, online: https://www.youtube.com/watch?v=oeDEAzaQGlI [alle 06.06.2026]. Der Verfasser dankt dem renommierten Experten und Sammler von Photographica Bernd K. Otto für seine fachlichen Hinweise und für dessen begründeten Zweifel an der methodischen Herangehensweise bei der Suche nach dem Kameramodell. Bestimmte Kameramodelle wurden in filmischen und Graphic Novel-Darstellungen gezeigt, z.B. etwas verfälscht gezeichnet in den Graphic Novels von Jean-David Morvan/Victor Matet/Rafael Ortiz, Ce que j’ai vu à Auschwitz: les Cahiers d’Alter, Charleroi 2026, S. 109 (Zeiss Ikon Nettar 515/16, Baujahr 1938-1945), und Michał Pyteraf/Michał Gałek, Episoden aus Auschwitz 4: Geheimnisträger, Oswiecim 2025, S. 24 (Leica I Modell A, Bj. 1926-1930). Während im Werk von Pyteraf und Gałek das unplausible Modell der Kleinbildkamera Leica I mit Elmar-Objektiv abgebildet wird, zeigt der Film „Son of Saul“ überzeugender ein Vorkriegs-Modell einer Mittelformat-Balgenkamera, die Zeiss Ikon Super Ikonta 532/16 mit Tessar-Objektiv (Bj. 1937-1955), die Fotos im Format 6 x 6 cm aufnahm. Im polnischen Film „Das Ende unserer Welt“ von Wanda Jakubowska (1964) sieht man einen nichtjüdischen polnischen Häftling der Widerstandsbewegung mit einer in einer Bauchtasche versteckten Mittelformat-Klappkamera mit Faltbalgen, einer Zeiss Ikon Ikonta A (521/0), mit Novar-Anastigmat-Objektiv Geheimaufnahmen anfertigen. Zwei Sonderkommando-Fotos werden in diesem Zusammenhang sogar im Spielfilm eingeblendet. Das Modell Ikonta A (521/0) fotografierte jedoch im falschen Format 4,5 x 6 cm und ist deshalb auszuschließen.

[15] APMA-B, Mat. RO (Materialien der Widerstandsbewegung), Bd. II, Bl. 35b; Irena Paczyńska, Grypsy z Konzentrationslager Auschwitz Józefa Cyrankiewicza i Stanisława Kłodzińskiego, Kraków 2013, S. 437 (Abbildung des gegenständlichen Abschnitts im Originalkassiber siehe S. 442). Übersetzung ins Deutsche von Ewa Czerwiakowski. Im Original wurden handschriftliche Korrekturen und Ergänzungen vorgenommen, die in einigen Übersetzungen nicht berücksichtigt wurden. Eine sehr freie Übersetzung liefert die Quellenedition: Andrea Rudorff (Bearb.), Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933-1945, Bd. 16: Das KZ Auschwitz 1942-1945 und die Zeit der Todesmärsche 1944/45, hg. von Susanne Heim u.a., Berlin/Boston 2018, S. 464. Darin heißt es: „Vergrößert kann man das Bild, denken wir, weiterschicken.“ Diese Übersetzung interpretiert den Inhalt der Nachricht in eine andere Richtung. Der Originaltext nennt explizit Fotos und keineswegs Fotonegative. Er gibt keine Auskunft darüber, wie viele Fotos verschickt wurden, sondern belegt nur, dass es mehrere waren. Janina Struk geht in ihrer Übersetzung ins Englische fälschlicherweise davon aus, dass nur zwei Fotos verschickt wurden, da im Kassiber exemplarisch nur zwei Bildmotive beschrieben werden. Der Irrtum liegt in der falschen Übersetzung von „ein Foto“ in „das Foto“ und von „ein anderes Foto“ in „das andere Foto“ begründet. Vgl. Janina Struk, Photography and Resistance. Securing the Evidence in Nazi-Occupied Europe, London/New York 2025, S. 147.

[16] Der Historiker Dan Stone geht davon aus, dass nur die Negative nach Krakau geschmuggelt worden seien. Stone, The Sonderkommando Photographs, S. 133.

[17] In dem Kassiber ist ein gezieltes Streuen unwahrer Inhalte zu vermuten, damit die Foto-Aktion als Idee und Auftrag der polnischen Widerstandsgruppe verbreitet werden konnte. Taktische Falschinformationen und bewusste Täuschung durch Cyrankiewicz sind daher nicht auszuschließen. Der Historiker Henryk Świebocki zieht jedenfalls in Bezug auf einen nur zwei Tage später datierten Kassiber einen „Bluff der Widerstandsbewegung“ in Betracht: Der darin erwähnte „Moll-Plan“ zur Liquidierung des Lagers hätte laut Świebocki auf gezielt „falschen Informationen“ beruhen und „eine geschickte Mystifizierung der Widerstandsbewegung im KL Auschwitz“ sein können. Vgl. Długoborski/Piper, Auschwitz 1940-1945, Bd. IV, S. 347f., 410.

[18] Hermann Langbein, Menschen in Auschwitz, Frankfurt a.M. 2016 (zuerst 1972), S. 380.

[19] Interview von Tzipora Hager Halivni mit Jozef Cyrankiewicz vom 12.11.1977, United States Holocaust Memorial Museum (USHMM), Tzipora Hager Weiss Halivni Papers, Accession Number 2013.529.1, Box 14, Ordner 1, Transkript, S. 1; Langbein, Menschen in Auschwitz, S. 380; Ber Mark, The Scrolls of Auschwitz, Tel Aviv 1985, S. 130.

[20] Filip Müller gab wiederholt an, die Kamera sei im Auskleideraum eines Krematoriums während der „Ungarn-Aktion“ gefunden worden. Interview von Andreas Kilian mit Filip Müller am 27. und 28.01.2002.

[21] Andreas Kilian, Krematoriums-Archäologie in Auschwitz. Geschichte einer Wiederentdeckung, in: Mitteilungsblatt Lagergemeinschaft Auschwitz – Freundeskreis der Auschwitzer 36 (2016), H. 1, S. 18-24, online https://digisam.ub.uni-giessen.de/ubg-ihd-hl/periodical/titleinfo/6002184 [06.06.2026].

[22] Bis August 1964 wurden nach zahlreichen Hürden fünf unprofessionelle Grabungsaktionen durchgeführt, die zu vier Funden führten. Seitdem wird ein Verbot für archäologische Suchgrabungen eingehalten. Drei weitere Funde im Jahre 1945 beruhten auf Plünderungsgrabungen, und ein Fund Ende Oktober 1980 war eine Zufallsentdeckung. Vgl. Andreas Kilian, Erste eigenständige Sonderkommando-Ausstellung im Museum Auschwitz. Zu Entwicklung, Inhalt und Zukunft der Ausstellung und zur Verantwortung unserer Generation, in: Mitteilungsblatt Lagergemeinschaft Auschwitz – Freundeskreis der Auschwitzer 40 (2020), H. 1, S. 23f., online https://digisam.ub.uni-giessen.de/ubg-ihd-hl/periodical/titleinfo/6002195; ders., Poslowie (Die unterlassene Suche nach den unentdeckten „Handschriften aus der Hölle“), in: Magazin „Karta“ 102/2020 (März), S. 30-31; Świadectwa Sonderkommando. Andreas Michael Kilian w odpowiedzi na komentarz dr. Piotra M.A. Cywińskiego (Stellungnahme zu Dr. Piotr M. A. Cywińskis Kommentar), in: Magazin „Karta“ 103/2020 (Juni), S. 136-139, online in französischer Übersetzung: Témoignages du Sonderkommando. Prises de position dans la revue „Karta“ pour la continuation de la recherche des témoignages enterrés, https://www.cercleshoah.org/spip.php?article833; sowie Andreas Kilian, À propos de la recherche négligée des manuscrits cachés „venant de l’enfer“, in: mémoires en jeu, No. 12/Hiver 2020, p. 27-29, online https://www.memoires-en-jeu.com/varia/a-propos-de-la-recherche-negligee-des-manuscrits-caches-venant-de-lenfer/ [alle 06.06.2026]; ders., Nachtrag. Das schwierige Erbe der Sonderkommando-Manuskripte und die Verantwortung für ein Weltkulturerbe, in: Pavel Polian, Briefe aus der Asche. Die Aufzeichnungen des jüdischen Sonderkommandos Auschwitz, 2., aktualisierte und erweiterte Auflage, bearbeitet von Andreas Kilian, Freiburg i.B. 2024, S. 657-671.

