Klimagipfelkunst

Kunst und politisches Event, 1972-2022

Zusammenstellung des UNFCCC (United Nations Framework Convention on Climate Change) zum 1. Tag der COP21 in Paris, 2015, UNclimatechange, Quelle: Flickr CC BY 2.0

Auf dem Pariser Place du Panthéon schmelzen zwölf Eisblöcke, arrangiert wie das Ziffernblatt einer Uhr. Diese Gletscherstücke sollen den Klimawandel verbildlichen. Sie wurden auf einem Containerfrachter von Grönland zu einem besonderen Anlass nach Kontinentaleuropa transportiert. Parallel findet nämlich nicht nur die 21. Klimakonferenz statt – im nahegelegenen Rathaus wird auch der erste Klimagipfel für „Local Leaders“ von Bürgermeisterin Anne Hidalgo und Bloomberg Philanthropies ausgerichtet. Der Multimilliardär Michael R. Bloomberg setzt sich auf den Klimagipfeln bereits seit Jahren für wirtschafts- und marktfreundliche Maßnahmen gegen die Klimakrise ein und ist Sponsor der Installation Ice Watch des Künstlers Ólafur Elíasson. Von Journalist*innen und Klimaschützer*innen wird Bloomberg u.a. für seine Investitionen in Erdgas und Öl kritisiert.

Auch der große CO2-Abdruck von Elíassons Beitrag zum Klimagipfel rief Kritik hervor. Der Künstler reagierte, indem er an eine gemeinnützige Umweltschutzorganisation spendete: eine Variation der viel kritisierten Carbon Offsets (Klimakompensationen). Dies ist nur eines von vielen Beispielen der Klimagipfelkunst, in der konkrete klimapolitische Praktiken zum Einsatz kommen (Kompensation von CO2-Emissionen). Charakteristisch ist zudem die Kooperation ökonomischer und politischer Akteur*innen mit Künstler*innen, wobei die Kunst nicht zuletzt eine Werbefunktion für den Sponsor einnimmt – im Falle Bloombergs etwa, um dessen vermeintliches Engagement für den Klimaschutz öffentlichkeitswirksam zu untermauern.

Olafur Eliassons Ice Watch auf dem Place du Panthéon, COP21 in Paris, 2015, UNclimatechange, 3. Dezember 2015, Fotograf*in unbekannt. Quelle: Flickr CC BY 2.0

Bereits die ersten internationalen Umweltkonferenzen der Vereinten Nationen (UN) nahmen Künstler*innen zum Anlass für Werke, die mit Blick auf und anlässlich dieser politischen Gipfel konzipiert wurden. Während die Treffen zu Umwelt und Entwicklung zwischen 1972 und 1992 in Abständen von fünf bis zehn Jahren stattfanden, etablierten die UN ab 1995 die sog. Conference of the Parties (COP) als ein jährliches internationales Verhandlungsforum von Delegierten aus Politik, Wissenschaft, Wirtschaft und Nichtregierungsorganisationen (NGOs) zu Maßnahmen angesichts des Klimawandels. Zahlreiche Kunst- und Ausstellungsprojekte, ebenso wie künstlerischer Aktivismus sind in diesen Kontexten zu etablierten Begleiterscheinungen und konstitutiv für die Gipfel als Mega-Medienevents geworden. Kunst in den verschiedensten Ausformungen bespielt anlässlich der Konferenzen traditionell Stadträume und Institutionen. Dieses Phänomen und seine Geschichte sind bislang unerforscht.

Das Projekt untersucht somit erstmals die „Klimagipfelkunst“ als einen Korpus, um daran exemplarisch Spezifika und Entwicklungen im Verhältnis von Kunst zu Politik, Gesellschaft und Wirtschaft seit den 1970er Jahren zu eruieren. Es macht sich vor diesem Hintergrund zur Aufgabe, Positionierungen und Institutionalisierungen der Kunst im Rahmen politischer Gipfel zu untersuchen. Durch Workshops und Kooperationen soll die Thematik zudem auf weitere Anlässe erweitert werden, beispielsweise auf Kunstprojekte anlässlich von G8- oder G20-Gipfeln, Weltwirtschaftsforen oder auch von politischen und institutionellen Jahrestagen.

