Die Fotografie der Landser

Der Überfall auf die Sowjetunion 1941 dokumentiert in privaten Fototagebüchern deutscher Soldaten

„Wir wissen wenig über die Fotografie der Landser“, merkte Bernd Hüppauf noch im Jahr 2015 in seiner Abhandlung über Fotografie im Krieg an.[1] Um diesen Missstand weiter aufzulösen, wird im Folgenden ein Bereich der privaten Fotografien des Zweiten Weltkriegs betrachtet, der neben dem Gestalten von Fotoalben[2] und dem Handel mit Bildern ebenfalls eine große Rolle innerhalb der Landserfotografie spielte: das Verfassen von illustrierten Tagebüchern bzw. von Fotoheften.

Die fortgeschrittene Technik dieser Zeit erlaubte es den Soldaten, im Gegensatz zur Generation des Ersten Weltkriegs, über die entwickelten Bilder in viel kürzerer Zeit, in praktikablerer Form und in höherer Anzahl zu verfügen. Soldaten, die ihre Erlebnisse schriftlich in Tagebüchern festhielten, konnten diese somit kurze Zeit später durch die passenden Fotografien zusätzlich illustrieren oder stellten unabhängig von Tagebüchern kleine Fotohefte im Stil klassischer Alben zusammen.

Im Gegensatz zu den herkömmlichen Fotoalben, die in monate- meistens aber jahrelangem Abstand zusammengestellt wurden, handelt es sich bei diesen Tage- und Fotobüchern[3] um Narrative, die das Zeitfenster zwischen Erlebtem und Dokumentiertem weitestgehend minimieren. Sie entstammen dem Weltbild, der Wahrnehmung und der Deutung des sich vor Ort bzw. im Referenzrahmen des Kriegs[4] befindenden Soldaten, für den sich der Verlauf desselben noch völlig offen gestaltete. Eine retrospektive, der Nachkriegszeit angepasste, bewusste wie unbewusste Verzerrung der eigenen Rolle als Wehrmachtsangehöriger fand in diesen Fällen nicht statt.

Um einen Einblick in die Beschaffenheit solcher Fotobücher und den methodisch-analytischen Umgang mit ihnen geben zu können, wurden zwei Nachlässe ausgewählt, die aufgrund ihrer Gemeinsamkeiten zu einem qualitativen Vergleich einladen. Der erste hier zu analysierende Nachlass stammt von dem am 26. November 1915 in Berlin geborenen Karl-Heinrich Wilhelm Freiherr von Pechmann, Nachkomme einer preußischen Adelsfamilie, der sich im Jahr 1935 freiwillig zum Kavallerie-Regiment 6 gemeldet hatte.[5] Im Zuge der Modernisierung des Heeres wurden alle Kavallerie-Regimenter in sogenannte Aufklärungsabteilungen (A.A.) umgegliedert und auf die Infanterie-Divisionen verteilt.[6] Dadurch wurde Pechmann Angehöriger der A.A. 34 im Verbund der 34. Infanterie-Division (ID) und stand im Juni 1941 als Kommandeur einer schweren Schwadron[7] in der Nähe von Lublin an der Grenze zu Weißrussland bereit, die Sowjetunion zu überfallen.

In seinem Nachlass befindet sich ein liniertes Notizbuch im DIN A5-Format, in das er 91 Fotografien eingeklebt hat. Alle Originalabzüge[8] verfügen über einen Büttenrand und liegen in den Maßen 6 x 9 cm vor, beides klassische Merkmale der damaligen Knipserfotografie.[9] Des Weiteren hat Pechmann alle Fotos mit Bildunterschriften versehen, ohne jedoch das jeweilige Datum hinzuzufügen. Anhand der Beschriftungen und der abgebildeten Motive kann der Zeitrahmen des Fotoheftes allerdings auf Juni bis ca. Oktober 1941 eingeschränkt werden. Zusätzlich befindet sich in dem Nachlass ein mit Maschine geschriebenes Tagebuch,[10] das den Zeitraum vom 20. Mai 1941 bis zum 11. Januar 1942 umfasst.

Der zweite Nachlass stammt von dem Soldaten Wilhelm Netzendorf, zu dessen persönlichen Daten lediglich herauszufinden war, dass sich sein Wohnsitz zum Zeitpunkt der Geschehnisse im hessischen Heppenheim befand.[11] Wie auch Pechmann ist Netzendorf zunächst Angehöriger des Kavallerie-Regiments 6, wird aber bei Mobilmachung der A.A. 36 innerhalb der 36. ID zugeordnet. Beim Überfall auf die Sowjetunion war er Unteroffizier und fungierte überwiegend als Kradmelder innerhalb einer Schwadron.[12] Als Angehöriger der Heeresgruppe Nord stand er im Juni 1941 an der Grenze zu Litauen nahe Tauroggen mit dem Befehl, Richtung Leningrad zu ziehen.

Im ersten Teil des Nachlasses befindet sich ein Fotoheft, das in Art und Form jenem von Pechmann ähnlich ist, allerdings durch die Anzahl von 258 Fotos deutlich umfangreicher ausfällt. Netzendorf entschied sich ebenfalls für Büttenränder, ließ aber alle Bilder im kleineren quadratischen Format von 5,5 x 5,5 cm entwickeln, sodass er meistens vier Bilder auf einer Seite platzieren konnte. Auch fügte er neben einer Beschriftung den meisten Fotos die jeweiligen Daten hinzu, sodass das Fotoheft den Zeitraum vom 8. Juni bis zum 1. Dezember 1941 umfasst. Der zweite Teil des Nachlasses beinhaltet ebenfalls ein maschinengeschriebenes Tagebuch, bei dem es sich um eine von Netzendorf nach dem Krieg selbst erstellte Abschrift des Originals handelt.[13] Zu Beginn dieses Tagebuchs erwähnt er, dass fast alle Bilder von ihm aufgenommen worden seien, bis auf ein paar wenige Abzüge, die er sich von Kameraden besorgt habe.

In einem kleinen Exkurs sollen kurz die Hinweise hervorgehoben werden, die darauf hindeuten, dass die Fotohefte vor Ort an der Front zusammengestellt wurden. Generell lässt ihre Beschaffenheit darauf schließen: Klein, kompakt und flexibel waren sie unter den gegebenen Bedingungen ideal zum Transport geeignet. Zu Hause hätte man die Bilder in komfortablere Alben eingeklebt. Fernerhin gehörten die beiden Nachlassgeber motorisierten Einheiten an, wodurch sie im Gegensatz zu den marschierenden Infanteristen viel einfacher zusätzliches Material wie Kamera und Zubehör transportieren konnten.

Im Falle des Heftes von Netzendorf handelt es sich um eine Art Bestellkatalog. Den ersten zwei Seiten können handschriftliche Informationen entnommen werden, auf was bei einer Bestellung von Fotografien zu achten sei. Auf den hinteren Seiten notierte er zu den einzelnen Namen seiner Kameraden die Ziffern der Bilder, die sie bestellen wollten, und den Preis, der dafür gezahlt werden musste. Ein deutlicher Hinweis darauf, dass Netzendorf dieses Heft innerhalb seiner Truppe stets bei sich trug. Der letzten Seite ist zu entnehmen, dass er insgesamt 610 Fotos verkaufte und dafür 122 RM einnahm.

Bei Pechmann stellen sich die Dinge anders dar. Er fiel am 13. März 1942 während eines Angriffs auf ein russisches Dorf. Da er laut Tagebuch bis zum Ende seiner Aufzeichnungen am 11. Januar 1942 nicht mehr zu Hause war und danach aufgrund der Kriegssituation höchstwahrscheinlich keinen Heimaturlaub bekam, kann gefolgert werden, dass er sich seit dem Überfall bis zu seinem Tod pausenlos in Russland aufhielt und dort sein Fotoheft gestaltete.[14]

Die oben angesprochenen Analogien dieser Nachlässe ermöglichen es, einem Offizier und einem Unteroffizier zu folgen, wie sie den Krieg in einer nahezu identisch konstituierten Einheit (Aufklärungsabteilung 34 u. 36) schriftlich und fotografisch vor Ort dokumentierten. Für die methodische Analyse der vorliegenden Quellenkombinationen aus Bild und Text wurde im ersten Abschnitt ein zeitlicher und im zweiten Abschnitt ein thematischer Untersuchungsrahmen geschaffen. Dieser Ansatz orientiert sich an dem Prinzip der seriell-ikonografischen Fotoanalyse, die es je nach Fragestellung erlaubt, eine chronologische Serie oder eher einzelne Bilder aus einem Konvolut in den Fokus der Untersuchung zu stellen.[15]

Als chronologischer Analyserahmen wurden die ersten Tage des Überfalls auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 gewählt. Da sich diese zeitliche Eingrenzung an der jeweiligen Fotodokumentation orientiert und beide Protagonisten einen unterschiedlichen Start des Ostkriegs erlebten, erstreckt sich bei Pechmann der Zeitraum auf den 16. bis 23. Juni und bei Netzendorf auf den 22. bis 27. Juni 1941. Anhand ihrer Bild-Text-Vernetzung soll rekonstruiert werden, welche Eindrücke für sie die wichtigsten waren, um den Beginn des Kriegs zu dokumentieren, und welcher Erzählstruktur sie dabei folgten.