[23] Manuskript von Salmen Lewenthal, in: Polian, Briefe aus der Asche, S. 497.

[24] Zentralkommission für [sic] Untersuchung der Nazi-Verbrechen in Polen (Hg.), Konzentrationslager Oswiecim (Auschwitz-Birkenau), Warszawa 1955, S. 59; H. G. Adler/Hermann Langbein/Ella Lingens-Reiner (Hg.), Auschwitz. Zeugnisse und Berichte, Frankfurt a.M. 1962, S. 342.

[25] Jan Sehn, Konzentrationslager Oswiecim – Brzezinka (Auschwitz-Birkenau) auf Grund von Dokumenten und Beweisquellen, Warszawa 1957, S. 158. In Sehns Erstveröffentlichung „Obóz koncentracyjny i zagłady Oswiecim“, in: Biuletyn Głównej Komisji Badania Zbrodni Niemieckich w Polsce, Bd. I, Poznán 1946, Abbildungsteil nach S. 128, die von der Hauptkommission zur Untersuchung nationalsozialistischer Verbrechen in Polen (GKBZHwP) bearbeitet und herausgegeben wurde, schrieb die Bildredaktion fälschlicherweise: „Foto, das heimlich von David dem Griechen, einem Häftling aus der Besatzung des Sonderkommandos, im August 1944 aufgenommen wurde.“ (Übersetzung aus dem Polnischen von A. Kilian). Der Historiker Carlo Saletti sieht in der Benennung einen Anhaltspunkt dafür, dass „bereits unmittelbar nach dem Krieg Beweise aufgetaucht waren, die die Urheberschaft der Bilder einem griechischen Häftling zuschrieben, obwohl der Name mit der Person übereinstimmte, die jahrzehntelang als deren Urheber anerkannt worden war.“ (Übersetzung aus dem Französischen von A. Kilian) Carlo Saletti, Sur l’attribution des quatre photographies prises clandestinement au crématorium V (été 1944), in: mémoires en jeu, No. 22/Hiver 2025, S. 48. Da die bloße Behauptung noch kein Beweis ist, gibt es keinen Grund anzunehmen, dass Beweise dafür existiert hätten, die die Urheberschaft eines griechischen Fotografen belegt hätten. Die Zuschreibung beruht wahrscheinlich auf einer irrtümlichen editorischen Vermischung des Rufnamens von Szmulewski, der keinen Decknamen benutzte, der falschen Annahme, er habe im Sonderkommando gearbeitet, und der Tatsache, dass er Ladino verstand und im Lagerwiderstand Kontaktmann für griechisch-jüdische Häftlinge war.

[26] Tzipora Hager Halivni, The Birkenau Revolt: Poles Prevent a Timely Insurrection, in: Jewish Social Studies 41 (1979), H. 2, S. 123-154, hier S. 131; Interview von Tzipora Hager Halivni mit Jozef Cyrankiewicz vom 12.11.1977, USHMM, Halivni Papers, 2013.529.1, Box 14, Ordner 1, Transkript S. 1. Detaillierte biografische Angaben zu Cyrankiewicz finden sich in: Jerzy Dębski, Kadra dowódcza SZP–ZWZ–AK w Konzentrationslager Auschwitz 1940-1945, Katowice/Oświęcim 2009, S. 252f. Der in mehrere Abschnitte unterteilte Kassiber wurde von Stanisław Kłodziński und Józef Cyrankiewicz verfasst, der die Fotos betreffende Abschnitt „2.“ soll von Cyrankiewicz geschrieben worden sein. Die Verwendung von zwei unterschiedlichen Handschriften ist im Kassiber nachweisbar. Grypsy z Konzentrationslager Auschwitz, S. 439. Da die Nachricht mit „Stakło“, der Abkürzung für Stanisław Kłodziński, unterzeichnet ist, wird er fälschlicherweise häufig als alleiniger Verfasser betrachtet. Vgl. Struk, Photography and Resistance, S. 147. Vgl. David Szmulewski, Zikhroynes fun vidershtand in Oyshvits-Birkenau, Paris 1984, S. 335f.; Katharina Stengel, Hermann Langbein. Ein Auschwitz-Überlebender in den erinnerungspolitischen Konflikten der Nachkriegszeit, Frankfurt a.M./New York 2012, S. 174, 208f., 330; Christopher Hitchens, Hitch-22. A Memoir, New York/Boston 2010, S. 371; Yuri Suhl, Underground Assignment in Auschwitz, in: ders. (Hg.), They Fought Back. The Story of the Jewish Resistance in Nazi Europe, New York 1967, S. 190.

[27] Jedenfalls konnte er dadurch in mehreren Bildbänden wie z.B. in „1939-1945 cierpienie i walka narodu polskiego. Zdjecia, dokumenty“, Warschau 1958, in den Bildnachweisen als Urheber angegeben werden.

[28] Vgl. Szmulewskis vorletztes Interview vom 18.05.1989 in: Kurt Rosemeier, Fluchten aus Auschwitz, Sachsenhagen 1996, S. 211f. In seinen in Paris 1984 herausgegebenen jiddischsprachigen Memoiren „Zikhroynes fun vidershtand in Oyshvits-Birkenau“ [Erinnerungen an den Widerstand in Auschwitz-Birkenau] beschreibt Szmulewski die Anfertigung und Weiterleitung von Beweismaterial durch die Lagerwiderstandsbewegung, die Sonderkommando-Fotografien erwähnt er in seinen Memoiren jedoch nicht. Vgl. David Szmulewski, Resistance in the Death Camp. The Memoirs of David Szmulewski. Unveröffentlichte Übersetzung des Manuskripts aus dem Jiddischen von Eva Zeitlin Dobkin, 1983, S. 288f

[29] Halivni, The Birkenau Revolt, S. 148, FN 32. Die fototechnischen Angaben Halivnis beruhen auf Erich Kulkas Recherchen. Interview von Andreas Kilian mit Erich Kulka am 16. und 30.05.1995 in Jerusalem, Israel. Der Auschwitz-Überlebende Kulka schrieb 1975 in einem Brief (ohne Monatsangabe) an Szmulewski: „Bis jetzt hiess es, dass Du alle 3 Fotos abgeknipst hast und um deren Entwicklung besorgt warst usw. Nun es meldeten sich auch andere, die das Autoren-Recht, resp. die Mitarbeit an dieser Tat für sich reklamieren und Deine Schilderung, wie sie in verschiedenen Artikeln oder Interviews dargestellt wurde, wird in Abrede gestellt. […] Ein Fotofachmann, dem die Bilder gezeigt wurden, sagte, dass die 2 Sonderkommando Aufnahmen unmöglich vom Dach gemacht worden konnten/ Deine Erzählung/ sondern en face. Die Perspektive lässt genau den Winkel feststellen, von welchem die Fotos genommen wurden. […] Es ist notwendig, die wahre historische Abwickelung der ganzen Tat zu dokumentieren. Du kannst, wenn Du willst, viel machen, und alle Zweifel die gegen Dich bestehen und noch bestehen können, abschütteln und in die wahre Bahn lenken.“ Yad Vashem Archive (YVA), Record Group P.25, Erich Kulka Archive, File number 105, Scans 342-343. Eine Antwort Szmulewskis ist im Kulka-Archiv nicht zu finden.

[30] Interview von Andreas Kilian mit Filip Müller am 15.04.1996.

[31] Bulletin Après Auschwitz, No. 115, Janvier-Fevrier 1965, p. 6.