Ein Hauptinteresse des Projekts gilt den politischen, infrastrukturellen und materiellen Voraussetzungen von Kunstpräsentationen, wobei fortlaufend auch im weitesten Sinne soziale Merkmale der Künstler*innen und anderer Beteiligter einbezogen werden. So stellt sich beispielsweise die Frage, ob die Klimagipfelkunst von Akteur*innen des Globalen Nordens dominiert wird bzw. ob und wie sich das Verhältnis im Laufe von 50 Jahren Klimagipfelkunst verändert hat. Als Arbeitsinstrument dient eine Datenbank, die alle recherchierten Projekte verzeichnet und zusätzliche Informationen wie zu den Herkünften und Arbeitsorten der Künstler*innen, zu mehrfach gezeigten Werke als auch zu bestimmten Förderinstitutionen transparent macht. Diese umfangreiche Aufstellung soll zum Abschluss des Projekts als Chronik veröffentlicht werden.

Der Anspruch der geplanten Monografie liegt nicht darin, einen vollständigen Überblick zur Geschichte der Klimagipfelkunst zu vermitteln. Vielmehr wird exemplarisch anhand thematischer Schwerpunktsetzungen die Kunst etwa in ihrer Beziehung zu den jeweils historisch spezifischen politischen und gesellschaftlichen Debatten erforscht – wie beispielsweise künstlerische Positionierungen zu Überbevölkerungsdiskursen in den frühen 1990er Jahren. Dabei wird in der Untersuchung auf ein wesentliches methodisches Desiderat in der Kunstgeschichte reagiert: Zeitgenössische künstlerische und kuratorische Projekte werden in ihrer institutionellen Verortung und innerhalb kulturpolitischer Förderprogramme sowie unter weiteren sozialen Rahmenbedingungen analysiert, um einen differenzierten Blick auf die Bedingungen des Ausstellens und künstlerischer Praktiken im Globalen Süden und im Globalen Norden zu gewinnen.

Neben Kunst- und Kulturinstitutionen werden auch „kunstfremde“ Akteur*innen in den Blick genommen, die als Kunst-Förder*innen in Erscheinung treten und durch die Auswahl sowie Vermittlung der Projekte maßgeblich mitbestimmen, welche Kunstwerke in welcher Weise in der Öffentlichkeit sichtbar werden. Neben Stiftungen, gemeinnützigen Organisationen und NGOs liegt ein Schwerpunkt auf dem Sponsoring durch multinationale Konzerne: Das Projekt fragt spezifisch danach, auf welche Weise und mit welchen Interessen Konzerne Kunst im Rahmen der Gipfel fördern. Es wird analysiert, in welchem Verhältnis Kunst und Sponsor stehen – welche Themen, Inhalte, Ästhetiken sowie auch Ideologien über die Klimagipfelkunst transportiert werden. Eingeordnet werden diese Untersuchungen in Debatten rund um die Themen der Corporate Social Responsibility, der vielfach problematisierten Social License to Operate und des Greenwashing, wobei auch Aktivitäten wie Lobbying der Konzerne auf den Gipfeln und ihre Positionierung innerhalb aktueller Klimapolitik und -debatten einbezogen werden.

Ein besonderes Interesse gilt außerdem den Diskussionen zur vermeintlichen Wirkmacht von Kunst mit Blick auf die Klimakrise. Eruiert werden die damit zusammenhängenden Rhetoriken und deren Verankerung in den verschiedenen „Turns“ (instrumental, social, ethical) in Kulturpolitik, Kunstkritik und Kunst seit den 1980er Jahren. Vor diesem Hintergrund werden wiederkehrende Motive sowie Materialien (z.B. schmelzendes Eis) und Themen (z.B. Migration) ebenso wie spezifische künstlerische Strategien (z.B. partizipative, spendenbasierte Kunst), die Integration klimapolitischer Richtlinien in die Kunstpraxis (z.B. Sustainable Development Goals, Carbon Offsets) sowie die Rezeption und Verbreitung der Klimagipfelkunst in den Medien erforscht.

Die Studie verspricht somit nicht nur einen neuen Blick auf das Phänomen ökologisch engagierter Kunst. Innerhalb des historischen Rahmens von fünfzig Jahren (1972-2022) sowie der internationalen Austragungsorte der Gipfel wird einer Geschichte der politischen Funktionen sowie Verwendungsweisen von Kunst ebenso wie dem Phänomen der Globalisierung von Kunst nachgegangen. Insgesamt wird eine modellhafte Studie für eine kontextbewusste Kunstgeschichtsschreibung entstehen, die kunst- und kulturhistorische Analysen mit soziologischen und politikhistorischen Fragen verbindet.

 

http://www.kunstgeschichte.hu-berlin.de/forschung/laufende-forschungsprojekte/klimagipfelkunst

https://gepris.dfg.de/gepris/projekt/451978827

gefördert von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), 2021-2024

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