 

Die ersten Tage

3Uhr Artillerieschlag K[avallerie].G[eschütz].-Feuer P[anzer]a[bwehr]k[anone]-Turmunternehmen mot[orisierte].-Teile nach vorn warten bei Dobr[atycze]. russ. Fliegerangriff auf Michalkow-Brücke Abschüsse am laufd. Band Radfahrer auf Flossacksteg über Bug. mot. Teile an die Fähre Warten auf Übersetzungsmöglichkeit.[16]

So lauten die ersten Zeilen, die Pechmann am 22. Juni 1941 in sein Tagebuch schrieb. Seine Schwadron gehört mit ihrem „K.G.-Feuer“ also zu jenen Einheiten, die mit ihren Schüssen den Krieg gegen die Sowjetunion eröffneten und direkt in das Kampfgeschehen involviert waren. Dem Tagebuch weiter folgend, wurde der Bug in kürzester Zeit überquert und die Stadt Brest noch in der Dunkelheit des anbrechenden Tages südlich passiert. Weiter geht es am 23. Juni mit dem

Marsch auf Rollbahn I nach Ostrand Brest, dort nach Osten. Grosse Verstopfung durch Brücke kaputt Pause auf Wiese Knesebeck über Chaby Kampf mit Verkehrsoberst Schliesslich Genehmigung zum Überqueren Aufkl. Feldweg nach Zabinka, eher als Knesebeck. Dort Auftrag zum Sammeln der Reste durch Schulz, Tätigkeit als Verkehrsposten Nachfahren mit Nachrichtenverein, Aufschliessen in Kobryn Orientierung durch V[erkehrs]O[berst]. Legaty, Kampf K[omman]d[eu]r. gegen Panzer, Pakzug schiesst einen ab Unternehmen P[an]z[er].Sp[äh].Tr[upp]. Janota+ Svensson schwer verwundet, Wagen Treffer aber mitgeschleppt, brennende Häuser Marsch nach Luczici, Brückenkopf; Sand hinter Brücke.[17]

Was neben dem telegrammähnlichen Schreibstil auffällt, ist die deutliche Schwerpunktlegung des Tagebuchs auf die organisatorischen Aufgaben, die Pechmann als Schwadronenführer täglich zu erledigen hatte. Dabei entfiel der größte Teil auf die logistischen Problematiken, mit denen die Aufklärungsabteilung während des Vormarsches konfrontiert wurde. Aber auch zu den Ereignissen auf dem Schlachtfeld machte er sich Notizen. Man erfährt, dass sein Pakzug einen Panzer abgeschossen, aber ebenso die ersten Material- und Menschenverluste erlitten habe. Das Bild der „brennenden Häuser“ und Dörfer, das heute zum Merkmal eines Vernichtungskriegs gehört, wird schon am zweiten Tag erwähnt, obgleich es nicht als Motiv in seinem Fotoheft erscheint.

Fünf Fotos mit anderen Motiven können aber dem Zeitrahmen der ersten Tage des Überfalls zwischen dem 16. und dem 23. Juni zugeordnet werden.[18] Das erste in diesem Zusammenhang zu betrachtende Bild ist das zweite im Fotoheft und wurde kurz vor dem Angriff gemacht (Abb. 1).[19]

Abb. 1: „Bereitstellung vor dem Bug“, in der Nähe von Brest (Weißrussland), Juni 1941, Foto: Karl-Heinrich von Pechmann, 6×9-cm-Abzug, Quelle: Bundesarchiv Freiburg (Abt. Militärarchiv), MSG 2/14646

Es ist untertitelt mit den Worten „Bereitstellung vor dem Bug“ und zeigt eine Landschaftsaufnahme, die auf den ersten Blick keine Besonderheit aufweist. Zu erkennen sind eine weite Wiese und ein angrenzender Feldweg dem Stromleitungsmasten folgen. Was das Motiv beim näheren Hinschauen von jeder anderen Idylle[20] unterscheidet, sind zum einen die fast nicht zu erkennenden, da getarnten, Militärfahrzeuge auf der rechten Seite und im Hintergrund, die dem Idyllischen der Landschaft einen martialischen Anstrich verleihen. Zum anderen ist es die unsichtbare Ruhe vor dem Sturm, die nicht nur dem Rezipienten vorbehalten ist, der den weiteren Verlauf der Ereignisse kennt, sondern auch dem Fotografen vor Ort. Denn als Offizier und Kommandeur einer Teileinheit war sich Pechmann über den Ernst der Lage im Klaren: „Vorbereitungen K[ampf].G[ruppe]. 13. unterstellt“ ist seinem Tagebuch am 16. Juni zu entnehmen.[21] Die Wucht des Sturmes kannte der Albumautor allerdings erst, als er das Foto einklebte, um vielleicht eben jene Lesart zu erzeugen, wie sie gerade erarbeitet wurde: Die Fotonarration des Kriegs gegen Russland beginnt mit einem Abbild der Ruhe vor dem Sturm.

Abb. 2: „Bugübergang“, in der Nähe von Brest (Weißrussland), Juni 1941, Foto: Karl-Heinrich von Pechmann, 6×9-cm-Abzug, Quelle: Bundesarchiv Freiburg (Abt. Militärarchiv), MSG 2/14646

Das nächste Foto zeigt schon Soldaten inmitten des laufenden Angriffs (Abb. 2). Sie stehen am Flussufer und warten auf die Flöße, die in diesem Moment Kraftfahrzeuge und andere Soldaten auf die gegenüberliegende Uferseite transportieren. „Radfahrer auf Flossacksteg über Bug. mot. Teile an die Fähre Warten auf Übersetzungsmöglichkeit“ scheint die passende Notiz aus dem Tagebuch zu sein. Das „Warten auf Übersetzungsmöglichkeit“ würde auch erklären, wann Pechmann während dieser aufwendigen Offensive die Zeit fand, zu fotografieren.

Warum das Foto Tageslicht aufzeigt, obwohl Pechmann laut seinem Tagebuch ja schon im Dunkel der Nacht übersetzte, kann ein Blick in das Kriegstagebuch der Division erklären. Im Tumult des Überfalls und der darauf folgenden Aufstauung gelang es erst gegen 11.00 Uhr morgens, die schweren Teile der Aufklärungsabteilung über den Bug zu bringen, die zum großen Teil zu Pechmanns Schwadron gehörten.[22] Der auf dem vorherigen Bild zu erahnende Angriff ist also in vollem Gang, und der Fluss wird nun überquert, wie die Untertitelung „Bugübergang“ unmissverständlich deutlich macht.

Bilder einer Flussüberquerung, egal ob durch Waten, auf Flößen oder über Brücken, sind bei beiden Protagonisten ein auffallend prominentes Motiv, das in ihren Fotoheften immer wieder auftritt. Dies kann generell als Allegorie des schnellen Vormarsches gedeutet werden oder aber das besondere Aufgabenfeld der Vorausabteilung[23] hervorheben, deren Aufgabe es war, Hindernisse zu entdecken und zu beseitigen.

Abb. 3: „Einer der ersten Opfer der 3,7“, in der Nähe von Brest (Weißrussland), Juni 1941, Foto: Karl-Heinrich von Pechmann, 6×9-cm-Abzug, Quelle: Bundesarchiv Freiburg (Abt. Militärarchiv), MSG 2/14646

Dem Foto des Bugübergangs folgt das Bild eines am Straßenrand stehenden noch rauchenden russischen Panzers: „Einer der ersten Opfer der 3,7“ steht darunter geschrieben (Abb. 3).[24] Die gewaltsame Grenzüberschreitung führt zum ersten sichtbaren militärischen Erfolg oder zum ersten „Opfer“, wie es der Albumautor nennt. Bilder der Zerstörung gehören von Anbeginn zu den beliebtesten Motiven fotografierender Soldaten.[25] Der Kriegsbeute konnte man auch symbolisch habhaft werden, indem der zerschossene Panzer auf einem Bild festgehalten und fortan mitgeführt wurde. Besonders in dem vorliegenden Fall kann auch argumentiert werden, dass es bei Motiven der Zerstörung meist um den Beweis der Schlagkraft der eigenen Waffen ging, wobei speziell die hier erwähnte 3,7 cm PAK sich schon im Krieg gegen Frankreich als eher unzuverlässig gegen feindliche Panzer erwiesen hatte.[26] Vielleicht sollte mit diesem Foto ein Gegenbeweis erbracht werden.