[32] Im Jahr 1965 lebten noch schätzungsweise 67 Überlebende des letzten am 9. Dezember 1942 aufgestellten Sonderkommandos aus Auschwitz-Birkenau, von dem 100 Männer aus Auschwitz evakuiert worden waren und nur 81 das Kriegsende erlebten. Filip Müller schrieb darüber im Oktober 1965: „Er [Fajnzylberg, d. Verf.] ist der Autor die Originalfotografie, wo Sonderkommando arbeitet bei Graben. Es handelt sich um eine Fotografie von dem Jahre 1944. Also nicht Smulewsky!! Wenn Du einmal nach Paris fahrst, lass Dir von ihn die Sache erzehlen. Es ist sehr interessant.“ Schreiben von Filip Müller an Hermann Langbein vom 13.10.1965, Österreichisches Staatsarchiv, Wien, Nachlass Hermann Langbein (ÖStA, Nl HL), E/1797: 42. Interview von Andreas Kilian mit Filip Müller am 28.03.2001.

[33] Aussage von Stanislaw Jankowski (Alter Feinsilber) vom 16.04.1945 in: Inmitten des grauenvollen Verbrechens. Handschriften von Mitgliedern des Sonderkommandos. Oświęcim 1996, S. 25-57; Aussage von Stanislaw Jancovsky [sic] vom 10.05.1945, Archiv des Ghetto Fighter’s House Museum in Israel, Kat. Nr. 182, Reg. Nr. 01623R“M; Aussage von Stanislas Jankowski [sic] vom 20.10.1945, in: Alter Fajnzylberg, Ce que j’ai vu à Auschwitz. Les Cahiers d’Alter, présentés par Roger Fajnzylberg & Albin Perrin, Paris 2025, S. 335-341.

[34] Jankowski, Inmitten, S. 56.

[35] Gideon Greif, „Wir weinten tränenlos …“. Augenzeugenberichte des jüdischen „Sonderkommandos“ in Auschwitz, Frankfurt a.M. 1999, S. 168.

[36] Franciszek Piper, Die Zahl der Opfer von Auschwitz aufgrund der Quellen und der Erträge der Forschung 1945 bis 1990, Oświęcim 1993, S. 203-216; Polian, Briefe aus der Asche, S. 625-631.

[37] Aussage Szlomo Dragon vom 05.03.1982, YVA, P.25, File 105, S. 4. Im Jahre 1945 sagte Dragon lediglich aus, dass ihm bekannt sei, wo Granaten vergraben worden wären, und dass er das Versteck zeigen könne. Vgl. Aussage Dragons vom 26.02.1945 in: Polian, Briefe aus der Asche, S. 629.

[38] Vgl. die Übersetzung sowie Abbildung des Protokolls zum Gradowski-Fund in: Zalmen Gradowski, In the Midst of Hell. Notes Found in the Ashes near the Furnaces of Auschwitz, hg. von Pavel Polian, Moskau 2015, S. 29f. Laut Pavel Polian wurde keine Kamera aus Auschwitz im Wehrmedizinischen Museum des Verteidigungsministeriums in Sankt Petersburg archiviert. Die Behauptung des Sonderkommando-Überlebenden Henryk Mandelbaum, dass neben einer „ungarischen Feldflasche“ und dem darin versteckten Gradowski-Manuskript im März 1945 auch eine Kamera und eine Uhr gefunden worden wären, kann nicht bestätigt werden. Bericht von Henryk Mandelbaum vom 19.02.1971, APMA-B. Bestand Erklärungen, Bd. 29, Bl. 262; Jan Poludniak, Zonder. Rozmowa z czlonkiem Sonderkommando Henrikiem Mandelbaumem, Katowice/Sosnowiec 1994, S. 49; Sonder, An Interview with Sonderkommando Member Henryk Mandelbaum, Oświęcim 2008, S. 94.

[39] Der Darstellung des Auschwitz-Museums zufolge hätten auch Museums-Mitarbeiter Aufklärungsversuche unternommen: „Als Dawid Szmulewski nach dem Krieg in Polen war, versuchten Mitarbeiter des Staatlichen Museums Auschwitz mehrfach, die Frage der Autorenschaft der genannten Fotografien definitiv mit Szmulewski zu klären, dies ist ihnen jedoch nicht gelungen.“ Długoborski/Piper, Auschwitz 1940-1945, Bd. IV, S. 354, FN 70.

[40] Schreiben von Filip Müller an Hermann Langbein vom 01. und 16.02.1966, ÖStA, Nl HL, E/1797: 42. Im Brief vom 01.02.1966 schreibt Müller: „Grade in diesen Tagen hat mir Feinsilber von Paris geschrieben. Er teilt mir zu das in Februar fährt die Alcan nach Warschau wo sie will die Sache um die Fotografien erledigen. Es soll so heissen, dass die Autoren soll nur ein Kollektiv sein und nicht D.S.“ Langbein antwortete am 09.02.1966: „Allerdings glaube ich, dass eine Regelung der Bildangelegenheit durch Louise Alcan in Warszawa völlig uninteressant ist. Es kommt ja keineswegs auf eine gütliche Einigung und um den Nachruhm (der nun vielleicht geteilt werden soll), sondern in meinen Augen einzig und allein um die wahre und womöglich beweisbare Entstehungsgeschichte dieser Bilder an. Nur das ist von historischer Sicht aus von Wert. Will hier Feinsilber helfen? Er kann es, wenn er die Entstehungsgeschichte der Fotos schriftlich fixiert.“ Am 22.09.1967 schrieb Langbein an Müller: „In Paris habe ich mit Fajnzilberg gesprochen, leider war das Gespräch mehr als peinlich. Er sagte, wenn er nicht seine Entschädigung und sein Recht bekommt, ist er nicht bereit, zu sprechen. Er weiss sehr viel, aber gibt nichts preis. Nun, ich habe keine Möglichkeit (und auch keine Lust), derartige Informationen zu kaufen.“ Müller antwortete am 22.10.1967: „Was sich angelangt Feinsilber, ist sein Vernehmen unnormal aber auch zu mir. Ja das sind ja die guten Freunde Szmulewski. Es macht ja nichts. Er hat schon nämlich vieles vergessen. Ich habe es bemerkt bei meinem letzten Besuch bei ihm in Paris.“ Ebd. Langbein unternahm mehrere Versuche, von Fajnzylberg die Entstehungsgeschichte der Fotos zu erfahren, allerdings hätte Fajnzylberg ihm gegenüber eine Stellungnahme verweigert. Interview von A. Kilian mit Herman Langbein am 23.09.1995 in Wien.

[41] Es ist nicht bekannt, dass Filip Müller die behauptete eigene Beteiligung an der Fotoaktion in anderen Briefen oder Berichten wiederholt hätte. Schreiben von Filip Müller an Louise Alcan vom 21.09.1965, APMA-B, Bestand Negative, Negativ-Nr. 21202/6. Der Brief endet mit einem Anliegen, das die Motivation zur Richtigstellung der Urheberschaft der Sonderkommando-Fotografien möglicherweise beeinflusst haben könnte: „Die Invalidenrente, die er erhalten hat, ist verhältnismässig klein, denn es wurde ihm offenbar nicht der Charakter der Resistans [sic] anerkannt. Vielleicht ist es auch sein Fehler, dass er nicht um sein Recht kämpfte […]. Es ist mir zwar bekannt, dass Euer Amical über diese Angelegenheit nicht entscheiden kann, jedoch bin ich der Überzeugung, dass sich mit Eurer Unterstützung in dieser Angelegenheit eine erforderliche Änderung erzielen liess – und dieser Mensch ist dessen wert!“ APMA-B, Neg.-Nr. 21202/6a.

[42] Fajnzylberg, Les Cahiers d’Alter, S. 157, 159. Übersetzung aus dem Polnischen von A. Kilian.

