Workshop: Transgenerationale Korpografien der Erinnerung

Geschichtsbilder in der Gegenwartskunst

Im Rahmen des vom Schweizerischen Nationalfonds in Bern geförderten Forschungsprojekts Geschichtsbilder in der Gegenwartskunst findet der Workshop „Transgenerationale Korpografien der Erinnerung“ statt:

18. November 2021, 14:30-18:30 Uhr
19. November 2021, 9:00-17:00 Uhr

Veranstaltungsort
Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam (ZZF)
Am Neuen Markt 9d
14467 Potsdam

Die Veranstaltung findet komplett in Englisch statt.


„Transgenerationale Korpografien der Erinnerung“ ist ein Workshop zur bildenden Kunst und Geschichte, der von zwei audiovisuellen künstlerischen Arbeiten ausgeht, um die Dimensionen und Wege der transgenerationalen Erinnerung im Medium des künstlerischen Films zu erkunden. Der Workshop besteht aus zwei Teilen: den Filmvorführungen und einem diskursiven Programm. Die zugrundeliegenden Arbeiten inszenieren weibliche Biografien des 20. und frühen 21. Jahrhunderts, basierend auf den selbst erzählten Erinnerungen zweier Frauen. Der Workshop ist triadisch konzipiert, das heißt die Werke werden aus künstlerischer, kunsthistorischer und geschichtswissenschaftlicher Perspektive komplementär analysiert. Ziel dieser transdisziplinären Untersuchung ist die Erforschung transgenerationaler kultureller Gedächtnisarbeit in der zeitgenössischen Kunst mittels intensiver Bildlektüren („close readings“). Die zentralen Fragen sind: Wie lässt sich der Zusammenhang zwischen Geschichte, generationenübergreifenden Erinnerungen und künstlerischen Geschichtsbildern begreifen? Wie integrieren diese Werke kritische und dissonante historische Stimmen?

 

Teilnehmer*innen: Melanie Franke, Ulrike Gerhardt, Francisca de Haan, Gal Kirn, Alexandra Köhring, Lene Markusen, Marta Popivoda und Jelena Vesic

 

Donnerstag, 18. November 2021
Filmvorführungen

Gezeigt werden die zwei filmischen Arbeiten Landscapes of Resistance (2021) von Marta Popivoda und Revolutionary Women (Fertigstellung ist für 2022 geplant) von Lene Markusen. Die beiden Filmemacherinnen interessieren sich für den menschlichen Körper als materielles und flüchtiges Archiv und Träger individueller Erinnerungen sowie für Denkmäler und Skulpturen als Verkörperungen des kollektiven Gedächtnisses. Diese Achse zwischen dem Individuum und dem Kollektiv, der offiziellen und der alternativen Geschichtsschreibung sowie zwischen mündlicher und visueller Geschichte kennzeichnet die mnemotechnischen Korpografien dieser Werke, die bis zu drei Generationen umfassen. Wie werden diese bisher unerzählten, transgenerationalen Geschichten von Frauen des 20. Jahrhunderts („herstories“) ins Bildliche übersetzt?

 

14:30 Uhr Ankunft
Begrüßung: Melanie Franke (Leitung SNF-Projekt Geschichtsbilder in der
Gegenwartskunst), Ulrike Gerhardt (Post-Doc)

15:00 – 17:00 Uhr
Vorführungen von Marta Popivoda, Landscapes of Resistance, 2021, 4K, Farbe, Stereoton, 95 Min.
Lene Markusen, Revolutionary Women, 2021, HD, Farbe, Stereoton, Rohschnitt, 25 Min.

17:00 – 18:30 Uhr
Apéro (Getränke und Snacks)

Marta Popivoda, Landscapes of Resistance, 2021, Filmstill, 4K, Farbe, Stereoton, 95 min.; dargestellt ist ein 1958 in Belgrad errichtetes Monument der im Nationalsozialismus ermordeten kommunistischen Freiheitskämpferin und Medizinerin Vera Blagojevic (1920–1942), Bildhauerin: Vida Jocic

Freitag, 19. November 2021
Diskursives Programm

 

Workshop Panel I: Wie kann eine Landschaft sprechen?

In dem Film Landscapes of Resistance (2021) von Marta Popivoda wird eine
der ersten Partisan*innen Serbiens auf ihrer mentalen Reise in die Vergangenheit begleitet. Es handelt sich um Sonja Vujanović, die darüber hinaus ebenfalls eine der Anführer*innen der Widerstandsbewegung in Auschwitz war. Die Erinnerungen der 97-jährigen Zeitzeugin reisen durch die Zeit, durch Landschaften und entlang städtischer Monumente und enden in den Körpern der neuen Generation von Antifaschist*innen. Ausgehend von dieser multidirektionalen Erzählung umfasst das Panel drei disziplinäre Perspektiven: Die Filmemacherin Marta Popivoda, der Historiker Gal Kirn und die Kunsthistorikerin Jelena Vesic werden über die Spannung zwischen Geschichte und Erinnerung und die Herausforderung reflektieren, eine historisch-politische Landschaft in ein erzählerisches Medium zu transformieren.