Der Tag nach dem Angriff beginnt laut Tagebuch mit dem „Marsch auf Rollbahn I nach Ostrand Brest, dort nach Osten“, was durch Bild Nr. 5 mit dem Titel „Auffahrt zur Rollbahn ostw[ärts]. Brest“ illustriert wird (Abb. 4).

Abb. 4: „Auffahrt zur Rollbahn ostw[ärts]. Brest“, Weißrussland, Juni 1941, Foto: Karl-Heinrich von Pechmann, 6×9-cm-Abzug, Quelle: Bundesarchiv Freiburg (Abt. Militärarchiv), MSG 2/14646

Im Zentrum dieser Fotografie steht die kilometerlange Kolonne, die sich, bestehend aus einem Sammelsurium an motorisiertem Gerät, dicht an dicht bis an den Horizont schlängelt. Ein zu diesem Zeitpunkt von professionellen Fotografen der Propagandaeinheiten noch oft gewähltes Motiv, da sich so die Synthese aus militärischer Dominanz auf feindlichem Gebiet und unaufhaltsamen Vormarsch am deutlichsten darstellen ließ.[27] Ob diese Lesart vom Albumautor unterstützt wurde, kann bezweifelt werden, da auch hier, wie bei den vorherigen Bildern schon zu erkennen war, eine eher deskriptive Beschriftung des Abgebildeten vorliegt. Die Tagebuchnotiz macht indes deutlich, dass die Intention, diese Kolonne zu fotografieren, nicht darin bestand, die Dominanz der Wehrmacht zu dokumentieren, denn das Attribut, mit dem Pechmann die Rollbahn I versah, lautet nicht „Vormarsch“ oder „Dominanz“, sondern „Verstopfung“.

Für Wilhelm Netzendorf stellte sich die Situation zu Beginn des deutsch-sowjetischen Kriegs anders dar. Aufgrund der Feindlage im Bereich der Heeresgruppe Nord wurde hier verstärkt auf die schnellen Panzerdivisionen gesetzt, sodass Truppen der Infanterie dort eher die Nachhut bildeten.[28] Dadurch gehörten die Angehörigen der 36. ID nicht zu jenen, die schon am 22. Juni 1941 an den Frontkämpfen teilnahmen, sondern sie waren zunächst zurückgezogen für die Sicherung zuständig.[29] Die Bilder von Netzendorf visualisieren seine Situation am 22. Juni 1941, die völlig anders als die von Pechmann ist. Unter diesem Datum ist auf dem linken Foto der Hof eines Bauernhauses zu erkennen, auf dem vereinzelt Soldaten die Mittagssonne genießen, während auf dem rechten Foto Netzendorf selbst entspannt im Eingang des Hauses steht (Abb. 5+6). Die Bildbeschriftung lautet: „Bis jetzt hören wir es nur schießen“.

Abb. 5 und 6: „Bis jetzt hören wir es nur schießen“, Hohensprindt (heute Priosjorje), in der Nähe von Kaliningrad (Russland), 22.06.1941, Foto: Wilhelm Netzendorf, 5,5×5,5-cm-Abzug, Quelle: Bundesarchiv Freiburg (Abt. Militärarchiv), MSG 2/6762

Die Ruhe währte nur einen Tag, denn am 23. Juni heißt es im Tagebuch: „23.15 Uhr abrücken aus der Bereitstellung (Hohensprindt [heute Priosjorje]) zur Flankensicherung der 1.P[an]z[er].Div[ision].“[30] Am folgenden Tag setzte Netzendorf bei Tilsit über die Memel und durchquerte „in glühender Sonne“ Litauen. Am 25. Juni schrieb er:

Fahrt durch kies-sandiges Gelände; für unsere Begriffe einfach unbefahrbar. Um 13.00 Uhr unendlich müde erreichen wir eine Höhe bei Saulenei [heute Šiaulenai]. Bei uns treten die ersten Verluste ein. Panzerspähwagen kommt nicht zurück. In der Nacht zweimal Alarm.[31]

Zu diesem Datum folgen die ersten beiden Bilder nach Überschreitung der sowjetischen Grenze. Das erste Foto zeigt eine Gruppe von sechs Soldaten – der Zweite von links ist Netzendorf selbst – die auf einer Straße neben ihren Motorrädern stehen (Abb. 7). Zunächst weist die Bildkomposition ein typisches Merkmal der Knipserfotografie auf, das bis in die heutige Zeit oft auf Schnappschüssen beobachtet werden kann: Während der Großteil des Bildes an den leeren, ausdruckslosen Horizont verschenkt wurde, bleibt für die eigentlich zu fotografierende Gruppe von Soldaten kaum Platz übrig. Darunter steht geschrieben: „In Litauen. Zugtrupp Funck“.

Abb. 7: „In Litauen. Zugtrupp Funck“, in der Nähe von Šiaulėnai (Litauen), 25.06.1941, Foto: Wilhelm Netzendorf, 5,5×5,5-cm-Abzug, Quelle: Bundesarchiv Freiburg (Abt. Militärarchiv), MSG 2/6762

Bei der Betrachtung der abgebildeten Soldaten lässt sich ganz deutlich ihr Zustand erkennen: Völlig verdreckt und müde entsprechen sie den Angaben, die Netzendorf zu den Umständen der Ankunft auf der „Höhe bei Saulenei“ macht. Was man ebenfalls zu sehen bekommt, ist ein Teil des inneren Kerns des sozialen Gefüges, in dem Netzendorf während des Vormarsches in Russland agiert. Dieses Gefüge unterteilt man im Bereich der Militärsoziologie in eine Sekundär- und eine Primärgruppe. Die Sekundärgruppe stellt eine militärische Einheit wie die Kompanie dar. Innerhalb dieser Gruppe wird überwiegend auf Basis des Dienstalltags und nicht aufgrund einer engeren Bindung mit anderen Soldaten interagiert. Letzteres wiederum definiert die Primärgruppe, die prinzipiell nur die am nächsten stehenden Kameraden einschließt, mit denen man in vielen Fällen seit der Grundausbildung zusammenlebt. Die neuere Forschung differenziert hier weiter in die Cliquenbildung oder Kleingruppe, in der sich die Kameradschaft schließlich zu einer engen Freundschaft vertieft.[32]

Die Person des „Leutnant Funk“, hier in der Bildmitte ohne Helm, wird zwar zusammen mit der nach ihm benannten Teileinheit „Zugfunk“ am häufigsten in Tage- und Fotobuch erwähnt, doch geschieht dies fast ausschließlich im Kontext militärischer Aktivitäten und weniger bei der Freizeitgestaltung, was ihn und seinen Zug aus 30 Mann[33] eher in die Kategorie der Primärgruppe rückt. Zwei der hier fotografierten Soldaten tauchen allerdings später immer wieder auf anderen Bildern auf, was ein Hinweis darauf ist, dass es sich bei diesen Personen um Zugehörige des engeren Kreises, also der Clique, von Netzendorf handeln könnte.[34] Die Stellung des Leutnants aber bleibt auch nach der Analyse des Tagebuchs weiterhin unbestimmt und oszilliert zwischen vorgesetztem Offizier und engem Kamerad, wie sich in einem späteren Abschnitt erneut zeigt.

