Gerahmte Gewalt

Private Fotoalben von Deutschen im „Osteinsatz“ während des Zweiten Weltkriegs

Empirisch fundierte Studien zur Produktion, Funktion und Wirkung von privaten Fotoalben im „Dritten Reich“ sind selten.[1] Forschungsdefizite bestehen selbst für Alben von Deutschen, die in der osteuropäischen Kernregion des Holocaust eingesetzt waren und ihre Kriegseindrücke nach Hause brachten. Dieser Befund erstaunt umso mehr, als Alben weitaus besser als lose Fotos Geschichten erzählen, deren Inhalte und Lesarten trotz der fixen, scheinbar unveränderlichen Sequentialität der Bilder hochgradig flexibel sind und sich für Erinnerungsdiskurse im Kontext kollektiver Identitätsstiftung besonders eignen.

 

Abb. 1: Seite aus dem Album „Der Feldzug in Polen“ von Wehrmacht-Leutnant W., August 1939; Quelle: Bundesarchiv Abt. Militärarchiv Freiburg (MSG 2/19124) mit freundlicher Genehmigung. Vergrößern

In Bild- und Schrifttext des Albums werden Bezüge zur historischen Wirklichkeit bewusst hergestellt, verzerrt oder zerstört, nicht nur beim Zusammenstellen der Fotos und Bildunterschriften, sondern auch später bei der Betrachtung eines Albums. Die Fotos genuin immanente Spannung zwischen fixem Bild und seiner variablen Interpretation erhöht sich mit Blick auf Alben, in denen Kriegsdienst und Privatleben, Gewalt und Banales in einem vom Albumautor oder der Autorin bewusst konstruierten, nach dem Krieg oft veränderten Erzähl- und Rezeptionskontext zusammenfließen. Auf der Basis ihrer bahnbrechenden Forschung zur Bildproduktion deutscher Soldaten erkennt die Kunsthistorikerin Petra Bopp in Fotoalben einen „Narrationsraum für die subjektive Konstruktion der Erinnerung des Autors“; die unklare Mischung aus persönlicher Wahrnehmung und regimeoffiziellen Vorgaben bildet ab, „wie der Krieg gesehen wurde – nicht, wie er war“.[2]

 

Abb. 2: Seite aus einem Album von Wehrmacht-Hauptmann Hermann W. mit Fotos aus Nordrussland und Ostpreussen, August 1941; Quelle: Sammlung Jürgen Matthäus. Vergrößern

Das Projekt untersucht auf der Basis einer vergleichenden Analyse von mehr als 300 privaten Fotoalben, inwieweit deren selektive Erzählung vom Krieg die von Deutschen verursachte Gewalt thematisiert, wie es die in der Gegenwart so präsenten Bilder von Holocaust und Massensterben erwarten lassen. Es zeigt sich, dass stattdessen die eigenen Kriegsopfer – sei es physisch in Gestalt getöteter Familienmitglieder und gefallener Kameraden, materiell als zerstörte Besitztümer oder mental als Trauma der Niederlage – im narrativen Zentrum stehen.

Damit unterstreichen diese Alben, was für die literarische, mediale und familiengebundene Kriegsrezeption nach 1945 als belegt gelten kann.[3] Doch die in West- und Ostdeutschland zum Kollektivmythos stilisierte eigene Opferschaft bot schon vor Kriegsende keinen Raum für das Leid der Anderen. Sie fand ihren ursprünglichsten Ausdruck und ihre bis in die Gegenwart reichende Bestätigung in Privatalben.

 

 

[1] Siehe: Petra Bopp, Fremde im Visier. Fotoalben aus dem Zweiten Weltkrieg, Bielefeld 2009; dies., Images of Violence in Wehrmacht Soldiers’ Private Photo Albums, in: Jürgen Martschukat/Silvan Niedermeier (Hg.), Violence and Visibility in Modern History, New York 2013, S. 181-197. Zum Kontext: Timm Starl, Knipser. Die Bildgeschichte der privaten Fotografie in Deutschland und Österreich von 1880 bis 1980, München 1995; Peter Jahn/Ulrike Schmiegelt (Hg.), Foto-Feldpost. Geknipste Kriegserlebnisse 1939-1945, Berlin 2000; Anton Holzer (Hg.), Mit der Kamera bewaffnet. Krieg und Fotografie, Marburg 2003; Gerhard Paul, Bilder einer Diktatur. Zur Visual History des „Dritten Reiches“, Göttingen 2020.

[2] Bopp, Fremde im Visier, S. 10.

[3] Siehe dazu u.a.: Robert G. Moeller, War Stories: The Search for a Usable Past in the Federal Republic of Germany, Berkeley 2001; Harald Welzer/Sabine Moller/Karoline Tschuggnall, „Opa war kein Nazi“. Nationalsozialismus und Holocaust im Familiengedächtnis, Frankfurt a.M. 2002; Sabine Moller, Vielfache Vergangenheit. Öffentliche Erinnerungskulturen und Familienerinnerungen an die NS-Zeit in Ostdeutschland, Tübingen 2003; Margit Reiter, Die Generation danach: Der Nationalsozialismus im Familiengedächtnis, Innsbruck 2006; Bill Niven (Hg.), Germans as Victims: Remembering the Past in Contemporary Germany, Basingstoke/New York 2006; Samuel Salzborn, Kollektive Unschuld. Die Abwehr der Shoah im deutschen Erinnern, Berlin 2020.

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