[43] Interview von Gideon Greif und Andreas Kilian mit Shlomo und Avram Dragon am 20.05.1995 in Ramat Gan, Israel; Gespräch zwischen Andreas Kilian und Shlomo Dragon am 06.07.1995 in Frankfurt a.M.

[44] In seinem Brief an das Staatliche Museum Auschwitz-Birkenau vom 12.05.1978 bezeichnete sich Fajnzylberg als „dritten Anführer neben J. Handelsman und J. Warszawski“. Abschrift vom 14.07.1978, APMA-B, Bestand Erklärungen, Bd. 89, Bl. 127. Schreiben von Filip Müller an Louise Alcan vom 21.09.1965, APMA-B, Neg.-Nr. 21202/6. Müller geht weder in seinem 1979 veröffentlichten Erinnerungsbericht „Sonderbehandlung“ noch in anderen seiner Berichte oder Zeugenaussagen auf dieses Thema ein. Szmulewski veröffentlichte bereits im Jahre 1963 seine Erinnerungen an den Sonderkommando-Aufstand und die Widerstandsgruppe im Sonderkommando im Artikel „Umierali stojac“, in: Za Wolność i Lud 2 (1963), S. 11. Vgl. auch Archiv des Jüdischen Historischen Instituts (Archiwum Żydowski Instytut Historyczny, AZIH), Sign. 301/6797, S. 3, 5. Mit dem im Artikel erwähnten Aktivisten mit dem Spitznamen „Dziobaty“ ist Fajnzylberg gemeint („Yankowski-dzióbek“), in: Szmulewski, Resistance in the Death Camp, S. 92.

[45] Fajnzylberg, Les Cahiers d’Alter, S. 157, 159. Vgl. Archiv des Fritz Bauer Instituts, Smlg. FAP 5/ HA 2, LG Frankfurt a.M., 4 Ks 2/73, Protokoll der HV vom 30.05.1974, Aussage Fajnzylberg, Bl. 394 i.V.m. Protokoll Kaul, Bundesarchiv Berlin (BArch), N/2503/1709 Nachlass Friedrich Karl Kaul (unpag.)

[46] Aussage von Leime Plishko [sic] und Abram Sokol vom 31.05.1946 in jiddischer Sprache, YVA, RG M.11, File 224, Bl. 2. Den beiden Zeugenaussagen zufolge wären die Fotos durch polnische Zivilarbeiter nach Kattowitz geschmuggelt worden. Panicz wäre dem Bericht nach während des Sonderkommando-Aufstands von der SS ermordet worden und hätte zuvor noch den reichsdeutschen Oberkapo Karl Töpfer getötet. Panicz blieb seinen Kameraden durch seinen außergewöhnlichen Mut in Erinnerung. Dies war dieselbe besondere Eigenschaft, die Jahrzehnte später zur Zuschreibung der Urheberschaft an einen anderen Sonderkommando-Häftling und Widerstandskämpfer führen sollte. Vermutlich traute man anderen Häftlingen diesen waghalsigen Akt des Widerstands nicht zu.

[47] Halivni, The Birkenau Revolt, S. 130. In einem Brief an Langbein vom 10.01.1978 schrieb Halivni: „In Paris verbrachte ich einen fruchtbaren Tag mit Feinsilber. Er war gesprächig und ich hörte ihm gerne zu. Übrigens behauptet er, dass ein Mann des Sonderkommandos die Fotos von der Vernichtung gemacht habe. Er, Feinsilber, war zwar daran beteiligt, hat die Aufnahmen aber nicht selbst gemacht.“ (Übersetzung aus dem Englischen von A. Kilian).

[48] Brief Fajnzylbergs vom 12.05.1978, APMA-B, Bestand Erklärungen, Bd. 89, Bl. 126. Übersetzung aus dem Polnischen von Ewa Czerwiakowski.

[49] Ebd., S. 127.

[50] Fajnzylberg, Les Cahiers d’Alter, S. 213f. Nach Gesprächen mit dem Sonderkommando-Überlebenden Filip Müller, der Fajnzylberg bei der Entstehung einer veröffentlichungsfähigen Erinnerungsschrift unterstützen wollte und den er das erste Mal nach Kriegsende im August 1965 in Paris wiedertraf, erinnerte sich Fajnzylberg sehr wahrscheinlich wieder an „Alex“. Das ehemalige Leitungsmitglied des internationalen Lagerwiderstands „Kampfgruppe Auschwitz“, Hermann Langbein, erwähnte im Sonderkommando-Kapitel seines 1972 erschienenen Standardwerks „Menschen in Auschwitz“ den Namen „Errera aus Larissa“ und „Alexander Hereirra“ und bezeichnete ihn als einen der Organisatoren des Sonderkommando-Aufstands. Das Buch, in dem auch Fajnzylberg genannt wird, erregte große Aufmerksamkeit und wurde 1975 in französischer Sprache herausgegeben. Langbein, Menschen in Auschwitz, S. 298; ders., Hommes et Femmes à Auschwitz, Paris 1975, S. 199. In der französischen Übersetzung fehlt die Nennung des Vornamens von „Hereirra“. Vermutlich ergänzte Fajnzylberg sein Notizheft mit der Errera-Passage, nachdem er von Filip Müller an ihn erinnert worden war und Langbeins Buch gelesen hatte. Interview Andreas Kilian mit Filip Müller vom 27.01.2002. Müller setzte „Alex Errera“ in seiner 1977 fertiggestellten, aber erst 1979 veröffentlichten Erinnerungsschrift ein literarisches Denkmal. Filip Müller, Sonderbehandlung: Meine Jahre in den Krematorien und Gaskammern von Auschwitz, Darmstadt 2022, S. 116, 135, 138.

[51] Bericht von Alter Fajnzylberg vom 02.09.1985, APMA-B, Bestand Erklärungen, Bd. 114, Bl. 57.

[52] Das einen Tag nach der Befragung Szmulewskis in Paris auf Tonband aufgezeichnete Interview vom 14.11.1977 ist weder im Nachlass Halivni (USHMM, Halivni Papers, 2013.529.1) noch in Kopie im Nachlass Hermann Langbein enthalten. Langbein bestätigte den Erhalt von „Kopien der 3 Interviews von Feinsilber, Cyrankiewicz und Szmulewski“ am 12.04.1978. Zahlreiche Quellen belegen, dass Tonband und Transkription zu Halivnis und Langbeins Lebzeiten existierten. Siehe das Schreiben von Tzipora Weiss (Halivni) an Hermann Langbein vom 16.02.1978, ÖStA, Nl HL, E/1797: 56.

[53] Bericht Fajnzylberg vom 02.09.1985, APMA-B, Bestand Erklärungen, Bd. 114, Bl. 60; Fajnzylberg, Les Cahiers d’Alter, S. 305. Vgl. den Lageplan des Krematoriumsgeländes IV mit unterschiedlichen Verortungen der Sonderkommando-Fotos durch verschiedene Forscher am Ende des vorliegenden Artikels. Auf dem Orientierungsplan kann z.B. durch die Lage der Verbrennungsgruben und durch den Abstand zu den im Bildhintergrund erkennbaren Betonpfosten der Stacheldrahtumzäunung in Verbindung mit dem Aufnahmewinkel der Grubenfotos durch die erkennbare Türöffnung und dem sichtbaren Schatten des Dachs nachvollzogen werden, dass Fajnzylbergs Angaben unrichtig sind.

