Heimat heute –

oder: Jeder hat sein Nest im Kopf. Transformationen ins vereinte Deutschland im Spiegel sächsischer Lokal-Fernsehprogramme (1990-1995) und ihre heutige Relevanz

In der Sattelzeit von 1990 bis 1995 nach dem Fall der Mauer kam es zu einem Zusammenprall der Kulturen West vs. Ost. Bei diesem Aufeinandertreffen war die Macht einseitig verteilt, und teilweise zeitversetzt spielte sich ein ähnlicher Prozess in allen post-kommunistischen mittel- und osteuropäischen Staaten ab. Die etwa 40 sächsischen Lokalfernsehprogramme dieser Sattelzeit stellen einzigartige historische, audio-visuelle Quellen für das kulturelle Gedächtnis eines der wichtigsten historischen Einschnitte in der Geschichte des 20. Jahrhunderts dar, weit über Sachsen hinaus: die neue „Große Transformation“[1] in eine neue Heimat im sich vereinigenden Deutschland. Ab 1990 hielten die lokalen, noch nicht formatierten Programme die epochalen Umbrüche im Mikrokosmos der Nahwelt fest. Diese Bottom-Up-Bilder standen im expliziten Gegensatz zum vorher staatlich gelenkten medialen Top-Down-Prozess der DDR-Medien. Sie bilden eine Ikonografie „von unten“, die in Westdeutschland ein Jahrzehnt früher mit der Amateur-Videobewegung (VHS, Betamax) eingesetzt hatte.

Ikonisch für die ersten fünf Jahre des Umbruchs und die „Große Transformation“ (Philipp Ther): Sprengung von Industrieanlagen, hier die Brikettfabrik Laubusch © Laubuscher Heimatkanal

Die Sicherung, Erschließung und Analyse der lokalen Fernsehprogramme als audio-visuelles Kulturgut und deren heutige Wiederaufführung vor Angehörigen der Vor-Wende-, der Wende- und der Nach-Wende-Generationen[2] trägt zur Revision „vertrauter“ Darstellungen, Positionen und Beurteilungen dieser Sattelzeit bei, wie unsere bisherigen Programm-Analysen und Auswertungen der Fokusgruppen-Gespräche belegen.

Noch wenige Wochen zuvor völlig undenkbar: Unverblümt fragt am Tag vor der ersten und letzten freien Volkskammerwahl am 18. März 1990 die Reporterin des Stadtfernsehens Leipzig einen Volkspolizisten, was er wählen werde. Prognosen des Wahlausgangs möchte sie auch von Schüler*innen, einem Mann auf einer Bank, einer Hannoveranerin und von zwei Bayern erfahren. Letztere meinen, dass die CSU sicher gewinnen würde. © Stadtfernsehen/ Studio Leipzig

Dreißig Jahre nach dem Beginn des Vereinigungsprozesses sind ein guter zeitlicher Abstand, aus dem heraus diese drei Generationen sowohl in Ost als auch in West aus „kühler“ Distanz besser verstehen, wie ihre Identität durch das historische Schlüsselereignis der Grenzöffnung und des Endes des Kalten Kriegs verändert bzw. neu geprägt wurde. Und der Abstand wird der heutigen jüngeren Generation sowie den nachfolgenden Generationen helfen, ihre Wurzeln zu finden und nachzuvollziehen, wie ihre Identitäten geformt wurden. Das hat Relevanz für Ost und West.

Programm-Analysen, wissenschaftlich gewichtete Präsentationen und Kontextualisierungen der audio-visuellen Quellen werden das „exkarnierte Gedächtnis“[3] gegenwärtiger und künftiger Generationen als kulturelles Funktionsgedächtnis wesentlich mitgestalten. Weit mehr als schriftliche Quellen, aber auch als Fotografien, sind diese bewegten Fernsehbilder und -töne geeignet, Erinnerung und Anschauung eines entscheidenden Abschnitts der jüngsten Zeit-, Sozial- und Kulturgeschichte hervorzurufen und zu re-aktivieren.