 

9:00 Uhr
Ankunft
Begrüßung: Melanie Franke (Leitung SNF-Projekt Geschichtsbilder in der Gegenwartskunst), Ulrike Gerhardt (Post-Doc)

9:30 Uhr
Marta Popivoda


Landschaften des Widerstands: Das weibliche Gesicht des Krieges, oder Wie die Landschaft mit vielen Blicken bevölkern

Marta Popivoda wird ihren Film Landscapes of Resistance (2021) und die ihm vorausgehende langjährige künstlerische Recherche vorstellen, die in Zusammenarbeit mit der Theoretikerin und Dramaturgin Ana Vujanović durchgeführt wurde. Die Recherche ist als künstlerisch-politische Reise durch die Landschaften der antifaschistischen und kommunistischen Erinnerungen – insbesondere von weiblichen Partisaninnen – gedacht. Eine Reise, die sich nicht davor scheut, poetisch, affektiv und erfahrungsorientiert zu sein, und dabei das Problem der Auslöschung dieser Erinnerungen aus der Geschichte der heutigen europäischen Gesellschaft konzeptionell und rational umreißt.


9:55 – 10:20 Uhr
Diskussion

10:20 – 10:30 Uhr
Pause

10:30 Uhr
Gal Kirn


Filmisches Gegenarchiv: Emanzipatorischer (jugoslawischer) Antifaschismus heute

Die antifaschistische und partisane Erinnerung, ihre Erzählung und Darstellung, war seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs im sozialistischen Jugoslawien Teil der vorherrschenden Genreplattform. Es gab nur wenige filmische Versuche, die spezifische Vergangenheit im Sinne einer „Erinnerung an die Zukunft“ zu erzählen, zu zeigen und auf sie zu verweisen. Dieser Vortrag wird Vergleiche anstellen zwischen Marta Popivodas bahnbrechendem Film in einer Zeit nach der Beerdigung all dessen, was mit dem Sozialismus und Jugoslawien zu tun hatte, und Želimir Žilniks Aufstand in Jazak (1973), dem ersten Film, der zum kinematografischen Partisan*innengedächtnis von unten beitrug. Wie lässt sich heute die Partisan*innenvergangenheit aufgreifen, ohne der Jugonostalgie oder Partisan*innenunschuld zu erliegen?

 

10:55 – 11:20 Uhr
Diskussion

11:20 – 11,30 Uhr
Pause

11:30 Uhr
Jelena Vesic


Politische Landschaft, Kämpferische Frau, Zärtliche Umarmung …

Genossin Sonja – Revolutionärin, Partisanenkämpferin, KZ-Überlebende, alte Frau – wir begegnen ihrem Körper in einer Reihe von filmischen Nahaufnahmen – ihren Haaren, ihren Muttermalen, ihren Adern, ihrer faltigen Haut, ihren Händen, ihrem Blick. Sonjas Stimme spricht aus der Landschaft, aber es ist weder ein Zauber der Waldgöttin, noch eine allegorisierende Geste. In Landscapes of Resistance erhalten sowohl Sonja als auch die Landschaften ihre volle Präsenz und Autonomie, frei von der Pflicht zur Repräsentation. Die Regiearbeit von Marta Popivoda zeigt sie in einer zärtlichen Umarmung, als gute alte Genoss*innen. In diesem Vortrag wird ihr Film im Kontext des „politischen Landschaftsfilms“ und der breiteren Bildtradition der historischen Landschaft betrachtet.


11:55 – 12:20 Uhr
Diskussion

12:30 – 14:00 Uhr
Mittagspause


Workshop-Panel II: Unerzählte Geschichten von Frauen des 20. Jahrhunderts

Der teils dokumentarische, teils fiktionale Film Revolutionary Women (Fertigstellung ist für 2022 geplant) von Lene Markusen konzentriert sich auf die Migrationsgeschichte der 81-jährigen „Ella“. Sie ist das Kind von deutschstämmigen Zwangsarbeiter*innen aus Litauen, die von 1940 bis 1945 im Rahmen des „Heim ins Reich“-Programms in Deutschland arbeiteten. 1959, im Alter von 19 Jahren, kehrt „Ella“ nach einer Odyssee durch viele Flüchtlingslager nach Deutschland zurück, wo sie fortan lebt. Revolutionary Women untersucht mündliche Überlieferungen, um die Migration in der deutschen und europäischen Geschichte zu verorten. Die Filmemacherin Lene  Markusen, die Historikerin mit Schwerpunkt Gender Francisca de Haan und die Kunsthistorikerin Alexandra Köhring diskutieren über das vielfältige Potenzial der Fiktionalisierung von migrantischen Kriegs- und Nachkriegsbiografien des 20. Jahrhunderts.

