NEUE REZENSIONEN: H-SOZ-KULT

Neue Rezensionen auf H-Soz-Kult zu Publikationen aus dem Bereich der Historischen Bildforschung und Visual History

Old Books, 08. Juni 2016, Foto: Eli Francis, Quelle: commons.wikimedia.org, Lizenz: CC0 1.0 Universal Public Domain Dedication

 

Dennis Jelonnek: Fertigbilder. Polaroid Sofortbildfotografie als historisches und ästhetisches Phänomen

Edition Menzel, München 2020

Rezensiert von Mirco Melone, redaktionell betreut durch Jan-Holger Kirsch

 

© Edition Metzel

Dennis Jelonneks Studie Fertigbilder. Polaroid Sofortbildfotografie als historisches und ästhetisches Phänomen ist eine Wegmarke für die Fotografiegeschichte. Denn trotz der Verbreitung und Beliebtheit der Sofortbildfotografie fehlten bisher fundierte wissenschaftliche Arbeiten dazu. Das Ziel der Monografie, die 2017 an der Freien Universität Berlin als kunsthistorische Dissertation angenommen wurde, ist es, eine „Differenzierung und Neubewertung“ der vielen mythisch-verklärenden Geschichten zur Sofortbildfotografie zu erreichen (S. 10). Jelonnek wendet sich zum einen gegen die über Jahrzehnte verfestigten, tendenziösen Historiografien zur Polaroid-Sofortbildtechnik. Zum anderen unternimmt er den Versuch, sich für die Erarbeitung einer neuen, eigenständigen Geschichte dezidiert auf die bereits bekannten, immer wieder zitierten Bilder und Objekte zu stützen. Das Phänomen Sofortbild wird anhand einer eklektischen Auswahl von einzelnen, teilweise miteinander verbundenen Objekten in den Blick genommen, darunter Bilder aus der Produktionsgeschichte der Polaroid Corporation, Werbegrafiken und -anzeigen, Artikel und Fotobeiträge in Zeitungen und Zeitschriften sowie technische Objekte wie Kameras und Filme.

 

 

 

 

Liz McQuiston: Protest! A History of Social and Political Protest Graphics

White Lion Publishing Books, London 2019

Rezensiert von Lisa Bogerts, redaktionell betreut durch Jan-Holger Kirsch

 

© Princeton University Press

Bilder ermöglichen uns einen anderen Zugang zur Welt als reine Worte und politische Pamphlete. Sie verbinden logische Argumente mit affektiver Überzeugungskraft, sie lassen uns „mit eigenen Augen sehen“ und sinnlich erfahren. Bilder prägen, wie wir Politik wahrnehmen, ob wir sie für legitim halten oder nicht. Ob sie uns erzürnen oder schockieren, beeinflusst, ob wir gegen etwas aufstehen. Ob sie uns positive Identifikationsangebote liefern, kann unsere Zugehörigkeitsgefühle mitbestimmen. Visuelle Protestkommunikation ist daher mehr als nur eine illustrative Randnotiz. Sie wirkt auf unsere politischen Meinungen und Entscheidungen ein, sei es bewusst oder unbewusst. In ihrem 2019 erschienenen Buch Protest! A History of Social and Political Protest Graphics widmet sich Liz McQuiston diesem Thema aus Sicht einer Grafikdesignerin. In sechs chronologisch geordneten und reich bebilderten Kapiteln beleuchtet sie Protestgrafiken vom 16. Jahrhundert bis heute, mit einem starken Fokus auf das 20. Jahrhundert, dem allein vier Kapitel gewidmet sind.

 

 

 

 

Lena Stölzl: Filmische Verortungen von Geschichte. Bewegungen des Sichtbarmachens historischer Schauplätze

Neofelis, Berlin 2020

Rezensiert von Matthias Bauer, redaktionell betreut durch Christoph Classen

 

© Neofelis

Lena Stölzl geht es in ihrer Studie Filmische Verortungen von Geschichte um Bewegungen des Sichtbarmachens historischer Schauplätze. Stölzls Grundgedanke ist leicht nachzuvollziehen: Wenn sich Geschichte in den Ort einschreibt, an dem sie stattfindet, muss es möglich sein, die Spur vergangener Zeiten im Raum aufzunehmen und zu verfolgen. Entsprechende Erkundungsbewegungen lassen sich filmisch dokumentieren respektive inszenieren. Dargestellt werden dann Praktiken der Vergegenwärtigung anhand von Überresten. Es geht mithin um die Remedialisierung von Materialien, die Vergangenes bezeugen, sowie darum, untergegangene Welten mittels ihrer Ruinen zu rekonstruieren. Zu berücksichtigen ist, dass die Raumpraktiken der Ortsbegehung und Spurensuche, der Erkundung, Aneignung und Vermittlung im Essayfilm in eine reflexive Einstellung rücken. Ihre Bild-Diskurse behandeln nicht nur einen bestimmten Ausschnitt der Geschichte; sie handeln auch vom Erzählen, vom Spannungsverhältnis zwischen Historiografie und Szenografie sowie davon, wie Mythen oder Legenden mit den Mitteln der Filmkunst dekonstruiert werden.