[54] Seit den 1970er Jahren wird Szmulewskis Autorenschaft in Publikationen angezweifelt, eine Beteiligung an der Aktion vor Ort und am Schmuggel einer Kamera jedoch nicht ausgeschlossen. Vgl. Kilian, Zur Autorenschaft der Sonderkommando-Fotografien, S. 12f. Seit Ende der Siebzigerjahre wird Alter Fajnzylberg in Publikationen als beteiligter Akteur erwähnt. Halivni, The Birkenau Revolt, S. 130. Ber Marks Pionierwerk „The Scrolls of Auschwitz“ wurde in der englischen Ausgabe entsprechend aktualisiert und um einen Satz ergänzt, der in früheren Editionen seines Buchs fehlt: „Der oben erwähnte Aktivist Alter Feinsilber war an allen Phasen der Operation im Bereich des Sonderkommandos beteiligt.“ (Übersetzung aus dem Englischen von A. Kilian). Mark, The Scrolls of Auschwitz, S. 130. Als Quelle wird pauschal eine undatierte „Aussage Alter Feinsilber“ aus Ber Marks Archiv angegeben, ebd., S. 257, FN 23. Das ehemalige polnische Leitungsmitglied der „Kampfgruppe Auschwitz“, Józef Cyrankiewicz, der von 1947 bis 1952 und von 1954 bis 1970 Ministerpräsident der Volksrepublik Polen war, ließ seinen Günstling Szmulewski 1968 während der antisemitischen Kampagne in Polen fallen. In einem Interview mit Hager Halivni vom 12.11.1977 distanzierte er sich von Szmulewskis Autorenschaft der Fotos: „Wir bestellten eine Kamera aus Krakau, eine „Rolleiflex“ und erhielten sie auf illegalem Wege. Er nahm sie an sich und wir erhielten die weltberühmten Fotos. Er nahm die Kamera an sich; wer fotografiert hat, ging uns nichts an. Er gab den Film zurück. Wir schickten ihn nach London. Ob er fotografiert hatte oder nicht, ging uns nichts an.“ USHMM, Halivni Papers, 2013.529.1, Box 14, Ordner 1. Transkript S. 1. In den letzten Veröffentlichungen zu den Sonderkommando-Fotografien wird an Fajnzylbergs Beteiligung an der Entstehung der Fotos und an einer „kollektiven Autorenschaft“ festgehalten: Bechauf, Taking the Sonderkommando Photographs, S. 369; Saletti, Sur l’attribution des quatre photographies, S. 47; Struk, Photography and Resistance, S. 159f.

[55] Gedächtnisprotokoll zum Interview von Erich Kulka mit Yitzhak Cohen vom 26.02.1987, YVA, P.25, File 105, S. 3 (Scan 274). Vgl. Aussage von Yitzhak Cohen vom 23.07.1963, YVA, O.3, File 2484, S. 60.

[56] Ebd. Vgl. die Gedächtnisprotokolle und Notizen zu den Interviews von Erich Kulka mit Yehoshua Rosenblum am 17. und 18.04.1982, 26.05.1983, 16.06.1983, 04.10.1983, 07.10.1983, 23.12.1983 und 03.04.1986 (Sammlung Erich Kulka, nicht im Online-Bestand des YVA, P.25, enthalten), sowie Interview von Gideon Greif und Andreas Kilian mit Yehoshua Rosenblum am 02.05.1995 in Haifa, Israel; Aussage von Yehoshua Rosenblum vom 01.12.1970, YVA, O.3, File 3811.

[57] Interview von Andreas Kilian mit Erich Kulka am 16.05.1995. Filip Müller zufolge hätte er Erich Kulka, der von Szmulewskis Behauptungen überzeugt gewesen sei, als Erster über den Irrtum aufgeklärt und die Falschdarstellung Szmulewskis korrigiert. Interviews von A. Kilian mit Filip Müller am 15.04.1996, 27. und 28.01.2002.

[58] Filip Müller, der sich an einen Tag im Juli während eines Vernichtungstransports der „Ungarn-Aktion“ noch sehr gut an die Foto-Aktion erinnern konnte, sagte dazu: „Ob Errera es war, weiß ich nicht, ich kannte ihn sehr gut, ein feiner Kerl. Aber ich weiß nicht ob er die Fotos gemacht hat. Ich weiß nur, dass ich es nicht war und dass der Szmulewski es nicht war.“ Interview von Andreas Kilian mit Filip Müller am 28.01.2002.

[59] Diese Veröffentlichung beruht auf meiner Identifizierung von „Alex Errera“ als Urheber der Sonderkommando-Fotografien im Jahre 1999 in „Der ‚Sonderkommando-Aufstand‘ im Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau vom 07.10.1944“, unveröff. Hauptseminar-Hausarbeit WS 1998/99, Historisches Seminar der Johann Wolfgang Goethe-Universität, Frankfurt a.M., S. 18f., und dem daraus entstandenen und im März 2002 abgeschlossenen Artikel „Der Aufstand der Verlorenen“, der als Mehrteiler erst Monate nach der im Oktober 2002 erschienenen Monografie publiziert werden konnte: Andreas Kilian, Der Aufstand der Verlorenen. Teil 2: Endstation Hoffnungslosigkeit: Ein Akt des letzten Augenblicks, in: Mitteilungsblatt Lagergemeinschaft Auschwitz – Freundeskreis der Auschwitzer 23 (2003), H. 1, S. 19f., online https://digisam.ub.uni-giessen.de/ubg-ihd-hl/periodical/titleinfo/6004066 [06.06.2026]. Friedler/Siebert/Kilian, Zeugen aus der Todeszone, S. 214. Die Identifizierung Erreras wird inzwischen weitgehend in der Forschung, in der Presse und in Filmen zum Thema anerkannt, u.a. in: Christophe Cognet, Éclats: prises de vue clandestines des camps nazis, Paris 2019, S. 337f.; Saletti, Sur l’attribution des quatre photographies, S. 47; Albin Perrin, Sur les traces d’Alter Fajnzylberg, in: Alter Fajnzylberg, Ce que j’ai vu à Auschwitz. Les Cahiers d’Alter, Paris 2025, S. 316; Bartosik, Zeugen aus dem Abgrund, S. 87; Georges Didi-Huberman, Aus dem Dunkeln heraus. Brief an Laszlo Nemes, Wien 2017, S. 10, FN 8; Dokumentarfilm „Auschwitz in 33 Objekten“ (PL/ F 2023) von Maciej Pawelczyk, Marek Zajac und Bartosz Klimczak. Nicht davon überzeugt waren die Historiker Nicholas Chare und Dominic Williams: „Es erscheint unwahrscheinlich, dass Fajnzylberg Alex’ Identität vergessen hätte, wenn dieser Errera gewesen wäre, da dieser sehr bekannt war. Wir gehen daher davon aus, dass Alex ein unbekannter griechischer Jude aus dem Sonderkommando ist.“ (Übersetzung aus dem Englischen von A. Kilian) Nicholas Chare/Dominic Williams, Matters of Testimony. Interpreting the Scrolls of Auschwitz, New York/Oxford 2016, S. 184. In seinem Brief an das Auschwitz-Museum vom 12.05.1978 schreibt Fajnzylberg unmissverständlich „Das Foto selbst fertigte Alex aus Griechenland (seinen Namen weiß ich nicht mehr) an. Er kam um auf der Flucht während der Abfuhr der Asche von verbrannten Menschen, die von Zeit zu Zeit in die Weichsel bzw. Sola geschüttet wurde.“ APMA-B, Bestand Erklärungen, Bd. 89, Bl. S. 126 (Übersetzung aus dem Polnischen von Ewa Czerwiakowski). Da es die beschriebene Flucht mit Todesfolge im Sonderkommando nur ein Mal gab und der schriftliche Beweis vorliegt, dass der Flüchtige Errera war, ist die Zuordnung unbestreitbar. Bartosik, Zeugen aus dem Abgrund, S. 201. Auf die Erwiderung in: Kilian, Zur Autorenschaft der Sonderkommando-Fotografien, S. 17, antworteten Chare und Williams in ihrem folgenden Buch: „Angesichts der Unbeständigkeit des Gedächtnisses, insbesondere der Problematik der Beeinflussbarkeit, kann die spätere Aussage, die auf Errera als den Fotografen hindeutet, nicht als endgültig betrachtet werden (auch wenn Perrin sie als solche betrachtet), ist aber glaubwürdig.“ (Übersetzung aus dem Englischen von A. Kilian): Nicholas Chare/Dominic Williams, The Auschwitz Sonderkommando. Testimonies, Histories, Representations, Basingstoke 2019, S. 72. Auch der Historiker Steven Bowman sieht die Identifizierung von „Alek“ als nicht gesichert an. Steven Bowman, Greeks in the Birkenau Sonderkommando. Representation and Reality, in: Nicholas Chare/Dominic Williams (Hg.), Testimonies of Resistance. Representations of the Auschwitz-Birkenau Sonderkommando, New York/Oxford 2019, S. 270 sowie 280, FN 28.

