Aktion, Reaktion, Transformation:
Die DDR in der Kunst nach dem Mauerfall

 

Sommer 1990. Vor wenigen Monaten war die Berliner Mauer gefallen, und seitdem wurde auf politischer Ebene heftig um die Zukunft von Ost- und Westdeutschland gestritten. In diesen turbulenten Monaten lud die Stadt Düsseldorf Künstler:innen aus der Partnerstadt Chemnitz (ehemals Karl-Marx-Stadt) ein, ihre Werke auszustellen. Kurze Zeit später reisten 16 Künstler:innen aus Düsseldorf nach Chemnitz, um diesmal eine gemeinsame Ausstellung mit ebenso vielen Kunstschaffenden aus der Region zu realisieren. Unter der Schirmherrschaft des neu gegründeten Kunstvereins Chemnitzer Kunsthütte e.V. wurden vom 22. Juni bis zum 20. Juli 1990 die Büroräume der vor kurzem geräumten Stasi-Bezirksverwaltung für die Ausstellung genutzt.

Unter den Westdeutschen befand sich auch die aus den USA stammende Liz Bachhuber (*1953 in Milwaukee, Wisconsin, USA), die heute Professorin für Freie Kunst an der Bauhaus-Universität Weimar ist. In den Büroräumen entdeckte sie zahlreiche Hinterlassenschaften der Staatssicherheit, darunter Schlüssel, Garderobenständer und Aktenordner. Sie sammelte das für sie fremde Material und schuf daraus zeitgenössische Reflexionen, welche die Titel Quasi bei der Stasi und Vertrauter Kämpfer erhielten. Neben den Werken von Bachhuber kann von 1989 bis heute ein großes Konvolut an Kunstwerken ausgemacht werden, für das materielle Relikte der DDR gesammelt und in künstlerische Projekte integriert wurden.

Ein Teil dieser Künstler:innen widmete sich in den folgenden Jahrzehnten jenen sozialistischen Denkmälern, die mit dem Systemwechsel abgerissen oder in Archive verfrachtet wurden. Sebastian Jung (*1987 in Jena) beispielsweise brachte 2015 eine Karl-Marx-Büste aus dem Depot der Universität Jena für drei Tage in die Öffentlichkeit zurück. Im Rahmen einer künstlerischen Intervention stellte er das Objekt im griechischen Bistro eines Einkaufszentrums aus, wo es wie ein Fremdkörper zwischen der kitschigen Dekoration aus Fototapete und Plastikpflanzen wirkte. Damit reagierte er auf eine seit Jahren geführte Debatte darüber, ob die Büste wieder in der Stadt Jena ausgestellt werden dürfe oder nicht. Die eigentliche Frage, die sich aber in dieser Debatte stellt, bezieht sich darauf, was die Karl-Marx-Büste tatsächlich repräsentiert. Ist sie ein Denkmal für den Philosophen und Ökonomen Karl Marx? Steht sie für die Utopie einer besseren Gesellschaft? Oder ist sie vielmehr Propaganda der SED-Diktatur und erinnert an die einseitige Auslegung der Marx’schen Lehre in der von Parteitreuen kontrollierten Universität?

La Dolce Vita (2015), Ausstellungsansicht Neue Mitte Jena. Fotograf: Sebastian Jung ©

Nicht nur die steinernen Hinterlassenschaften der SED und der Stasi kehrten in Kunstwerken in den öffentlichen Raum zurück. Auch banale Alltagsgegenstände wurden immer wieder als Material auserkoren. So etwa von Inken Reinert (*1965 in Jena), die sich seit 2001 intensiv mit der klassischen DDR-Schrankwand auseinandersetzt. Nach dem Zusammenbruch der DDR landeten die Möbelstücke vielfach auf dem Sperrmüll oder in den Kellern der einstigen Nutzer:innen. Reinert baut aus diesen modular konzipierten Schrankelementen neue, ortsspezifische Skulpturen, die stets im Dialog mit der sie umgebenden Architektur stehen.

Parallel und manchmal innerhalb eines Kunstwerkes werden seit 1989 nicht nur Materialien, sondern die Zeitzeugenschaft selbst in der Kunst verarbeitet. Einerseits werden Zeitzeugeninterviews oder -porträts angefertigt und künstlerisch interpretiert. So luden Tina Bara (*1962 in Kleinmachnow) und Alba d’Urbano (*1955 in Tivoli, Italien) ehemalige Leistungsschwimmerinnen ein, sich in jener Pose fotografieren zu lassen, in der sie einst ihre Medaillen auf dem Siegerpodest entgegengenommen hatten.