Auf dem zweiten Foto, das dem 25. Juni zugeordnet wurde, liegt der Fokus auf einer Rauchsäule, die aus einem im Hintergrund liegenden Dorf aufsteigt (Abb. 8). Die Bildunterschrift lautet: „Kurz vor Schadow“. Das brennende Dorf bzw. brennende Haus ist ein immer wiederkehrendes Motiv innerhalb der Kriegsfotografie, weil es zunächst für den Rezipienten wie auch für den Fotografen selbst spektakulär erscheint. Auch Karl-Heinrich von Pechmann erwähnt diesen Anblick bereits am ersten Tag des Überfalls, gleichwohl er bei ihm nicht den Weg in sein Fotobuch fand. Netzendorf dagegen hält ihn fotografisch in seinem Heft fest und schreibt am 26. Juni in sein Tagebuch: „Kurz vor Schadov ein Stop. Die Aufklärungsabteilung sichert rechts und links die Flanke der Infanterie, die Schadov nehmen soll. Pioniere sollen den Bahnhof ausräuchern. Die Russen sind aber geflüchtet.“ Bei dem Städtchen Schadow handelte es sich um einen wichtigen Bahnknotenpunkt, den es zu erobern galt.[35]

Abb. 8: „Kurz vor Schadow“, in der Nähe von Šeduva (Litauen), 25.06.1941, Foto: Wilhelm Netzendorf, 5,5×5,5-cm-Abzug, Quelle: Bundesarchiv Freiburg (Abt. Militärarchiv), MSG 2/6762

Nachdem Netzendorf laut seinen Notizen größere Kämpfe bis dato nur anhand der zerstörten Überbleibsel kennengelernt hatte,[36] wurde seine Einheit nun aktiv in das Kampfgeschehen involviert. Laut Kriegstagebuch der 36. ID befand sich die A.A. 36 seit den frühen Morgenstunden im Kampf um Schadow und weitere Dörfer in der Umgebung.[37] Hier dokumentierte Netzendorf also seine Feuertaufe in Russland und entschied sich für das Motiv des brennenden Hauses, das in diesem Fall – seinem Tagebuch folgend – der Gefechtstaktik zum Opfer fiel: „Wir richten den Ort zur Verteidigung ein. Schußfeldstörende Häuser mit Pz.-Sprenggranaten in Brand geschossen.“[38]

Dass solche Bilder aber in vielen anderen Fällen nicht nur die unvermeidbaren „regulären“ Zerstörungen durch kriegerische Handlungen visualisieren, sondern auch Kriegsverbrechen dokumentieren können, demonstriert Netzendorf einen Monat später selbst. Am 25. Juli fotografierte er erneut ein in Flammen stehendes Dorf und notierte dazu in sein Tagebuch: „Wir gehen heute zur Partisanenbekämpfung in ein Dorf, ein paar km zurück. Dort sind Leute von uns bei der Durchfahrt aus Häusern beschossen worden. Zur Strafe muss das ganze Dorf abgebrannt werden.“

Das letzte Foto der ersten Seite zeigt einen zerstörten russischen LKW im Straßengraben und stammt vom 27. Juni (Abb. 9). Sein Untertitel lautet: „Die LKW-Überfall [sic!] der Russen bei Nereta“. Im Tagebuch notiert Netzendorf dazu:

Wir haben bald Kwetkai weit überschritten und fahren bis Nereta (Jaun-Svanitgeje). Wir wollen gerade am Abend unterziehen, da erfolgt ein Überfall durch russische LKW. Wir räumen den Ort, gehen 2 km zurück. Unser Sprit geht uns aus; eine gefährliche Situation. Wir ziehen im Walde unter ohne Sprit und Verpflegung. Troß hängt ab. Es erfolgt ein Angriff der Russen; Zuchthäusler aus Kowno unter Befehl ihrer Aufseher. Die meisten werden in ihren Schützengräben von unserer Kavalleriegeschützen vernichtet. 48 Gefangene werden eingebracht. Sie werden als Freischärler sofort erschossen.[39]

Abb. 9: „Die LKW-Überfall [sic!] der Russen bei Nereta“, Lettland, 27.06.1941, Foto: Wilhelm Netzendorf, 5,5×5,5-cm-Abzug, Quelle: Bundesarchiv Freiburg (Abt. Militärarchiv), MSG 2/6762

Wie bei Pechmann ist auch hier unter den Bildern der ersten Tage eine Fotografie zerstörter gegnerischer Ausrüstung zu sehen – diesmal kein Panzer, sondern ein LKW –, weshalb ebenfalls die Interpretationslinie greift, Fotos als unwiderlegbaren Beweis bzw. als Trophäe verstehen zu können: Die Vorstellung, den Feind für immer und ewig als besiegten Feind festzuhalten und „aufbewahren“ zu können, tritt in diesem Fall durch das Zusammenspiel von Fotografie und Tagebuch noch deutlicher zu Tage als im obigen Beispiel. Netzendorf hatte schon einiges an zerstörtem Material bis zu diesem Tag gesehen, doch nur jener LKW gelangte in sein Fotobuch. Noch Stunden, bevor Netzendorf den Auslöser drückte, war dieser LKW Teil eines für ihn und seine Kameraden überraschenden und dadurch besonders bedrohlichen Angriffs: „Der Überfall der Russen war eine böse Überraschung gewesen. Die Luftaufklärung und die weitere Aufklärung hatte ganz offensichtlich diese Gruppe nicht erfaßt, und das evtl. deshalb, weil sie nicht in Uniform gekleidet waren, sondern Zivilkleidung trugen.“[40]

Das erfolgreiche Abwehren dieses Überfalls galt es festzuhalten. Auch stand zum Zeitpunkt des Fotografierens ebenso fest, dass der Fotograf als Überlebender aus dem Kampf hervorgegangen war. Diese Tatsache wird durch die Fotografie nochmals untermauert.[41] Was hingegen nicht für die Öffentlichkeit im Fotobuch gezeigt wurde, sondern im privaten Raum des Tagebuchs blieb, sind die Folgen für die Feinde, die charakteristisch für den Vernichtungskrieg der einfallenden Wehrmacht im Sommer 1941 waren: „48 Gefangene werden eingebracht. Sie werden als Freischärler sofort erschossen.“[42]

Der folgende thematische Analyserahmen umfasst die Konfrontation mit dem Tod. Anhand von vier Beispielen – bei beiden Protagonisten jeweils der Tod eines Kameraden sowie der eines Gegners – wird die Einbettung dieser Extremsituation innerhalb der Foto- und Tagebücher untersucht.

 

Der Tod des Gegners

Zwischen dem 28. Juni und dem 1. Juli 1941 war die 34. ID in schwere Kämpfe im Raum Białystok verwickelt, wo sowjetische Truppen versuchten, dem dortigen Kessel zu entkommen. Im Zuge dieses Ausbruchs kam es zu einem überfallartigen Angriff gegen ein deutsches Infanterie-Regiment, zu dessen Rettung auch die A.A. 34 beordert wurde. Aufgrund einer Verzögerung erreichte dieser Befehl den Kommandostand der Vorausabteilung erst einige Stunden später.[43] Am 28. Juni, dem ersten Tag des Gefechts, notierte Pechmann daher noch „Viel Ruhe“ in sein Tagebuch. Am 29. Juni war die Auftragslage zumindest für die Offiziere klar, allerdings befand man sich noch nicht in einer Gefechtssituation: „Es geht zurück, nach Nordwesten. Schwer zu verstehen für den Lanzer [sic!]. Leichter für uns; die wir wissen, dass wir den Ring von Bialystok von Osten zu schliessen haben.“[44] Am 30. Juni erwacht Pechmann schon mit einem unguten Gefühl: „Man merkt es schon gleich am Morgen: Es liegt etwas in der Luft. An allen Ecken knallt es.“ Ab diesem Zeitpunkt befand sich auch seine Einheit in schweren Kämpfen:

Doch zunächst geht es gut vorwärts […] Plötzlich Stop […] Links im Wald russ. Kav. Melder mit Greuelnachrichten von vorn. Es knallt. Anschleppversuch. Weiter vor. Abt[eilungs].Gef[echts].Stand. Ich soll Arnim holen. Angriff russ. schwerste Pz. 10cm.-Batt[e]r[ie]. Angr[iff]. Pi[oniere]. + R[ei]t[e]r. Hinter uns. Verluste vorn und hinten. […] Russ. Massenangr. Art[illerie] räumt auf, auch Haubitzen. […] In Jez[iornica]. wilde Schiesserei, Russ. Pz. und Lkw. In Kolonne. Um ½ 2 am Ziel. Beschuss durch Leuchtspur; Erlebnis und Verluste II/107. – Feldküche kaputt Pälzer wühlt.[45]

Am nächsten Tag verlief sich das Gefecht schließlich in kleinere Scharmützel, als bei einer „grossen Säuberungsaktion“[46] einige Russen entdeckt wurden. Was folgt ist, wie auch schon im vorherigen Abschnitt bei Netzendorf beobachtet werden konnte, ein kriegsverbrecherischer Akt der Wehrmachtssoldaten gegenüber sowjetischen Kriegsgefangenen: „gefangene werden jedoch wegen hinterhältigen Verhaltens einiger nicht gemacht.“ Ziemlich eindeutig handelte es sich hierbei um einen Akt der Vergeltung, denn Pechmann erwähnt in seinem Tagebuch, „Greuelnachrichten von vorn“ bekommen zu haben. Laut Divisionsmeldung vom 30. Juni 1941 wurden „Verwundete der Reiter-Schwadron zum Teil durch Schädeleinschlagen mit dem Spaten“[47] getötet. Die exekutierten Gefangenen mussten als Sündenböcke für die Taten an den Kavalleristen büßen.