[60] Andreas Kilian, Zur Mythologisierung eines griechischen Helden des Widerstands: der Auschwitz-Flüchtling Alberto Errera, in: Mitteilungsblatt Lagergemeinschaft Auschwitz – Freundeskreis der Auschwitzer 37 (2017), H. 2, S. 29-33, online https://digisam.ub.uni-giessen.de/ubg-ihd-hl/periodical/titleinfo/6002188 [06.06.2026]; Schreiben von John A. Kalef-Ezra vom 23.07.2017 an Andreas Kilian.

[61] Schreiben von John A. Kalef-Ezra vom 29.01.2024 an Andreas Kilian.

[62] Errera stammte aus einfachen Verhältnissen. Interview von Andreas Kilian mit John A. Kalef-Ezra und Matilda Eskenatzi am 29.08.2017 in Oswiecim. Siehe auch: John Kalef-Ezra/Dijon C. Drossou, Alberto Errera und das Sonderkommando [auf Griechisch], in: Chronika, Edition of the Central Board of Jewish Communities in Greece 45 (2022), H. 258, S. 9-15; 46 (2023), H. 259, S. 27-31; 46 (2023), H. 260, S. 29-33.

[63] Marcel Nadjary, Sonderkommando. Birkenau 1944 – Thessalonique 1947. Resurgence, Paris 2023, S. 97. Wie Errera rettete Nadjary dadurch vorläufig sein Leben, da er als Partisan vor Ort erschossen worden wäre, als Jude hingegen deportiert wurde.

[64] Interview von Beatrice Netter mit Daniel Bennahmias vom 12.11.1991, USHMM, RG Number: RG-50.477.0661, Band 2, Transkript S. 3; Nadjary, Sonderkommando Birkenau, S. 167f.

[65] Gedächtnisprotokoll Interview Yitzhak Cohen vom 26.02.1987, YVA, P.25, File 105, S. 3.

[66] Unter den in den Vernichtungsanlagen eingesetzten SS-Angehörigen gab es aus Geheimhaltungsgründen nur wenig Fluktuation. Da ihr Tätigkeitsbereich streng isoliert war und das Sonderkommando nach Wertsachen der Ermordeten suchen musste, ergaben sich Gelegenheiten für Diebstahl und Korruption. Korruption war unter den SS-Männern beim Sonderkommando weit verbreitet. Vgl. Andreas Kilian, „… so dass mein Gewissen rein ist und ich am Vorabend meines Todes stolz darauf sein kann.“ „Handlungsräume“ im Sonderkommando Auschwitz, in: Ralph Gabriel/Elissa Mailänder-Kosslov/Monika Neuhofer/Else Rieger (Hg.), Lagersystem und Repräsentation. Interdisziplinäre Studien zur Geschichte der Konzentrationslager, Tübingen 2004, S. 103-123, hier S. 135f. Interviews von Andreas Kilian mit David Nencel am 15.07.1995 in Budapest, Ungarn, mit Filip Müller am 15.04.1996 und 28.03.2001 sowie mit Arnoszt Rosin am 13.03.1995 in Düsseldorf und mit Shlomo Venezia am 03.11.2002 in Rom.

[67] Die Neudatierung des ersten Aufstandstermins wurde am 04.02.1999 im Vortrag „Der Sonderkommando- Aufstand“ an der J. W. Goethe-Universität in Frankfurt am Main erstmals öffentlich gemacht. Siehe auch Kilian, Sonderkommando-Aufstand, Hausarbeit WS 1998/99, S. 16, und in der Monografie Friedler/Siebert/Kilian, Zeugen, S. 260; sowie Kilian, Der Aufstand der Verlorenen. Teil 1: In tiefster Verzweiflung, tragischer Hilflosigkeit und ungebrochenem Überlebensdrang, in: Mitteilungsblatt Lagergemeinschaft Auschwitz – Freundeskreis der Auschwitzer 22 (2002), H. 2, S. 14-28, hier S. 27f., online https://digisam.ub.uni-giessen.de/ubg-ihd-hl/periodical/titleinfo/6004064 [06.06.2026]. Gründe für die Entstehung der Fotos vor dem 28.07.1944 werden genannt in: Kilian, Zeuge des Widerstands, S. 33.

[68] Manuskript von Salmen Lewenthal in Polian, Briefe aus der Asche, S. 487.

[69] Manuskript Lewenthal in Polian, S. 489; Aussage von Henryk Tauber, in: Dlugoborski/Piper (Hg.), Auschwitz 1940-1945. Studien zur Geschichte des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz. 5 Bde., Oświęcim 1999, Bd. 3, S. 296, S. 301; Filip Müller, Sonderbehandlung: Meine Jahre in den Gaskammern und Krematorien von Auschwitz, Darmstadt 2022, S. 223f.; Schreiben von Filip Müller an Hermann Langbein vom 22.12.1967, ÖStA, Nl HL, E/1797: 42; Interviews von A. Kilian mit David Nencel am 15.07.1995 und mit Filip Müller am 27.01.2002.

[70] Die Datierung ist durch eine im Rapportbuch einer deutschen Polizeidienstelle erhalten gebliebene Fluchtmeldung zweifelsfrei belegt. Bartosik, Zeugen aus dem Abgrund, S. 201.

[71] Interview von Beatrice Netter mit Daniel Bennahmias vom 12.11.1991, USHMM, RG Number: RG-50.477.0661, Band 2, Transkript S. 3. Siehe auch: Rebecca Camhi Fromer, The Holocaust Odyssey of Daniel Bennahmias, Tuscaloosa and London 1993, S. 52; Shlomo Venezia, Meine Arbeit im Sonderkommando Auschwitz, München 2008, S. 140.

[72] Vgl. die Deportationsliste der Grenzstation Kassa (Kaschau) in: Randolp L. Braham, The Politics of Genocide. The Holocaust in Hungary, 3. Aufl., New York 2016, Vol. 2, S. 1704f.; Kalendarz wydarzeń w KL Auschwitz [Kalendarium der Ereignisse im KL Auschwitz], T. 4: 1944-1945, Oświęcim 2024, S. 1594f.

[73] Filip Müller gab an, die Fotos wären im Juli 1944 gemacht worden, während der Vernichtungsaktion eines Transports aus Ungarn. Interview von Andreas Kilian mit Filip Müller am 28.01.2002.