Andererseits wurde die eigene Erfahrung des Lebens und Aufwachsens in der DDR anhand von Dokumenten künstlerisch aufgearbeitet. Eines der bekanntesten Beispiele hierfür ist Cornelia Schleimes Abrechnung mit der Stasi. Als oppositionelle Künstlerin wurde sie von einem IM ausspioniert, in ihrer Abwesenheit wurde ihre Wohnung durchsucht, und ihre Nachbarn wurden ohne ihr Wissen befragt. Nach Einsicht in ihre Stasi-Unterlagen „korrigierte“ sie diese mit eigenen Fotografien – zu sehen in ihrer Serie Bis auf weitere, gute Zusammenarbeit, Nr. 7284/85 (1992/1993).

Picknick mit Stachelbeerkuchen: Bielatal 1956 von W-H Schlegel / Dresdner Elbwiesen 1991, Nachinszenierung von Christine Schlegel ©

Das Promotionsprojekt Aktion, Reaktion, Transformation: Die DDR in der Kunst nach dem Mauerfall (Arbeitstitel) hat sich zum Ziel gesetzt, eine erstmalige Übersicht und Kategorisierung der künstlerischen Auseinandersetzungen mit der DDR nach 1989 zu erstellen. Dabei werden die Zeitzeugnisse ebenso wie die Zeitzeugenschaft als Material in der Kunst ergründet und gegenübergestellt. Zur Erforschung des Themas wurden zwei Eingrenzungen vorgenommen. Der Zeitraum wurde auf dreißig Jahre, von 1989 bis 2019, festgelegt. Weiterhin werden fast ausschließlich Werke aus dem Bereich der Foto-, Video- und Installationskunst analysiert, da die Verarbeitung der Geschichte der DDR vornehmlich in diesen Gattungen stattfindet. Diese Vorgehensweise folgt dem allgemein zu beobachtenden Trend in der Gegenwartskunst, sich auf diese Weise mit historischen Ereignissen zu befassen. Diese Engführung ergibt sich somit aus dem vorhandenen Konvolut und dient der besseren Vergleichbarkeit der Werke.

Der übergeordnete Rahmen des interdisziplinär angelegten Forschungsprojekts bezieht sich auf die Fragen, wie die Kunst im Verhältnis zu anderen Formen kultureller Erinnerungen das Erbe der DDR verhandelt und wie sie sich zu den bestehenden Traditionen kollektiver und individueller Erinnerung verhält. Traditionell findet die Aufarbeitung der Vergangenheit in Institutionen wie Gedenkstätten und Bildungsorten statt, häufig angegliedert an universitäre Forschungsprojekte.

Mit dem Verschwinden der Zeitzeug:innen werden mediale Repräsentationen immer wichtiger – oder, kulturwissenschaftlich ausgedrückt: Das kommunikative wird durch das kulturelle Gedächtnis abgelöst (Jan und Aleida Assmann). Die ausgewählten Kunstwerke bewahren nicht nur diese Zeugnisse, sondern vermitteln gleichzeitig eine eigene Deutung des Objekts, das damit selbst wiederum zum Zeitzeugnis wird. Die Künstler:innen adaptieren dafür Methoden der Geschichtswissenschaften, der Archäologie oder der Soziologie und bewegen sich auf dem Feld der Künstlerischen Forschung. Sie erzeugen mit dieser Strategie differenzierte Perspektiven auf die deutsch-deutsche Vergangenheit – jenseits der auch nach dreißig Jahren noch bestehenden Vorurteile und Vereinfachungen zwischen Ost und West.

Die Dissertationsschrift soll somit einen Überblick und eine erstmalige Kategorisierung der Integration von Zeitzeugnissen und Zeitzeugenschaften als Material in der Foto-, Video- und Installationskunst zwischen 1989 und 2019 geben. Die Analysen erfolgen wortwörtlich nach der Methodik der Kunst/Geschichte: So wird die kunstwissenschaftliche Erschließung der Werke mit einer Darstellung und Interpretation des historischen Kontextes des Ausgangsmaterials zusammengeführt. Schließlich wird unter erinnerungskulturellen Vorzeichen beleuchtet, welche Bedeutungen der materiellen und immateriellen Spuren der DDR-Zeit die Gegenwartskunst hervorbringt.

 

Das Promotionsprojekt wird ermöglicht durch ein Vollzeit-Stipendium des International Graduate Centre for the Study of Culture (GCSC), Justus-Liebig-Universität Gießen,

https://www.uni-giessen.de/faculties/ggkgcsc/about-us/doctoral-researchers/profiles/marpert.

Die Entwicklung des Promotionsprojekts wurde gefördert durch ein Anschubstipendium des Europäischen Kollegs Jena. Das 20. Jahrhundert und seine Repräsentationen.

 

Output:
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