 

14:00 Uhr
Lene Markusen

 

Fabulieren über eine litauisch-deutsche Nachkriegsbiografie

In Revolutionary Women (Fertigstellung ist für 2022 geplant) erzählt Lene Markusen die Migrationsgeschichte der Protagonistin „Ella“, einer in Litauen geborenen, 81-jährigen Aussiedlerin aus dem Rheinland, die den Zweiten Weltkrieg, ein Arbeitslager, Hunger, die Flucht aus einem Gulag-Transport und die Umsiedlung nach (West-)Deutschland während des „Wirtschaftswunders“ erlebte. Im Laufe des Films entwickelt Markusen Rollen selbstbewusster Schwestern und Komplizinnen, die verschiedene Stationen von „Ellas“ Leben verkörpern und usurpieren. In ihrem Vortrag wird Markusen die visuellen und fabulatorischen Strategien vorstellen, mit denen sie die transformativen Potenziale der europäischen Nachkriegserfahrung einer Migrantin erforscht.

 

14:25 – 14:50 Uhr
Diskussion

14:50 – 15:00 Uhr
Pause

15:00 Uhr
Francisca de Haan


Frauenmigration und politischer Aktivismus – Einige Überschneidungen in der jüngeren europäischen Geschichte

Migration ist ein Schlüsselelement der europäischen Geschichte – und das schon seit Jahrhunderten. Frauen sind in Städte migriert, um Arbeit zu finden (oft als Hausangestellte); sie sind vor vielen Formen von (sozialer, wirtschaftlicher, sexueller, kriegsbedingter) Gewalt geflohen oder weggezogen. Die Geschichte dieser Frauen und ihr geschlechtsspezifischer und politischer Aktivismus werden oft in den etablierten Historiografien oder Begriffen von Migration nicht berücksichtigt. Die filmische Arbeit von Lene Markusen konzentriert sich auf die Komplexität der Migration und ihre grundlegende Rolle im Leben einer Frau. In ihrem Vortrag wird Francisca de Haan Beispiele für organisierte Aktivitäten von Frauen zur Unterstützung anderer Migrant*innen und Geflüchteten in der Nachkriegszeit erörtern und untersuchen, wie sich ihre Geschichten und Erzählungen reaktivieren lassen, einschließlich der Rolle des Künstlerischen in diesem Prozess.

Lene Markusen, Revolutionary Women, 2021, Filmstill, HD, Farbe, Stereoton, Rohschnitt, 25 Min.; dargestellt sind vier Performerinnen während einer Reinszenierung domestischer Aktivitäten auf einer mit Gras bewachsenen Mülldeponie in Florenz, Italien.

15:25 – 15:50 Uhr
Diskussion

15:50 – 16:00 Uhr
Pause

16:00 Uhr
Alexandra Köhring


Künstlerische Fiktionen und Handlungen: Filmische Erzählungen von NS-Verbrechen

Alexandra Köhring wird in ihrem Vortrag Beispiele für fiktionale Dokumentarfilme als ein Mittel des transgenerationalen Erinnerns an die NS-Verbrechen vorstellen. Der Vortrag beginnt mit einer Einführung in historische Ansätze, die NS-Verbrechen als Spuren in Körpern und Habitus zeigen. Im Vergleich mit Revolutionary Women „Ella“, dem Kind von Zwangsarbeiter*innen, wird die Referentin auf aktuelle fiktionale Dokumentarfilme über Opfer der Shoah eingehen. Wie stellen Filmemacher*innen Körperpraktiken und Habitus dar, um Handlungsoptionen zu gewinnen?

16:25 – 17:00 Uhr
Abschlussdiskussion & Konklusion

 


Workshop Konzeption und Organisation
Ulrike Gerhardt

 

Anmeldung
Interessierte melden sich bitte bis zum 10. November 2021 bei Ulrike Gerhardt unter der E-Mail-Adresse ulrike.gerhardt@fhnw.ch für die Teilnahme am Workshop an. Die Teilnehmer*innenzahl ist begrenzt.

 

Projektwebseite
www.gbgk.ch

 

Der Workshop findet in Kooperation mit dem Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam (ZZF) und dem Online-Portal Visual-History.de statt.