[74] Die Freigabe zur Tarnung aller Krematorien „durch Errichtung eines zweiten Zaunes“ aus „Rohrmatten“ erfolgte am 16.06.1944. Einen Monat zuvor wurden bereits Absteckarbeiten für neue Zweitzäune um die Krematorien vorgenommen, allerdings wurden Maschendrahtzäune an „Betonsäulen“ als zusätzliche stabile Sicherungsmaßnahmen geplant, die mit Tarnzeug bedeckt werden konnten. Da die Baumittelzuteilung nicht zeitnah erfolgte, wurden bei den Krematorien III und IV kurzfristig einfache Flechtzäune, wie die bei den provisorischen Vergasungsbunkern eingesetzten Holzpfosten mit Reisigbündeln, von 30 Sonderkommando-Häftlingen aus dem „Unterkunftsbestand“ (meist Stubendienste wie die Gebrüder Dragon) zur Tarnung errichtet, die vermutlich von Ende Juni bis zum 04.08.1944 in den Häftlingsarbeitseinsatzlisten als Kommando „61-B. Holzablader Krem. IV“ bezeichnet wurden (vom 05.-09.08.1944 bei „Krem. I.u. II.“), das das Material aus einem Wald bei Bielsko abholen musste. (Interviews von Andreas Kilian mit Filip Müller am 15.04.1996 und 28.01.2002). Am 26.06.1944 wurde der die Krematorien III und IV umgebende Stacheldrahtzaun erstmals unter Strom gesetzt. Am selben Tag machte die alliierte Luftaufklärung eine Luftaufnahme vom Krematoriumsgelände, auf dem anscheinend erste Spuren zur Errichtung einer Tarnumzäunung bei Krematorium IV zu erkennen sind. Laut einem Baufristenplan III. Quartal 1944 der Zentralbauleitung Auschwitz wurde die „Tarnungseinfriedung d. Krematorien I-IV“ am 15.07.1944 begonnen. Wie die erhalten gebliebenen Akten zur Baugeschichte der Auschwitzer Krematorien beweisen, sind die in den Baufristenplänen angegebenen Daten zu „Baubeginn“ und „vorgesehene Fertigstellung“ meist unzutreffend. Bartosik, Zeugen aus dem Abgrund, S. 194, 197; Igor Bartosik/Łukasz Martyniak/ Piotr Setkiewicz, The Expansion of KL Auschwitz 1942-1945 in the Light of the Source Materials, Oswiecim 2022, S. 457, 398f. i.V.m. S. 272f.; vgl. Jean-Claude Pressac, Die Krematorien von Auschwitz. Die Technik des Massenmordes. München/Zürich 1995, S. 166f.; Standortbefehl Nr. 18/44 vom 27.06.1944, in: Norbert Frei u.a. (Hg.), Standort- und Kommandanturbefehle des Konzentrationslagers Auschwitz 1940-1945, München 2000, S. 464; National Archives and Records Administration (NARA), College Park, RG-373, AERIALFILM-5(1), NAID 305995; NARA, RG-373, GX, DT/TM-3/Germany-East Auschwitz, N50 E19/ neg. 38.

[75] Bartosik vermutet, dass die Aufnahmen zwischen dem 5. und 20. Juli 1944 entstanden wären. Er begründet dies mit der Angabe Fajnzylbergs, dass Häftlinge die SS-Wache auf dem Turm gegenüber der Gaskammertür hätten beobachten müssen, und mit der Hypothese, dass der „Wachturm“ auf der Nordseite von Krematorium IV gegenüber der Verbrennungsgrube nach dem 5. Juli 1944 errichtet worden sei. Bartosik, Zeugen aus dem Abgrund, S. 88, 219. Diese Argumentation ist nicht nachvollziehbar, da Fajnzylberg sich auf den großen Wachturm auf der Westseite des Krematoriums bezieht und die „Wachturm“-Quelle keineswegs den gegenüber der Verbrennungsgrube gelegenen Hochstand betrifft. Der in Bartosiks Buch abgedruckte Scan eines Schreibens der Zentralbauleitung Auschwitz vom 5. Juli 1944 nennt explizit „das Aufstellen von 2 großen und 6 kleinen Wachtürmen hinter dem Lager II, BA. III“ und die Bauwerk-Nummer „BW 13“. „Große“ und „kleine“ Wachtürme waren fundamentierte und geschlossene mehrstöckige Holztürme, die sich von mobilen Hochständen erheblich unterschieden. Weiter heißt es in dem Dokument, „dass dort beim Krema IV einige Bäume gefällt werden müssen“. Diese Bäume befanden sich jedoch nicht am Stacheldrahtzaun, wo der Hochstand schon früher auf freier Fläche errichtet worden war, sondern weiter nördlich, wo in einer Linie acht Wachtürme für die Absicherung der Westgrenze von Bauabschnitt III gebaut werden sollten. Es ist anzunehmen, dass die genannten Türme die geplante Verlängerung des westlichen Zauns des Effektenlager- und Krematoriumsgeländes („Zaun 34“) bilden sollten. Vgl. Teresa Swiebocka (Hg.), Architektur des Verbrechens. Das System der Sicherung und Isolation im Lager Auschwitz, Oswiecim 2008, S. 235f.; Fajnzylberg, Ce que j’ai vu à Auschwitz, S. 305; Bericht Fajnzylbergs vom 02.09.1985, Bestand Erklärungen, Bd. 114, Bl. 60.

[76] In dem im Mai 2026 im Kino uraufgeführten 98-minütigen Dokumentarfilm „Aufstand in Auschwitz“ von Gabi Schlag (D 2026) werden die Sonderkommando-Fotografien thematisiert und die mutmaßlichen Originalschauplätze der Aufnahmen gezeigt. Im Gegensatz zu Christophe Cognets 110-minütigen Dokumentarfilm „À pas aveugles“ (F/D 2021) wird in dem neuen Film der Schauplatz des Entkleidungsfotos auf dem Krematoriums-Vorplatz weiter westlich verortet.

[77] Pressacs Rekonstruktion der Reihenfolge (Neg.-Nr. 280, 281, 282, 283) aus dem Jahre 1989 in „Technique and Operation“, S. 422f., die letztlich eine Übernahme der von Mitarbeitern des Auschwitz-Museums beschlossenen Chronologie ist, schließen sich folgende Experten und Expertinnen an: Georges Didi-Huberman, Bilder trotz allem, München 2007, S. 170f.; Véronique Sina, Das Undarstellbare darstellen. Die vier Fotos des Sonderkommandos im transmedialen Gebrauch, in: Nina Heindl/Véronique Sina (Hg.), Notwendige Unzulänglichkeit. Künstlerische und mediale Repräsentationen des Holocaust, Münster 2017, S. 106; Arani, Fotografien Sonderkommando, S. 658f. Eine andere Reihenfolge vertreten Chéroux, mémoire des camps, S. 88-89, und Cognet, Éclats, S. 291f. (Neg.-Nr. 283, 282, 281, 280). Pressac veröffentlichte seine konstruierte Entstehungsgeschichte der Fotos zudem am 23.09.1993 in seinem Artikel „histoire de deux photos“ im Pariser Wochenmagazin „L’Express“, http://www.lexpress.fr/informations/histoire-de-deux-photos_595885.html [06.06.2026]. Pressacs Rekonstruktion ist ebenso falsch wie seine Behauptung, dass „eine kleine Kamera vom Typ Minox“ verwendet worden wäre.