Der kleinen Gemeinde Laubusch (Lausitz) mit hoher Arbeitslosigkeit werden 1993 deutschstämmige Aussiedler*innen aus Kasachstan zugewiesen und freundlich vom Bürgermeister begrüßt. Der evangelische Pfarrer Gerd Simmank, Reporter vor Ort und Leiter des Lokalfernsehens, lässt die Kamera in die Schmuddelecken der ehemaligen Brikettarbeiter-Unterkunft blicken und mahnt eine menschenwürdige Unterbringung der neuen Laubuscher Gäste an. © Laubuscher Heimatkanal

Die Relevanz der Programme der Lokalfernsehsender liegt in ihrem Beitrag zum kulturellen Gedächtnis der Sattelzeit. Im Laufe der Zeit, bei Neuinterpretationen und der Wiederverwendung in verschiedenen Bildungskontexten, aber auch bei Neukompilationen und Interpretationen in neuen Fernsehsendungen, hat dieses exkarnierte Mediengedächtnis das Potenzial, wieder in den Erfahrungs- und Erinnerungskanon gegenwärtiger und zukünftiger Individuen zurückzufließen und diese damit neu zu „inkarnieren“; und das bei denen, die bereits als Zeitzeug*innen an den Ereignissen teilgenommen haben, aber auch bei denen, die sie „nur“ als Kinder und Jugendliche erlebt haben, und durchaus auch bei solchen, die zur Zeit der mediatisierten Ereignisse noch nicht geboren waren.

Tamara Danz (Silly) spricht 1994 Backstage über die Probleme Jugendlicher, die keine Treffpunkte mehr hätten, weil die Jugendzentren nicht mehr existierten und daher immer mehr von ihnen Autos knacken würden – sie sollten doch lieber in Silly-Konzerte gehen. © Stadtfernsehen/Studio Leipzig

Insofern liegt die Bedeutung des Projekts nicht nur in der Vergangenheit, sondern auch darin, die Wurzeln heutiger Vereinigungsprobleme, Klischees und Radikalisierungen in den analysierten Programmen und ihren öffentlichen Diskussionen freizulegen. Die grundlegende Hypothese des Forschungsprojekts lautet: Analysen der Programme der lokalen Fernsehsender in den neuen Bundesländern am Beispiel Sachsens (1990-1995) sowie die re-aktualisierte Erfahrung aus heutiger Sicht (Fokusgruppen) können verschüttete bzw. verdrängte Sachverhalte, Fakten, Gefühle und Kontexte aufdecken sowie Erklärungen für die Wurzeln gegenwärtiger sozialer und politischer Diskurse im vereinigten Deutschland bieten.

 

Leipziger Institut für Heimat- und Transformationsforschung (LIHT)

Publikationen aus dem LIHT: Judith Kretzschmar/Rüdiger Steinmetz, Land im Umbruch. Erfahrungen, Enttäuschungen, Erfolge im Spiegel sächsischer Lokalfernsehprogramme, Leipzig 2020, https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:bsz:15-qucosa2-725165

Judith Kretzschmar/Rüdiger Steinmetz, Abbruch, Umbruch, Aufbruch: Programme des sächsischen Lokalfernsehens in der Nachwendezeit 1990-1995, in: ils S. Borchers/Selma Güney/Uwe Krüger/Kerem Schamberger (Hg.), In Transformation der Medien – Medien der Transformation. Verhandlungen des Netzwerks Kritische Kommunikationswissenschaft, Frankfurt a.M. 2021 (i.E.)

 

Ausstellung: Land im Umbruch 1990-95, Torgau: Schloss Hartenfels, bis 6. Juni 2021.

 

Das Projekt wird im Rahmen des Förderprogramms „Revolution und Demokratie“ durch die sächsische Staatsregierung gefördert. Diese Maßnahme wird mitfinanziert durch Steuermittel auf der Grundlage des vom Sächsischen Landtag beschlossenen Haushaltes.

 

 

[1] Philipp Ther, Das andere Ende der Geschichte. Über die Große Transformation, Berlin 2019.

[2] Der von Egon Krenz geprägte Begriff der „Wende“ ist kein wissenschaftlich überzeugender Terminus für den fundamentalen Systemwechsel 1989ff., und wir verwenden ihn nur der Kürze halber.

[3] Vgl. Aleida Assmann, Der lange Schatten der Vergangenheit. Erinnerungskultur und Geschichtspolitik, München 2018.

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