 

 

 

 

 

Rasmus Greiner: Histospheres. Zur Theorie und Praxis des Geschichtsfilms

Bertz + Fischer, Berlin 2020

Rezensiert von Matthias Bauer, redaktionell betreut durch Christoph Classen

 

© Bertz + Fischer

Rasmus Greiners beschäftigt sich in seinem Buch mit Kino- und Fernseh-Spielfilmen, die ihre Zuschauer*innen, so der Titel, in Histospheres versetzen. Er geht davon aus, dass Vorstellungen von Geschichte der diegetischen Welt eines Spielfilms eingeschrieben werden, noch bevor die Handlung einsetzt. Vor allem aber möchte er die These plausibel machen, dass es auf der Leinwand oder dem Bildschirm eher um die Modellierung historischer Erfahrung als um die Repräsentation von Vergangenheit geht. Sinnlich vergegenwärtigt werde eine Histosphäre in dem Bewusstsein, dass weder Filmemacher*innen noch Zuschauer*innen im Nachhinein etwas am Verlauf und Ergebnis der Realgeschichte ändern könnten. Unter der Voraussetzung jedoch, dass dieses Wissen für die Dauer der Filmwahrnehmung suspendiert werde, erfolge eine Überführung abgelaufener Zeitläufte in einen Möglichkeitsraum, was das Aufzeigen und Durchspielen alternativer oder gar kontrafaktischer Entwicklungen erlaube. Filmspezifisch sei dabei im Gegensatz zum historischen Roman der Erfahrungsmodus – ein Argument, mit dem Greiner an Vivian Sobchacks Phänomenologie der Film-Erfahrung anknüpft.

 

 

 

 

Konrad Dussel: Bilder als Botschaft. Bildstrukturen deutscher Illustrierter 1905–1945 im Spannungsfeld von Politik, Wirtschaft und Publikum

Herbert von Halem Verlag, Köln 2019

Rezensiert von Maren Tribukait, redaktionell betreut durch Ulrich Prehn

 

© Herbert von Halem

Mit seiner Studie Bilder als Botschaft. Bildstrukturen deutscher Illustrierter 1905-1945 im Spannungsfeld von Politik, Wirtschaft und Publikum hat sich der Mannheimer Medienhistoriker Konrad Dussel an eine Gesamtschau der deutscher Illustrierten in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts herangewagt. Ausgehend von dem Gedanken, dass nicht das einzelne Schlüsselbild für die Öffentlichkeit im 20. Jahrhundert prägend war, sondern „die massenhafte Zunahme des Durchschnittlichen, die steigende ganz alltägliche Bilderflut“ (S. 18) zielt das Werk darauf, das Gesamtangebot der Illustrierten zu erfassen und eben ihre „Bildstrukturen“ zu beschreiben. Dies soll allerdings nicht in eine „selbstgenügsame […] Illustrierten-Geschichte“ (S. 21) münden, sondern im Rahmen einer Kulturgeschichte des Politischen geschehen. Daher richtet sich der Fokus der Untersuchung auf die Frage, wie die Illustrierten das Politische visualisiert haben und welche politischen Funktionen ihnen in den verschiedenen politischen Systemen des Untersuchungszeitraumes zukamen.

 

 

 

 

 

Claudia Valeska Czycholl: Bilder des Fremden. Visuelle Fremd- und Selbstkonstruktionen von Migrant*innen in der BRD (1960-1982)

Transcript, Bielefeld 2020

Rezensiert von Stephanie Zloch, redaktionell betreut durch Jan-Holger Kirsch

 

© Trancript

Schon die ersten beiden Fotografien, mit denen das Buch aufwartet, signalisieren bereits dessen Anliegen: Das Cover zeigt eine Szene von 1965 auf dem Bahnhof Istanbul-Sirkeci – die Abreise von vier Frauen, die mit hoffnungsfrohen Gesichtern aus dem Zugfenster schauen. Als Auftakt zur Einleitung folgt ein Foto von zwei Frauen in lässiger Pose, die eine am Steuer eines Autos, die andere an die Autotür gelehnt, aufgenommen 1967 in Pforzheim. In beiden Fällen handelt es sich um private Fotografien. Sie stehen für den angestrebten Perspektivwechsel von gewohnten, vielfach stereotypisierenden Medien-Bildern hin zu den noch wenig bekannten Selbstdarstellungen von Migrant*innen.

 

 

 

 

 

 

 

 

Doris Gerstl: Wahlplakate der Spitzenkandidaten der Parteien. Die Bundestagswahlen von 1949 bis 1987

Böhlau, Köln 2020

Rezensiert von Benedikt Wintgens, redaktionell betreut durch Jan-Holger Kirsch

 

© Böhlau

Obwohl Plakate in allen Wahlkämpfen der Bundesrepublik Deutschland als Medium der politischen Kommunikation unentbehrlich schienen, einzelne Slogans sprichwörtlich geworden sind – etwa „Keine Experimente! Konrad Adenauer“ – und die Kampagnen hinsichtlich ihrer Wirkung in Politik und Werbewirtschaft durchaus umstritten sind, hat sich die Zeitgeschichtsforschung bislang eher illustrativ für politische Plakate aus Westdeutschland interessiert. Das gilt genauso für die Kunstgeschichte, vermutlich wegen des bescheidenen Ansehens der politischen Werbung. Dabei steht diese ästhetische Geringschätzung durchaus im Kontrast zu den Plakaten besonders der Weimarer Republik. Mit Blick auf die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts erschien es länger schon sinnvoll, Plakate für einen wesentlichen Bestandteil moderner Urbanität zu halten, sie als Medium der Konflikt- und Propagandageschichte ernstzunehmen und als Bildquellen der politischen Kultur zu interpretieren. Für die elf Bundestagswahlen der Bonner Republik füllt diese Lücke zwischen Wahlkampfforschung und Bildwissenschaft nun die Habilitationsschrift der Kunsthistorikerin Doris Gerstl.

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