[78] Seit ihrer Erstveröffentlichung wurden die Aufnahmen unterschiedlich interpretiert und verortet. Der Historiker des Staatlichen Museum Auschwitz-Birkenau Igor Bartosik veröffentlichte bildliche Darstellungen der Aufnahmerichtungen des Fotografen in folgenden Erstausgaben: Igor Bartosik, Bunt Sonderkommando. 7 października 1944 roku, Oświęcim 2014, S. 11 (Grubenfotos); ders., Świadkowie z dna piekła. Historia Sonderkommando w KL Auschwitz, Oświęcim 2021, S. 208 (Grubenfotos), S. 209 (Entkleidungsfoto). Seine Lokalisierung des Sichtfelds der Grubenfotos entspricht meiner Verortung aus dem Jahre 2004: Andreas Kilian, „KL Auschwitz-Birkenau, extermination area, end of august 1944“ (Stand: 14.04.2005), https://web.archive.org/web/20070307155046/http://www.sonderkommando-studien.de/artikel.php?c=fotografie/resistance: 2004 erstellte Bild-Karte zum Standort der Illegalen Fotoaufnahmen, erschienen im Artikel von: Judith Lermer Crawley, Acts of Resistance; „KL Auschwitz-Birkenau, Vernichtungszone III, Ende August 1944“ (Stand: 05.07.2005), https://web.archive.org/web/20070307155156/http:/www.sonderkommando-studien.de/artikel.php?c=plaenekarten/v-zone03: Bild-Karte zu dem Vernichtungskomplex um die „Waldkrematorien III/IV“ [alle 06.06.2026]. Während ich in meinen Veröffentlichungen von 2004 und 2015 noch annahm, dass Foto #280 den westlichsten Teil der Grube zeigt, führten mich im Jahre 2024 Analysen von Satellitenaufnahmen (GoogleEarth 29.04.2009, 29.02. und 31.12.2012, 30.08.2013, 01.09.2016, 25.03.2022, 13.04.2022 sowie 29.03.2023) in Verbindung mit den alliierten Luftaufnahmen vom 23. und 25.08.1944 sowie mehreren Inspektionen des Tatorts seit 2016 und einer genauen Identifizierung der auf den Fotos von 1944 im Hintergrund zu erkennenden Betonpfeilern zu der Schlussfolgerung, dass Foto #281 mehr vom linken westlichen Grubenrand abbildet als Foto #280. Foto #281 wurde näher am Türrahmen gemacht, was am längeren Dachbalken im linken Eck deutlich erkennbar ist. Bartosiks Verortung des Fotografen in Verbindung mit seiner Lokalisierung der Aufnahmerichtung des Entkleidungsfotos entspricht meiner noch unpräzisen Verortung der Standortbestimmung des Fotografen aus dem Jahre 2015 im Artikel von Kilian, Zeuge des Widerstands, S. 34. Die Ergebnisse meiner wiederholten Standortinspektionen seit 2016 ließen mich meine ursprüngliche Annahme im Jahre 2024 revidieren (vgl. die unterschiedlichen Standortinterpretationen im Schaubild am Ende dieses Artikels). Der Auskleideplatz wird im Vergleich zu meiner Analyse aus dem Jahre 2015 von Bartosik weiter östlich lokalisiert, auf Höhe der Leichenhalle, womit er eine Fehlinterpretation des Regisseurs Christophe Cognet übernimmt. Dessen Verortung des Schauplatzes ist unplausibel, da die Gehrichtung der Menschen zum Ofenraum statt in die Gaskammer führen würde. Vgl. Cognets vorausgegangene Buchveröffentlichung Éclats, S. 376f. Vgl. auch Bartosiks Hypothese im Dokumentarfilm „Auschwitz in 33 Objekten“ (PL/ F 2023) von Maciej Pawelczyk, Marek Zajac und Bartosz Klimczak, dass dieses Foto „wahrscheinlich von der Ecke des Gebäudes, hinter einem Zaun, möglicherweise aus der Gaskammer“ aufgenommen worden wäre, TC 43:33-43:54. Falsche Verortungen wurden bereits mehrfach in Publikationen des Auschwitz-Museums veröffentlicht. In dem Bildband „Auschwitz-Birkenau. The Place Where You Are Standing“ von 2015 werden historischen Aufnahmen Fotografien der Gegenwart gegenübergestellt. Foto 19 mit vier Menschen auf dem Hof vor dem Haupteingang von Krematorium IV wird als Hof von Krematorium III fehlinterpretiert, Foto 25 von einer Menschengruppe gegenüber vom Zufahrtstor des Geländes von Krematorium II wird als Eingangstor des Krematoriumsgeländes III und IV interpretiert. Die Herausgeber kopierten in dem Band das „damals und heute“-Konzept der Magazin-Reihe „After the Battle“. In Heft 157 (2012) dieser Reihe werden auf den Seiten 38-39 drei Sonderkommando-Fotos sowie das Foto mit den vier Menschen vor Krematorium IV verortet. Die Interpretationen sind jedoch in allen Fällen falsch, da sie sich an den vom Auschwitz-Museum an falschen Orten aufgestellten Informationstafeln und Gedenksteinen orientierten.

[79] Nach mehreren getesteten Anwendungsprogrammen stellte sich Shadowmap als zuverlässigstes webbasiertes Werkzeug zur Sonnenstands-, Sonnenlicht- und Schattensimulation heraus. Auf den Fotos identifizierbare Schatten ermöglichen eine relativ zuverlässige Bestimmung der Uhrzeit des Aufnahmezeitpunkts. Die vorliegenden Ergebnisse wurden durch den Verfasser auf Grundlage der Neg.-Nr. 280 bis 282 durch die Shadowmap-App ermittelt. Cognet interpretiert den Entstehungszeitpunkt von Neg.-Nr. 282 vorzeitig auf „Vormittag zwischen 10 und 11:30 Uhr“ und von Neg.-Nr. 281 überzeugend auf „Nachmittag, gegen 15–16 Uhr“. Cognet, Éclats, S. 302, 308.

[80] Unterschiedliche durch den Verfasser verwendete Messverfahren und mehrfach wiederholte Messungen, darunter u.a. mit dofsimulator.net und mit dem Entfernungsmesswerkzeug von Google Earth, führten zu diesem Ergebnis. Die versuchte Verwendung eines Bosch Laser-Entfernungsmessers am Tatort wurde dem Verfasser im Jahre 2016 nicht erlaubt.

[81] Der zweite Kontaktabzug von Foto Neg.-Nr. 281 zeigt einen breiteren Bildausschnitt vom benachbarten Foto als der erste Kontaktabzug mit scheinbaren Unterschieden dieser Teilaufnahmen zu Foto Neg.-Nr. 282. Diese Unterschiede führten mich im Jahre 2023 zu der Vermutung, dass vom Entkleidungsfoto eine weitere Aufnahme existieren könne. Vgl. Interview von Christoph Heubner, Vizepräsident des Internationalen Auschwitz Komitees, mit dem Sonderkommando-Historiker Andreas Kilian am 23.03.2024, Transkript, S. 4. Auch Janina Struk warf die Frage auf, ob dieser Ausschnitt möglicherweise ein weiteres Foto zeigt, von dem kein vollständiger Abzug gemacht wurde. Janina Struk, Photography and Resistance. Securing the Evidence in Nazi-Occupied Europe, London/New York 2025, S. 152. Meine Bildanalysen aus dem Jahre 2025 belegen jedoch, dass die Unterschiede auf verschiedene Belichtungszeiten der Kontaktabzüge zurückzuführen sein müssen und dass es sich nicht um verschiedene Aufnahmen handeln kann.

[82] Vgl. Swiebocka, Architektur des Verbrechens, S. 41, 44f., 143.

[83] Simulationsexperiment des Verfassers vom 02.03.2024.

[84]Aus Pytliks eigenem lückenhaften Bericht kann geschlossen werden, dass er die Fotos nicht selbst als Kurier nach Krakau geschmuggelt hatte. Bericht von Wladyslaw Pytlik vom 17.10.1960, APMA-B, Bestand Erklärungen, Bd. 14, Bl. 6. Wie der noch unbelichtete Film aus Birkenau ins Stammlager Auschwitz und von dort aus die Kontaktabzüge nach Brzeszcze oder von wem nach Krakau gebracht wurden, ist nicht zweifelsfrei geklärt. Hermann Langbein geht davon aus, dass der Film von der in der SS-Kantine beschäftigten Zivilarbeiterin Helena Datoń in einer Zahnpastatube versteckt aus dem Lager geschmuggelt worden sei. Langbein, Menschen in Auschwitz, S. 380. Helena Datoń gab in einer Aussage zu Protokoll, dass Aniela Magda Kieres Sendungen nach Krakau gebracht hätte, allerdings hätten die Kurierinnen seinerzeit nicht gewusst, was sie transportierten. Vgl. Świebocki, Menschen guten Willens, S. 563f. Im September 1944 musste Pytlik in Krakau untertauchen, vermutlich zu einem Zeitpunkt, bevor die Fotos in Brzeszcze eintrafen. In Krakau gelangte er offenbar später an die Kontaktabzüge, die schließlich in seinem Privatbesitz übergingen. Sein Bericht kann daher als unzuverlässige Rekonstruktion des Foto-Schmuggels betrachtet werden. Vgl. ebd., S. 58f., 235.

[85] Vgl. APMA-B, Bericht von Henryk Porebski vom 29.07.1961, Bestand Erklärungen, Bd. 21, Bl. 20, 22.

[86] Bericht von Wladyslaw Pytlik vom 17.10.1960, APMA-B, Bestand Erklärungen, Bd. 14, Bl. 6.

 

 

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