Da Pechmann seine Fotografien nicht mit Daten versehen hat, wurde in diesem Fall aufgrund der Motive und einiger Bildunterschriften eine Reihe von sechs Fotos dem oben geschilderten Gefecht zugeordnet.[48] Während die ersten fünf Fotos Momentaufnahmen des Kampfes sind – meist weite Steppen, auf denen Soldaten, Geschütze und anderer militärischer Fuhrpark versammelt sind –, zeigt das letzte Foto dieser Reihe die Leiche einer Frau in Uniform[49] (Abb. 10). Darunter steht geschrieben: „Da wurden Weiber zu … Soldaten!“ Eine genauere Zuordnung dieser Fotografie zu den im Tagebuch beschriebenen Ereignissen ist nicht möglich. Ob diese Soldatin also während der Gefechte am 30. Juni und 1. Juli zu Tode kam oder aber zu den erschossenen Kriegsgefangenen gehörte, ist nicht mehr rekonstruierbar.

Abb. 10: „Da wurden Weiber zu … Soldaten!“, in der Nähe von Slonim (Weißrussland), Juni/Juli 1941, Foto: Karl-Heinrich Pechmann, 6×9-cm-Abzug, Quelle: Bundesarchiv Freiburg (Abt. Militärarchiv), MSG 2/14646.
Aus ethischen Gründen wurde das Gesicht der unbekannten getöteten russischen Soldatin durch eine Verpixelung unkenntlich gemacht.

Bemerkenswert ist dieses Bild aber auch ohne diese Kenntnisse. Bei Betrachtung vieler Tausender Fotografien aus dem Zweiten Weltkrieg zeigt sich, dass das Fotografieren von Leichen aus nächster Nähe, besonders das ihrer Gesichter, äußerst selten anzutreffen ist. Dabei wurde meist auch kein Unterschied zwischen eigenen und feindlichen Soldaten gemacht, wogegen getötete Partisanen eine Ausnahme darstellten. In den Augen der deutschen Betrachter hatten diese ihre Ehre als „hinterlistig“ und „unsoldatisch“ auftretende Kämpfer schon vor dem Tod verloren und unterlagen somit nicht dem moralischen Codex von Pietät und Respekt gegenüber dem getöteten, „regulären“ militärischen Gegner.

Bei der hier abgebildeten Person handelt es sich aber um eine in Uniform gekleidete und somit als Soldatin erkennbare Frau. Deshalb steht zunächst die Annahme, dass Pechmann beim Ablichten der toten Soldatin auf die respektzollende Distanz verzichtete, um später auf dem Foto deutlicher eine Frau erkennen zu können. Dies führt allerdings zu der Frage, warum er nicht eine lebende Soldatin fotografierte, mit denen deutsche Soldaten im Ostkrieg schon in den ersten Tagen sehr häufig in Kontakt kamen.[50] Womöglich verleitete die oben erwähnte brutale Erfahrung der Verstümmelung von Kameraden aus seiner Nachbareinheit ihn dazu, ein Foto von einem ebenso brutal zugerichteten Feind zu machen und anschließend in das Album einzukleben. Dies würde erklären, warum das grausamste Bild seines Fotohefts in den Zeitraum einer ebenso grausamen Erfahrung fällt.

Sowjetische Frauen in Uniform zu fotografieren, war allerdings unter Wehrmachtssoldaten ein weit verbreitetes Phänomen, da sie als ein Symbol der Unkultiviertheit des russischen Volks angesehen wurden. Weiblichkeit und Soldatentum schlossen sich in der NS-Ideologie gegenseitig aus. Die zentrale Rolle der nationalsozialistischen Frau wurde darin gesehen, durch das Gebären von Kindern dem Volk eine Zukunft zu gewährleisten. Dieser Logik folgend, konnte ein Volk, das seine Frauen an die Front schickte, nur zivilisatorisch unterlegen sein. Die vorliegende Fotografie würde diese rassistische These unterstreichen.

In Anbetracht der Beschriftung können zusätzlich sexistische Ressentiments festgestellt werden. Zwar zeugt das hier umgeformte Zitat aus Friedrich Schillers Glocke – „Da werden Weiber zu Hyänen“ – von Pechmanns hohem Bildungsgrad, zum anderen scheint aber auch seine chauvinistische Einstellung gegenüber Frauen durch. Schiller bezog sich auf das brutale Vorgehen der Jakobinerinnen während der Französischen Revolution, woraus der Volksmund eine Redensart kreierte, die Frauen im Kampf diskreditierend eine prinzipielle Hysterie unterstellte. Diese Kombination aus der respektlosen Haltung gegenüber einem toten Menschen, der Akzentuierung der abgebildeten Leiche als Frau und dem dazugehörigen Schillerzitat entspricht dem Bild der NS-Propaganda, dass „die Verbindung aus Bewaffnung und Hinterlist der Frauen“ grausame Furien ergebe, die dem Tier näher als dem Menschen seien.[51]

Bei Netzendorf hingegen finden sich keine Fotografien von Leichen, sondern lediglich von Gräbern, wie im folgenden Fall: „Bolschewik“ steht unter dem Foto, das Netzendorf dem 8. Juli 1941 zugeordnet hat (Abb. 11). Es zeigt ein frisch angelegtes Grab am Straßenrand, das an Stelle eines Kreuzes durch einen Stern aus Holz markiert ist, auf dessen oberer Spitze ein russischer Stahlhelm baumelt. Seine Notiz zu diesem Tag ist kurz: „16.30 Uhr abrücken der Abteilung. Marsch bis Babjakowo, 40 km vor Pleskau. Die Fahrt geht durch eine große Ebene.“[52]

Abb. 11: „Bolschewik“, in der Nähe von Pskow (Russland), 08.07.1941, Foto: Wilhelm Netzendorf, 5,5×5,5-cm-Abzug, Quelle: Bundesarchiv Freiburg (Abt. Militärarchiv), MSG 2/6762

Zu diesem Zeitpunkt befand sich die A.A. 36 in der Umgebung der lettisch-russischen Grenze. Die vorherigen drei Tage hatte Netzendorf zur Sicherung eines Dorfes in ruhiger Stellung verbracht, bis es an diesem Tag Richtung Pskow [dt. Pleskau] weiterging. Die Fotografie des Grabes ist das letzte einer Reihe von vier Bildern dieses Datums. Das erste zeigt eine gesprengte Brücke, die von deutschen Pionieren wieder aufgebaut wird. Auf dem zweiten Bild ist eine Landschaftsaufnahme mit einem im Hintergrund erkennbaren größeren Haus zu sehen, das laut Netzendorf eine lettisch-russische Grenzbefestigung darstellte. Die dritte Fotografie bildet mehrere Motorräder auf einer Sandstraße stehend ab, die sarkastisch von ihm als „Paradestraße“ bezeichnet wird. In dieser Reihenfolge betrachtet, zeigt Netzendorf den Rezipienten eine Auswahl der persönlichen Höhepunkte auf der im Tagebuch erwähnten Fahrt: Nachdem zerstörte Brücken umfahren werden mussten, überschritt man auf der „Paradestrasse“ die lettisch-russische Grenze und passierte ein Soldatengrab.

Das Interessante an dieser Konstellation sind der Zeitpunkt der Aufnahme und vor allem die Bildbeschriftung, deren Besonderheit in der Begrifflichkeit des „Bolschewiken“ liegt. Netzendorf benutzt weder in seinem Foto- noch in seinem Tagebuch diese Bezeichnung ein weiteres Mal, sondern einzig unter diesem Bild.[53] Möglicherweise war es der Stern als Symbol des Bolschewismus, hier in Form des Grabsteines, der Netzendorf dazu bewogen hatte, diese Beschriftung zu wählen.

In diesem Zusammenhang soll darauf hingewiesen werden, dass sich die Bezeichnung „Bolschewik“ von der des „Russen“, die Netzendorf sonst immer benutzte, innerhalb des Referenzrahmens des Zweiten Weltkriegs durchaus unterscheiden konnte. Während die „Russen“ im Sinne der nationalsozialistischen Propaganda zwar einem „rassisch“ unterlegenen Volk angehörten, aber aufgrund ihrer zivilisatorischen Degeneration nur noch Mitleid und Arroganz unter den Deutschen hervorrufen sollten, wurden die „Bolschewisten“ zu Anhängern einer jüdischen Weltrevolution stilisiert, denen der ganze Hass des deutschen Volkes entgegenzusetzen sei. Eine Verschiebung der Propaganda innerhalb der Wehrmacht, weg vom Antislawismus hin zum Antibolschewismus, begann schon 1937 mit Goebbels „Kampf gegen den Weltbolschewismus“, der das russische Volk unterjoche.[54]

Soldaten wie Netzendorf wurden schon früh auf diese perfide Unterscheidung eingestimmt, spätestens aber mit Direktiven wie den „Richtlinien für das Verhalten der Truppe in Rußland“, die am 19. Mai 1941 an alle Soldaten der Ostfront ausgegeben wurden und in denen die Angehörigen der Wehrmacht erneut auf die Unterscheidung zwischen verarmter russischer Bevölkerung und „bolschewistischen Hetzern, Saboteuren und Juden“ hingewiesen wurden.[55] Nichts anderes als eine exekutive Maßnahme dieser Propaganda war der durch die Wehrmacht ausgeführte „Kommissarbefehl“, der die sofortige Erschießung der Kommissare als politische Führungskräfte und somit als Bolschewismus in persona zuließ. Russen galt es zwar zu bekämpfen, aber Bolschewiken galt es zu vernichten.

