Ein Bild als Bild betrachten

Eine exemplarische Bildanalyse

Eine Reise nach Flensburg zum Visual Historian Gerhard Paul wäre ohne eine beispielhafte Bildanalyse von ihm sicherlich unvollständig. Genau aus diesem Grund baten Christine Bartlitz und Josephine Kuban ihn im Rahmen des im September 2020 geführten Interviews (https://visual-history.de/2021/03/15/gelernt-habe-ich-im-laufe-der-zeit-viel-mehr-auf-das-bild-selbst-zu-achten-interview-gerhard-paul/) um die Auswahl eines Bildes und eine anschließende Bildbeschreibung, -analyse und -interpretation. Keine zehn Minuten später lag eine Analyse der Fotografie des vietnamesischen Mädchens Kim Phúc vom 8. Juni 1972 des Fotografen Nick Ùt vor. Sie kann exemplarisch als eine Anleitung zum Umgang mit Bildern in der Geschichtswissenschaft genutzt werden – und ist der Auftakt für weitere Grundlagentexte und methodische Einführungen in die Visual History auf visual-history.de.

Gerhard Paul, Flensburg, 29. September 2020. Foto: Josephine Kuban ©

Exemplarische Bildanalyse der Fotografie des vietnamesischen Mädchens Kim Phúc, 8. Juni 1972, Foto: Nick Ùt

 

Die Bildbeschreibung

Ich versuche zunächst, ein Bild als Bild zu betrachten und möglichst präzise zu fragen: Was sehe ich überhaupt? Welche Figuren sehe ich? In welcher Interaktion stehen diese zueinander? Was passiert vor und was hinter ihnen?

Anschließend mache ich mir eine räumliche Vorstellung: Das Bild ist zweidimensional. Wenn ich in die Dreidimensionalität übergehe, wird eine Handlung deutlich. Ich stelle bei diesem Bild aus dem Vietnamkrieg fest: Das Mädchen Kim Phúc bewegt sich aus dem Hintergrund auf den Fotografen zu. Was ist im Hintergrund passiert? Was passiert vor dem Mädchen? Wer fotografiert sie?

Das Foto zeigt auf der Straße hinter ihr uniformierte Männer. Bei genauerem Hinsehen bzw. einer Vergrößerung lassen sich Pressefotografen identifizieren, keine Soldaten. Denn Pressefotografen trugen im Vietnamkrieg auch Militäruniformen. Sie fotografierten Kim Phúc also auch aus dieser rückwärtigen Perspektive. Dadurch kamen die übrigen Fotografen vor ihr selbst mit ins Bild. Am Ende der Straße, wo der Fotograf Nick Ùt sich befand, standen hinter ihm noch einmal etwa fünfzig andere Fotografen und Kameraleute. Insofern wurde diese Szene von den schreienden Kindern von all den Fotografen und Kameraleuten aus unterschiedlichen Perspektiven aufgenommen. Diese Informationen erschließen sich mir aber nur, wenn ich mir die Dreidimensionalität einer Fotografie vorstelle und sie strukturell berücksichtige bei der Bildanalyse.

Eine fotografische Ikone des 20. Jahrhunderts – das Foto aus dem Vietnamkrieg erschien bereits am folgenden Tag auf der Titelseite der „New York Times“ und wurde 1973 mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet, 8. Juni 1972, Foto: Nick Ùt. Quelle: Ausschnitt aus Gerhard Pauls Artikel „Die Geschichte hinter dem Foto. Authentizität, Ikonisierung und Überschreibung eines Bildes aus dem Vietnamkrieg“, erschienen: in Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History, Online-Ausgabe 2 (2005), H. 2, https://zeithistorische-forschungen.de/2-2005/4632 Foto: Christine Bartlitz © 29. September 2020

Der Fotograf / die Fotografin

Ich wende mich in einem zweiten Schritt den Agenten und Agentinnen, also hier dem Produzenten des Bildes Nick Ùt zu und sammle möglichst viele Informationen über ihn: Fotografiert er aus privaten Gründen? Fotografiert er aus beruflichen Gründen? Will er dieses Bild verkaufen, für wen arbeitet er?

 

Der (Erst-)Veröffentlichungskontext und entsprechende Bildbearbeitungen

Anschließend bemühe ich mich, möglichst ein Original der Fotografie anzuschauen, um zu überprüfen, ob die publizierte Version eine andere ist als die ursprüngliche. Bei diesem Foto lässt sich schnell feststellen, dass das Bild an der Seite beschnitten ist. Das Original zeigt am Rand einen Pressefotografen, der gerade den Film seiner Kamera wechselt. Durch den Beschnitt gerät Kim Phúc, die ursprünglich nicht zentriert war, exakt in den Bildmittelpunkt und bekommt so viel mehr Aufmerksamkeit.

In einem nächsten Schritt schaue ich mir an, wo das Bild zuerst publiziert worden ist. In diesem Fall war es in der „New York Times“, die damals in der Regel keine Pressebilder brachte. Das war eine große Ausnahme. Am 9. Juni 1972 erschien das Foto in einem Artikel von Fox Butterfield mit dem Titel: „South Vietnamese Drop Napalm on Own Troops“.