 

Kurzbiografien
Melanie Franke leitet an der Hochschule für Gestaltung und Kunst (FHNW) in Basel das vom Schweizerischen Nationalfonds geförderte Forschungsprojekt Geschichtsbilder in der Gegenwartskunst, wo sie seit 2009 als Professorin für Kunstgeschichte und Forschung arbeitet. Derzeit wechselt sie an die Universität Potsdam und übernimmt einen Lehrstuhl für Kunstwissenschaft. Zudem arbeitet sie als Kuratorin für den Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart – Berlin. Der zweite Band zum Thema „Erzählen und Wissen“ über Gespräche mit Künstler*innen ist in Arbeit und soll 2022 erscheinen.

Ulrike Gerhardt arbeitet als Post-Doc im Rahmen des SNF-Projektes Geschichtsbilder in der Gegenwartskunst mit den Schwerpunkten Geschichte in der Kunst nach 1989/91, Gender und transgenerationale Erinnerung an der Hochschule für Gestaltung und Kunst (FHNW) in Basel. In ihrer Dissertation forschte sie zu videokünstlerischen Arbeiten der „Generation Transformation“ im Kontext sich wandelnder europäischer Erinnerungskulturen.

Francisca de Haan ist Professorin für Gender Studies und Geschichte an der Central European University (Wien), wo sie auch die Abteilung für Gender Studies leitet und Co-Direktorin von MATILDA (European Master in Women‘s and Gender History) ist. Derzeit arbeitet sie an einem Sammelband über kommunistische Aktivistinnen in aller Welt (Palgrave McMillan, 2022).

Gal Kirn hat an der Universität Nova Gorica in Kulturtheorie und Philosophie promoviert. Er arbeitet an der Schnittstelle von Kultur-, Erinnerungs-, Politik- und Geschichtswissenschaften und hat kürzlich ein Buch „Partisan Counter-Archive“ (De Gruyter, 2020) veröffentlicht und den Band „Nights of the Dispossessed. Riots Unbound“ (Columbia Press, 2021). Er arbeitet als Leiter einer Forschungsgruppe an der Kunstfakultät der Universität Ljubljana.

Alexandra Köhring (PhD) ist Kunsthistorikerin und arbeitet bei der Stiftung Hamburger Gedenkstätten und Lernorte zur Erinnerung an die
NS-Verbrechen in der KZ-Gedenkstätte Neuengamme. Sie hat über Kunst und Architektur in der Sowjetunion und den Wiederaufbau zerstörter Städte nach dem Zweiten Weltkrieg geforscht. Seit einiger Zeit beschäftigt sie sich mit der Kunst und der Erinnerung an die NS-Verbrechen.

Lene Markusen ist bildende Künstlerin, Drehbuchautorin und Filmregisseurin. Ihr alltagsethnologischer und kinematografischer Blick auf weibliche Subjektivitäten suggeriert historische Diskontinuitäten als katalytische Momente. Bis 2017 war sie Professorin an der Hochschule für bildende Künste Hamburg. Kürzlich veröffentlichte sie ihr Künstlerinnenbuch „Sisters Alike: Female Identities in the Post-Utopian“ (Spector Books, 2019). Im Jahr 2021 erhielt sie den Villa Romana-Preis.

Marta Popivoda ist Filmemacherin und Videokünstlerin. Ihr Dokumentarfilm Yugoslavia, How Ideology Moved Our Collective Body wurde auf der 63. Berlinale uraufgeführt und ist Teil der ständigen Sammlung des MoMA in New York. Ihre Arbeiten wurden auch in großen Institutionen wie der Tate Modern London, dem MoMA und dem MAXXI Rom ausgestellt. Ihr neuer Film Landscapes of Resistance wurde im Tiger-Wettbewerb des IFFR 2021 uraufgeführt und gewann mehrere Preise.

Jelena Vesic promovierte in Kunst- und Medientheorie. Sie ist in der Publikations-, Forschungs- und Ausstellungspraxis tätig, die politische Theorie und zeitgenössische Kunst miteinander verknüpft. Zuletzt erschienen sind „On Neutrality“ (Non-Aligned Modernity, 2017; mit V. J. Vlidi und R. O’Reilly), „Yugoslav Art Space. Critic in the First Person“ (mit B. Dimitrijevi ́c und J. Denegri, 2021) und der gemeinsam herausgegebene Band „Feminist Takes“ (mit A. Majaca Initiatorin des Projekts und R. O’Reilly, 2021).

 

Dank
Dem Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung sei für die konstruktive Kooperation und die Bereitstellung des großen Seminarraumes gedankt.

Catering
Genusswerkstatt, Potsdam

 

 

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