War es also wirklich nur der hölzerne Stern, der Netzendorf zu dieser Beschriftung verleitete, oder doch eine Art von Rechtfertigung, dass es der begrabene Soldat nicht als Russe, aber als Bolschewik verdient hatte zu sterben? In diesem Zusammenhang ist der Zeitpunkt wichtig, zu dem Netzendorf sich dieses Motiv wählt und beschriftet. Vier Tage zuvor hatte er an einem Gefecht teilgenommen, zu dem er Folgendes notierte: „Ich fahre mit meinem Krad [Motorrad] bis auf die Kreuzung, nachdem sie von den Russen geräumt ist. Kameraden erzählen, daß die Russen die Toten verstümmelt haben sollen. Ich selbst habe keine Toten gesehen. Auch auf intensives Fragen wird es mir bestätigt.“[56]

Dieser Vorfall kann auch im Tätigkeitsbericht des Ic[57] der 34. ID nachgelesen werden, dessen Notiz dazu lautet: „Masakrierung [sic!] von Angehörigen der Aufklärungsabteilung durch russische Soldaten.“[58] Wie bei Pechmann folgt auch bei Netzendorf auf die einzige Stelle, wo russische Kriegsgräuel im Tagebuch erwähnt werden, eine Fotografie vom Tod des Gegners. Diese auffällige Übereinstimmung lässt vermuten, dass ein solch intensives und emotional berührendes Erlebnis als Auslöser dienen konnte, über den Tod des Feindes zusätzlich zu triumphieren, indem man ihn auf unbestimmte Zeit in Form einer Fotografie festhielt und er sich so immer wieder bestätigen ließ.

Im Fall der Fotodokumentation des Todes von Kameraden können bei Pechmann und Netzendorf dagegen zwei unterschiedliche Intentionen beobachtet werden.

 

Der Tod des Kameraden

Die Aufklärungsabteilung 34 befand sich Mitte August 1941 an der Grenze zwischen Weißrussland und Russland im Raum Gomel, um eine Lücke zwischen zwei Divisionen zu schließen. Im Zuge dieses Auftrags hatte die Abteilung immer wieder Probleme mit verminten Gebieten. Besonders zwischen dem 14. und 18. August gab es jeden Tag Verluste durch Sprengfallen. So auch am 16. August, als Pechmann in sein Tagebuch schrieb:

Melder soll Tross holen, Ewig kommt keiner. Späte Klärung: Wurden wegen Minen angehalten. Eichler auch nicht da. Bums – Dörtzbach auf Mine gefahren. Tot, Eichler verwundet. Die Fortsetzung dieses Vorfalls folgt am nächsten Tag: 3.45 raus Dörtzb. gefunden und Reste der Maschine. Minensucher an der Arbeit mit Suchgerät und Stöcken. Walk kommt, endlich unsere Fahrzeuge da. Gewaschen und gefrühstückt. Unterricht an Mine. Dörtzbach begraben.[59]

Diesem Ereignis widmet Pechmann eine Seite bzw. zwei Fotografien in seinem Fotoheft. Das obere Bild zeigt das zerstörte Motorrad, von dem lediglich die vordere Achse mit Lenkstange und ein Teil des Rahmens übriggeblieben sind (Abb. 12). Darunter steht geschrieben: „Die Reste von Dörtzbachs Krad“.

Abb. 12: „Die Reste von Dörtzbachs Krad“, in der Nähe von Lotaki (Russland), August 1941, Foto: Karl-Heinrich Pechmann, 6×9-cm-Abzug, Quelle: Bundesarchiv Freiburg (Abt. Militärarchiv), MSG 2/14646

Anschließend folgt das Foto von Dörtzbachs Grab, das Pechmann wie schon im Fall der toten Soldatin mit einem Zitat beschriftete (Abb. 13): „Ich hatt einen Kameraden“.[60] Nach Sichtung des Tage- und Fotobuchs bleibt die Frage bestehen, ob neben der Trauer über den Verlust eines Kameraden nicht auch der spektakuläre Umstand von Dörtzbachs Tod ausschlaggebend war, genau diesen Fall durch Fotos zu dokumentieren.

Abb. 13: „Ich hatt einen Kameraden“, in der Nähe von Lotaki (Russland), August 1941, Foto: Karl-Heinrich Pechmann, 6×9-cm-Abzug, Quelle: Bundesarchiv Freiburg (Abt. Militärarchiv), MSG 2/14646

Wie schon im Abschnitt über die ersten Tage in einer Notiz gelesen werden kann, erwähnt Pechmann immer wieder Namen von Angehörigen seiner Einheit, die gefallen sind. Dörtzbach stellt in diesem Fall also keine Ausnahme dar und wird dementsprechend nicht der erste Soldat gewesen sein, den Pechmann zu Grabe getragen hat. Die Vermutung, dass Pechmann die erste Konfrontation mit dem Tod innerhalb seiner Einheit als Anlass zum Fotografieren genommen hat, ist insofern hinfällig. Des Weiteren wird der Name Dörtzbach bis auf diesen Zwischenfall weder vorher noch später erwähnt, woraus zu schließen ist, dass er nicht zu seinem engeren Umfeld gehörte.[61] Eine besondere Beziehung zu dem Toten wird also aller Voraussicht nach nicht vorgelegen haben. So bleibt besonders mit Blick auf die Motivanordnung im Album – ein spektakulär zerstörtes Motorrad gefolgt vom Grab des Fahrers – tatsächlich die Annahme gerechtfertigt, dass in diesem Fall der Umstand des Todes und nicht der Tod von Dörtzbach selbst die eigentliche Intention der Aufnahme darstellte.

Ganz anders zeigt sich dies bei Netzendorf. Wie im Abschnitt über die ersten Tage bereits erwähnt wurde, deutet vieles darauf hin, dass sowohl die Person des „Leutnants Funk“ als auch die durch ihn geleitete Gruppe die wichtigsten Bezugspunkte für Netzendorf darstellten. Am 8. September 1941 kommt es zu einem Vorfall, dem Netzendorf einen ausführlichen Bericht in seinem Tagebuch widmet: „Spähtrupps – Großes Glück habe ich. Am Morgen müssen 2 Spähtrupps in den Wald gemacht werden. Der Spähtrupp ist jeweils eine Gruppe stark. Einen Spähtrupp führt Leutnant Funk, ich bin beim anderen.“

Im weiteren Verlauf des Berichts erfährt man, dass der von „Leutnant Funk“ geführte Spähtrupp von einer Truppe sowjetischer Soldaten überrascht wurde. Während des darauffolgenden Schusswechsels wird der Leutnant schwer an der Schulter verletzt und geht im allgemeinen Chaos des Rückzugs verloren. Als einer der zurückgekehrten Soldaten von den Ereignissen berichtet, wird ein Suchtrupp gebildet: „Ein Panzerspähwagen fuhr mit Staufer die Schneise zurück. Sie brachten Funk tot. Wir hatten also riesiges Glück. Von dem anderen Spähtrupp kamen einige noch am Abend zurück, einige blieben vermißt [sic!].“[62]

Unter dem Datum des 9. September folgt ein Foto des Grabes mit der Beschriftung „Lt. v. Funck“, der korrekten Schreibweise seines Namens (Abb. 14). Hier steht im Gegensatz zu Pechmann ganz deutlich die Bedeutung der verstorbenen Person im Vordergrund; sie ist die Intention dafür, dieses Grab zu fotografieren und das Bild in das Album einzukleben. Trotzdem erstaunt es, dass sich kein weiteres Wort von Netzendorf zum Tod und dem Begräbnis im Tagebuch findet.