Eine wichtige Rolle spielte der Bildredakteur Horst Faas, ein Münchener, der bei AP (Associated Press) tätig war und dieses Foto in die Welt gebracht hat. In einem Gespräch erzählte er, dass das Bild nur publiziert werden konnte, weil es im Schambereich retuschiert worden sei: Ein Schatten im Bild, der als Schamhaar hätte gedeutet werden können, wurde wegretuschiert. Das Bild ist also nicht nur beschnitten, sondern auch retuschiert worden.

 

Die Wirkmächtigkeit

Warum übt dieses Foto auf die meisten Menschen eine so starke Wirkung aus? Diese Frage gehört zur Bildanalyse dazu: Warum ist gerade dieses Foto unter den vielen anderen aus dem Vietnamkrieg so wirkmächtig geworden? Ein Grund dafür ist sicherlich, dass es sowohl in der christlichen Malerei wie auch in der Kunst des 20. Jahrhunderts Vorbilder für dieses Bild gibt. So zeigt der „Der Schrei“ von Edvard Munch fast exakt dieselbe Geste. Die Fotografie von Nick Ùt konnte und kann an das Bildgedächtnis vieler Menschen andocken.

 

Die Kontextanalyse

Die beschriebenen Prozesse sind notwendig, um dieses Bild als Bild erst einmal zu verstehen. Anschließend ist die Kontextanalyse von größter Wichtigkeit. Denn aus der Bildlegende heraus wird ja nicht deutlich, wer für das immense Leid der Kinder verantwortlich war. Dazu muss ich den Kontext präzise aufschlüsseln. Ich muss mich mit der militärischen Situation im Vietnamkrieg im Jahr 1972 beschäftigen. Waren überhaupt noch Amerikaner im Juni 1972 in dieser Gegend? Nein. Das Dorf von Kim Phúc wurde irrtümlich von den eigenen Leuten angegriffen, es handelte sich um Eigenbeschuss, um ein sogenanntes „friendly fire“.

Außerdem ist es unerlässlich, mehr über die Praxis der Kriegsfotografie im Vietnamkrieg zu wissen. Wie war die Kriegsberichterstattung organisiert? Wie viele Fotografen waren an diesem Tag vor Ort und haben wie Nick Ùt Bilder gemacht? Sind auch sie veröffentlicht worden? Von den circa fünfzig Fotografen, die diese Szene aus ganz unterschiedlichen Perspektiven aufgenommen haben, konnte ich etwa 25 weitere Fotos recherchieren. Nach Sichtung dieser Bilder ist mir klar geworden, warum Kim Phúc schreit. Sie schreit – und das hat sie später auch in einem Interview mit der chinesisch-kanadischen Schriftstellerin Denise Chong, der Autorin eines Buches über Kim Phuc („The Girl in the Picture: The Kim Phúc Story“, Toronto 1999), bestätigt –, weil sie vor sich auf der Straße fünfzig Männer in Militäruniformen sieht, die ihre großen Fotoapparate mit Teleobjektiv und Stativ auf sie angelegt haben. Sie schreit, weil sie Angst hat, im nächsten Augenblick erschossen zu werden.

 

Die Rezeptionsgeschichte

Bei vielen Bildern ist die Nachgeschichte wiederum von größtem Interesse. So auch hier. Diese Fotografie erschien in der Weltpresse zunächst mit der richtigen Bildlegende, die besagte, dass südvietnamesische Truppen ein Dorf angegriffen hätten und dabei auch Kinder verletzt worden seien. Doch dann wurde das Geschehen relativ schnell uminterpretiert: Amerikanische Nahkampfflugzeuge, so hieß es nun in den erläuternden Bildunterschriften, hätten ein vietnamesisches Dorf bombardiert, in dem Vietkong vermutet worden seien. Kim Phúc und die anderen Kinder seien daher Opfer eines amerikanischen Napalm-Angriffs geworden. Diese Geschichte hat sich dann bis in die Gegenwart immer weiter verselbstständigt. Schaut man sich neueste Presseveröffentlichungen zu dem Foto an, so muss man leider feststellen, dass meine Analyse des Bildes kaum eine nachhaltige Wirkung gefunden hat.

Insgesamt ist die Geschichte des Fotos des „Napalm Mädchens“ eine Geschichte, die längst noch nicht abgeschlossen ist. 2016 etwa kam es über das Bild zu einem Streit zwischen dem Chefredakteur der norwegischen Zeitung „Aftenposten“ Espen Egil Hansen und Facebook-Chef Mark Zuckerberg. Mit Verweis auf das Nacktbilder-Verbot hatte das soziale Netzwerk einfach einen Post von Hansen mit der historischen Medienikone gelöscht. Nach Protesten aus aller Welt ruderte Facebook schließlich zurück.

 

Siehe weiterführend: Gerhard Paul, Die Geschichte hinter dem Foto. Authentizität, Ikonisierung und Überschreibung eines Bildes aus dem Vietnamkrieg, in: Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History, Online-Ausgabe, 2 (2005), H. 2, https://zeithistorische-forschungen.de/2-2005/4632, Druckausgabe: S. 224-245

 

 

Zitation


Gerhard Paul, Ein Bild als Bild betrachten. Eine exemplarische Bildanalyse, in: Visual History, 28.07.2021, https://visual-history.de/2021/07/28/ein-bild-als-bild-betrachten/
DOI: https://doi.org/10.14765/zzf.dok-2305
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