Abb. 14: „Lt. v. Funck“, in der Nähe von Tuganitsy (Russland), 09.09.1941, Foto: Wilhelm Netzendorf, 5,5×5,5-cm-Abzug, Quelle: Bundesarchiv Freiburg (Abt. Militärarchiv), MSG 2/6762

Noch im Juli 1941 äußerte sich Netzendorf ausführlich zu Charaktereigenschaften eines anderen Kameraden, der durch den Schuss eines Heckenschützen direkt neben ihm starb und zu den ersten Opfern seiner Einheit in Russland zählte. Man erfährt, dass dieser besonders gut die Stimmen verschiedener NS-Größen habe imitieren können und noch am Tag seines Todes davon gesprochen habe, wie fest er vom Sieg der Wehrmacht überzeugt sei. Solche Worte des Andenkens fehlen in Bezug auf seinen Vorgesetzten. Zum Zeitpunkt des Todes von Leutnant von Funck mag sich schon eine Art Resignation gegenüber dem Verlust von Kameraden eingestellt haben. Vielleicht gehörte er aber auch nicht der engeren Clique an, sondern eher dem als Primärgruppe definierten Personenkreis. Immerhin ist er der einzige Kamerad, dessen Tod ein fotografisches Andenken im Fotobuch erhalten hat.

 

Schlussbemerkung

Karl-Heinrich Wilhelm von Pechmann und Wilhelm Netzendorf liefern mit ihren visuellen und schriftlichen Ego-Dokumenten interessante Einblicke in ihre Kriegswahrnehmung als Wehrmachtssoldaten an der Ostfront im Jahre 1941. Besonders aussagekräftig geschieht dies, da die Tage- und Fotobücher wie sie hier analysiert wurden, nie die Referenzrahmen des Krieges und des Nationalsozialismus verlassen. Alle Handlungen der beiden Soldaten, sei es das Fotografieren, das Schreiben, das Gestalten der Alben oder das Kommentieren der Bilder, vollzogen sich in unmittelbarer zeitlicher und örtlicher Nähe zu den dokumentierten Ereignissen. Die Werte, die sie den einzelnen zu Papier und auf Zelluloid gebrachten Eindrücken zuordneten, gestalteten sie aus ihrer Wahrnehmungs-, Deutungs- und Handlungswelt als Soldaten an der Front, innerhalb eines Kriegs, dessen Verlauf noch völlig offen war. Die hinzugezogenen Heeresakten liefern dabei Orientierungspunkte, den offiziellen und offiziösen militärischen Werdegang der jeweiligen Einheit zu verfolgen und mit der individuellen Wahrnehmung des Soldaten zu koppeln.

Über Analysen wie diese kann gezeigt werden, wie Soldaten die private Fotografie während ihres Einsatzes nutzten. Beide Protagonisten stellten ihre Bilder für Dritte zur Verfügung und fotografierten, was aus ihrer Sicht auch deren Interesse hätte wecken können. Im Fall von Netzendorf ging es dabei um die Kameraden und bei Pechmann wahrscheinlich um die Dokumentation für die Daheimgebliebenen. Hierbei werden die jeweiligen Auswahlmechanismen sichtbar, die einerseits den Vorgaben der Propaganda durchaus entsprachen, aber gleichzeitig persönliches Erleben auf der Ebene der unmittelbaren sozialen Gruppe widerspiegeln.

 

 

[1] Bernd Hüppauf, Fotografie im Krieg, Paderborn 2015, S. 252.

[2] Siehe hierzu vor allem Petra Bopp, Fremde im Visier. Fotoalben aus dem Zweiten Weltkrieg, Bielefeld 2009.

[3] Fotobücher und Fotohefte werden im folgenden Beitrag synonym verwendet.

[4] „Unter Referenzrahmen versteht man die Zusammenkunft der Faktoren, die Menschen eine Situation wahrnehmen und anschließend handeln lassen“, aus: Sönke Neitzel/Harald Welzer, Soldaten. Protokolle vom Kämpfen, Töten und Sterben, Frankfurt a.M. 2011, S. 16.

[5] Nähere biografische Informationen zu Pechmann stammen aus einem von seinem Bruder verfassten, kurzen maschinengeschriebenen Lebenslauf, der dem Nachlass beiliegt. Siehe Bundesarchiv Freiburg (Abt. Militärarchiv) (BArch), MSG 2/14646.

[6] Vgl. Klaus Christian Richter, Die Geschichte der deutschen Kavallerie 1919-1945, Stuttgart 1978, S. 101.

[7] Eine Schwadron kann von der Gesamtstärke mit einer Kompanie der Infanterie verglichen werden, also ca. 120 Mann.

[8] Ein paar der Fotografien wurden im Nachhinein durch neue Abzüge ersetzt, deren Qualität auf einen Zeitraum nach Kriegsende schließen lässt. Die hier vorliegende Untersuchung betrifft allerdings ausschließlich Originalabzüge.

[9] Vgl. Bopp, Fremde im Visier, S. 48.

[10] BArch, MSG 2/14646, K.-H. Pechmann, Tagebucheintrag vom 21.11.1941: „Tagebuch nachgeschrieben, Schreibm. auf den Knien.“

[11] Der gesamte Nachlass befindet sich ebenfalls im Bundesarchiv Freiburg (Abt. Militärarchiv) unter BArch, MSG 2/6762 und 6763.

[12] BArch, MSG 2/6763, W. Netzendorf, Tagebucheintrag Frühjahr 1941: „Jetzt bekam ich eine BMW-Maschine, und zwar eine R 51 mit Fußschaltung; eine wunderbare Maschine. Ich wurde Kradmelder.“

[13] Bei den hier benutzten Textstellen konnten keine offensichtlichen Veränderungen erkannt werden. In der Gesamtanalyse bleibt der Authentizitätsgrad ebenfalls sehr hoch, da auch Ereignisse wie Kriegsverbrechen seiner Einheit erwähnt werden, ohne einen auffälligen Stilwechsel aufzuweisen.

[14] Besonders in dem Zeitraum von Beginn des Ostkriegs bis in den Sommer 1942 ist in vielen Quellen zu lesen, dass kein Urlaub vergeben wurde, vgl. Christian Hartmann, Wehrmacht im Ostkrieg. Front und Hinterland 1941/42, München 2010, S. 43.

[15] Ulrike Pilarczyk/Ulrike Mietzner, Das reflektierte Bild: Die seriell-ikonografische Fotoanalyse in den Erziehungs- und Sozialwissenschaften, Bad Heilbrunn 2005.

[16] BArch, MSG 2/14646, K.-H. Pechmann, Tagebucheintrag vom 22.6.1941. Der Stakkatotakt, in dem Pechmann wahllos Sätze verkürzt, Interpunktionen vermeidet und Wörter abkürzt, ist gewöhnungsbedürftig und wird sich auch im weiteren Verlauf nicht ändern. Orthografie und Interpunktion werden bei beiden Protagonisten originalgetreu übernommen und in einzelnen Fällen Abkürzungen sowie Begriffe aus dem Militärjargon vom Autor in eckigen Klammern näher erläutert.

[17] BArch, MSG 2/14646, K.-H. Pechmann, Tagebucheintrag vom 23.6.1941.

[18] Laut Tagebuch geht die A.A. 34 am 16.6.1941 in der Nähe des Bugs in Stellung, vgl. BArch, MSG 2/14646, K.-H. Pechmann.

[19] Foto Nummer 1 des Albums zeigt den Kommandeur der A.A. 34, Major Friedrich Graf von Oberndorff, und wird somit nicht in den Zyklus der Ereignisse der ersten Tage einbezogen.

[20] Die Idylle stellte ein vorherrschendes Motiv der Amateurfotografie im „Dritten Reich“ dar. Im Sinne des Regimes konnten Bürger und Staat auf diesem Wege in eine heile und schöne Welt „wegsehen“. Vgl. Rolf Sachsse, Die Erziehung zum Wegsehen: Fotografie im NS-Staat, Dresden 2003, S. 17.

[21] BArch, MSG 2/14646, K.-H. Pechmann, Tagebucheintrag vom 16.6.1941.

[22] Vgl. BArch, RH 26-34/10, 34. Infanterie-Division, Abt. Ia, Kriegstagebuch, Eintrag vom 22.6.1941, S. 13-19.

[23] Vorausabteilung und Aufklärungsabteilung werden meist auch im Militärjargon synonym benutzt.

[24] Die 3,7 steht dabei für die Panzerabwehrkanone 36, die zur Standardausrüstung einer schweren Schwadron gehörte, wie sie von Pechmann geführt wurde. Vgl. Alex Buchner, Das Handbuch der deutschen Infanterie 1939-1945. Gliederung, Uniformen, Bewaffnung, Ausrüstung, Einsätze, Utting o. J., S. 50.

[25] So auch schon im Ersten Weltkrieg, siehe dazu Bodo von Dewitz, So wird bei uns der Krieg geführt – Amateurfotografie im Ersten Weltkrieg, München 1989, insbesondere S. 222-223.

[26] Unter Wehrmachtssoldaten war sie schnell unter dem höhnischen Spitznamen „Panzeranklopfgerät“ bekannt, vgl. Burkhart Mueller-Hillebrand, Das Heer 1939-1945. Entwicklung des organisatorischen Aufbaues. Band 3: Der Zweifrontenkrieg, Frankfurt a.M. 1969, S. 16-18.

[27] Der Krieg gegen Russland im Jahr 1941 zählt noch zu der ersten, erfolgsverwöhnten Phase der Kriegsberichterstattung, in die die raschen Siege der Wehrmacht seit 1939 fielen. Dementsprechend überwogen hier im Gegensatz zu späteren Phasen Motive der Dominanz und Dynamik, vgl. Rainer Rother, Die Kriegswochenschau – Entstehung einer Form, in: ders./Judith Prokasky (Hg.), Die Kamera als Waffe. Propagandabilder des Zweiten Weltkriegs, München 2010, S. 39-48, hier S. 41.

[28] Vgl. Ernst Klink, Die Operationsführung: Heer und Kriegsmarine, in: Militärgeschichtliches Forschungsamt (Hg.), Der Angriff auf die Sowjetunion, Stuttgart 1983, S. 451-652, hier S. 462f.

[29] Ludwig Cornelius Freiherr von Heyl, Wie ich den Krieg erlebte. Briefe, Berichte und Niederschriften von 1938-1983, Heidelberg 1984, S. 8. Der Autor war ebenfalls Mitglied der A.A. 36.

[30] BArch, MSG 2/6763, W. Netzendorf, Tagebucheintrag vom 23.6.1941.

[31] Ebd., Tagebucheintrag vom 25.6.1941.

[32] Vgl. hierzu Felix Römer, Kameraden. Die Wehrmacht von innen, Bonn 2012, S. 172-179. Zur Entwicklung des Primärgruppenzusammenhalts zwischen 1939-1945 am Beispiel einer Infanteriedivision vgl. Christoph Rass, „Menschenmaterial“: Deutsche Soldaten an der Ostfront. Innenansichten einer Infanteriedivision. 1939-1945, Paderborn 2003, S. 192-204.

[33] BArch, MSG 2/6763, W. Netzendorf, Tagebucheintrag vom 9.7.1941: „Zugfunk erhält Auftrag anzugreifen. Ein Zug, etwa 30 Mann, eine Kompanie mit über 100 Mann.“

[34] Auch Römer weist darauf hin, dass die wiederholt auf Fotos auftretenden Soldaten meist zu dem engeren Personenkreis gezählt werden können. Vgl. Römer, Kameraden, S. 174-175.

[35] Vgl. Heyl, Briefe, S. 8.

[36] BArch, MSG 2/6763, W. Netzendorf, Tagebucheintrag vom 24.6.1941: „Der Vormarsch geht durch tiefe brennende Wälder in glühender Sonne durch Tauroggen. Tauroggen ist vollkommen zerstört. Um 16.30 Uhr erreichen wir Skautville, das genau so zerstört ist wie Tauroggen.“

[37] Vgl. BArch, RH 26-36/2, 36. Infanterie-Division, Abt. Ia, Kriegstagebuch, Eintrag vom 26.6.1941.

[38] BArch, MSG 2/6763, W. Netzendorf, Tagebucheintrag vom 26.6.1941.

[39] Ebd., Tagebucheintrag vom 27.6.1941.

[40] BArch, MSG 2/6763, W. Netzendorf, Tagebucheintrag vom 27.6.1941.

[41] Hier der These Hoffmann-Curtius’ folgend, dass Trophäenfotografien das eigene Überleben dokumentieren sollen, vgl. Kathrin Hoffmann-Curtius, Trophäen und Amulette. Die Fotografien von Wehrmachts- und SS-Verbrechen in den Brieftaschen der Soldaten, in: Fotogeschichte 20 (2000), H. 78, S. 63-76.

[42] BArch, MSG 2/6763, W. Netzendorf, Tagebucheintrag vom 27.6.1941. Vgl. auch BArch, RH 26-36/2, 36. Infanterie-Division, Abt. Ia, Kriegstagebuch am 27.6.1941: „[…] nach Gefangennahme von 53 Roten von denen 49 Zivilisten erschossen werden.“

[43] Vgl. BArch, RH 26-34/12, Tagesmeldung der 34. Infanterie-Division vom 30.6.1941.

[44] BArch, MSG 2/14646, K.-H. Pechmann, Tagebucheintrag vom 29.6.1941.

[45] Ebd., Tagebucheintrag vom 30.6.1941.

[46] Ebd., Tagebucheintrag vom 1.7.1941.

[47] Siehe FN 43.

[48] Eines dieser Bilder ist untertitelt mit: „Der 30. Juni!“, vgl. BArch, MSG 2/14646, Fotobuch K.-H. Pechmann.

[49] Am Kragenspiegel sind die Abzeichen des Ranges eines Majors und das des Medizinischen Dienstes zu erkennen. Es handelt sich hierbei also höchstwahrscheinlich um eine ranghohe Ärztin.

[50] Die russischen Kriegskommissariate schickten ab dem ersten Kriegstag junge Frauen an die Front, vgl. Andrea Moll-Sawatzki, Freiwillig an die Front? Junge Frauen zwischen Motivation und Mobilisierung, in: Museum Berlin-Karlshorst (Hg.), Mascha, Nina, Katjuscha. Frauen in der Roten Armee 1941-1945, Berlin 2002, S. 21-27, hier S. 22.

[51] Zitiert nach: Christoph Hamann, Feindbilder und Bilder vom Feind, in: Margot Blank/Museum Berlin-Karlshorst (Hg.), Beutestücke – Kriegsgefangene in der deutschen und sowjetischen Fotografie 1941-1945, Berlin 2003, S. 16-31, hier S. 24.

[52] BArch, MSG 2/6763, W. Netzendorf, Tagebucheintrag vom 8.7.1941.

[53] Hier könnte angemerkt werden, dass es sich bei dem Tagebuch um eine nach dem Krieg getätigte Abschrift handelt und somit von Begriffen wie „Bolschewik“ hätte bereinigt werden können. Dies ist allerdings unwahrscheinlich, denn das Fotobuch unterlag demgegenüber keiner nachträglichen Bearbeitung. In allen anderen Fällen nannte Wilhelm Netzendorf seine Gegner „Russen“.

[54] Vgl. Jürgen Kilian, Wehrmacht und Besatzungsherrschaft im russischen Nordwesten 1941-1944. Praxis und Alltag in der Militärverwaltungszone der Heeresgruppe Nord, Paderborn 2012, S. 51-53, S. 188-193; sowie Jürgen Förster, Zum Rußlandbild der Militärs 1941-1945, in: Hans-Erich Volkmann (Hg.), Das Russlandbild im Dritten Reich, Köln 1994, S. 141-163, hier S. 147f.

[55] BArch, RH 37/3114/b, Geheimakten des Infanterie-Regiments 521.

[56] BArch, MSG 2/6763, W. Netzendorf, Tagebucheintrag vom 4.7.1941. Auch Freiherr von Heyl berichtet in seinen Erinnerungen von Verstümmelungen während des gleichen Gefechts: „Am 4.7. hinter Alt-Schwanenburg, bei Balvi, überrannte der Feind zurückgehend nachts eine eigene Sicherung. Am anderen Morgen nahm eine eigene Kampfgruppe das betreffende Straßenkreuz wieder und fand die Kameraden tot, schrecklich massakriert.“ Vgl. Heyl, Briefe, S. 9.

[57] Hierbei handelt es sich um den Posten des Dritten Generalstabsoffiziers, der auf Divisionsebene für die Feindaufklärung zuständig war.

[58] BArch RH 26-36/40, 36. Infanterie-Division, Abt. Ic, Tätigkeitsbericht, Eintrag vom 4.7.1941.

[59] BArch, MSG 2/14646, K.-H. Pechmann, Tagebucheintrag vom 16.8.1941.

[60] Hierbei handelt es sich um die erste Zeile des traditionellen Soldatenlieds „Der gute Kamerad“, das bis heute im Rahmen von Trauerzeremonien gespielt wird.

[61] Dies lag nicht an der Diskrepanz des militärischen Rangs, denn Pechmann erwähnt andere Soldaten mehrmals, die wie Dörtzbach ebenfalls einen Mannschaftsdienstgrad bekleideten.

[62] BArch, MSG 2/6763, W. Netzendorf, Tagebucheintrag vom 8.9.1941.

 

 

Dieser Artikel ist Teil des Themendossiers: Propagandafotografie, hg. von Jens Jäger

Themendossier: Propagandafotografie hg. v. Jens Jäger

 

 

 

Zitation


Armin Kille, Die Fotografie der Landser. Der Überfall auf die Sowjetunion 1941 dokumentiert in privaten Fototagebüchern deutscher Soldaten, in: Visual History, 30.11.2020, https://visual-history.de/2020/11/30/die-fotografie-der-landser/
DOI: https://doi.org/10.14765/zzf.dok-2052
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